
Reining: Die Westerndressur von der Ranch bis zum Millionen-Preisgeld
Reining ist die bekannteste Disziplin des Westernreitens. Pferd und Reiter zeigen dabei auswendig eine festgelegte Aufgabe, das Pattern, die fast vollständig im Galopp geritten wird. Darin stecken große schnelle und kleine langsame Zirkel, fliegende Galoppwechsel, Spins, Sliding Stops, Rollbacks und schnelles Rückwärtsrichten. Das Wort kommt vom englischen „rein“ für Zügel. Gemeint ist ein Pferd, das sich am losen Zügel mit feinsten Hilfen in jede Richtung und in jedes Tempo lenken lässt.
In diesem Beitrag erfährst Du, woher Reining kommt, wie jedes einzelne Manöver aussieht, wie die Richter auf die Zahl 70 kommen, welche Strafpunkte es gibt, welche Pferde und Blutlinien den Sport prägen, wie die Szene in den USA, in Europa und in Deutschland aufgestellt ist, warum Reining keine FEI-Disziplin mehr ist und welche Kritik es am Spitzensport gibt. Zum Schluss geht es darum, wie Du selbst in die Reining einsteigst.
Was ist Reining? Die Disziplin kurz erklärt
Reining ist ein gerichteter Wettbewerb. Jedes Paar startet einzeln in einer Arena und reitet eines der offiziell vorgeschriebenen Pattern. Ein Pattern besteht aus sieben bis acht Manövergruppen. Die Richter bewerten jede Manövergruppe einzeln, ziehen Strafpunkte ab und kommen so zu einem Gesamtscore.
Die deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zählt als Lektionen der Reining schnelle und langsame Galoppzirkel, fliegende Galoppwechsel, Drehungen auf der Hinterhand (Spins), Sliding Stops, Hinterhandwendungen aus dem Stop (Rollbacks) und das Rückwärtsrichten auf. Geritten wird in den meisten Prüfungen einhändig. Erwünscht ist, dass das Pferd mit minimalen Zügel-, Schenkel- und Gewichtshilfen am losen Zügel geht.
Das Regelwerk der amerikanischen National Reining Horse Association (NRHA), die den Sport weltweit prägt, beschreibt den Kern der Disziplin in einem Satz, der seit Gründung unverändert im Handbuch steht: Ein Pferd zu „reinen“ heißt nicht nur, es zu lenken, sondern jede seiner Bewegungen zu kontrollieren. Das beste Pferd lässt sich willig und ohne sichtbaren Widerstand führen. Jede eigenmächtige Bewegung gilt als fehlende Kontrolle. Genau daraus ergibt sich die Bewertung: Belohnt werden Geschmeidigkeit, Feinheit, Einstellung, Schnelligkeit und Autorität in den Manövern. Kontrolliertes Tempo erhöht den Schwierigkeitsgrad.
Warum Reining „Westerndressur“ genannt wird
In Deutschland liest man oft den Begriff Westerndressur. Die NRHA Germany trägt ihn sogar im Namen: Deutsche Reitervereinigung für Westerndressur. Der Vergleich passt in einem Punkt: Wie in einer Dressuraufgabe reitest Du eine festgelegte Abfolge auswendig. Bewertet wird, wie durchlässig, losgelassen und exakt das Pferd jede Lektion ausführt. Was in der klassischen Dressur Lektion heißt, heißt im Westernreiten Manöver.
In drei Punkten hinkt der Vergleich. Erstens wird Reining fast vollständig im Galopp geritten, während die Dressur alle drei Grundgangarten abfragt. Zweitens ist Tempo in der Reining ausdrücklich ein Pluspunkt: Ein korrekter schneller Spin bekommt mehr Punkte als ein korrekter langsamer. Drittens geht das Pferd nicht an der Anlehnung, sondern am durchhängenden Zügel. Die Hilfen kommen über Gewicht, Schenkel und das Anlegen des Zügels am Hals. Manche Reiter vergleichen die Reining deshalb lieber mit Eiskunstlauf: kurze Kür, hohe Geschwindigkeit, spektakuläre Figuren.
Herkunft: Von der Rinderarbeit der Cowboys in die Arena
Die Manöver der Reining stammen aus der Arbeit mit Rindern. Ein Cowboy musste ein Rind aus der Herde holen, ihm den Weg abschneiden, blitzschnell anhalten, auf der Hinterhand wenden und in die Gegenrichtung lossprinten. Er brauchte dafür eine freie Hand für Lasso oder Arbeit, also ritt er einhändig. Das Pferd musste auf Gewicht und das Anlegen des Zügels am Hals reagieren. Dieses Prinzip heißt Neck Reining: Ein Zügel liegt am Hals an, der andere öffnet sich vom Hals weg, das Pferd weicht dem Druck aus und wendet.
Aus den Wurzeln der spanischen Vaqueros in Kalifornien und Mexiko und der Arbeitsweise auf den Ranches im Westen der USA entwickelten sich Wettbewerbe, in denen Rancher ihre wendigsten Pferde vorführten. Als eigene Prüfung ohne Rinder setzte sich Reining ab etwa den 1940er-Jahren durch, zunächst als Klasse bei Pferdeshows der Quarter-Horse-Szene.

Geschichte der NRHA: Ein Futurity in Ohio als Startschuss
Die moderne Reining beginnt nicht in Texas, sondern in Ohio. 1966 wurde in Coshocton die National Reining Horse Association gegründet. Treibende Kraft war Mickie Glenn, die für eine große Reining-Veranstaltung einen Verband im Rücken haben wollte. Beim ersten Treffen saßen unter anderem Dale Wilkinson, Bill Horn und Bob Anthony am Tisch. Im Dezember 1965 warb Glenn mit Handzetteln auf der Chicago International Show für das erste NRHA Futurity, das im Oktober 1966 in Columbus, Ohio, stattfand.
Das Futurity ist bis heute das Herz des Verbands: eine Prüfung ausschließlich für dreijährige Pferde. Den ersten Titel gewann Dale Wilkinson auf Pocorochi Bo. Wilkinson, ein Autodidakt, formte aus der alten Ranchklasse den Sport, den wir heute kennen: taktmäßige Spins statt herumgezerrter Drehungen, durchhängender Zügel statt Dauerkontakt, symmetrische Zirkel, weiche Sliding Stops. Die NRHA nennt ihn „Father of Modern Reining“. Als 1986 die Hall of Fame eröffnet wurde, stand sein Name als erster darin, der Preis für das Lebenswerk trägt seinen Namen. Wilkinson ist außerdem bis heute der einzige Mensch, der sowohl das Futurity der Reiner als auch das der Cutter (NCHA) gewonnen hat.
Zwanzig Jahre lang blieb die NRHA ein eher regionaler Verband des Mittleren Westens und der Ostküste. 1986 zog das Futurity nach Oklahoma City. Damit öffnete sich der Sport für Reiter aus dem Südwesten und von der Pazifikküste. Später folgte der Hauptsitz. Seitdem finden Futurity und Derby auf dem Gelände der Oklahoma State Fair Park statt.
2026 feiert die NRHA ihr 60-jähriges Bestehen und gleichzeitig das 60. Futurity. Aus dem Verband mit einer Handvoll Gründungsmitgliedern ist eine internationale Organisation mit mehr als 14.000 Mitgliedern geworden, davon über 1.400 Jugendliche. Weltweit genehmigt die NRHA jedes Jahr mehr als 1.300 Turniere und über 150 Einsteigerveranstaltungen.
Das Geld im Reining: Futurity, Derby und The Run for a Million
Kaum eine Pferdesportart hat eine so auffällige Geldkultur wie die Reining. Das NRHA Futurity in Oklahoma City gilt als reichstes Reining-Turnier der Welt. Die Gesamtdotierung liegt über drei Millionen Dollar, allein der Sieger im Level 4 Open erhält 350.000 Dollar. Das 6666 NRHA Derby für ältere Pferde schüttet über 1,5 Millionen Dollar aus.
Reiter, Besitzer und Hengste werden nach ihren Lebensgewinnsummen eingestuft. Ein „NRHA Million Dollar Rider“ hat bei NRHA-Turnieren insgesamt mehr als eine Million Dollar gewonnen. Bei Hengsten zählt die Summe, die ihre Nachkommen erritten haben. Diese Zahlen findest Du in jeder Verkaufsanzeige eines Reiningpferdes wieder, weil sie den Wert einer Blutlinie belegen sollen.
2019 kam The Run for a Million dazu. Erfunden hat es Taylor Sheridan, Drehbuchautor und Co-Schöpfer der Fernsehserie „Yellowstone“, gemeinsam mit Amanda Brumley. Im South Point Arena and Equestrian Center in Las Vegas reitet eine kleine Gruppe eingeladener Spitzenreiter in einem einzigen Durchgang um eine Million Dollar. Inzwischen gehören Cutting- und Cow-Horse-Wettbewerbe dazu. Durch „Yellowstone“ und die Doku-Reihe „The Last Cowboy“ haben Millionen Zuschauer ohne Pferdehintergrund Reining zum ersten Mal gesehen. In der Serie tauchen bekannte Reiningpferde auf, darunter Metallic Cat und Lil Joe Cash.

Die Manöver der Reining im Detail
Jedes Pattern setzt sich aus denselben Grundbausteinen zusammen. Wer sie kennt, versteht beim Zuschauen, warum ein Ritt 74 und ein anderer 68 Punkte bekommt.
Zirkel (Circles) und Speed Control
Auf jeder Hand werden Zirkel geritten, meist zwei große schnelle und ein kleiner langsamer. Die Richter wollen deutliche Tempounterschiede sehen: Beim großen Zirkel beschleunigt das Pferd, beim Übergang in den kleinen Zirkel nimmt es das Tempo sichtbar zurück, ohne dass der Reiter am Zügel zieht. Dieses Regulieren heißt Speed Control. Die Zirkel sollen rund, flach und symmetrisch sein, das Pferd leicht nach innen gestellt. Ein Pferd, das beim Tempowechsel den Kopf hochreißt oder davonzieht, verliert Punkte.
Fliegender Galoppwechsel (Lead Change)
Bei jedem Handwechsel, meist in der Mitte der Arena, springt das Pferd ohne Tempoverlust und ohne Trabtritte in den anderen Galopp um. Ideal ist ein flacher, durchgesprungener Wechsel an genau der vorgeschriebenen Stelle. Ein verspäteter Wechsel kostet Strafpunkte, ebenso jedes Viertel eines Zirkels, das im falschen Galopp geritten wird.
Spin (Turnaround)
Der Spin ist eine 360-Grad-Drehung um die Hinterhand aus dem Stand. Das innere Hinterbein bildet die Drehachse und bleibt im Idealfall an derselben Stelle. Den Antrieb liefern das äußere Hinterbein und die Vorderbeine, das äußere Vorderbein kreuzt dabei über das innere. Pattern verlangen auf jeder Seite eine Serie, in der Regel vier Umdrehungen, höchstens vier und eine Vierteldrehung. Bewertet werden Korrektheit, Takt, Geschmeidigkeit und Tempo. Das Pferd soll flach bleiben und nicht springen. Die Richter achten nach dem NRHA-Richterleitfaden vor allem darauf, dass die Hinterhand ihren Standort über das ganze Manöver hinweg nicht verändert. Entscheidend für die Wertung ist auch, dass die Drehung exakt an der vorgesehenen Stelle endet. Dreht das Pferd zu weit oder zu kurz, gibt es Strafpunkte.
Sliding Stop
Der Sliding Stop ist das Aushängeschild der Reining. Aus dem gestreckten Galopp hält das Pferd auf ein Signal hin an, setzt die Hinterbeine weit unter den Körper und rutscht auf den Hinterhufen durch den Sand, während die Vorderbeine locker weiterlaufen, bis das Pferd steht. Der Rücken wölbt sich nach oben, die Linie bleibt exakt gerade. Das Signal kommt über Stimme („Whoa“) und tiefes Einsitzen, der Zügel wird kaum angenommen.
Gut vorbereitete Pferde rutschen auf dem passenden Boden mehrere Meter weit, Fachseiten nennen bei Spitzenpferden bis zu zehn oder zwanzig Meter. Die Stops müssen nach NRHA-Regeln mindestens sechs Meter (20 Fuß) vor der Bande abgeschlossen sein. Möglich ist ein Sliding Stop nur mit drei Voraussetzungen: dem speziellen Sliding-Beschlag, einem geeigneten Boden und einem Reiter, der das Sitzen im Stop gelernt hat.
Run Down und Run-around
Vor dem Stop steht die Beschleunigung. Beim Run Down galoppiert das Pferd durch die Mitte der Arena auf den Stop zu, beim Run-around entlang der Bande um die Stirnseite herum. Verlangt ist ein gleichmäßiger, kontrollierter Tempoaufbau. Ein Pferd, das schon vor der Stop-Markierung zögert oder sich ins Gebiss legt, verliert Punkte.
Rollback
Der Rollback ist eine 180-Grad-Wendung direkt aus dem Sliding Stop. Das Pferd wendet über die Hinterhand in die Gegenrichtung und springt in einer durchgehenden Bewegung sofort wieder im Galopp an. Es darf dabei weder vorwärts noch rückwärts treten und nicht verharren. Spitzenpferde zeigen den Rollback mit so viel Dynamik, dass Sand fliegt.
Back Up
Beim Back Up richtet das Pferd schnell und schnurgerade rückwärts, mindestens drei Meter (10 Fuß). Es soll auf Kommando stoppen und einen Moment stehen bleiben, bevor das nächste Manöver beginnt. Bewertet werden Geschwindigkeit, Geradheit und Geschmeidigkeit.
Hesitate
Zwischen einzelnen Manövern und am Ende jedes Pattern steht das Hesitate, ein kurzes ruhiges Verharren. Es zeigt, dass das Pferd auch nach einem schnellen Manöver sofort gelassen stehen bleibt. Wer das Hesitate am Ende vergisst, bekommt Strafpunkte.
Die Pattern: Aufgaben, die es nur auswendig gibt
Die NRHA schreibt die Aufgaben verbindlich vor. Nach dem Stand des Pattern-Buchs 2025 gibt es 18 Pattern für die regulären Klassen und zwei zusätzliche Jugend-Pattern. 2020 kamen die Pattern 14, 15 und 16 hinzu (gespiegelte Versionen der Pattern 6, 8 und 12), 2024 die Pattern 17 und 18. Der Veranstalter legt fest, welches Pattern in welcher Prüfung geritten wird.
Ein wichtiger Grundsatz steht ganz oben im Pattern-Buch: Die Aufgaben werden so geritten, wie sie beschrieben sind, nicht wie sie gezeichnet sind. Die Zeichnung gibt nur eine grobe Vorstellung. Maßgeblich ist der Text, etwa „vier Spins nach rechts, dann großer schneller Zirkel nach rechts, Galoppwechsel in der Mitte“.
Pattern unterscheiden sich im Einstieg. Bei Walk-in-Pattern kommt das Pferd im Schritt oder Trab in die Arenamitte und beginnt dort. Bei Run-in-Pattern galoppiert es von der Stirnseite direkt in den ersten Run Down. Manche Pattern enthalten eine Galopp-Acht (Figure Eight). Wer vom Pattern abweicht, etwa ein Manöver auslässt, Spins in die falsche Richtung dreht oder ein Manöver hinzufügt, bekommt den Score null.
So wird Reining gerichtet: Der Score von 70 und die Manöverpunkte
Das Bewertungssystem ist einfach zu verstehen, wenn Du es einmal durchgerechnet hast. Jedes Paar beginnt mit 70 Punkten, das steht für eine korrekte, aber durchschnittliche Vorstellung. Nach oben ist die Skala offen, nach unten endet sie bei null.
Jede Manövergruppe bekommt eine Note in halben Punkten:
plus 1,5 für hervorragend
plus 1 für sehr gut
plus 0,5 für gut
0 für korrekt ohne besonderen Schwierigkeitsgrad
minus 0,5 für schwach
minus 1 für sehr schwach
minus 1,5 für extrem schwach oder völlig falsch
Die Manöverpunkte werden getrennt von den Strafpunkten notiert und erst am Ende verrechnet. Ein Pferd, das in sieben Manövern je plus 0,5 zeigt und ohne Strafpunkt bleibt, kommt auf 73,5. Scores um 75 und darüber gewinnen große Turniere. Bei mehreren Richtern werden die Einzelergebnisse zusammengezählt, deshalb liest man bei großen Finals Werte wie 222 oder 228,5. Diese entstehen aus drei Richterwertungen um die 74 bis 76.
Das Schöne am System: Die Richterzettel mit allen Einzelnoten und Strafpunkten werden nach der Prüfung ausgehängt. Jeder Starter sieht genau, wo er Punkte gewonnen oder verloren hat. Die NRHA bildet ihre Richter selbst aus. Wer richten will, muss eine Prüfung bestehen und regelmäßig an Wiederholungsseminaren teilnehmen, damit weltweit nach denselben Maßstäben bewertet wird.
Strafpunkte, Zero Score und No Score
Neben den Manöverpunkten gibt es feste Strafpunkte. Sie reichen von einem halben bis zu fünf Punkten. Die wichtigsten nach dem NRHA-Handbuch:
Ein halber Punkt: kleine Abweichungen, zum Beispiel ein um bis zu eine Achteldrehung über- oder unterdrehter Spin oder ein um einen Galoppsprung verspäteter Wechsel.
Ein Punkt: ein Spin, der um bis zu eine Vierteldrehung zu weit oder zu kurz endet, und jedes Viertel eines Zirkels im falschen Galopp. Die Punkte addieren sich.
Zwei Punkte: Wechsel der Gangart (Break of Gait), mehr als zwei Trabtritte, ein „Freeze up“, also ein kurzes, deutliches Verweigern beim Beginn eines Spins oder Rollbacks, und bei Run-in-Pattern, wenn das Pferd vor der ersten Markierung noch nicht galoppiert.
Fünf Punkte: Sporeneinsatz vor dem Sattelgurt, Einsatz einer Hand, um dem Pferd Angst zu machen oder es zu loben, Festhalten am Sattel, ein Pferd, das auf die Knie oder Sprunggelenke fällt, und grober Ungehorsam wie Treten, Beißen, Buckeln oder Steigen. Zwischen den Zügeln ist nur der Zeigefinger erlaubt.
Ausnahmen gibt es für bestimmte Gruppen. In der Freestyle Reining, in Einsteigerklassen, bei Kindern bis zehn Jahre und in Non-Pro-Klassen für Reiter ab 65 darf der Sattel festgehalten werden. In Klassen auf Trense oder Hackamore, in Einsteigerklassen, in der Freestyle, im Ranch Reining und bei Kindern bis zehn Jahre ist die beidhändige Zügelführung erlaubt.
Der Zero Score (null Punkte) folgt bei schweren Fehlern: Abweichen vom Pattern, verbotene Ausrüstung, Sturz. Mit null kann ein Paar nicht platziert werden und nicht in die nächste Runde einziehen. Noch schärfer ist der No Score. Er wird vergeben bei Misshandlung des Pferdes, Fehlverhalten oder wenn ein lahmes oder verletztes Pferd vorgestellt wird. Der Verband prüft dann zusätzlich Sperren und Geldstrafen.
Klassen und Leistungsstufen: Vom Rookie bis zum Open
Die NRHA teilt Reiter und Pferde in Kategorien ein, damit Einsteiger nicht gegen Weltmeister antreten. Die wichtigsten Begriffe, die Dir auf Turnierausschreibungen begegnen:
Open: offen für alle, auch für Profis, die mit dem Reiten Geld verdienen.
Non Pro: für Amateure. Wer als Non Pro startet, darf im vergangenen Jahr kein Geld für Training, Unterricht oder das Vorstellen fremder Pferde bekommen haben. Das Pferd muss dem Reiter oder einem nahen Familienangehörigen gehören.
Rookie: für Reiter mit wenig Turniererfolg, in Level 1 und Level 2.
Prime Time: für ältere Reiter.
Youth: für Jugendliche bis 18 Jahre, aufgeteilt in 13 und jünger sowie 14 bis 18, dazu Short Stirrup für Kinder bis zehn Jahre.
Green Reiner und Ride and Slide: Einsteigerklassen, in denen einfache Galoppwechsel über den Trab erlaubt sind und teils vereinfachte Pattern geritten werden.
Snaffle Bit und Hackamore: Klassen für junge Pferde, die noch auf Trense oder Hackamore und damit beidhändig geritten werden.
Aged Events: Prüfungen, die nach dem Alter des Pferdes ausgeschrieben sind. Das Futurity ist für die jüngsten Pferde, Derby und Maturity folgen für ältere Jahrgänge. Das Pferd muss dafür im Nominierungsprogramm angemeldet sein.
Eine eigene Kategorie bilden Freestyle, Para-Reining und seit einiger Zeit Ranch Reining. Mit den Regeländerungen für 2026 kam außerdem ein Slide-Wettbewerb dazu, in dem allein der Sliding Stop zählt.
Freestyle Reining: Kür mit Musik, Kostüm und ohne Zaum
Die Freestyle Reining ist die Kür der Westernreiter. Der Reiter entwirft sein eigenes Programm zu Musik, muss aber bestimmte Pflichtmanöver einbauen, also Spins, Stops und Galoppwechsel. Kostüme sind erlaubt und gern gesehen. Geritten werden darf auch ohne Sattel und ohne Zaum.
Weltberühmt wurde die Amerikanerin Stacy Westfall. 2006 gewann sie auf dem All American Quarter Horse Congress die Freestyle Reining auf ihrer Rappstute Whizards Baby Doll, genannt Roxy, ohne Sattel und ohne Zaum. Sie widmete den Ritt ihrem kurz zuvor verstorbenen Vater. Das Video ging um die Welt, 2008 saß sie mit Roxy in der Talkshow von Ellen DeGeneres. Westfall erzählt, dass Roxy als junges Pferd sehr schreckhaft war. Die Zügel sieht sie beim Training als Sicherheitsnetz: Sie lenkt zuerst mit dem Bein und greift nur dann zum Zügel, wenn das Bein nicht reicht. Bevor sie den Zaum abnimmt, bindet sie die Zügel locker um den Hals des Pferdes.
Ranch Reining und Para-Reining
Ranch Reining holt die Disziplin näher an ihre Wurzeln. Geritten wird auf Pferden im Ranch-Stil, einfache Galoppwechsel sind erlaubt und das Festhalten am Sattel wird nicht bestraft. Die NRHA zeigt Ranch Reining inzwischen auch beim großen Derby.
Para-Reining öffnet den Sport für Reiter mit Behinderung. Es gibt eigene Pattern, internationale Wettbewerbe und bei der NRHA European Futurity in Cremona ein eigenes Para-Reining-Derby.
Das Reiningpferd: Rassen, Exterieur und Charakter
Die NRHA lässt Pferde aller Rassen starten. An der Spitze dominiert trotzdem das American Quarter Horse, dahinter folgen Paint Horses und Appaloosas. Gesucht wird ein kompaktes, eher kleines Pferd mit kräftiger, tief angesetzter Hinterhand, gut gewinkelten Sprunggelenken, kurzem Rücken und einem ruhigen, arbeitswilligen Kopf. Viele Spitzenpferde messen um die 1,45 Meter.
Die Fachpresse beschreibt das ideale Reiningpferd als schnell, wendig und kooperativ. Es braucht eine Hinterhand, die sich im Stop weit unterschieben kann, und eine Vorhand, die im Spin leicht bleibt. Auch andere Rassen tauchen auf Turnieren auf, etwa Araber in eigenen Reining-Klassen oder Haflinger auf Einsteigerturnieren. Bei einer Fortbildung des Deutschen Hufbeschlagschmiedeverbands (EDHV) stand zum Beispiel ein achtjähriger Haflingerwallach am Beginn seiner Reiningausbildung im Mittelpunkt.
Legenden und Blutlinien: Gunner, Hollywood Dun It und Co.
Wer Reiningpferde kauft oder verkauft, spricht in Hengstnamen. Einige Namen stehen in fast jedem modernen Pedigree.
Colonels Smoking Gun, genannt Gunner, ist die bekannteste Figur der Reininggeschichte. Er wurde 1993 als Fuchs mit auffälliger Splashed-White-Zeichnung geboren: blaue Augen, fast weißer Kopf, vier weiße Beine, weißer Schweif, dazu die berühmten Schlappohren. Er stand nur knapp 1,47 Meter hoch. Beide Eltern waren Quarter Horses, doch die AQHA verbot damals Pferde mit so viel Weiß. Er wurde deshalb als Paint Horse registriert und bekam erst 2004 Papiere der AQHA, als diese Regel fiel. Unter Clint Haverty wurde er 1996 Reservesieger im NRHA Futurity. Gunner war taub. Er hörte weder das „Whoa“ im Stop noch das Summen, mit dem viele Reiter das Tempo drosseln. Trotzdem wurde er zum erfolgreichsten Vererber der Reining. Seine Nachkommen gewannen mehr als 15 Millionen Dollar. Er starb 2013 an einer Hufrehe. Sein Sohn Gunnatrashya hat inzwischen ebenfalls die 15-Millionen-Marke überschritten. Die beiden sind das einzige Vater-Sohn-Paar mit diesem Wert.
Die Taubheit ist Teil seines Erbes. Sie hängt mit der Splashed-White-Scheckung zusammen, die bei manchen Pferden die Entwicklung des Innenohrs stört. Viele Gunner-Nachkommen mit viel Weiß am Kopf sind ebenfalls taub. Trainer berichten, dass taube Pferde sich wie hörende ausbilden lassen, wenn der Reiter auf Stimmhilfen verzichtet und sich dem Pferd nie unbemerkt von hinten nähert. Kritiker werfen der Branche vor, eine erbliche Behinderung wegen der hohen Gewinne in Kauf zu nehmen.
Hollywood Dun It, ein Falbe, war vor Gunner der führende Vererber und brachte es auf über sechs Millionen Dollar Nachkommengewinne. Beide Hengste standen im Besitz von Tim und Colleen McQuay. Die Kombination aus Gunner und Töchtern von Hollywood Dun It erwies sich als besonders erfolgreich.
Smart Spook, 2004 geboren von Smart Chic Olena, gewann 2005 das NRHA Open Derby und überschritt 2025 die Marke von neun Millionen Dollar. Spooks Gotta Whiz, geboren 2007, ist 2026 zum 15-Millionen-Vererber aufgestiegen. Weitere große Namen sind Walla Walla Whiz, Gunners Special Nite, Shining Spark, Topsail Whiz, Wimpys Little Step, Metallic Cat und Jacs Electric Spark. In Verkaufsanzeigen liest Du deshalb häufig Kürzel wie „Gun“, „Whiz“, „Spook“ oder „Dun It“ im Namen, die direkt auf diese Linien verweisen.
Ausrüstung: Sattel, Zäumung, Beinschutz und Sliding-Beschlag
Der Reiningsattel ist ein Westernsattel mit flacherem Sitz, niedrigem Horn und kürzeren Seitenblättern, damit der Reiter nah am Pferd sitzt und die Schenkelhilfen durchkommen. Das Horn ist niedrig, weil beim Reining kein Lasso gebraucht wird und ein hohes Horn beim Stop im Weg wäre.
Junge Pferde gehen auf der Wassertrense (Snaffle Bit) oder dem Hackamore, einem gebisslosen Zaum aus geflochtenem Rohleder, und werden beidhändig geritten. Fertig ausgebildete Pferde gehen auf einer Westernkandare (Bit) und einhändig. Die NRHA regelt im Handbuch genau, welche Gebisse erlaubt sind und wie lang die Anzüge sein dürfen. Verbotene Ausrüstung führt zum Zero Score.
An den Beinen tragen Reiningpferde Gamaschen (Splint Boots) gegen Streifverletzungen im Spin, Glocken für die Vorderhufe und hinten Skid Boots. Diese umhüllen die Fesseln der Hinterbeine und schützen sie, wenn das Pferd im Stop tief absitzt und die Fesselköpfe den Boden berühren.
Der wichtigste Ausrüstungsteil sitzt am Huf: der Sliding-Beschlag. Die Hinterhufe bekommen sogenannte Sliding Plates. Im Vergleich zu normalen Reiteisen haben sie eine breitere, tellerartige Auflagefläche, keinen Falz und kein Profil. Die Nagelköpfe werden versenkt und abgefeilt, damit nichts das Gleiten stört. Die Schenkelenden, Trailer genannt, sind verlängert und beeinflussen, wie gerade und wie weit das Pferd rutscht. Laut einem erfahrenen Hufschmied sind rund 90 Prozent der Sliding Plates einen Zoll (etwa 2,5 Zentimeter) breit. Pferde mit schwierigem Gebäude bekommen teils Platten von 1,25 bis 1,5 Zoll Breite. Die Vorderhufe erhalten einen normalen, eher kurzen Beschlag.
Der Beschlag ist Maßarbeit. Bei der erwähnten EDHV-Fortbildung lief der Haflinger im Stop mit dem rechten Hinterbein mit, statt zu rutschen. Der Hufschmied legte die Slider in Verlängerung der Zehenwand, drehte die Eisen minimal nach innen und schmiedete außen je einen Trailer. Danach waren die Stops gerader und gleichmäßiger. Die Erste Westernreiter Union (EWU) schreibt einen geeigneten Beschlag der Hinterhufe in der Reining vor. Als grobe Orientierung nennt sie 150 bis 250 Euro für einen Sliding-Beschlag der Hinterhand. Gewechselt wird alle sechs bis acht Wochen, je nach Abnutzung auch öfter.
Der Boden: Ohne den richtigen Sand kein Sliding Stop
Ein Sliding Stop funktioniert nur auf einem Boden, der oben locker und darunter fest ist. Die obere Schicht lässt die Hinterhufe gleiten, die feste Tragschicht darunter gibt Halt. Ist der Boden zu tief, bleiben die Hufe stecken und das Pferd bremst abrupt. Ist er zu hart oder zu glatt, rutscht es unkontrolliert oder schlägt sich die Sprunggelenke an. Große Turniere bereiten den Boden deshalb zwischen den Startern immer wieder neu vor. Auf einem normalen Reitplatz mit Dressursand wird kein Pferd so rutschen, wie Du es auf Videos siehst, auch mit Sliding-Beschlag nicht.
Reining in Europa: Kreuth, Cremona und Lyon
Nach Europa kam die Reining mit der Westernwelle der 1970er- und 1980er-Jahre. Die FN beschreibt, dass viele Reiter damals aus Jugendträumen von Bonanza und Old Shatterhand vom Dressur- in den Westernsattel wechselten. 1979 fand ausgerechnet in der Aachener Soers, dem Mekka des Englischreitens, eine Western-Europameisterschaft statt. Daraus wurde die Americana in Augsburg, die 1988 als erstes Turnier in Europa die NRHA-Anerkennung bekam.
Heute ist Europa neben den USA das zweite Zentrum des Sports. Italien hat sich mit seinen großen Turnieren und Zuchtbetrieben zum Schwergewicht entwickelt. Die NRHA European Futurity für vierjährige Pferde fand 2009 erstmals im oberpfälzischen Kreuth statt und zog später nach Cremona. Dort, im Rahmen der Pferdemesse Salone del Cavallo Americano, bot sie 2025 als erste Veranstaltung Europas eine Million Dollar Zusatzpreisgeld an. Angestoßen hatte das Nominierungsprogramm der Italiener Eleuterio Arcese, Mitglied der NRHA Hall of Fame. 2026 gewann dort Ann Fonck aus Belgien ihren dritten European-Futurity-Titel im Open.
Das NRHA European Derby findet im Rahmen der Messe Equita in Lyon statt, 2026 vom 28. Oktober bis 1. November.
Reining in Deutschland: NRHA Germany und EWU
In Deutschland gibt es zwei große Verbände, bei denen Du Reining reiten kannst.
Die NRHA Germany wurde 1987 gegründet und hat rund 2.500 Mitglieder. Sie gilt nach dem amerikanischen Mutterverband als zweitgrößter Reiningverband der Welt. Ihr Zentrum ist Kreuth in der Oberpfalz. Dort finden das NRHA Germany Osterturnier, die Hot Summer Show, das Breeders Derby und die Breeders Futurity statt. Das Breeders Derby 2026 lief vom 12. bis 20. Juni mit 185.000 Dollar Zusatzpreisgeld. Die Breeders Futurity 2025 schüttete rund 240.000 Euro aus und zog Starter aus zwölf Ländern an, von Israel bis in die USA.
Die Erste Westernreiter Union (EWU) ist der größte Westernreitverband in Deutschland. Ihre Landesverbände richten jedes Jahr über 250 Turniere mit mehr als 42.000 Starts aus. Reining ist dort eine von mehreren Disziplinen neben Trail, Western Pleasure, Horsemanship, Ranch Riding oder Superhorse. Die EWU teilt Reiter in Leistungsklassen von LK 5 bis LK 1 ein. LK 5 ist für Freizeitreiter ohne Mitgliedschaft, LK 4 für Einsteiger. In LK 5 und LK 4 darf nur beidhändig auf Trense oder Bosal geritten werden, die einhändige Zügelführung auf Kandare ist hier nicht erlaubt. Aufsteigen kannst Du über Platzierungspunkte oder über die Westernreitabzeichen.
Neben NRHA und EWU richten auch die Zuchtverbände Reining-Prüfungen aus, allen voran die Deutsche Quarter Horse Association (DQHA) und der Paint-Horse-Verband.
Deutsche Stars: Grischa Ludwig und Gina-Maria Schumacher
Grischa Ludwig, 1974 in Stuttgart geboren, betreibt seit 1997 in Bitz auf der Schwäbischen Alb einen Trainingsstall. Er wuchs auf dem Gelände eines reittherapeutischen Zentrums auf, das sein Vater leitete, und lernte in den USA bei bekannten Trainern. 2023 wurde er bei der European Futurity in Cremona auf Spooks Genius zum NRHA Million Dollar Rider und ist damit der erste deutsche Reiner, der seine Million ausschließlich in Europa gewonnen hat. Er war mehrfach FEI-Europameister, zweifacher FEI-Vizeweltmeister und gewann 2019 bei der Europameisterschaft in Givrins Einzel- und Mannschaftsgold.
Gina-Maria Schumacher, heute Bethke, geboren 1997, ist die Tochter von Michael Schumacher. Sie saß mit drei Jahren auf dem ersten Shetlandpony und startete mit neun auf Turnieren. 2017 gewann sie Gold bei den FEI-Weltmeisterschaften, 2025 wurde sie bei der World Reining Championship auf der familieneigenen CS Ranch in Givrins am Genfer See erneut Weltmeisterin. Im selben Jahr wurde sie NRHA Two Million Dollar Rider, eine Marke, die laut CS Ranch erst 16 Reiter erreicht haben. Ende 2025 stand sie an der Spitze der weltweiten Non-Pro-Rangliste. Ihre Mutter Corinna Schumacher züchtet Quarter Horses und betreibt die CS Ranch in der Schweiz und eine Ranch in Texas.
Warum Reining keine FEI-Disziplin mehr ist
Im April 2000 nahm der Weltreiterverband FEI die Reining als Disziplin auf. Damit war sie Teil der Weltreiterspiele. Die Reiner hofften sogar auf Olympia. In Deutschland gab es einen Disziplinbeirat, Bundeskader und mit Nico Hörmann einen Bundestrainer.
2014 schlossen FEI und NRHA einen Kooperationsvertrag. Danach stritten beide Verbände jahrelang über Zuständigkeiten. Laut Berichten ging es vor allem um drei Punkte. Erstens um unterschiedliche Dopingregeln. Zweitens um das Alter der Pferde: Die FEI verlangte für das höchste Niveau Pferde ab sieben Jahren, die NRHA erlaubte bereits Vierjährige. Drittens um Strafen: Die FEI wollte, dass die NRHA von der FEI verhängte Sperren übernimmt, was die NRHA ablehnte. Nach den Weltreiterspielen 2018 in Tryon eskalierte der Streit. Ende 2019 gab es noch einmal ein Abkommen, 2020 zerbrach es.
2021 fanden keine FEI-Reining-Turniere mehr statt. Im November 2021 beschloss die FEI-Generalversammlung, die Reining mit Wirkung ab 2022 zu streichen. In Deutschland wurden daraufhin kein Disziplinbeirat mehr berufen, keine Bundeskader aufgestellt und die Stelle des Bundestrainers nicht fortgeführt. Die NRHA begründete die Trennung damit, dass sich die Geschäftsmodelle beider Organisationen nicht vereinen ließen. Seitdem richtet die NRHA ihre eigenen Welt- und Kontinentalmeisterschaften aus, die World Reining Championship. Für Turnierreiter in Deutschland änderte sich im Alltag wenig, weil NRHA und EWU weiter Turniere anbieten.
Belastung fürs Pferd: Was sagt die Tiermedizin?
Reining verlangt dem Pferd Beschleunigung, Vollbremsung und schnelle Drehungen auf engem Raum ab. Das hinterlässt Spuren im Bewegungsapparat, wenn Training und Pausen nicht passen. Eine Auswertung der AQHA zu Lahmheiten bei Westernpferden ergab: Der Huf war in etwa 40 Prozent der Fälle die Ursache, das Sprunggelenk und der Fesselträger jeweils in etwa 16 Prozent, das Kniegelenk in etwa 9 Prozent. Die Fachliteratur nennt Schmerzen im Trachtenbereich der Vorderhufe und Arthrosen in den unteren Sprunggelenken als typische Verletzungen von Reining- und Cuttingpferden, weil sich dieselben Bewegungen tausendfach wiederholen.
Tierärzte raten deshalb zu Abwechslung im Training statt ständiger Wiederholung der Manöver. Wer mit seinem Pferd jeden Tag zwanzig Stops reitet, belastet Sprunggelenke und Fesselträger ganz anders als jemand, der im Gelände Kondition aufbaut und Stops nur gezielt übt. Dazu kommen ein gut gepflegter Boden, ein passender Beschlag, der alle sechs bis acht Wochen erneuert wird, und genug Zeit, bis das junge Pferd körperlich ausgewachsen ist.
Kritik am Reining: Junge Pferde, Sporen, Schweif und Medikamente
Wie jede Pferdesportart steht auch die Reining in der Kritik. Einige Punkte kommen immer wieder. Manche davon sind durch Regeln und Berichte gut belegt.
Das Alter der Pferde: Das NRHA Futurity ist eine Prüfung für dreijährige Pferde. Damit sie im Herbst ihres dritten Lebensjahres ein komplettes Pattern mit Sliding Stops und Spins zeigen können, beginnt die Ausbildung sehr früh. Genau an diesem Punkt schieden sich FEI und NRHA. Die NRHA European Futurity ist für Vierjährige ausgeschrieben. Beim Futurity des Schweizer Quarter-Horse-Verbands starten Reiningpferde sogar erst mit vier bis sechs Jahren.
Sporen und Abreiteplatz: Die Zeitschrift CAVALLO berichtete von einem Turnier in Kreuth, auf dem eine Dressurausbilderin Pferde erlebte, die wie Maschinen und völlig resigniert wirkten. Sie beschrieb das als erlernte Hilflosigkeit, erzeugt durch ständig wiederholte Manöver und stundenlanges Abreiten. In der Prüfung selbst kostet Sporeneinsatz vor dem Gurt fünf Punkte. Kritiker bemängeln, dass es für den Abreiteplatz deutlich weniger klare Regeln gibt als in der Prüfungsarena.
Der Schweif: Ein schlagender Schweif gilt in der Reining als Zeichen von Widerstand und kostet Punkte. Deshalb wird in Teilen der Szene der Schweif betäubt oder die Nerven werden blockiert, damit er ruhig hängt. Die NRHA lehnt in ihrer Tierschutzerklärung jede chemische, operative oder sonstige Veränderung der natürlichen Schweifhaltung ab. Kritische Beobachter sehen im Schweif ein Warnsignal für übermäßigen Sporeneinsatz, Schmerzen oder ein sauer gerittenes Pferd. Ein betäubter Schweif verdeckt nach ihrer Argumentation genau diese Signale.
Das Beruhigungsmittel: Im August 2022 änderte die NRHA ihre Medikamentenregeln. Sie verschärfte die Strafen für verbotene Substanzen, erlaubte aber gleichzeitig das Beruhigungsmittel Romifidin (Handelsname Sedivet) in einer Dosis von 0,5 Milliliter 30 Minuten vor dem Start, sofern es gemeldet wird. Die Amerikanische Vereinigung der Pferdetierärzte (AAEP) forderte die NRHA auf, diese Regel zurückzunehmen, weil sie Pferd und Reiter gefährde. Der amerikanische Reitsportverband USEF beendete daraufhin die Zusammenarbeit bei den Dopingkontrollen der NRHA. Der damalige Präsident Rick Clark erklärte in einem offenen Brief, die Regel sei ein Kompromiss gewesen, um die übrigen Verschärfungen überhaupt durch den Vorstand zu bringen. Ziel bleibe ein Regelwerk ganz ohne Beruhigungsmittel. Für die europäischen NRHA-Verbände gilt die Romifidin-Ausnahme laut Berichten von 2023 nicht. Die Cactus Reining Classic in Arizona, das Qualifikationsturnier für The Run for a Million, setzte eine Null-Toleranz-Regel dagegen.
Tierrechtsorganisationen wie PETA lehnen die Reining grundsätzlich ab. Sie halten den Sliding Stop auch auf gutem Boden für zu belastend und kritisieren schnelles Drehen und Rückwärtslaufen. Befürworter einer pferdefreundlichen Reining halten dagegen, dass die Manöver aus natürlichen Bewegungen eines athletischen Pferdes entstehen und ein korrekt ausgebildetes, körperlich reifes Pferd sie mit Leichtigkeit zeigt. Der entscheidende Punkt ist das, was das Regelwerk selbst verlangt: ein Pferd, das willig und ohne sichtbaren Widerstand arbeitet.
Woran Du als Zuschauer eine gute Reining erkennst: Das Pferd geht am durchhängenden Zügel, das Maul bleibt ruhig und geschlossen, die Ohren spielen, der Reiter sitzt ruhig und die Sporen bleiben am Pferd, ohne zu hacken. Nach dem Stop steht das Pferd entspannt, statt zu zappeln oder den Kopf zu werfen. Der Richterleitfaden verlangt genau diese Harmonie. Die besten Ritte zeigen sie.
Reining lernen: So steigst Du ein
Reining lernst Du nicht auf dem eigenen Pferd mit Videos, sondern auf einem ausgebildeten Lehrpferd bei einem Trainer, der selbst Reining reitet. Ein fertig ausgebildetes Reiningpferd weiß, was ein Stop oder ein Spin ist. Du lernst an ihm das Gefühl dafür, welche Hilfe welches Manöver auslöst. Trainer findest Du über die NRHA Germany, über die EWU-Landesverbände und über Westernreitställe, die einen Schwerpunkt auf Reining haben.
Die Grundlage ist solides Westernreiten. Du brauchst einen losgelassenen, ausbalancierten Sitz im Galopp, musst einhändig reiten können und Dein Pferd über Gewicht und Schenkel stellen und biegen. Die Westernreitabzeichen der EWU bauen diese Grundlagen Schritt für Schritt auf.
Die Manöver kommen in einer sinnvollen Reihenfolge dazu. Zuerst stehen Zirkel im ruhigen Galopp mit sauberer Stellung und das Regulieren des Tempos auf dem Zirkel. Danach folgen das gerade Rückwärtsrichten und die Wendung um die Hinterhand im Schritt, aus der sich später der Spin entwickelt. Stops übst Du zunächst aus dem Schritt und Trab, mit Stimme und tiefem Einsitzen. Erst wenn das Pferd auf das Einsitzen zuverlässig anhält, wird das Tempo gesteigert. Fliegende Galoppwechsel und schnelle Spins stehen am Ende. Ein Trainer entscheidet, wann Pferd und Reiter für das nächste Manöver bereit sind.
Die ersten Turnierstarts machst Du in Einsteigerklassen: bei der EWU in LK 5 oder LK 4 auf E- und D-Turnieren, bei der NRHA in Green-Reiner- oder Ride-and-Slide-Klassen. Dort sind einfache Galoppwechsel über den Trab erlaubt und teils vereinfachte Pattern vorgesehen. Jugendliche starten bei der NRHA Germany schon für 10 Euro Startgeld, ohne Richtergebühr und mit halbem Boxenpreis.
Plane für den Einstieg eine ehrliche Zeitspanne ein. Ein Reiter, der gut Westernreiten kann, braucht auf einem Lehrpferd meist mehrere Monate, bis er ein einfaches Pattern flüssig reitet. Einen Sliding Stop auf dem eigenen Pferd zu reiten, setzt ein entsprechend ausgebildetes Pferd, den Beschlag und einen passenden Boden voraus. Viele Freizeitreiter nutzen Elemente der Reining auch ohne Turnierziel, zum Beispiel sauberes Rückwärtsrichten, Wendungen um die Hinterhand und Tempokontrolle im Galopp. Das macht jedes Westernpferd rittiger.
Reining, Cutting, Ranch Riding: Die Unterschiede
Reining ist eine von mehreren Disziplinen, die aus der Rinderarbeit stammen. Beim Cutting trennt der Reiter ein einzelnes Rind aus der Herde. Danach arbeitet das Pferd weitgehend selbstständig und verhindert, dass das Rind zur Herde zurückläuft. Der Reiter lässt dabei die Zügel locker. Bei der Working Cow Horse wird ein Reining-Pattern mit Rinderarbeit am Zaun kombiniert. Beim Ranch Riding zeigt das Pferd in allen Gangarten, dass es sich wie ein zuverlässiges Arbeitspferd auf der Ranch reiten lässt, mit Stangen, Sidepass, Stops und Spins, aber ohne Sliding-Beschlag und in ruhigerem Tempo.
Die Reining ist die Disziplin ohne Rind. Sie zeigt, was ein Pferd für die Rinderarbeit an Wendigkeit, Tempo und Gehorsam braucht, in Reinform und nach festem Pattern.
Häufige Fragen zum Reining
Was bedeutet Reining auf Deutsch?
Reining kommt vom englischen „rein“ für Zügel. Sinngemäß bedeutet es „am Zügel lenken“. Im Deutschen wird die Disziplin oft Westerndressur genannt. Ausgesprochen wird es englisch, ungefähr wie „Rejning“.
Wird Reining nur im Galopp geritten?
Fast vollständig. Zirkel, Galoppwechsel, Run Downs und Stops werden im Galopp geritten. Spins und Back Up beginnen aus dem Stand. Bei Walk-in-Pattern kommt das Pferd im Schritt oder Trab in die Mitte der Arena. In Einsteigerklassen sind einfache Galoppwechsel über den Trab erlaubt.
Wie viele Punkte bekommt man beim Reining?
Jedes Paar startet mit 70 Punkten. Jede Manövergruppe wird von minus 1,5 bis plus 1,5 in halben Punkten bewertet, dazu kommen Strafpunkte von einem halben bis zu fünf Punkten. Spitzenritte liegen pro Richter bei 74 bis 77 Punkten. Bei drei Richtern werden die Wertungen zusammengezählt, deshalb stehen in Ergebnislisten Werte wie 225.
Wie viele Reining-Pattern gibt es?
Die NRHA hat 18 Pattern für die regulären Klassen und zwei Jugend-Pattern (Stand Pattern-Buch 2025). Welches geritten wird, steht in der Ausschreibung. Alle Pattern werden auswendig geritten.
Ist Reining olympisch?
Nein. Reining war von 2000 bis 2021 FEI-Disziplin und Teil der Weltreiterspiele, olympisch wurde es nie. Seit 2022 gehört es nicht mehr zur FEI. Welt- und Europameisterschaften richtet seitdem die NRHA selbst aus.
Ist Reining Tierquälerei?
Reining besteht aus Bewegungen, die ein athletisches Pferd zeigen kann. Das Regelwerk bestraft Sporeneinsatz vor dem Gurt, Angstmachen und lahme Pferde. Kritik gibt es am frühen Beginn der Ausbildung für dreijährige Futurity-Pferde, an Trainingsmethoden auf dem Abreiteplatz, am Betäuben des Schweifs und an der amerikanischen Regel zum Beruhigungsmittel Romifidin. Ob Reining pferdegerecht ist, hängt stark davon ab, wie ein Pferd ausgebildet wird und wie alt es dabei ist.
Welche Pferderasse eignet sich für Reining?
Am häufigsten sieht man American Quarter Horses, dazu Paint Horses und Appaloosas. Gesucht werden kompakte Pferde mit kräftiger Hinterhand, kurzem Rücken und ruhigem Kopf. Die NRHA lässt alle Rassen zu, auf Einsteigerturnieren starten auch Araber, Haflinger oder Mixe.
Braucht man für Reining einen Sliding-Beschlag?
Für echte Sliding Stops ja. Die EWU schreibt in der Reining einen geeigneten Beschlag der Hinterhufe vor. Sliding Plates sind breit, glatt und ohne Falz, die Nagelköpfe sind versenkt. Die Kosten liegen laut EWU etwa bei 150 bis 250 Euro für die Hinterhand, gewechselt wird alle sechs bis acht Wochen.
Wie weit rutscht ein Pferd beim Sliding Stop?
Das hängt von Tempo, Boden, Beschlag und Pferd ab. Einige Meter sind bei gut ausgebildeten Pferden normal, Spitzenpferde auf gut vorbereitetem Boden rutschen deutlich weiter. Nach NRHA-Regeln muss der Stop mindestens sechs Meter vor der Bande enden.
Was ist ein Futurity?
Ein Futurity ist eine Prüfung für junge Pferde eines bestimmten Jahrgangs, die vorher im Nominierungsprogramm angemeldet wurden. Das NRHA Futurity in Oklahoma City ist für Dreijährige, die European Futurity in Cremona für Vierjährige. Danach folgen Derby und Maturity für ältere Pferde.
Wer ist der erfolgreichste deutsche Reining-Reiter?
Grischa Ludwig aus Bitz wurde 2023 als erster Deutscher, der seine Gewinne ausschließlich in Europa erritten hat, zum NRHA Million Dollar Rider. Gina-Maria Schumacher erreichte 2025 den Status als Two Million Dollar Rider und wurde 2025 Weltmeisterin. Ihr Umfeld bezeichnet sie als erfolgreichste deutsche Reinerin aller Zeiten.
Kann man Reining auch ohne Turnier reiten?
Ja. Viele Westernreiter trainieren Reining-Elemente im Alltag, zum Beispiel Rückwärtsrichten, Wendungen um die Hinterhand, Tempokontrolle im Galopp und Stops aus dem Trab. Für echte Sliding Stops brauchst Du trotzdem Beschlag, Boden und ein dafür ausgebildetes Pferd.
Was kostet der Einstieg ins Reining?
Am günstigsten beginnst Du mit Unterricht auf einem Lehrpferd bei einem Reining-Trainer. Wer ein eigenes Pferd einsetzt, rechnet zusätzlich mit dem Sliding-Beschlag, gegebenenfalls einem Reiningsattel, Beinschutz und Beiträgen oder Startgeldern der Verbände. Einsteigerturniere der EWU in LK 5 stehen auch ohne Mitgliedschaft offen.






