Tigerschecken als Sportpferd

Tigerschecken in der Warmblutzucht – wenn Sportpferde plötzlich Punkte tragen

Wer an einen Tigerschecken denkt, sieht häufig zunächst einen Appaloosa, ein buntes Freizeitpferd oder den eher barock wirkenden Knabstrupper vor sich. Mit dem modernen deutschen oder niederländischen Sportpferd wurde die auffällige Zeichnung lange kaum in Verbindung gebracht. Genau das beginnt sich zu ändern. Inzwischen gibt es gekörte Tigerscheckhengste mit bedeutenden Dressurhengsten im Pedigree, leistungsgeprüfte Knabstrupper mit ausgeprägtem Springvermögen und eine kleine, aber zunehmend professionelle Züchterszene, die nicht mehr nur auf Farbe, sondern gezielt auf Rittigkeit, Bewegung, Vermögen und ein modernes Sportpferdeformat achtet.

Noch sind Tigerschecken auf großen Dressur- und Springturnieren eine Ausnahme. Von einer fest etablierten Tigerscheckenpopulation innerhalb der klassischen Warmblutzucht kann deshalb nicht gesprochen werden. Dennoch ist die Entwicklung bemerkenswert. Wo früher überwiegend innerhalb traditioneller Knabstrupperlinien gezüchtet wurde, werden heute ausgewählte Dressur- und Springpferdehengste eingesetzt, um die Tigerscheckung mit der Leistungsgenetik moderner Warmblüter zu verbinden. Das prominenteste Beispiel ist Spotilas Boesgaard, ein Tigerscheckhengst von Totilas. Er ist jedoch nicht der Anfang dieser Entwicklung und auch nicht der einzige sportlich interessante Vertreter.

Was ist ein Tigerschecke genetisch überhaupt?

Die Tigerscheckung gehört zum sogenannten Leopard-Komplex. Verantwortlich ist eine Variante im Bereich des Gens TRPM1 auf dem Pferdechromosom 1. In der internationalen Farbgenetik wird das Leopard-Complex-Allel gewöhnlich mit LP bezeichnet. Es sorgt nicht für ein einziges festes Fleckenmuster, sondern bildet die genetische Grundlage für eine ganze Gruppe unterschiedlicher Zeichnungen. Dazu gehören Volltiger, Schabrackentiger, Schneeflockentiger, Few Spots, Snowcaps und Varnish Roans. (Generatio)

Ob ein Pferd schließlich wie ein Dalmatiner über den ganzen Körper gepunktet ist, nur eine helle Schabracke auf der Kruppe trägt oder im Laufe seines Lebens zunehmend stichelhaarig wird, hängt nicht allein vom LP-Allel ab. Weitere Modifikationsgene beeinflussen, wie groß die weiße Fläche wird und ob innerhalb dieser Fläche dunkle Punkte erscheinen. Besonders wichtig ist dabei das als PATN1 bezeichnete Muster-Gen, das in Verbindung mit LP eine ausgedehnte Weißzeichnung und häufig das typische Volltigermuster begünstigt. Deshalb kann man aus der sichtbaren Zeichnung eines einzelnen Pferdes nicht immer unmittelbar ableiten, welche Farbvererbung bei seinen Nachkommen zu erwarten ist. (Generatio)

LP wird unvollständig dominant vererbt. Ein mischerbiges Pferd trägt eine Kopie des LP-Allels, ein reinerbiges Pferd zwei. Reinerbige Tiere zeigen häufig besonders viel Weiß und können als Few Spot oder nahezu weiß geboren werden. Ein Pferd mit nur einer LP-Kopie kann dagegen stark gepunktet, lediglich schabrackengezeichnet oder sogar äußerlich fast einfarbig erscheinen. Die gelegentlich zu lesende Behauptung, die Tigerscheckung sei rezessiv, ist deshalb falsch. (Wikipedia)

Typische Begleitmerkmale des Leopard-Komplexes sind eine gefleckte oder marmorierte Haut, gestreifte Hufe und eine deutlich sichtbare weiße Lederhaut um das Auge. Diese Merkmale können auch bei Pferden auftreten, deren Fleckenzeichnung nur schwach ausgeprägt ist. Außerdem verändert sich das Fell vieler Tigerschecken im Laufe des Lebens. Besonders Varnish Roans werden zunehmend heller, wobei knochennahe Bereiche an Beinen, Hüfte und Gesicht dunkler bleiben. Dadurch können ältere Tiere völlig anders aussehen als auf ihren Fohlenbildern. (Wikipedia)

Die gesundheitliche Seite der Tigerscheckung

Die auffällige Farbe ist nicht völlig losgelöst von gesundheitlichen Fragen. Reinerbige LP-Pferde können von der angeborenen stationären Nachtblindheit, international Congenital Stationary Night Blindness oder CSNB genannt, betroffen sein. Die Pferde sehen bei Tageslicht normal, können sich bei geringer Beleuchtung jedoch deutlich schlechter orientieren. Die Erkrankung schreitet nicht fort, bleibt aber lebenslang bestehen. Das bedeutet nicht, dass jeder stark gepunktete Tigerschecke nachtblind ist. Entscheidend ist die genetische Konstellation, nicht die Menge der sichtbaren Punkte. (Wikipedia)

Bei verantwortungsvoller Farbzucht sollten deshalb nicht nur das Muster und die Wahrscheinlichkeit bunter Fohlen betrachtet werden. Genetische Tests auf LP und relevante Musteranlagen ermöglichen eine wesentlich präzisere Anpaarungsplanung. Gerade wenn ein Tigerscheckhengst in der Warmblutzucht eingesetzt wird, ist wichtig zu wissen, ob er LP heterozygot oder homozygot trägt. Ein mischerbiger LP-Hengst gibt das LP-Allel statistisch an ungefähr die Hälfte seiner Nachkommen weiter. Ein reinerbiger Hengst vererbt LP an jedes Fohlen, bringt jedoch die erwähnte Verbindung zur Nachtblindheit mit sich.

Der Knabstrupper als Ursprung moderner Sporttigerschecken

Die Tigerscheckung ist keine Erfindung des Appaloosas. Leopardartige Muster sind historisch in unterschiedlichen europäischen und asiatischen Pferdepopulationen nachgewiesen. In Europa wurde die auffällige Zeichnung unter anderem an Fürstenhöfen geschätzt. Der Knabstrupper entwickelte sich in Dänemark und ist eng mit den Frederiksborger Pferden verbunden. Namensgebend wurde das Gut Knabstrup, auf dem im frühen 19. Jahrhundert eine eigene Zucht aufgebaut wurde. (Appaloosa horses)

Als Begründerin der klassischen Knabstrupperzucht gilt eine auffällig gezeichnete Stute, die als Flaebehoppen bekannt wurde. Sie soll spanisch geprägtes Blut getragen haben und wurde mit einem Frederiksborger Hengst angepaart. Aus dieser Verbindung entwickelte sich eine Linie leistungsfähiger, ausdauernder und auffällig gefleckter Pferde. Die ursprünglichen Knabstrupper waren keine kleinen bunten Freizeitponys, sondern kräftige Reit- und Fahrpferde, die auch für militärische Zwecke und die Hohe Schule genutzt wurden.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts geriet die Rasse in eine schwere Krise. Der Bestand schrumpfte stark, und die verbliebene Population war genetisch eng. Zur Erhaltung und Modernisierung wurden deshalb andere Rassen eingesetzt. Dazu gehörten unter anderem dänische Warmblüter, Trakehner und weitere europäische Reitpferde. Der heutige Knabstrupper ist daher keine vollkommen einheitliche Rasse. Neben einem klassischen oder barocken Typ existiert ein deutlich modernerer Sportpferdetyp, der in Größe, Rahmen und Bewegungsablauf einem Warmblut erheblich näherkommt. (Schleese)

Diese Offenheit erklärt, weshalb der Knabstrupper für die Zucht moderner Tigerschecken so interessant ist. Seine Linien bringen das LP-Allel mit, während leistungsgeprüfte Warmblüter Bewegung, Galopp, Rittigkeit oder Springvermögen ergänzen können. Genau genommen werden deshalb nicht einfach Knabstrupper in Warmblüter eingekreuzt. Innerhalb der modernen Knabstrupperzucht wird teilweise seit mehreren Generationen mit Warmblutblut gearbeitet.

Spotilas Boesgaard – Totilas trifft auf eine alte Knabstrupper-Stutenfamilie

Spotilas Boesgaard hat das Thema Tigerschecken in der modernen Sportpferdezucht schlagartig bekannter gemacht. Der 2019 in Dänemark geborene Hengst stammt direkt von Totilas ab und wurde aus der Knabstrupperstute Luna af Nyskoven gezogen. Er misst etwa 1,67 bis 1,68 Meter und wurde für mehrere Zuchtbücher anerkannt, darunter die dänische Knabstruppervereinigung, das Anglo European Studbook und der Zuchtverband für deutsche Pferde. Bei seiner Körung wurde er als Prämienhengst herausgestellt; für seinen Trab erhielt er nach Angaben seiner Hengsthalter eine 9. (uytert.nl)

Sein Vater Totilas muss kaum vorgestellt werden. Der schwarze KWPN-Hengst von Gribaldi aus einer Glendale-Akteur-Mutter wurde unter Edward Gal zu einem der berühmtesten Dressurpferde seiner Zeit. Er stellte mehrere Weltrekorde auf, gewann 2009 und 2010 internationale Championate und prägte später auch die Dressurpferdezucht. Seine Nachkommen sind in zahlreichen europäischen Sportpferdezuchtbüchern registriert. In Spotilas’ väterlichem Pedigree stehen mit Gribaldi, Kostolany, Glendale, Nimmerdor und Akteur mehrere Hengste, die in der Dressur- und Warmblutzucht erheblichen Einfluss hatten. (HorseTelex)

Interessanter als der prominente Vater ist bei Spotilas jedoch seine Mutterseite. Luna af Nyskoven ist keine beliebige bunte Stute, die allein wegen ihrer Farbe mit Totilas angepaart wurde. Sie stammt von Bjørnhøjgårds Sleipner aus der Stute Lunell und gehört nach Angaben der Hengststation zu einer der stärkeren dänischen Knabstrupper-Stutenfamilien. In ihrem Pedigree erscheinen mehrere historische Knabstrupperlinien sowie leistungsgeprägte Fremdblutanteile. (rimondo.com)

Der Muttervater Bjørnhøjgårds Sleipner geht über Bjørnhøjgård Gibson auf Conetti Lynghøj zurück. Conetti Lynghøj wird als Medaillenhengst geführt. In der weiteren Mutterlinie erscheint außerdem Don Ibrahim, der unter anderem als Vater des Hengstes Hugin bekannt wurde, mit dem Bent Branderup arbeitete. Auch der einflussreiche Rasmus af Damgaard taucht nach Angaben der Hengststation mehrfach in der mütterlichen Abstammung auf. Die Linie verbindet damit klassische Knabstruppergenetik, Rittigkeit und bereits vorhandene sportliche Nutzung. (uytert.nl)

Bemerkenswert ist zudem, dass in der mütterlichen Familie paralympisch erfolgreiche Pferde genannt werden. Dazu gehören Zanko GP, der mit Ann Cathrin Lübbe paralympische Goldmedaillen gewann, sowie Lukas af Nørhede, der mit Anne Dunham mehrere paralympische Medaillen errang. Diese Pferde beweisen zwar nicht, dass jede Verwandtschaft automatisch Spitzenleistung vererbt. Sie zeigen aber, dass die Familie keineswegs nur auf auffällige Farbe selektiert wurde. (uytert.nl)

Spotilas ist deshalb züchterisch spannender als ein beliebiger Totilas-Nachkomme mit Punkten. Er steht für eine geplante Verbindung zwischen einer der bekanntesten Dressurlinien der modernen Warmblutzucht und einer etablierten Knabstrupper-Mutterlinie. Gleichzeitig sollte seine Bedeutung nicht voreilig überhöht werden. Er ist ein junger Zuchthengst und noch kein Grand-Prix-erfolgreiches Sportpferd. Seine endgültige sportliche und züchterische Bedeutung wird sich erst anhand seiner eigenen Entwicklung und seiner Nachkommen beurteilen lassen.

Zanko GP und Lukas af Nørhede – Tigerschecken im internationalen Para-Dressursport

Wenn von erfolgreichen Knabstruppern gesprochen wird, gehören Zanko GP und Lukas af Nørhede zwingend in den Beitrag. Zanko war ein gekörter Knabstrupperhengst und gewann mit der norwegischen Reiterin Ann Cathrin Lübbe bei den Paralympischen Spielen in Athen zwei Goldmedaillen. Er stammte von Xanthos und steht damit für eine ältere Knabstrupper-Sportlinie, die bereits lange vor Spotilas international sichtbar war. (SB Sporthorses)

Lukas af Nørhede wurde mit der britischen Para-Dressurreiterin Anne Dunham ebenfalls international erfolgreich. Das Paar gewann bei Paralympischen Spielen Gold- und Silbermedaillen. Seine Karriere zeigt besonders deutlich, dass Knabstrupper nicht nur auffällige Schau- oder Freizeitpferde sein können, sondern bei entsprechender Qualität, Ausbildung und passender Reiter-Pferd-Kombination auf höchstem Niveau zuverlässig Leistungen erbringen können. (uytert.nl)

Para-Dressur ist sportlich nicht mit einer klassischen Grand-Prix-Prüfung der Regelklasse gleichzusetzen, aber ebenso wenig darf sie als unbedeutender Nebensport abgetan werden. Die Pferde müssen hochgradig zuverlässig, fein an den Hilfen, mental belastbar und präzise ausgebildet sein. Gerade diese Erfolge widersprechen dem alten Vorurteil, Tigerschecken seien in erster Linie bunte Zirkus- oder Liebhaberpferde.

Upal von Nørholm – ein leistungsgeprüfter Tigerschecke mit außergewöhnlichem Springvermögen

Für die springbetonte Entwicklung ist Upal von Nørholm, gelegentlich auch Upal van Norholm geschrieben, besonders interessant. Der 1999 geborene schwarze Volltiger war etwa 1,67 Meter groß und wurde als Knabstrupperhengst gekört. Er gewann seine ZfdP-Körung und bestand als einer der wenigen Knabstrupper eine umfassende 70-Tage-Hengstleistungsprüfung mit auffälligen Bewertungen. Für seine Springanlage wird eine Note von 9,5 genannt; auch Galopp und weitere Leistungsmerkmale wurden hoch bewertet. (knabstrupper.co.za)

Upal ist damit ein wichtiges Gegenbeispiel zu der Annahme, Tigerschecken würden ausschließlich für Dressur, Show oder Freizeitreiten gezüchtet. Seine Leistungsprüfung belegt eine erhebliche natürliche Springanlage. Allerdings ist eine sehr gute Hengstleistungsprüfung noch nicht dasselbe wie eine erfolgreiche Karriere in schweren Springprüfungen. Belastbare Nachweise, dass Upal selbst dauerhaft auf internationalem S-Niveau oder im Spitzensport eingesetzt wurde, sind in öffentlich zugänglichen Ergebnisquellen kaum zu finden.

Züchterisch war er dennoch bedeutsam, weil er Farbe, Größe, modernes Format und nachgewiesenes Springvermögen verband. In mehreren jüngeren Knabstrupper- und Sporttigerscheckenpedigrees erscheint sein Name. Auch der Hengst Sartors Amadeus führt Upal in seiner Abstammung und verbindet ihn mit weiteren Knabstrupper- und Warmblutlinien.

Sartors Amadeus – Tigerscheckenzucht mit Ramiro-Z-Blut

Sartors Amadeus ist ein schwarzgrundiger Volltiger und wird als weitgehend rein gezogener Knabstrupper beschrieben. Über seine Vorfahren führt er dennoch bewährtes Warmblutblut. In der hinteren Generation erscheinen unter anderem Royal Z II und Ramiro Z, zwei Namen, die mit der europäischen Springpferdezucht verbunden sind. Sein Pedigree zeigt exemplarisch, wie Warmblutleistung nicht erst seit Spotilas in die Knabstrupperzucht einfließt. (knabstrupper.co.za)

Amadeus steht eher im klassischen bis substanzvollen Knabstruppertyp als im hochbeinigen modernen Dressurpferdetyp. Trotzdem ist seine Linie sportlich interessant, weil sie leistungsgeprüfte Knabstrupperhengste und bewährte Warmblutvorfahren verbindet. Solche Hengste bilden gewissermaßen die Brücke zwischen der traditionellen Tigerscheckenzucht und dem heutigen Wunsch nach einem markanten, aber vollwertigen Reit- und Sportpferd.

Colorado Skrødstrup – Warmblutblut in einer leistungsgeprüften Knabstrupperlinie

Ein weiterer erwähnenswerter Hengst ist Colorado Skrødstrup, geboren 1999. Er wurde leistungsgeprüft und wird als vollständig gekörter Knabstrupperhengst geführt. In seiner Abstammung steht über Perikles Christinelyst der Hannoveraner Raffaelli, der wiederum auf Rebel I Z zurückgeht. Damit findet sich auch hier deutliches europäisches Warmblut- und Springpferdeblut innerhalb einer Knabstrupperlinie.

Colorado soll in seiner Leistungsprüfung insbesondere im Dressurbereich aufgefallen sein. Seine Abstammung zeigt, dass moderne Knabstrupper nicht einfach eine jahrhundertelang geschlossen gezüchtete Barockrasse darstellen. Gerade der sportliche Typ wurde wiederholt durch Warmblüter verbessert. Das Ziel war nicht nur ein größeres Pferd, sondern ein besserer Galopp, mehr Rittigkeit, elastischere Bewegungen und ein tragfähigeres modernes Reitpferdeformat.

Thralve von Maassen und die deutsche Sportknabstrupperzucht

Zu den jüngeren leistungsorientierten Namen gehört Thralve von Maassen, ein Few-Spot-Knabstrupperhengst aus deutscher Zucht. Für ihn wird ein außergewöhnlich hoher Dressurindex aus einer 70-Tage-Prüfung genannt. Öffentlich frei zugängliche Primärunterlagen zu dieser Prüfung sind jedoch nur begrenzt auffindbar, weshalb solche Zahlen vorsichtig übernommen werden sollten. Die vorhandenen Züchterangaben zeigen aber, dass inzwischen gezielt Tigerscheckhengste über reguläre Leistungsprüfungen und nicht nur über reine Farb- oder Rasseschauen selektiert werden.

Ähnliches gilt für weitere jüngere Hengste wie Carlsson vom Dach oder verschiedene Hengste aus den Linien von Nørholm, Maassen und Eiderstedt. Carlsson vom Dach ist ein etwa 1,63 Meter großer Few-Spot-Knabstrupper, der in Deutschland gezogen und beim ZfdP geführt wurde. Er verkörpert einen modernen, ausreichend großen Reitpferdetyp und wird heute auch international zur Tigerscheckenzucht eingesetzt.

Nicht jeder dieser Hengste ist selbst im schweren Sport erfolgreich. Viele sind vor allem Zuchthengste, Leistungsprüfungshengste oder junge Hoffnungsträger. Genau deshalb ist eine klare Formulierung wichtig: Ein gekörter Hengst mit guter Springnote ist noch kein S-Springpferd, und ein bewegungsstarker Totilas-Sohn ist noch kein Grand-Prix-Pferd.

Gibt es bereits Tigerschecken im schweren Springsport?

Tigerschecken mit Springtalent und einzelne im Springen eingesetzte Knabstrupper gibt es zweifellos. Auch verschiedene Hengste haben im Freispringen oder in Hengstleistungsprüfungen hohe Noten erreicht. Upal von Nørholm ist dafür das bekannteste Beispiel. Zudem existieren moderne Knabstrupperlinien mit deutlichem Holsteiner-, Hannoveraner-, Zangersheider- oder dänischem Warmblutanteil.

Eine verlässlich dokumentierte größere Gruppe von Tigerschecken mit Erfolgen in schweren nationalen S-Springen oder internationalen CSI-Prüfungen lässt sich derzeit jedoch nicht nachweisen. Verkaufsanzeigen, Züchterseiten und soziale Medien verwenden Begriffe wie „S-Potenzial“, „aus S-erfolgreicher Mutterlinie“ oder „springgezogen“ häufig großzügig. Das bedeutet nicht, dass das Pferd selbst bereits S-Springen gegangen ist.

Für einen fachlich glaubwürdigen Beitrag ist diese Unterscheidung ein Vorteil und keine Enttäuschung. Sie zeigt, wo die Zucht heute tatsächlich steht: Die genetische und sportliche Grundlage wird geschaffen, aber der Weg bis zu einer dauerhaft sichtbaren Population im Spitzensport ist noch weit. Das macht die heutigen Hengste zu Pionieren, nicht automatisch zu fertigen Stars.

Warum moderne Tigerschecken häufig als Knabstrupper und nicht als Warmblut eingetragen sind

Ein Pferd kann äußerlich wie ein modernes deutsches Reitpferd aussehen und trotzdem als Knabstrupper eingetragen sein. Entscheidend ist nicht allein sein Typ, sondern das jeweilige Zuchtprogramm. Die dänische Knabstrupperzucht erlaubt beim Sportpferdetyp bestimmte Fremdblutanteile und bewertet Abstammung, Rassetyp, Leistung und Farbe nach ihren eigenen Regeln. Ein Totilas-Sohn aus einer Knabstrupperstute bleibt daher zunächst ein Knabstrupper und wird nicht automatisch zum Hannoveraner, Oldenburger oder KWPN-Pferd.

Einige Hengste können zusätzlich für andere, offenere Zuchtbücher anerkannt werden. Besonders das Anglo European Studbook und der ZfdP sind für farbige Sportpferde häufig zugänglicher als traditionelle deutsche Warmblutverbände. Spotilas ist beispielsweise für mehrere Verbände anerkannt. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes klassische Warmblutzuchtbuch seine Nachkommen automatisch in das jeweilige Hauptstutbuch oder Hengstbuch I übernimmt.

Der Begriff Tigerschecke in der Warmblutzucht beschreibt deshalb eher eine züchterische Entwicklung als eine einzelne anerkannte Rasse. Gemeint sind großrahmige Tigerschecken im modernen Reitpferdetyp, deren Pedigrees in erheblichem Umfang Dressur- oder Springpferdeblut enthalten.

Wie entstehen sportliche Tigerschecken?

Der scheinbar einfachste Weg wäre, eine Knabstrupperstute mit einem erfolgreichen Warmbluthengst anzupaaren. Genau so entstand im Grundsatz Spotilas. Züchterisch ist die Sache jedoch komplizierter. Nicht jede Knabstrupperstute besitzt die Qualität, die für eine leistungsorientierte Sportpferdezucht erforderlich ist. Ebenso wenig garantiert ein berühmter Warmbluthengst, dass das Fohlen Bewegung, Rittigkeit, Gesundheit und Farbe in idealer Form vereint.

Zunächst muss die Tigerscheckenseite mehr mitbringen als LP. Gefragt sind ein korrekter Körperbau, ein belastbares Fundament, guter Schritt, ein brauchbarer Galopp, Leistungsbereitschaft und eine nachvollziehbare Mutterlinie. Dazu kommt die Frage, welches Muster genetisch zu erwarten ist. Ein Hengst oder eine Stute kann das LP-Allel tragen und dennoch wenig spektakulär aussehen. Umgekehrt kann ein extrem weißes Pferd genetisch für die geplante Anpaarung weniger sinnvoll sein.

Auf der Warmblutseite sollte der Hengst gezielt die Schwächen der Stute ausgleichen. Ein großer Name allein genügt nicht. Totilas war für Luna af Nyskoven offenbar deshalb interessant, weil er Größe, Bewegung, Dressurveranlagung und internationale Attraktivität einbringen konnte. Für eine Springlinie wären dagegen Hengste mit nachgewiesenem Galopp, Reflexen, Vermögen und belastbaren Mutterstämmen sinnvoller.

Anschließend beginnt die eigentliche züchterische Arbeit. Die erste Generation kann hervorragend ausfallen, muss es aber nicht. Soll daraus eine beständige Linie entstehen, müssen mehrere Generationen nach Leistung, Gesundheit und Typ selektiert werden. Wer ausschließlich die buntesten Fohlen behält, wiederholt genau den Fehler, der seltenen Farbrassen früher oft geschadet hat: Farbe wird zum wichtigsten Auswahlkriterium, während Fundament, Leistungsfähigkeit und Rittigkeit nachrangig werden.

Ist Spotilas der Beginn einer neuen Warmblutfarbe?

Spotilas ist vor allem ein Symbol dafür, dass Farbe und ernsthafte Dressurpferdezucht nicht mehr als Gegensätze betrachtet werden. Ein Tigerschecke mit Totilas als Vater wäre vor einigen Jahrzehnten kaum denkbar gewesen. Heute findet ein solcher Hengst internationale Aufmerksamkeit und wird auch von Züchtern wahrgenommen, die sich sonst kaum mit Knabstruppern beschäftigen.

Ob daraus tatsächlich eine dauerhaft erfolgreiche Sportpferdelinie entsteht, entscheidet sich nicht an Spotilas allein. Seine Nachkommen müssen gesund sein, sich gut reiten lassen und im Sport bestehen. Anschließend müssen auch die folgenden Generationen diese Qualität halten. Erst dann wird aus einem spektakulären Einzelhengst eine züchterisch bedeutende Linie.

Dennoch verändert er bereits jetzt die Wahrnehmung. Der Tigerschecke muss nicht mehr zwangsläufig gedrungen, barock, schwer oder freizeitbetont sein. Er kann großrahmig, langbeinig und bewegungsstark sein und aus einem Pedigree stammen, das auch auf jeder klassischen Dressurpferdeauktion Aufmerksamkeit erzeugen würde.

Zwischen Farbe und Leistung liegt die eigentliche Herausforderung

Tigerschecken in der Warmblutzucht sind faszinierend, gerade weil die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt bereits olympische Erfolge im Para-Dressursport, leistungsgeprüfte Hengste mit hohen Dressur- oder Springbewertungen und junge Vererber mit international bedeutenden Warmbluthengsten im Pedigree. Was bislang fehlt, ist eine größere Zahl von Pferden, die sich dauerhaft in der schweren Dressur, im schweren Springen oder in der internationalen Vielseitigkeit durchsetzt.

Das ist keine Schwäche des Themas, sondern seine eigentliche Geschichte. Die Zucht befindet sich an einem Punkt, an dem aus einzelnen bemerkenswerten Pferden möglicherweise eine neue sportliche Population entstehen kann. Dazu braucht es jedoch mehr als spektakuläre Punkte. Es braucht gute Stutenstämme, ehrliche Leistungsdaten, genetische Sachkenntnis und Züchter, die ein einfarbiges, aber sportlich hervorragendes Fohlen nicht automatisch geringer bewerten als seinen buntesten Vollbruder.

Der Tigerschecke der Zukunft wird sich nicht deshalb in der Warmblutzucht behaupten, weil er auffällt. Er wird sich behaupten müssen, obwohl er auffällt – indem er sich genauso gut bewegen, springen und reiten lässt wie jedes einfarbige Sportpferd. Genau dann wären die Punkte nicht mehr sein wichtigstes Merkmal, sondern nur noch das sichtbarste.

J-Nius V.V. Z – ein Tigerschecke aus einer echten Grand-Prix-Springpferdefamilie

Während Spotilas Boesgaard die Verbindung zwischen Tigerscheckung und moderner Dressurpferdezucht verkörpert, steht J-Nius V.V. Z für die springbetonte Seite dieser Entwicklung. Der 2019 geborene und rund 1,68 Meter große Hengst wird vom Gestüt Zangersheide ausdrücklich mit der Farbe „Leopard“ geführt. Damit ist er kein Platten- oder Tobianoschecke, sondern ein echter Vertreter der Tigerscheckung. Gleichzeitig besitzt er eine Abstammung, die sich hinter den Pedigrees einfarbiger internationaler Springhengste keineswegs verstecken muss. J-Nius ist für Zangersheide und das Anglo European Studbook anerkannt und wird inzwischen direkt über die renommierte Hengststation in Lanaken angeboten. (zangersheide.com)

Little Indian – Farbe und internationale Springleistung auf der Vaterseite

Der Vater Little Indian war selbst bis 1,45 Meter im internationalen Springsport erfolgreich. Er wurde unter anderem von der US-amerikanischen Springreiterin Misti Cassar vorgestellt. Damit stammt J-Nius nicht lediglich von einem auffällig gefärbten Hengst ab, dessen sportliche Qualität nur anhand von Freispringbildern eingeschätzt wurde. Sein Vater hat seine Leistungsfähigkeit unter Turnierbedingungen bis in anspruchsvolle internationale Prüfungen hinein bewiesen. (zangersheide.com)

Little Indian stammt seinerseits von Startrek aus der Stute Charlene. Über Startrek führt das Pedigree zu Quick Star, einem der einflussreichsten Springpferdevererber seiner Generation. Quick Star war unter Meredith Michaels-Beerbaum international auf höchstem Niveau erfolgreich und wurde später insbesondere durch Nachkommen wie den Olympiasieger Big Star weltbekannt. In der weiteren väterlichen Abstammung von Little Indian erscheint außerdem Limbo, ein Sohn des bedeutenden niederländischen Springpferdevererbers Concorde. Schon auf dieser Seite verbindet sich die auffällige Zeichnung deshalb mit konsolidiertem europäischem Springpferdeblut. (zangersheide.com)

Ugano Sitte und Chacco-Blue prägen die Mutterseite

Noch stärker wird das Pedigree von J-Nius durch seine Mutter U-Toppie V.V. Z. Sie stammt von Ugano Sitte aus der Chacco-Blue-Tochter N-Ergie V.V. Damit folgen im direkten Mutterstamm zwei Hengste, die in der modernen Springpferdezucht einen hervorragenden Ruf besitzen.

Ugano Sitte ist ein Sohn von Clinton aus der berühmten Sitte-Familie. Über seine Mutter Ialta Sitte geht er auf Insel Sitte zurück, die wiederum eng mit zahlreichen international erfolgreichen Springpferden verbunden ist. Ugano Sitte selbst wurde vor allem als Vererber leistungsfähiger, vermögender und vorsichtiger Springpferde bekannt.

Anschließend folgt mit Chacco-Blue einer der weltweit prägendsten Springpferdevererber der vergangenen Jahre. Chacco-Blue war selbst im internationalen Grand-Prix-Sport erfolgreich und führte über mehrere Jahre die WBFSH-Rangliste der Springpferdeväter an. In J-Nius’ Pedigree steht Chacco-Blue nicht irgendwo weit hinten, sondern unmittelbar als Muttervater der zweiten Mutter. (zangersheide.com)

Die Vollschwester der Mutter sprang bis 1,50 Meter

Die Qualität der Mutterfamilie lässt sich nicht allein an berühmten Hengstnamen festmachen. U-Toppie V.V. Z ist die Vollschwester von Kerbie V.V., die selbst bis 1,50 Meter im Springsport eingesetzt wurde. Kerbie ist zudem die Mutter von Corbie V.V. Z, der unter Daniel Bluman auf höchstem internationalen Niveau erfolgreich ist. In der Saison 2025 gewann Corbie V.V. Z unter anderem einen CSI5*-Grand-Prix über 1,60 Meter in Rockwood. Damit hat die engste Verwandtschaft von J-Nius bereits genau jene Leistung erbracht, auf die bei einer ernsthaften Springpferdezucht hingearbeitet wird. (zangersheide.com)

Das ist für die Beurteilung eines jungen Hengstes besonders wichtig. J-Nius lebt züchterisch nicht nur vom Namen seines Vaters oder von seiner ungewöhnlichen Farbe. Seine Mutter ist Vollschwester zu einem 1,50-Meter-Pferd und entstammt einer Familie, die bereits ein siegreiches Fünf-Sterne-Grand-Prix-Pferd hervorgebracht hat. Die Leistungsdichte liegt damit direkt im nahen Mutterstamm.

Ligie – die Stute hinter einer außergewöhnlichen Springpferdefamilie

Die mütterliche Linie führt schließlich zu der bedeutenden Stute Ligie. Sie ist die Mutter beziehungsweise enge Verwandte zahlreicher international erfolgreicher Springpferde. Zangersheide nennt mehr als fünfzehn internationale Sportpferde aus dieser Familie, darunter mehrere Pferde, die bis 1,60 Meter erfolgreich waren. Zu den bekanntesten gehören Tinka’s Hope, Show Show und Calimero of Colors. Die Familie steht außerdem in enger Beziehung zu dem international erfolgreichen Itot du Château. (zangersheide.com)

Gerade bei farblich auffälligen Hengsten ist eine solche Mutterlinie ein entscheidendes Qualitätsmerkmal. Häufig wird versucht, eine seltene Zeichnung durch die Anpaarung mit bekannten Hengsten sportlich aufzuwerten. Bei J-Nius ist die Leistungsgenetik jedoch nicht auf einen einzelnen prominenten Namen beschränkt. Quick Star, Concorde, Clinton, Ugano Sitte und Chacco-Blue bilden das väterliche und mütterliche Fundament, während die Ligie-Familie ihre Leistungsfähigkeit durch zahlreiche internationale Sportpferde belegt hat.

Wie gut ist J-Nius selbst?

J-Nius fällt durch einen modernen, langbeinigen Sportpferdetyp, einen kraftvollen Galopp und eine auffällige Beintechnik am Sprung auf. Zangersheide hebt insbesondere seine Technik, seine Reflexe und seine Qualität hervor. Seine öffentlich dokumentierte sportliche Eigenleistung liegt derzeit jedoch noch nicht auf dem Niveau seiner berühmtesten Verwandten. In den verfügbaren Pedigreedaten wird er aktuell mit Springprüfungen bis etwa 1,20 Meter geführt. Er ist damit ein junger Hengst mit vielversprechender Eigenleistung und außergewöhnlichem Pedigree, aber noch kein selbst bis 1,50 oder 1,60 Meter erfolgreicher Grand-Prix-Hengst. (zangersheide.com)

Diese Einordnung ist wichtig, weil Hengstwerbung häufig das Potenzial eines jungen Pferdes mit bereits erbrachter Leistung vermischt. Bei J-Nius ist seine hohe züchterische Attraktivität dennoch nachvollziehbar: Er verbindet eine seltene Tigerscheckung mit einem modernen Springpferdetyp und einer Mutterfamilie, deren Qualität auf höchstem Niveau nachgewiesen ist.

Seine ersten Nachkommen erzielen außergewöhnliche Preise

J-Nius hat bereits als junger Vererber enorme Aufmerksamkeit ausgelöst. Seine 2024 geborene Tochter Jewel V.V. Z, aus einer Larimar-Mutter, wurde bei der Zangersheide Quality Auction für 80.000 Euro verkauft. Im Jahr 2025 erzielte das Fohlen C-Bra van het Bokt sogar 402.000 Euro. Nach Angaben von Zangersheide war dies der höchste Preis, der dort bis dahin für ein Springfohlen bezahlt wurde. (zangersheide.com)

Solche Auktionspreise beweisen noch keine spätere Grand-Prix-Leistung. Sie zeigen aber, wie stark der Markt auf die Verbindung aus Farbe, Springqualität und internationalem Pedigree reagiert. Bei J-Nius kaufen Züchter offensichtlich nicht nur Punkte. Sie kaufen Zugang zu einer eng mit Chacco-Blue, Ugano Sitte, Quick Star und der Ligie-Familie verbundenen Genetik.

Warum J-Nius für die Tigerscheckenzucht so bedeutend ist

J-Nius V.V. Z ist vermutlich eines der überzeugendsten aktuellen Beispiele dafür, dass Tigerschecken nicht mehr zwangsläufig aus einer von der internationalen Sportpferdezucht getrennten Farbpopulation stammen müssen. Anders als Spotilas führt er keine klassische Knabstrupper-Mutterlinie. Sein Pedigree ist durch und durch springbetont und basiert auf international etablierten europäischen Sportpferdelinien.

Damit markiert er einen entscheidenden Entwicklungsschritt. Bei ihm wurde nicht zunächst ein traditioneller Tigerschecke durch eine einzelne Warmblutanpaarung modernisiert. Die seltene Zeichnung erscheint vielmehr innerhalb eines Pedigrees, das bereits in mehreren Generationen von erfolgreicher Springpferdezucht geprägt ist.

Ob J-Nius selbst später den Sprung in den schweren internationalen Sport schafft, bleibt abzuwarten. Züchterisch ist er trotzdem schon heute bemerkenswert. Er verbindet eine weithin sichtbare Besonderheit mit genau dem, was seltene Farbzuchten häufig vermissen lassen: einer nachprüfbaren, eng geführten und international erfolgreichen Mutterlinie. Seine Punkte machen ihn auffällig. Seine Abstammung macht ihn ernst zu nehmen.

Palousa San Sebastian – der Tigerschecke mit Weltmeyer- und Gribaldi-Blut

Palousa San Sebastian gehört zu den Hengsten, die den Weg für moderne Tigerschecken im Sportpferdetyp früh sichtbar gemacht haben. Der 2005 in den Niederlanden geborene Hengst misst rund 1,71 Meter und wird als schwarzer Leopard-Tigerschecke geführt. Anders als viele ältere Farbvererber stammt er nicht überwiegend aus traditionellen Appaloosa- oder Knabstrupperlinien. Drei Viertel seines direkten Pedigrees bestehen aus etablierter europäischer Warmblut- und Dressurpferdegenetik. Genau diese Verbindung macht ihn für die Entwicklung moderner Tigerschecken besonders interessant. (SporthorseData)

Sein Vater San Remo war ein schwarzer Hannoveraner Hengst von Wolkentanz I aus einer Volturno-Mutter. Damit vereint die Vaterseite zwei sehr unterschiedliche, aber leistungsstarke Linien. Wolkentanz I war ein Sohn des Hannoveraner Stempelhengstes Weltmeyer und stand für ausdrucksstarke, bewegungsstarke Dressurpferde. Über ihn führt Palousa San Sebastian unmittelbar das Blut von Weltmeyer, World Cup I und Woermann. Die väterliche Linie ist damit tief in der klassischen Hannoveraner Dressurpferdezucht verwurzelt. (HorseTelex)

San Remos Mutter Valente stammte von Volturno, einem Oldenburger Hengst von Vollkorn xx. Volturno war selbst in Dressur, Springen und Vielseitigkeit eingesetzt und brachte damit eine gewisse sportliche Vielseitigkeit in das Pedigree. Hinter Palousa San Sebastian steht väterlicherseits daher nicht nur reine Bewegungsvererbung, sondern auch ein für die damalige Warmblutzucht typischer Anteil aus Vollblut, Vielseitigkeit und Springvermögen. (HorseTelex)

Noch spannender ist die Mutterseite. Palousa San Sebastians Mutter Palousa Caprice war eine 1999 geborene, schwarzgrundige Tigerscheckstute des Niederländischen Appaloosa-Stammbuchs. Sie trug beim NRPS das Ster-Prädikat und wurde nach Angaben ihrer Züchter und Hengsthalter fünfmal als beste Stute beziehungsweise nationale Siegerstute des niederländischen Appaloosa-Zuchtbuches ausgezeichnet. Sportlich wurde sie offenbar nicht intensiv genutzt; ihre Bedeutung lag vor allem in ihrer Qualität als Zuchtstute und in ihrer außergewöhnlichen Abstammung. (dressagestuds.com)

Palousa Caprice war eine Tochter des Trakehner Hengstes Gribaldi. Damit führt Palousa San Sebastian über seine Mutter eine der bedeutendsten Dressurlinien der vergangenen Jahrzehnte. Gribaldi war selbst im Grand-Prix-Sport erfolgreich, wurde zum Trakehner Hengst des Jahres ernannt und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Dressurpferdevererber seiner Generation. Weltbekannt wurde er als Vater von Totilas, doch auch zahlreiche weitere Grand-Prix-Pferde gehen auf ihn zurück. Über Gribaldi stammen zudem Kostolany, Enrico Caruso und Ibikus im Pedigree von Palousa San Sebastian. (HorseTelex)

Die Tigerscheckung stammt nicht von Gribaldi, sondern aus der weiteren Mutterlinie. Palousa Caprices Mutter Palousa Cybella war eine niederländische Appaloosastute von Mackael Grey aus einer Zane-Grey-Tochter. Diese Linie war bereits über mehrere Generationen auf Leopard-Zeichnung und Appaloosamerkmale aufgebaut. Palousa San Sebastian verbindet damit ein warmblutgeprägtes Dressurpedigree aus San Remo, Wolkentanz I, Weltmeyer und Gribaldi mit einer gefestigten niederländischen Tigerschecken-Mutterlinie. (HorseTelex)

Züchterisch ist das ein wichtiger Unterschied zu einem Pferd, bei dem lediglich ein farbiger Elternteil mit irgendeinem Warmblüter angepaart wurde. Palousa Caprice war selbst bereits eine Gribaldi-Tochter. Palousa San Sebastian entstand deshalb aus einer Mutter, die sowohl das Leopard-Gen als auch hochkarätige Dressurgenetik mitbrachte. Durch San Remo kam eine zweite bedeutende Dressurlinie hinzu. Im direkten Pedigree treffen somit Weltmeyer und Gribaldi aufeinander – und damit zwei Hengstlinien, die die europäische Dressurpferdezucht stark geprägt haben.

Erfolge in Dressur und Springen

Palousa San Sebastian wurde nicht ausschließlich als Farbvererber eingesetzt, sondern in zwei Disziplinen sportlich vorgestellt. HorseTelex führt ihn mit Erfolgen bis 1,20 Meter im Springen und bis Advanced Medium beziehungsweise vergleichbarem gehobenem Dressurniveau. Auch SporthorseData dokumentiert Einsätze bis 1,20 Meter und bezeichnet ihn als national eingesetzten Springhengst. Damit gehört er zu den wenigen Tigerscheckhengsten seiner Generation, die sowohl unter dem Dressur- als auch unter dem Springsattel nachweisbare Leistungen erbracht haben. (SporthorseData)

Seine Hengsthalter geben darüber hinaus Siege in nationalen Springprüfungen bis 1,20 beziehungsweise 1,30 Meter und eine Einstufung als britisches Grade-B-Springpferd an. Für die Dressur werden Siege auf Advanced-Medium-Niveau sowie Starts auf Advanced- oder vergleichbarem Niveau genannt. In einzelnen Werbeangaben ist außerdem von Prix-St.-Georges-Niveau die Rede. Diese Angaben zeigen, dass er deutlich über den reinen Freizeitbereich hinaus ausgebildet wurde. Sie sollten jedoch nicht mit einer belegten internationalen PSG- oder Grand-Prix-Karriere gleichgesetzt werden, da frei zugängliche vollständige Turnierergebnisse dafür fehlen. (Facebook)

Gerade seine Vielseitigkeit ist bemerkenswert. Palousa San Sebastian war kein reiner Bewegungsvererber, der nur an der Hand präsentiert wurde, und auch kein Hengst, dessen Springqualität ausschließlich anhand des Freispringens beurteilt wurde. Er wurde tatsächlich in Dressur- und Springprüfungen eingesetzt. Das macht ihn züchterisch interessanter als viele frühe Sporttigerschecken, bei denen zwar berühmte Hengste im Pedigree standen, aber kaum belastbare Eigenleistung vorhanden war.

Körung und Zuchteinsatz

Palousa San Sebastian wurde beim Zuchtverband für deutsche Pferde, dem ZfdP, gekört und im Hengstbuch I geführt. Zusätzlich wurde er im britischen Warmblutzuchtbereich anerkannt. Damit konnte er nicht nur innerhalb einer Appaloosa-Farbzucht eingesetzt werden, sondern auch in Zuchtprogrammen, die auf moderne Sportpferde ausgerichtet sind. (Facebook)

Seine Nachkommen wurden unter anderem beim KWPN, bei Zangersheide, beim AES, beim britischen Warmblut und in weiteren europäischen Zuchtbüchern registriert. Die öffentlich einsehbaren Datenbanken zeigen bislang nur eine relativ kleine Zahl erfasster Nachkommen, darunter Palousa van Erpekom Z, P Saffier van den Blijkeer Z, Spotifly und mehrere sportlich gezogene Stuten. Die geringe Zahl darf allerdings nicht automatisch mit geringer züchterischer Bedeutung gleichgesetzt werden, da nicht alle Nachkommen international vollständig in denselben Datenbanken dokumentiert sind. (HorseTelex)

Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Tochter, die bei einer britischen Nachwuchsbewertung ein Elite-Prädikat mit 9,39 Punkten erhalten haben soll. Auch Gold-Prämien und Schauerfolge einzelner Nachkommen werden von seinen Hengsthaltern genannt. Solche Ergebnisse sind für einen Farbvererber interessant, ersetzen jedoch noch keine breite Sportstatistik über mehrere Nachkommenjahrgänge. (Yumpu)

Warum Palousa San Sebastian für die moderne Tigerscheckenzucht wichtig ist

Palousa San Sebastian war nicht das erste gepunktete Sportpferd und auch nicht der sportlich erfolgreichste Tigerschecke aller Zeiten. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Konsequenz seines Pedigrees. Auf der Vaterseite stehen San Remo, Wolkentanz I und Weltmeyer, auf der Mutterseite Gribaldi, Kostolany und eine bewährte niederländische Appaloosa-Stutenfamilie. Damit wurde die Tigerscheckung nicht nachträglich an ein zufälliges Warmblutpedigree angehängt. Sie wurde mit zwei der wichtigsten Dressurlinien ihrer Zeit verbunden.

Zeitlich liegt Palousa San Sebastian deutlich vor jüngeren Hengsten wie Spotilas Boesgaard. Während Spotilas als Totilas-Sohn heute große Aufmerksamkeit erhält, trug Palousa San Sebastian bereits über seine Mutter Gribaldi-Blut und damit dieselbe väterliche Linie, aus der später Totilas hervorging. Über seinen Vater San Remo kam zusätzlich die Weltmeyer-Linie hinzu. Er kann deshalb als einer der Wegbereiter jener modernen Tigerscheckenzucht gelten, die Farbe nicht mehr als Ersatz für Leistung betrachtet, sondern mit anerkannten Sportpferdelinien kombiniert.

Seine tatsächlichen Erfolge lagen im gehobenen nationalen Sport und nicht im internationalen Grand Prix. Gerade diese nüchterne Einordnung macht ihn dennoch interessant. Er war groß, modern, gekört, vielseitig ausgebildet und sportlich geprüft. Vor allem aber zeigte er früh, dass ein Leopard-Tigerschecke wie ein ernst zu nehmendes Warmblut gezogen und eingesetzt werden kann – lange bevor gepunktete Totilas-Söhne und Zangersheider Tigerscheckhengste für Schlagzeilen sorgten.

Reverend Fly – Tigerscheckenfarbe trifft auf eine leistungsstarke niederländische Springpferde-Mutterlinie

Reverend Fly ist ein 2021 in Portugal geborener Tigerscheckhengst, der als KWPN-Pferd registriert wurde und damit besonders gut zeigt, wie weit sich die moderne Tigerscheckenzucht inzwischen von einer reinen Liebhaber- oder Farbzucht entfernt hat. Der etwa 1,64 Meter große Hengst stammt von Little Indian aus der Appaloosastute Axioma’s Zita und ist für das spanische Zuchtbuch CDE anerkannt. HorseTelex führt ihn außerdem als WFFS-frei und mit ersten Turniereinsätzen im Springen bis 1,00 Meter. Seine sportliche Entwicklung steht altersbedingt noch am Anfang, doch seine Abstammung macht ihn schon jetzt zu einem interessanten Vertreter der springbetonten Tigerscheckenzucht.

Seine portugiesische Züchterin Maria Chambell bezeichnet Reverend Fly als den ersten in Portugal geborenen Warmblut-Tigerschecken, der gezielt für den Springsport gezogen wurde. Diese Aussage stammt aus der eigenen Zuchtpräsentation und ist unabhängig nur schwer vollständig zu überprüfen. Unstrittig ist jedoch, dass Reverend Fly zu einer kleinen Gruppe moderner Leopard-Warmblüter gehört, bei denen die auffällige Farbe mit eng geführten europäischen Springlinien verbunden wird.

Little Indian – derselbe Vater wie bei J-Nius V.V. Z

Reverend Fly stammt wie der Zangersheider Hengst J-Nius V.V. Z von Little Indian ab. Beide Hengste sind damit Halbbrüder väterlicherseits, besitzen jedoch unterschiedliche Mutterlinien. Während J-Nius aus einer Ugano-Sitte–Chacco-Blue-Mutter stammt, geht Reverend Fly mütterlicherseits auf Axioma’s Zita und damit auf eine Verbindung aus niederländischer Appaloosazucht und bewährtem KWPN-Springblut zurück.

Little Indian wurde 2008 geboren und selbst im internationalen Springen bis 1,45 Meter eingesetzt. Er bringt die Tigerscheckung über seine Mutter Charlene mit, während sein Vater Startrek eine ausgesprochen sportliche Abstammung besitzt. Startrek stammt von Quick Star aus der Westfalenstute Gräfin. Quick Star war unter Meredith Michaels-Beerbaum bis 1,60 Meter erfolgreich und wurde später zu einem der bedeutendsten Springpferdevererber seiner Generation. Auf der Mutterseite von Little Indian erscheint außerdem Limbo, ein international bis 1,40 Meter eingesetzter Sohn des KWPN-Hengstes Concorde.

Damit bringt Little Indian nicht nur das Leopard-Gen, sondern bereits eine konsolidierte Springabstammung mit. Diese Kombination erklärt, weshalb er gleich für mehrere moderne Tigerscheckhengste eingesetzt wurde. Reverend Fly ist daher kein farbiger Warmblüter, bei dem das Springpedigree erst auf der Mutterseite ergänzt werden musste. Bereits sein Vater vereint Farbe mit nachgewiesener sportlicher Eigenleistung.

Axioma’s Zita – mehr als nur eine farbige Mutterstute

Die Mutter Axioma’s Zita wurde 2004 in den Niederlanden geboren. Sie ist eine 1,67 Meter große Tigerscheckstute von Bratt aus der KWPN-Stute Parnita und wird im niederländischen Appaloosazuchtbuch mit dem Prädikat „preferent“ geführt. Sportlich wurde sie in der Dressur auf Novice- beziehungsweise niederem nationalem Niveau eingesetzt. Ihre eigentliche Bedeutung liegt jedoch in ihrer Abstammung und ihrer Nachzucht.

Axioma’s Zita brachte mehrere sportlich registrierte Nachkommen. Dazu gehören Peru’s Dumoulin mit Springen bis 1,20 Meter, Peru’s Secret-Spot bis 1,10 Meter sowie San Antonio Fly und Reverend Fly mit ersten Einsätzen bis 1,00 Meter. Diese Ergebnisse liegen noch nicht im internationalen Spitzensport, zeigen aber, dass die Stute wiederholt reitbare und sportlich nutzbare Nachkommen hervorgebracht hat.

Reverend Fly ist außerdem Vollbruder der 2020 geborenen Zangersheider Stute Jeanne d’Arc Fly Z, denn beide stammen von Little Indian aus Axioma’s Zita. Seine Mutter wurde über mehrere Jahre mit unterschiedlichen Sporthengsten angepaart, darunter Secret und Carlsson vom Dach. Die Zuchtstrategie war damit erkennbar darauf ausgerichtet, das Leopard-Muster mit einem modernen Reitpferdetyp und sportlicher Veranlagung zu verbinden.

Bratt und Palousa Santos bringen die Tigerscheckenlinie

Der Muttervater Bratt war ein 1,68 Meter großer niederländischer Appaloosahengst. Er stammte von Palousa Santos aus der Stute Aritha und wurde selbst in der Vielseitigkeit bis etwa 1,00 Meter eingesetzt. Über Bratt führt Reverend Fly jene gefestigte Tigerscheckengenetik, die in verschiedenen niederländischen Appaloosa- und Sportpferdelinien wiederkehrt.

Bratts Vater Palousa Santos darf nicht mit Palousa San Sebastian verwechselt werden. Palousa Santos war ein älterer Appaloosahengst und brachte das Leopard-Muster über Palousa Excellenta in die Linie. In der weiteren Abstammung steht außerdem der Anglo-Araber De Saint Urus d’Olympe. Bratts Mutter Aritha stammte von Sonny af Højmark, einem Kn