Barockreiten

Was Barockreiten wirklich bedeutet

Beim Wort Barockreiten denken viele zuerst an Federhuete, goldbestickte Schabracken und Auftritte in historischen Trachten. Fuer manche Show trifft das zu, den Kern verfehlt es trotzdem. Barockreiten funktioniert genauso in Reithose und schlichtem Sattel. Gemeint ist eine Reitweise, die auf den Lehren der grossen Reitmeister des 17. und 18. Jahrhunderts aufbaut und sie dort weiterfuehrt, wo es dem Pferd nuetzt.

Der Kern laesst sich in einem Satz sagen: Du bildest dein Pferd langsam und gymnastizierend im Einklang mit seinem Koerper aus, bis feinste Hilfen genuegen. Die Ausbildung richtet sich nach dem Pferd und laesst ihm alle Zeit, die es braucht. Am Ende steht die stille Verstaendigung zwischen Reiter und Pferd, bei der die Zuegel-, Schenkel- und Gewichtshilfen fuer den Zuschauer kaum noch sichtbar sind.

Drei Begriffe tauchen rund um dieses Thema immer wieder auf, und es lohnt sich, sie sauber zu trennen. Die klassische Reitkunst meint die gesamte Tradition feiner Ausbildung, die bis zum Griechen Xenophon zurueckreicht. Barockreiten oder klassisch-barockes Reiten bezeichnet den Zweig dieser Tradition, der sich besonders auf die Meister der Barockzeit beruft. Die Hohe Schule steht fuer die hoechsten, stark versammelten Lektionen am Ende eines langen Ausbildungswegs.

Die Geschichte, von Xenophon bis in die Reithöfe des Barock

Wer Barockreiten versteht, versteht auch, warum diese Reitweise so viel Wert auf Geduld legt. Ihre Wurzeln reichen weit zurueck.

Xenophon und die lange Stille danach

Schon um 400 vor Christus schrieb der griechische Feldherr und Philosoph Xenophon zwei Werke ueber den Umgang mit dem Pferd. Er rief zu Verstaendigung statt Zwang auf und forderte einen gerechten, beherrschten Umgang mit dem Tier. Danach vergingen rund zweitausend Jahre, in denen kaum schriftliche Reitlehren ueberliefert sind. Das Wissen lebte in der Praxis der berittenen Krieger weiter, aufgeschrieben wurde es lange kaum.

Grisone und die Akademien von Neapel

In der Renaissance kam die Reitkunst in Bewegung, vor allem durch die Gruendung von Reitakademien. Die erste entstand um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Neapel unter Federico Grisone. Fast alle bedeutenden Reitmeister der folgenden Zeit lernten dort oder bei seinen Schuelern. Grisone brachte wichtige Bausteine ein, etwa die Betonung der Trabarbeit und das Reiten auf gebogenen Linien.

Sanft war seine Schule allerdings mitnichten. Die von ihm beschriebenen Strafmethoden, darunter Igel unter dem Schweif und an Stoecke gebundene Katzen, lesen sich heute so verstoerend wie grausam. Gerade dieser Gegensatz zeigt, welchen Bruch die folgende Generation vollzog.

Pluvinel verbannte die Gewalt aus dem Stall

An Grisones Akademie lernte Giovanni Battista Pignatelli, und bei ihm wiederum der Franzose Antoine de Pluvinel. Pluvinel wurde spaeter Stallmeister und Reitlehrer von Koenig Ludwig XIII. Er kehrte zur Haltung Xenophons zurueck und war ueberzeugt, dass sich ein Pferd mit Geduld, Verstaendnis und Lob zur freudigen Mitarbeit gewinnen laesst. Von ihm stammt der schoene Gedanke, dass das Pferd selbst Freude an der Arbeit haben muss, weil dem Reiter sonst nichts mit Anmut gelingt. Pluvinel gilt als Erfinder der Pilaren, jener Saeulen, an denen versammelnde Lektionen erarbeitet werden, und als frueher Wegbereiter der Bodenarbeit. Seine Reitlehre erschien in den 1620er Jahren.

Gueriniere, der Vater der klassischen Reitkunst

Die eigentliche Gruendungsfigur der klassisch-barocken Reiterei ist Francois Robichon de la Gueriniere. Er fuehrte eine eigene Reitakademie in Paris und veroeffentlichte 1733 sein Hauptwerk Ecole de Cavalerie. Dieses Buch gilt bis heute als Grundlage der klassischen Reitkunst, und selbst die moderne Turnierdressur beruft sich auf seine Prinzipien. Gueriniere legte den reiterlichen Sitz fest, der noch heute gelehrt wird, und entwickelte das Schulterherein zu jener Schluessellektion, die das Pferd geschmeidig macht. Fuer ihn war Reiten eine Kunst und die Ausbildung eines Pferdes die Vervollkommnung seiner Natur. Sein Rat, ein Pferd erst dann in den Galopp zu setzen, wenn es durch geduldige Trabarbeit geloest und biegsam geworden ist, beschreibt bis heute den roten Faden der ganzen Reitweise.

Baucher und die Spaltung in zwei Lager

Ab 1833 veroeffentlichte der Franzose Francois Baucher seine Lehren und entwickelte sie zeitlebens weiter. Schon zu Lebzeiten war er umstritten und spaltete die Reiterwelt. Bis heute wirkt das nach. Grob gesagt stehen sich zwei Stroemungen gegenueber, die deutsch gepraegte Linie in der Tradition von Gueriniere und Gustav Steinbrecht auf der einen Seite, und die franzoesische Linie der Leichtigkeit in der Nachfolge Bauchers auf der anderen. Wer sich mit modernen Ausbildern beschaeftigt, trifft immer wieder auf diese beiden Wurzeln.

Die vier grossen Schulen Europas

Von den vielen Hofreitschulen der Barockzeit haben nur wenige ueberlebt. Vier gelten als die grossen Bewahrer der klassischen Reitkunst, und jede hat ihren eigenen Charakter.

Die Spanische Hofreitschule in Wien

Die Spanische Hofreitschule in Wien pflegt die klassische Reitkunst seit mehr als vierhundertfuenfzig Jahren und ist damit die aelteste Einrichtung ihrer Art. Ihren Namen traegt sie, weil ihre Pferde urspruenglich von der Iberischen Halbinsel stammten. Heute reiten die Bereiter dort die weissen Lipizzanerhengste, die im Gestuet Piber gezuechtet werden. Die Schule orientiert sich an Gueriniere und studiert die natuerlichen Veranlagungen des Pferdes, um sie durch systematisches Training zu formen.

Der Cadre Noir in Saumur

Der franzoesische Cadre Noir mit Sitz nahe Saumur verdankt seinen Namen den schwarzen Uniformen seiner Rittmeister. Anders als Wien folgt er staerker der Lehre Bauchers, und er bildet auch im Spring- und Gelaendereiten aus. Seine Vorfuehrungen bestehen traditionell aus einer Dressurquadrille und den beeindruckenden Spruengen ueber der Erde. Aus dem Cadre Noir ging einer der einflussreichsten Ausbilder der Gegenwart hervor, dazu gleich mehr.

Die Real Escuela Andaluza in Jerez

Die Koeniglich-Andalusische Reitschule im spanischen Jerez de la Frontera wurde 1973 gegruendet. Sie arbeitet mit Pferden der Pura Raza Espanola und ist beruehmt fuer ihre Leichtigkeit und ihren kuenstlerischen Ausdruck. In der Schau mit dem Titel Como bailan los caballos andaluces, also wie die andalusischen Pferde tanzen, zeigt sie Lektionen der Hohen Schule, Arbeit an der Hand und Spruenge ueber der Erde. Die Schule ist zugleich ein wichtiges Zentrum fuer Zucht und Erhalt des PRE.

Die Escola Portuguesa in Lissabon

Die Portugiesische Schule fuer Reitkunst entstand 1979 und hat ihren Sitz in den Gaerten des Nationalpalastes von Queluz nahe Lissabon. Sie reitet Lusitanos, haeufig Schimmel aus der koeniglichen Linie Alter Real, und gilt als nationales Kulturerbe. Ihre Aufgabe ist es, die traditionelle portugiesische Reiterei zu lehren und lebendig zu halten.

Bueckeburg, Versailles und die deutsche Spur

Neben den grossen Vier gibt es weitere Orte, an denen die Kunst gepflegt wird. In Deutschland bewahrt die Fuerstliche Hofreitschule Bueckeburg die barocke Reiterei in historischem Rahmen, ihr Marstall stammt aus der Zeit um 1608. In Frankreich gruendete der Kuenstler Bartabas 2003 in den Stallungen von Versailles eine Akademie, die das Reiten mit Fechten, Tanz und Musik verbindet. So zeigt sich, dass die Reitkunst ueber die alten Hoefe hinaus immer wieder neue Formen findet.

Die Meister der Gegenwart

Dass Barockreiten heute wieder viele Menschen begeistert, verdanken wir einigen Ausbildern, die das alte Wissen zurueck ins Licht geholt haben.

Der Portugiese Nuno Oliveira machte die feine iberische Reiterei von den 1960er bis in die 1980er Jahre durch seine Auftritte, Kurse und Buecher weithin bekannt. Viele der heute aktiven Klassikreiter berufen sich auf ihn oder haben bei seinen Schuelern gelernt.

In Deutschland praegte Egon von Neindorff Generationen von Reitern mit seiner geduldigen, pferdefreundlichen Arbeit. Seine Schueler geben sein Wissen bis heute weiter.

Philippe Karl kam aus dem Cadre Noir und gruendete 2004 seine eigene Schule der Leichtigkeit, die Ecole de Legerete. Er bildet inzwischen in vielen Laendern Reitlehrer aus, die erst nach strengen Pruefungen in seinem Namen unterrichten duerfen. In seinem Buch Irrwege der modernen Dressur rechnet er scharf mit den Auswuechsen des Turniersports ab.

Bent Branderup gab der von ihm geformten Richtung den Namen Akademische Reitkunst. Er lernte an der Schule in Jerez, bei Nuno Oliveira in Portugal und bei Egon von Neindorff in Deutschland. Beruehmt wurde seine Arbeit mit dem Knabstrupperhengst Hugin, einem schwer verletzten und im Alter erblindeten Pferd, das er durch kluge, gymnastizierende Uebungen bis ins hohe Alter gesund und beweglich hielt. In seiner Reiterei spielen der Kappzaum und die Arbeit an der Hand eine grosse Rolle, und nach der Grundausbildung reitet er seine Pferde auf blanker Kandare.

Die Ausbildung, ein Weg über Jahre

Der groesste Unterschied zwischen Barockreiten und schnellem Reiterglueck liegt in der Zeit. Ein barock ausgebildetes Pferd wird oft erst mit fuenf, sechs oder sogar sieben Jahren angeritten. Vorher und begleitend arbeitest du es vom Boden aus, an der Longe, an der Doppellonge und an der Hand. So versteht das junge Pferd bestimmte Hilfen schon, bevor ein Reiter auf seinem Ruecken sitzt, und es fasst Vertrauen zu dir.

Das Ziel dieser langsamen Arbeit heisst Gymnastizierung. Du machst das Pferd Schritt fuer Schritt geschmeidig, kraeftig und gerade, damit es das Reitergewicht gut tragen kann. Zwei Begriffe beschreiben, worum es dabei geht. Losgelassenheit meint ein entspanntes, zwanglos schwingendes Pferd. Versammlung meint, dass das Pferd vermehrt Last mit der Hinterhand aufnimmt, sich aufrichtet und leichter wird in der Vorhand. Beides gehoert zusammen, und beides braucht Jahre.

Eine Schluesselrolle spielt das Schulterherein, jene Lektion, bei der das Pferd auf drei Hufschlaegen leicht gebogen geht. In der klassischen Ausbildung uebst du es sehr frueh und schon vom Boden aus, weil es das Pferd loest, biegt und auf die versammelnden Lektionen vorbereitet. Aus ihm heraus entwickeln sich die weiteren Seitengaenge.

Am anderen Ende des Ausbildungswegs steht die Arbeit am langen Zuegel, bei der du hinter dem Pferd hergehst und es zu anspruchsvollen Lektionen fuehrst. Gerade fuer alte Pferde, die den Reiter nur noch schonend oder gar nicht mehr tragen sollen, ist das ein Geschenk. Sie bleiben in Bewegung und behalten ihre Muskeln und ihre Freude an der Arbeit. Dass die Pferde der alten Meister oft sehr alt wurden, hat viel mit dieser schonenden Ausbildung zu tun.

Die Lektionen, Schulen auf der Erde und Schulen über der Erde

Die barocke Reitlehre teilt ihre Lektionen in zwei grosse Gruppen.

Die Schulen auf der Erde

Zu den Schulen auf der Erde gehoeren neben den drei Grundgangarten die Seitengaenge wie Travers und Renvers, das Rueckwaertsrichten, die Pirouetten und die fliegenden Galoppwechsel. Dazu kommen die versammelten Kunstgaenge. Die Piaffe ist ein trabartiges Auf-der-Stelle-Treten in hoechster Versammlung, die Passage ein besonders erhabener, schwebender Trab. Das Terre a terre ist ein stark verkuerzter, springender Galopp, der frueher im Gefecht und beim Fechten vom Pferderuecken aus gebraucht wurde. Auch der spanische Schritt mit seinem betonten Vorstrecken der Vorderbeine zaehlt zum Repertoire.

Die Schulen über der Erde

Die Schulen ueber der Erde sind die spektakulaeren Spruenge, bei denen das Pferd den Boden verlaesst. Sie stammen aus der Kriegsreiterei und galten als Koenigsdisziplin. Bei der Levade und der Pesade erhebt sich das Pferd kontrolliert auf die tief gebeugte Hinterhand, die Vorderbeine angewinkelt. Bei der Courbette springt es auf den Hinterbeinen vorwaerts, ohne die Vorhand abzusetzen. Croupade und Ballotade sind Spruenge auf der Stelle. Die Kapriole ist der hohe Sprung, an dessen hoechstem Punkt das Pferd mit den Hinterbeinen kraeftig ausschlaegt. Diese Lektionen verlangen enorme Kraft und sind deshalb nur an wenigen Orten der Welt in echter Vollendung zu sehen.

Die Ausrüstung in der Barocken Reitkunst

Barockreiten kommt mit schlichter Ausruestung aus, ein paar besondere Stuecke gehoeren aber dazu. Der Kappzaum, ein Zaum mit gepolstertem Nasenteil, ist das zentrale Werkzeug der Boden- und Handarbeit. Ueber ihn gibst du feine Hilfen und schonst dabei das empfindliche Maul. Fuer die feine Verstaendigung im weiteren Verlauf steht die Kandare, jene Gebissform mit Anzuegen und Kinnkette, die feinste Signale uebertraegt. Das hoechste Ziel vieler Barockreiter ist das einhaendige Reiten auf blanker Kandare, mit so gut wie unsichtbaren Hilfen. Dazu kommt der Barocksattel mit seiner tiefen Sitzflaeche, der dich ruhig und aufrecht sitzen laesst und dem Pferd auf seinem oft runden, kraeftigen Ruecken Platz gibt.

Die Barockpferde und welche Rasse zu dir passt

Viele Rassen tragen das Erbe der hoefischen Zucht in sich. Die meisten stammen von Pferden ab, die einst fuer Paraden, fuer den Krieg und fuer praechtige Gespanne gezuechtet wurden.

Die iberischen Pferde

Die Iberische Halbinsel ist das Herz der Barockpferdezucht. Der Pura Raza Espanola, oft Andalusier genannt, wurde am spanischen Hof zur eigenen Rasse geformt und verbreitete sich ueber die einflussreichen Habsburger in ganz Europa. Der portugiesische Lusitano, mit der koeniglichen Linie Alter Real, gilt als eine der aeltesten Rassen ueberhaupt und ist heute auch im Working Equitation international erfolgreich. Dazu gehoeren der nordafrikanische Berber und der urtuemliche, seltene Sorraia. Diese Pferde sind wendig und menschenbezogen und lernen die versammelten Lektionen leicht.

Friese, Lipizzaner und Kladruber

Der Friese aus den Niederlanden entstand aus iberischen und heimischen Pferden und diente lange als eindrucksvolles Kutschpferd. Sein tiefschwarzes Fell und seine hohe Aufrichtung machen ihn zum Liebling vieler Barockreiter. Der Lipizzaner geht auf das Gestuet Lipica der Habsburgermonarchie zurueck und traegt die Reiter der Wiener Hofreitschule. Der Kladruber, ebenfalls ein Pferd der k. u. k. Monarchie, wurde ab dem 16. Jahrhundert im Hofgestuet Kladruby an der Elbe fuer den repraesentativen Zug gezuechtet.

Die dänischen Rassen

Am daenischen Hof entstanden zwei besondere Rassen. Der Frederiksborger stammt vom koeniglichen Gestuet der daenischen Krone. Der Knabstrupper wurde als eigene Farbvariante daraus gezuechtet und faellt durch seine Tigerscheckung auf. Auch er zeigt sich heute gern im barocken Typ mit kraeftigem Hals und muskuloeser Hinterhand.

Barocktyp und die Wahrheit ueber die Rasse

Neben diesen alten Rassen gibt es viele Pferde im sogenannten Barocktyp, also mit einem eher kurzen, quadratischen und muskuloesen Koerperbau. Dazu zaehlen neuere Zuchten wie der Barockpinto oder der Warlander, eine Kreuzung aus Friese und PRE. Bei aller Liebe zu diesen Pferden gilt aber ein wichtiger Gedanke. Barockreiten ist feines, gymnastizierendes Reiten im Einklang mit dem einzelnen Pferd, und das kannst du mit fast jedem Pferd ueben. Auch ein Haflinger, ein Araber oder ein solides Freizeitpferd profitiert von dieser Arbeit und wird dadurch gesuender und schoener in seinen Bewegungen.

Für wen Barockreiten das Richtige ist

Barockreiten passt zu dir, wenn du den Weg mehr liebst als das Ziel und Freude daran hast, dein Pferd ueber Jahre wachsen zu sehen. Du brauchst Geduld und Feingefuehl und die Bereitschaft, an deinem eigenen Sitz zu arbeiten, denn die feinen Hilfen entstehen erst, wenn du selbst ruhig und ausbalanciert sitzt. Wettkampfehrgeiz tritt in den Hintergrund, an seine Stelle rueckt die stille Freude an einer gelungenen Lektion. Fuer aeltere Pferde, fuer sensible Pferde und fuer Menschen, die eine echte Beziehung zu ihrem Tier suchen, ist diese Reitweise oft ein Gluecksfall.

So gelingt dir der Einstieg in das barocke Reiten

Der beste erste Schritt fuehrt ueber das Zuschauen und das Lernen. Besuche Kurse und Vorfuehrungen und beobachte, wie feine Reiter mit ihren Pferden umgehen. Suche dir einen Trainer, der in einer der klassischen Richtungen ausgebildet ist, ob in der Akademischen Reitkunst, in der Schule der Leichtigkeit oder in der iberischen Tradition. Beginne mit sauberer Bodenarbeit und mit dem Schulterherein an der Hand, lange bevor du an schwierige Lektionen denkst. Lies die Klassiker, allen voran Gueriniere, und ergaenze sie mit den Buechern der modernen Meister. Vor allem aber gib dir und deinem Pferd Zeit. Jeder ruhige, ehrliche Schritt ist in dieser Reitweise mehr wert als ein schnelles, erzwungenes Ergebnis.

Barockreiten und moderne Turnierdressur im Vergleich

Auf den ersten Blick aehneln sich beide Reitweisen stark. Viele Lektionen sind gleich, und auch Sitz und Hilfen gehen auf dieselbe Wurzel zurueck, naemlich auf Gueriniere. Die Unterschiede liegen im Umgang mit Zeit und Anspruch. Das barocke Pferd wird spaeter angeritten und laenger vom Boden gearbeitet. Das Schulterherein steht schon am Anfang und nicht erst in der Mitte der Ausbildung. Die Schulen ueber der Erde und die Arbeit am langen Zuegel gehoeren fest dazu, waehrend sie in der Turnierdressur kaum eine Rolle spielen.

Die Wiederentdeckung des Barockreitens haengt eng mit Kritik am modernen Turniersport zusammen. Kritiker werfen ihm vor, sich zwar auf die klassischen Prinzipien zu berufen, sie aber im Streben nach schnellem Erfolg zu verwaessern. Unter Wettkampfdruck werde zu frueh versammelt und mit fragwuerdigen Methoden nachkorrigiert, bis hin zur beruechtigten Rollkur, bei der das Pferd eng eingerollt wird. Dazu komme, dass im Turnier oft die Pferde gewinnen, die schon von Natur aus spektakulaere Gaenge mitbringen, sodass die Ausbildungsarbeit weniger zaehlt als die Herkunft des Pferdes. Das Barockreiten setzt dem ein anderes Versprechen entgegen. Es will das einzelne Pferd gesund erhalten und in seinen eigenen Moeglichkeiten vervollkommnen, in aller Ruhe und im Einklang mit seinem Wesen.