Tennessee Walking Horse
Gangarten, Charakter, Preise und Eignung als Freizeitpferd
Es gibt Pferde, die man reitet, und es gibt Pferde, auf denen man sitzt wie in einem Sessel, während die Landschaft vorbeizieht. Das Tennessee Walking Horse gehört zur zweiten Sorte. Sein Running Walk ist ein Viertakt ohne Schwebephase, der Reiter wird also niemals aus dem Sattel geworfen, obwohl das Pferd mit bis zu 32 Stundenkilometern unterwegs sein kann. Wer einmal darauf gesessen hat, versteht sofort, warum amerikanische Farmer diese Pferde über Generationen gezielt darauf gezüchtet haben.
Dieses Rasseportrait zeigt Dir, woher das Tennessee Walking Horse kommt, wie seine Gänge funktionieren, wie es sich im Alltag anfühlt, was es kostet, wie alt es wird und ob es zu Dir passt. Über den dunklen Teil der Rassegeschichte, das Soring in der amerikanischen Showszene, findest Du bei uns einen eigenen ausführlichen Beitrag. Hier im Portrait bekommst Du den Zusammenhang in Kurzform, damit Du beim Pferdekauf weißt, worauf Du achtest.
Das Tennessee Walking Horse auf einen Blick
Herkunft: USA, Bundesstaat Tennessee
Entstehung: ab etwa 1790, Rasseverband seit 1935
Stockmaß: 150 bis 173 Zentimeter, die meisten liegen zwischen 150 und 165 Zentimeter
Gewicht: 410 bis 540 Kilogramm
Farben: alle einfarbigen Grundfarben sowie Schecken, dazu Falbe, Champagne, Cream und Silver
Gangarten: Flat Walk, Running Walk, Canter, dazu weitere Nebengänge
Besonderheit: Viertakt ohne Schwebephase, Kopfnicken im Takt, Überspur bis 46 Zentimeter
Charakter: freundlich, nervenstark, menschenbezogen
Verwendung: Freizeitreiten, Wanderreiten, Distanz, Western, Fahren, Show
Preis in Deutschland: im Schnitt rund 6.900 Euro
Lebenserwartung: 25 bis 30 Jahre, robuste Vertreter darüber
Die Herkunft: aus Passgängern und Trabern entsteht ein neues Reitpferd
Die Geschichte beginnt um 1790 in Middle Tennessee, auf den Kalksteinweiden rund um Shelbyville und Lewisburg. Siedler brachten aus Kentucky zwei Pferdetypen mit, die damals in Nordamerika begehrt waren: den Narragansett Pacer und den Canadian Pacer. Beide waren Gangpferde, beide liefen also von Natur aus in bequemen Zwischengängen statt zu traben. Dazu kamen gangveranlagte Spanish Mustangs aus Texas.
Aus diesen Kreuzungen entstand ein Schlag, den man schlicht Tennessee Pacer nannte. Diese Pferde arbeiteten auf Farmen und Plantagen, sie zogen Wagen, wurden geritten, gelegentlich sogar gerannt. Ihr Kapital war die Trittsicherheit auf steinigem Boden und ein Gang, den ein Aufseher acht Stunden am Tag aushielt. Im Lauf des 19. Jahrhunderts kamen Blut vom Morgan, vom Standardbred, vom Vollblut und vom American Saddlebred hinzu. Jede dieser Rassen hinterließ Spuren: das Fundament vom Morgan, die Bewegungsmechanik vom Standardbred, die Eleganz vom Saddlebred.
Bemerkenswert daran ist, was ringsherum passierte. Der Narragansett Pacer verschwand vollständig, weil die Menschen anfingen, mehr zu fahren als zu reiten. Für die Kutsche brauchte es Traber, also verschwanden die Passgänger aus der Zucht. In Tennessee lief die Entwicklung anders. Dort blieb der bequeme Gang das Zuchtziel, und genau deshalb existiert die Rasse heute noch.
Black Allan F-1: der Hengst, der partout nicht traben wollte
1886 fiel in Kentucky ein schwarzes Hengstfohlen, das als Traber Karriere machen sollte. Sein Vater Allendorf stammte aus der berühmten Hambletonian-Traberlinie, seine Mutter Maggie Marshall war eine Morgan-Stute. Das Fohlen bekam den Namen Black Allan.
Auf der Rennbahn wurde er zur Enttäuschung. Black Allan trabte nicht, er fiel immer wieder in den Passgang. Für einen Traberzüchter war das ein Totalausfall. Der Hengst wurde weitergereicht, verkauft, weiterverkauft, am Ende soll er gegen eine Kuh und einen Esel getauscht worden sein. Ein Pferd, das im Blutverzeichnis der Rasse heute an allererster Stelle steht, war zwischenzeitlich weniger wert als ein Nutztier.
Erst James Brantley in Coffee County erkannte, dass dieser vermeintliche Fehler ein Zuchtwert war. Er stellte Black Allan als Deckhengst auf lokale Stuten, und der Hengst vererbte seinen Gang mit erstaunlicher Zuverlässigkeit. 111 Fohlen sind von ihm dokumentiert. 1910 starb er, kurz nachdem der Züchter Albert Dement ihn Brantley abgekauft hatte, mit der ausdrücklichen Garantie, dass der Hengst die Decksaison überleben würde.
Als sich 1935 der Zuchtverband gründete, bekam Black Allan posthum die Registriernummer F-1. Seither trägt er den Namen Allan F-1 und gilt als Gründungshengst der Rasse.
Roan Allen, Merry Legs und Wilson’s Allen: die Gründerpferde
Der wichtigste Sohn von Black Allan fiel 1904 auf Brantleys Farm und hieß Roan Allen. Er war ein Rotschimmel mit Blesse, weißen Beinen und langer, hellblonder Mähne, ausgewachsen 160 Zentimeter groß. Brantley beobachtete an ihm binnen weniger Stunden nach der Geburt einen sauberen Running Walk. Roan Allen wurde zum erfolgreichen Showpferd und zum Vererber, dem eine besondere Rolle zukommt: Fachleute gehen davon aus, dass sich jedes heute lebende Tennessee Walking Horse auf ihn zurückführen lässt. Er bekam die Nummer F-38.
Die zweite Säule ist eine Stute. Merry Legs, gefallen 1911, war ein Braunschimmel mit Sabino-Abzeichen, 157 Zentimeter groß und über 500 Kilogramm schwer. Sie stammte aus der einzigen Anpaarung von Black Allan mit der Saddlebred-Stute Nell Dement. Merry Legs gewann als Dreijährige die Stakes-Klasse auf der Tennessee State Fair und brachte anschließend 13 Fohlen, darunter Merry Boy, Major Allen und Bud Allen. Sie erhielt die Gründernummer F-4.
Ihr Züchter Albert Dement gilt als der erste Mann in der Rasse, der planvolle Inzucht betrieb, also gezielt eng verwandte Tiere anpaarte, um die Ganganlage zu festigen. Der Verband ehrte ihn posthum mit dem Master Breeder Award.
Und dann ist da noch Wilson’s Allen, 1914 geboren, ein Fuchshengst von Roan Allen. Er selbst wurde niemals auf einer Show vorgestellt. Trotzdem stammen die ersten drei World Grand Champions der Rasse von ihm ab. Gekauft wurde er als Fohlen für 200 Dollar.
Der Zuchtverband und das geschlossene Zuchtbuch
1935 gründete sich in Lewisburg die Tennessee Walking Horse Breeders‘ Association of America mit 115 eingetragenen Pferden. 1974 kam der Showbetrieb offiziell dazu, seither heißt der Verband Tennessee Walking Horse Breeders‘ and Exhibitors‘ Association, kurz TWHBEA.
1947 schloss der Verband das Zuchtbuch. Seither wird ein Pferd nur dann eingetragen, wenn beide Elternteile bereits eingetragen sind. Fremdes Blut kommt also seit fast achtzig Jahren nicht mehr hinein. 1950 erkannte das US-Landwirtschaftsministerium das Tennessee Walking Horse als eigenständige Rasse an, im Jahr 2000 machte der Bundesstaat Tennessee es zu seinem offiziellen Staatspferd.
Die Zahlen sind für eine Freizeitpferderasse beachtlich: Bis 2017 hatte der TWHBEA mehr als 520.000 Pferde registriert, der Verband zählt rund 19.000 Mitglieder. In Kentucky ist das Tennessee Walking Horse die dritthäufigste Rasse, gleich hinter Vollblut und Quarter Horse.
Aussehen und Körperbau
Ein Tennessee Walking Horse erkennt man weniger an einer einheitlichen Form als an einer Gesamterscheinung. Der Verband beschreibt die Rasse als edel und elegant bei kräftigem Fundament. Typisch sind ein langer Hals, ein klar geschnittener Kopf mit kleinen, gut angesetzten Ohren und ein aufrechtes, hohes Halsen, das die Pferde größer wirken lässt, als sie tatsächlich sind.
Schulter und Hüfte sind lang und schräg, der Rücken kurz, die Nierenpartie fest. Die Hinterhand ist gut bemuskelt und deutlich stärker gewinkelt als bei den meisten trabenden Rassen. Interessant ist dabei ein Punkt, der in anderen Zuchten als Fehler zählt: Kuhhessigkeit und säbelbeinige Hinterhand sind beim Tennessee Walking Horse ausdrücklich zulässig. Genau diese Winkelung ermöglicht dem Pferd, die Hinterhand so weit unter den Körper zu schieben, dass die spektakuläre Überspur entsteht.
Weil die Zucht seit jeher auf Gang und Charakter selektiert und weniger auf ein Schönheitsideal, fällt der Typ innerhalb der Rasse breit aus. Manche Walker erinnern an ein kompaktes Quarter Horse, andere an ein leichtes Vollblut. Die Hufe sind mittelgroß und von guter Qualität, die Röhrbeine kurz, die Brust tief. Mähne und Schweif wachsen üppig und werden traditionell lang getragen.
Farben: von Rappe bis Champagne
Farblich bekommst Du beim Tennessee Walking Horse fast alles, was die Pferdegenetik hergibt. Neben den Grundfarben Rappe, Brauner und Fuchs kommen sämtliche Aufhellungsgene vor: das Cream-Gen mit Palomino, Buckskin und Smoky Black, das echte Falbgen, das Champagne-Gen und Silver. Dazu treten alle wichtigen Scheckungsmuster auf, also Tobiano, Overo und Sabino, sowie Stichelhaar in Blue Roan und Red Roan.
Diese Farbvielfalt hat einen einfachen Grund. Wer über Generationen ausschließlich auf Gang und Wesen selektiert, verliert keine Farbe aus dem Genpool. Wo andere Zuchten Farben aussortiert haben, ist beim Walker alles geblieben. Für Käufer heißt das: Du kannst Dir Deine Wunschfarbe aussuchen, ohne beim Gang Abstriche zu machen.
Die Gangarten: was das Tennessee Walking Horse besonders macht
Hier liegt der Kern der Rasse. Ein Tennessee Walking Horse zeigt drei Hauptgangarten, dazu kommen Nebengänge, die einzelne Pferde von Natur aus anbieten.
Der Flat Walk
Der Flat Walk ist ein flotter, sehr raumgreifender Schritt im gleichmäßigen Viertakt. Die Fußfolge entspricht dem normalen Schritt, gesteigert sind Schrittlänge und Tempo. Ein Pferd im Flat Walk kommt auf etwa 6 bis 13 Stundenkilometer. Für Dich im Sattel fühlt sich das an wie ein Schritt, bei dem endlich mal etwas vorangeht. Schon hier setzt das rassetypische Kopfnicken ein.
Der Running Walk
Der Running Walk ist die Königsdisziplin und der Grund, warum es diese Rasse gibt. Die Fußfolge bleibt identisch mit dem Schritt, das Pferd wird nur immer schneller. Der Übergang vom Flat Walk in den Running Walk verläuft fließend, ein deutlicher Gangwechsel bleibt aus. Tempo: 16 bis 32 Stundenkilometer.
Zwei Dinge passieren dabei gleichzeitig. Erstens greift die Hinterhand weit über die Spur der Vorderhufe hinaus, üblich sind 15 bis 46 Zentimeter. Diese Überspur gilt in der Zucht als Qualitätsmerkmal, je größer, desto höher bewertet. Zweitens nickt das Pferd im Takt mit dem Kopf, manche Walker klappern dabei sogar rhythmisch mit den Zähnen.
Entscheidend für den Reiter: Der Running Walk hat keine Schwebephase. Immer steht mindestens ein Huf am Boden. Damit fehlt der Bewegung genau der Moment, der im Trab das Auf und Ab erzeugt. Du sitzt bei Tempo 25 so ruhig wie im Schritt. Deshalb legen Wanderreiter mit diesen Pferden Tagesetappen zurück, bei denen ein Trabreiter längst leichttraben müsste.
Der Canter
Der dritte Hauptgang ist der Galopp, und er hat beim Walking Horse einen eigenen Ruf. Amerikaner nennen ihn Rocking Chair Canter, also Schaukelstuhlgalopp. Er ist rund, langsam und geht stark auf und ab statt vorwärts. Für Reiter mit empfindlichem Rücken ist er einer der bequemsten Galoppsprünge überhaupt.
Weitere Gänge
Einzelne Pferde bieten von Haus aus zusätzliche Seitengänge an: Rack, Stepping Pace, Foxtrott oder Single Foot. Im Freizeitbereich sind das willkommene Extras, im amerikanischen Showring werden sie mit Punktabzug bestraft. Ein kleiner Teil der Rasse kann außerdem traben, mit langem, raumgreifendem Tritt.
Wichtig für Dich beim Probereiten: Die Gänge sind genetisch verankert, ein sauberer Running Walk ist trotzdem eine Frage der Ausbildung. Ein Pferd im Ungleichgewicht kippt leicht in den Pass oder in einen unklaren Viertakt. Lass Dir das Pferd deshalb auf verschiedenen Böden und über längere Strecken zeigen, sowohl auf dem Platz als auch im Gelände.
Wesen und Charakter
Im Gangpferdebereich nennt man das Tennessee Walking Horse gern den Gentleman unter den Pferden, und das ist ausnahmsweise mehr als Werbesprache. Sanftmut und Menschenbezug stehen seit Verbandsgründung ausdrücklich im Zuchtziel, gleichrangig neben dem Gang.
Das Ergebnis sind Pferde, die sich leicht führen lassen, die sich schnell an ihren Menschen anschließen und die im Gelände erstaunlich wenig aus der Ruhe bringt. Dazu kommt eine ausgeprägte Neugier: Ein Walker geht auf ein fremdes Objekt eher zu, als davor zurückzuweichen. Diese Nervenstärke ist der Grund, warum die Rasse in den USA häufig in der therapeutischen Arbeit eingesetzt wird und warum sie sich für Wiedereinsteiger eignet.
Dazu gehört ehrlicherweise auch: Ein sensibles, arbeitswilliges Pferd bleibt ein Pferd mit eigener Meinung. Walker reagieren fein auf Hilfen und quittieren grobe Einwirkung mit Verspannung. Feines Reiten belohnen sie sofort mit besserem Gang.
Gesundheit und rassetypische Erbkrankheiten
Die Rasse gilt als robust und langlebig, es gibt aber drei Erbkrankheiten, die Du beim Kauf kennen solltest.
Die wichtigste ist die angeborene stationäre Nachtblindheit, abgekürzt CSNB2. Sie beruht auf einer Mutation im GRM6-Gen und wird rezessiv vererbt. Betroffene Pferde sehen bei schwachem Licht schlecht, zögern nachts beim Vorwärtsgehen und finden Futter und Wasser im Dunkeln schwer. Die Erkrankung ist von Geburt an vorhanden und schreitet nicht fort. Die Häufigkeit des Gens liegt in der Rasse bei etwa zehn Prozent, erkrankt sind ausschließlich reinerbige Tiere, deutlich mehr Pferde tragen die Anlage unbemerkt. Ein Gentest ist verfügbar. Betroffene Pferde lassen sich gut managen, zum Beispiel mit Licht in der Nacht und klar strukturierten Wegen.
Zweitens kommt PSSM Typ 1 vor, eine Muskelerkrankung, bei der sich Zucker im Muskel falsch einlagert. Anzeichen sind Muskelschmerz, Schwäche, Zucken der Haut, Schwitzen und Widerwillen gegen Vorwärtsgehen. Auch hier gibt es einen Gentest, die Behandlung läuft über Fütterung und regelmäßige, gleichmäßige Bewegung.
Drittens tritt gelegentlich das Androgen-Insensitivitäts-Syndrom auf, eine X-chromosomal vererbte Besonderheit, die männliche Pferde betrifft und zu Unfruchtbarkeit führt.
Für den Kauf heißt das ganz praktisch: Frag nach Gentests für CSNB und PSSM1, gerade wenn Du ein Fohlen oder ein junges Pferd nimmst.
Wie alt wird ein Tennessee Walking Horse?
Für die Rasse gelten die üblichen 25 bis 30 Jahre, mit einer Tendenz nach oben. Der Gangpferdebereich führt Langlebigkeit ausdrücklich als Rassemerkmal, und dafür gibt es zwei nachvollziehbare Gründe.
Zum einen ist die Bewegungsmechanik gelenkschonend. Wo fehlende Schwebephase ist, gibt es auch keine Landung, die Gelenke und Sehnen abfängt. Ein Walker, der zehn Kilometer im Running Walk zurücklegt, belastet seine Vorderbeine anders als ein Pferd, das dieselbe Strecke trabt.
Zum anderen wurde über Generationen auf Nutzbarkeit selektiert. Ein Farmpferd, das mit zwölf Jahren lahm ging, kam aus der Zucht. Wer heute ein gut gerittenes, korrekt beschlagenes oder barhuf laufendes Tennessee Walking Horse hat, kann in vielen Fällen bis ins hohe Alter reiten. Pferde jenseits der dreißig sind in der Rasse bekannt.
Bedingung dafür ist Bewegung: Offenstall statt Box, regelmäßige lange Ausritte statt Zirkeltraining, dazu jährliche Zahnkontrolle und eine Fütterung ohne Übergewicht.
Das Tennessee Walking Horse als Freizeitpferd
Wenn eine Rasse für das Freizeitreiten gemacht wurde, dann diese. Der Zuchtzweck war von Anfang an ein Pferd, mit dem ein Mensch täglich viele Stunden bequem unterwegs sein kann. Genau das leistet der Walker heute.
Besonders gut passt er zu Dir, wenn Du lange Ausritte magst und Zeit im Gelände wichtiger findest als Runden auf dem Viereck. Ebenso, wenn Dein Rücken, Deine Hüfte oder Deine Knie Dir das Traben schwer machen. Viele Reiter kommen genau deshalb zum Gangpferd: Sie wollen weiterreiten, ohne Schmerzen zu haben. Auch für Wiedereinsteiger nach langer Pause ist ein braver, gut gerittener Walker eine der freundlichsten Möglichkeiten, wieder anzufangen.
Praktisch ist außerdem, dass ein Tennessee Walking Horse mit gemischten Reitgruppen gut zurechtkommt. Im Running Walk hält es mit trabenden Pferden mühelos mit, während Du entspannt sitzen bleibst.
Zu bedenken ist die Größe. Mit bis zu 173 Zentimetern gehören einzelne Walker zu den großen Pferden, entsprechend brauchst Du Stall, Anhänger und Weide in passender Dimension. Die Mehrzahl bleibt allerdings im gut handhabbaren Bereich zwischen 150 und 165 Zentimetern.
Kann ein Tennessee Walking Horse springen?
Ja, springen ist möglich. Die europäischen Gangpferdeverbände führen den Springsport ausdrücklich unter den Verwendungsmöglichkeiten der Rasse, ebenso Dressur und Fahren. Für kleine Sprünge im Gelände, für Cavaletti-Arbeit und für Springgymnastik ist ein gut ausbalancierter Walker gut zu gebrauchen.
Realistisch bleibt: Diese Rasse wurde über 200 Jahre auf einen bodennahen, flachen Gang gezüchtet, auf raumgreifende Vorwärtsbewegung statt auf Schub nach oben. Im Parcours triffst Du deshalb auf handfeste Grenzen, und das Anreiten funktioniert anders als beim Warmblut, weil viele Walker den Trab gar nicht anbieten. Du reitest die Distanzen also aus dem Galopp oder aus dem Flat Walk heraus.
Für den ambitionierten Springsport greifen Reiter zu anderen Rassen. Für Springgymnastik im Freizeitbereich, für Trailhindernisse und für Working Equitation ist der Walker eine gute Wahl, gerade weil er sich vor Hindernissen selten aufregt. Für diesen Bereich hat sich in Deutschland sogar eine eigene Turnierform etabliert, die Gaited Working Equitation.
Wanderreiten und Distanzreiten
Hier spielt die Rasse ihre größte Stärke aus. Der amerikanische Zuchtverband unterhält seit Jahren ein eigenes Auszeichnungsprogramm gemeinsam mit dem nationalen Distanzreitverband, um genau diese Nutzung zu fördern.
Ein Pferd, das über Stunden 20 Stundenkilometer läuft, ohne dass Reiter oder Pferd dabei Schaden nehmen, verkürzt jede Tagesetappe erheblich. In Deutschland gibt es dafür passende Prüfungsformen im Gangpferdebereich, unter anderem eine eigene Gangpferde-Distanz.
Flat Shod und Performance: die zwei Welten der Rasse
Ein Punkt, den Du kennen musst, wenn Du Dich mit der Rasse beschäftigst und irgendwann amerikanische Videos siehst. Der amerikanische Showsport teilt sich in zwei Lager.
Die eine Seite heißt Flat Shod. Diese Pferde laufen in ganz normalen Hufeisen, ohne Aufbauten, ohne Zusatzgewichte. Ihre Bewegung ist die, die die Rasse von Natur aus mitbringt.
Die andere Seite heißt Performance und produziert eine extrem übersteigerte Beinaktion, die in den USA Big Lick genannt wird. Dafür bekommen die Pferde schwere Aufbauschuhe mit gestapelten Keilen auf die Vorderhufe, dazu Ketten und Rollen um die Fesseln. In Verbindung mit ätzenden Substanzen an den Beinen entsteht daraus Soring, also gezielt zugefügter Schmerz, damit das Pferd die Vorderbeine höher reißt. Diese Praxis ist in den USA seit 1970 gesetzlich verboten, sie existiert trotzdem bis heute. Details, den aktuellen Rechtsstand und die Frage, woran Du geschädigte Pferde erkennst, findest Du in unserem gesonderten Beitrag über Soring und den Big Lick.
Für Dich als Käufer in Europa ist die Lage entspannt: Was Du hier auf Turnieren und in Ställen siehst, sind Flat-Shod-Pferde. Aufbauschuhe und Aktionsketten haben in der deutschen Gangpferdeszene keinen Platz.
Wer die ursprünglichen Linien erhält
Innerhalb der Rasse hat sich als Antwort auf diesen Streit eine eigene Erhaltungsbewegung gebildet, und die ist erstaunlich konsequent.
Die Tennessee Walking Horse Heritage Society sammelt und dokumentiert die ursprünglichen Blutlinien für Wander- und Freizeitreiten. Aufgenommen werden ausschließlich Pferde, die auf die Gründertiere zurückgehen, und Abstammungen mit Vorfahren, die nach 1976 in Aufbauschuhen vorgestellt wurden, bleiben ausgeschlossen. Damit entsteht eine parallele Population, die die alte Gebrauchsqualität sichert.
Daneben stehen zwei Showverbände für natürlich gehende Pferde: die National Walking Horse Association, die ausschließlich Pferde ohne Hilfsmittel zulässt, und Friends of Sound Horses, die zusätzlich Barhufpferde fördert und eigene Richter für Freizeitklassen und Gangpferdedressur ausbildet. Der große amerikanische Reitsportverband USEF hat Aktionsketten und Aufbauschuhe 2013 in sämtlichen Klassen verboten und richtet seither keine Walking-Horse-Shows mehr aus.
Tennessee Walking Horse in Deutschland
Die Rasse ist hier fest verankert, allerdings in einer eigenen Szene, die neben dem klassischen Turniersport läuft.
Dachverband ist die Internationale Gangpferdevereinigung, kurz IGV, gegründet 1988, mit rund 4.000 Mitgliedern. Sie vertritt sämtliche Gangpferderassen in Europa und hat sich die Bewahrung dieses alten Kulturguts zur Aufgabe gemacht. Für das Tennessee Walking Horse gibt es unter dem IGV-Dach einen eigenen Rasseverband, die European Tennessee Walking Horse Association, kurz ETWHA, mit einer eigenen Prüfungsordnung.
Turniere finden regelmäßig statt, von regionalen Gangpferdeturnieren bis zur Internationalen Deutschen Meisterschaft der Gangpferde. Geprüft werden Gangprüfungen, Rittigkeitsprüfungen, Gaited Working Equitation und Gangpferde-Distanz. Die IGV hat in den vergangenen Jahren die Rittigkeitsprüfung ausgebaut, bei der bewertet wird, wie das Pferd geritten wird, statt nur, wie schnell es läuft.
Wo lernst Du diese Reitweise?
Ausbildung ist in Deutschland gut möglich. Die IGV bietet gemeinsam mit der FN eine Trainerqualifikation Gangreiten an, es gibt also ausgebildete Trainer mit anerkanntem Abschluss. Höfe mit Gangpferde-Schulpferden findest Du unter anderem in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, viele davon geben auch mobilen Unterricht bei Dir im Stall.
Der Einstieg läuft in der Regel über einen Kurs oder ein Wochenende auf einem Schulpferd, das den Gang sicher anbietet. Das ist sinnvoller, als es sich auf einem jungen Pferd selbst beizubringen: Du musst den Running Walk zuerst einmal im Sitzen erfühlen, um ihn später abrufen zu können. Danach geht es um Losgelassenheit, um die Balance des Pferdes und um sauberen Takt. Die meisten Reiter berichten, dass die größte Umstellung im Kopf stattfindet, weil das gewohnte Leichttraben wegfällt und die Einwirkung feiner wird.
Wenn Du aus dem klassischen oder aus dem Westernbereich kommst, kannst Du Deine Ausrüstung meistens weiterverwenden. Wichtig ist ein Sattel, der die Schulter frei lässt und der hinten kurz genug ist, damit die stark untertretende Hinterhand Platz hat. Gebisslos reiten funktioniert bei vielen Walkern gut.
Tennessee Walking Horse kaufen: worauf Du achtest
Der deutsche Markt ist überschaubar, aber vorhanden. Es gibt Züchter in mehreren Bundesländern, dazu kommen Verkaufspferde über die großen Pferdemärkte und Vermittlungen über den Rasseverband.
Diese Punkte lohnen sich beim Kauf:
Lass Dir das Pferd im Gelände zeigen, mindestens eine Stunde. Der Gang zeigt sich erst, wenn das Pferd in Fahrt kommt.
Achte auf die Vorderbeine. Narben, kahle Stellen oder Verdickungen im Fesselbereich bei einem Importpferd aus den USA sind ein Grund, genau nachzufragen.
Frag nach den Gentests für CSNB und PSSM1.
Frag nach der Hufsituation. Ein Walker sollte in normalem Beschlag oder barhuf sauber laufen.
Prüfe, ob das Pferd in Deutschland registriert ist und ob die Abstammungspapiere vorliegen.
Nimm zur Ankaufsuntersuchung nach Möglichkeit einen Tierarzt mit Gangpferdeerfahrung.
Bei Importen aus den USA rechne mit erheblichen Zusatzkosten für Flug, Quarantäne und Transport. Für die meisten Käufer ist ein Pferd aus europäischer Zucht die einfachere und ruhigere Lösung.
Was kostet ein Tennessee Walking Horse?
Auf dem größten europäischen Pferdemarkt liegt der Durchschnittspreis für ein Tennessee Walking Horse aktuell bei rund 6.900 Euro. Das ist ein guter Orientierungswert für ein gerittenes Freizeitpferd mit sauberem Gang.
Die Spanne sieht in der Praxis so aus:
Fohlen und Absetzer: ab etwa 5.000 Euro
Junge, angerittene Pferde: 6.000 bis 9.000 Euro
Gut ausgebildete Freizeit- und Wanderreitpferde: 8.000 bis 12.000 Euro
Erfahrene Turnierpferde und bewährte Zuchtstuten: 10.000 Euro aufwärts
Ältere, brave Verlasspferde: teilweise ab 4.000 bis 5.000 Euro
Preisbestimmend sind vor allem Ausbildungsstand und Ganganlage, danach Abstammung, Alter und Gesundheitsnachweise. In den USA liegen die Preise deutlich niedriger, dort bewegen sich solide Trailpferde häufig zwischen 3.500 und 12.500 Dollar. Nach Abzug von Transport, Quarantäne und Papieren gleicht sich der Vorteil in aller Regel wieder aus.
Zu den laufenden Kosten: Sie entsprechen denen jedes anderen Großpferds, also Stall, Futter, Hufbearbeitung, Tierarzt, Versicherung und Ausrüstung. Auf Trainerstunden solltest Du im ersten Jahr Geld einplanen, weil sich das im Gang unmittelbar auszahlt.
Berühmte Tennessee Walking Horses
Die Rasse hat eine erstaunliche Präsenz in der amerikanischen Populärkultur.
Elvis Presley war begeisterter Walking-Horse-Reiter und besaß mehrere Pferde der Rasse, darunter Bear, Memphis und Ebony’s Double. Auf Graceland gehörten sie zum festen Bild.
Trigger Jr., der Nachfolger des berühmten Filmpferdes Trigger von Roy Rogers, war ein Tennessee Walking Horse namens Allen’s Gold Zephyr. Auch Silver, das Pferd des Lone Ranger, wurde zeitweise von einem Walker gespielt.
Traveler, das Maskottchen der University of Southern California, das bei jedem Heimspiel ins Stadion einreitet, war mehrfach ein reinrassiges Tennessee Walking Horse, zeitweise auch eine Kreuzung mit einem Araber.
In der Zucht selbst ragt Pride’s Jubilee Encore heraus, ein 1991 geborener Rapphengst, der 1995 die Weltmeisterschaft der Vierjährigen und 2001 die World Grand Championship gewann.
Und die Rasse hat sogar eine eigene Ponyzucht hervorgebracht: Aus der Kreuzung mit Welsh Ponys entstand im 20. Jahrhundert das American Walking Pony, eine eigenständige Gangponyrasse.
Häufige Fragen zum Tennessee Walking Horse
Wie schnell ist ein Tennessee Walking Horse im Running Walk?
Zwischen 16 und 32 Stundenkilometern, je nach Pferd und Ausbildungsstand. Der Flat Walk liegt bei 6 bis 13 Stundenkilometern.
Ist ein Tennessee Walking Horse anfängertauglich?
Bei ruhigem Wesen und guter Ausbildung ja. Die Rasse gilt als besonders nervenstark und menschenbezogen. Für den Gang selbst brauchst Du am Anfang Unterricht, weil sich das Reitgefühl vom Trab deutlich unterscheidet.
Kann jedes Tennessee Walking Horse den Running Walk?
Die Anlage ist genetisch verankert und praktisch bei allen Pferden der Rasse vorhanden. Wie sauber sie im Takt läuft, hängt von Balance, Ausbildung und Hufbearbeitung ab.
Wie groß wird ein Tennessee Walking Horse?
150 bis 173 Zentimeter, mit einem Schwerpunkt zwischen 150 und 165 Zentimetern. Das Gewicht liegt bei 410 bis 540 Kilogramm.
Kann man ein Tennessee Walking Horse westernmäßig reiten?
Ja, das ist in Deutschland sogar der häufigste Weg. Westernsattel, Trail und Ranch-Arbeit passen gut zur Rasse, dazu Working Equitation in der Gangpferdevariante.
Trabt ein Tennessee Walking Horse?
Ein kleiner Teil der Rasse kann traben, mit langem, raumgreifendem Tritt. Die meisten Pferde bieten stattdessen den Running Walk an, weil sie genau darauf gezüchtet sind.
Wo kann ich in Deutschland Tennessee Walking Horses sehen?
Auf den Turnieren der Internationalen Gangpferdevereinigung, bei den Veranstaltungen des Rasseverbands ETWHA und auf großen Pferdemessen, wo die Gangpferderassen regelmäßig vorgestellt werden.
