
Pferdeverhalten verstehen – warum Pferde so handeln, wie sie handeln
Wer zum ersten Mal mit Pferden in Berührung kommt, erlebt oft zwei völlig unterschiedliche Eindrücke. Auf der einen Seite wirken sie groß, kraftvoll und manchmal sogar einschüchternd. Auf der anderen Seite reagieren sie erstaunlich sensibel auf kleinste Veränderungen ihrer Umgebung, auf die Stimmung eines Menschen oder auf die Körpersprache eines Artgenossen. Genau diese Mischung aus Kraft und Sensibilität macht Pferde zu faszinierenden Lebewesen. Gleichzeitig führt sie aber auch dazu, dass ihr Verhalten häufig missverstanden wird. Was für den Menschen wie Sturheit, Ungehorsam oder Trotz aussieht, ist aus Sicht des Pferdes oft eine völlig logische Reaktion auf seine Umwelt.
Wer Pferde wirklich verstehen möchte, muss deshalb einen Schritt zurückgehen und sich zunächst anschauen, wie sich diese Tiere überhaupt entwickelt haben. Denn das Verhalten eines modernen Reitpferdes entsteht nicht erst im Stall oder auf dem Reitplatz. Es ist das Ergebnis einer jahrmillionenlangen Evolution, in der das Überleben davon abhing, Gefahren frühzeitig zu erkennen und ihnen rechtzeitig auszuweichen. Auch wenn unsere Pferde heute sicher auf eingezäunten Weiden leben, regelmäßig gefüttert werden und tierärztlich versorgt sind, funktionieren ihre Instinkte noch genauso wie bei ihren wilden Vorfahren.
Genau darin liegt einer der häufigsten Denkfehler im Umgang mit Pferden. Viele Menschen erwarten unbewusst, dass Pferde Situationen so beurteilen wie wir. Sie fragen sich, warum ein Pferd vor einer harmlosen Plastiktüte erschrickt, sich aber gleichzeitig von einem lauten Traktor kaum beeindrucken lässt. Oder warum ein ansonsten gelassenes Pferd plötzlich beim Verladen stehen bleibt, obwohl es den Anhänger bereits kennt. Aus menschlicher Sicht erscheint dieses Verhalten oft unlogisch. Aus Sicht eines Fluchttieres ergibt es dagegen vollkommen Sinn.
Das Pferd ist bis heute ein Fluchttier
Der wichtigste Schlüssel zum Verständnis des Pferdeverhaltens ist die Erkenntnis, dass Pferde Fluchttiere sind. Während Raubtiere ihre Nahrung jagen und sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, bestand die Überlebensstrategie der Vorfahren unserer Hauspferde darin, Gefahren möglichst früh wahrzunehmen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Wer zu lange zögerte, wurde zur Beute.
Diese Strategie hat sich tief in der Biologie des Pferdes verankert. Noch heute verarbeitet das Gehirn viele Reize zunächst unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Gefahr. Dabei spielt es keine Rolle, ob tatsächlich ein Wolf hinter dem Busch lauert oder lediglich eine flatternde Regenjacke am Zaun hängt. Das Gehirn bewertet zunächst, ob eine Flucht notwendig sein könnte. Erst anschließend erfolgt eine genauere Einschätzung.
Genau deshalb reagieren Pferde häufig schneller, als der Mensch überhaupt denken kann. Erschrickt ein Pferd plötzlich, handelt es in den meisten Fällen nicht bewusst oder absichtlich. Vielmehr übernimmt für einen kurzen Moment der angeborene Fluchtinstinkt die Kontrolle. Das erklärt auch, warum selbst hervorragend ausgebildete Sportpferde oder erfahrene Freizeitpferde gelegentlich vor scheinbar belanglosen Dingen scheuen.
Interessant ist dabei, dass Pferde keineswegs ständig panisch sind. Im Gegenteil: Die meiste Zeit verbringen sie entspannt mit Grasen, Ruhen oder sozialem Kontakt innerhalb ihrer Herde. Der Fluchtinstinkt ist vielmehr eine Art ständig aktives Sicherheitssystem, das jederzeit einspringen kann, wenn das Gehirn eine potenzielle Gefahr erkennt.
Warum Pferde ihre Umwelt völlig anders wahrnehmen als Menschen
Um das Verhalten eines Pferdes zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Sinnesleistungen. Denn Pferde erleben ihre Umgebung ganz anders als wir.
Schon die Augen unterscheiden sich deutlich von denen des Menschen. Sie sitzen seitlich am Kopf und ermöglichen dadurch ein außergewöhnlich großes Gesichtsfeld von rund 350 Grad. Ein Pferd kann also nahezu seine gesamte Umgebung gleichzeitig beobachten, ohne den Kopf bewegen zu müssen. Diese Fähigkeit war für Wildpferde überlebenswichtig, weil Gefahren aus jeder Richtung auftauchen konnten.
Der Nachteil dieser besonderen Augenstellung besteht allerdings darin, dass Pferde Entfernungen anders einschätzen als Menschen. Direkt vor der Stirn und unmittelbar hinter dem Schweif entstehen sogenannte blinde Bereiche, in denen das Pferd kaum etwas erkennen kann. Deshalb erschrecken manche Pferde, wenn sich ein Mensch plötzlich von hinten nähert oder unmittelbar vor der Nase auftaucht.
Auch Bewegungen werden vom Pferd besonders intensiv wahrgenommen. Während Menschen eher auf Formen und Details achten, reagieren Pferde äußerst sensibel auf kleinste Veränderungen im Bewegungsbild ihrer Umgebung. Eine flatternde Plane, ein plötzlich wehendes Halfter oder ein aufspringender Vogel können deshalb deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen als ein unbeweglicher Gegenstand.
Hinzu kommt das ausgezeichnete Gehör. Pferde können ihre Ohren unabhängig voneinander drehen und Geräusche aus unterschiedlichen Richtungen gleichzeitig orten. Oft hören sie längst etwas, bevor der Mensch überhaupt bemerkt, dass sich etwas nähert. Wer schon einmal erlebt hat, wie ein Pferd plötzlich aufmerksam den Kopf hebt, die Ohren spitzt und einige Sekunden später tatsächlich ein Auto oder ein anderer Reiter auftaucht, konnte diese Fähigkeit bereits beobachten.
Auch der Geruchssinn spielt im Alltag eine wesentlich größere Rolle, als vielen Pferdehaltern bewusst ist. Pferde erkennen Artgenossen, Menschen und sogar bestimmte Orte über ihren individuellen Geruch. Deshalb reagieren manche Tiere auf unbekannte Pferde zunächst vorsichtig oder untersuchen neue Gegenstände intensiv mit ihrer Nase. Dieses Verhalten dient nicht der Neugier allein, sondern liefert wichtige Informationen über die Sicherheit ihrer Umgebung.
Pferde denken nicht wie Menschen
Ein weiterer wichtiger Punkt beim Verständnis des Pferdeverhaltens betrifft die Art, wie Pferde Informationen verarbeiten. Menschen neigen dazu, Tieren menschliche Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben. Man spricht dabei von Vermenschlichung oder Anthropomorphismus.
Wenn ein Pferd sich nicht einfangen lässt, heißt es schnell, es wolle seinen Besitzer ärgern. Bleibt es beim Verladen stehen, wird häufig behauptet, es sei stur. Buckelt es unter dem Reiter, gilt es als frech oder dominant.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es für solche Interpretationen allerdings kaum Belege. Pferde planen keine Rache und entwickeln keine Strategien, um Menschen absichtlich zu provozieren. Ihr Verhalten entsteht vielmehr aus einer Kombination von Erfahrung, Motivation, aktuellen Gefühlen und biologischen Bedürfnissen.
Ein Pferd, das sich nicht einfangen lässt, hat möglicherweise gelernt, dass auf das Einfangen immer anstrengende Arbeit folgt. Ein anderes verbindet den Anhänger mit unangenehmen Erfahrungen oder empfindet die enge Rampe als bedrohlich. Wieder ein anderes hat schlicht Schmerzen, die unter Belastung stärker werden.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten automatisch entschuldigt werden sollte. Vielmehr zeigt es, wie wichtig Ursachenforschung ist. Wer lediglich versucht, unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken, bekämpft häufig nur das Symptom. Wer dagegen versteht, warum ein Pferd sich so verhält, kann deutlich nachhaltiger und pferdegerechter handeln.
Instinkte und Lernen arbeiten immer zusammen
Obwohl Pferde über starke angeborene Instinkte verfügen, sind sie gleichzeitig erstaunlich lernfähig. Tatsächlich basiert ein großer Teil ihres täglichen Verhaltens auf Erfahrungen, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt haben.
Bereits Fohlen beginnen kurz nach der Geburt damit, ihre Umwelt zu erkunden. Sie lernen, welche Pflanzen gefressen werden können, wie sie sich innerhalb der Herde bewegen und welche Signale andere Pferde aussenden. Später kommen Erfahrungen mit Menschen, Stall, Transport, Tierarzt oder Reiter hinzu.
Das Gehirn eines Pferdes speichert dabei ständig Zusammenhänge ab. Wird eine Situation wiederholt als angenehm erlebt, nimmt die Bereitschaft zu, sie erneut aufzusuchen. Ist sie dagegen mit Angst, Schmerzen oder Stress verbunden, versucht das Pferd künftig eher, ihr auszuweichen.
Genau deshalb spielt jede Erfahrung eine Rolle. Ein einmaliger Schreck muss zwar nicht zwangsläufig langfristige Folgen haben. Wiederholen sich unangenehme Erlebnisse jedoch regelmäßig, können daraus dauerhafte Verhaltensmuster entstehen.
Ebenso lassen sich positive Erfahrungen gezielt nutzen. Geduldiges Training, klare Kommunikation und nachvollziehbare Abläufe schaffen Sicherheit. Ein Pferd, das gelernt hat, seinem Menschen zu vertrauen, reagiert in ungewohnten Situationen oft deutlich gelassener als ein Pferd, das ständig unter Druck gesetzt wird.
Warum Pferde Sicherheit suchen
Eines der stärksten Bedürfnisse eines Pferdes ist das Gefühl von Sicherheit. In freier Wildbahn entstand diese Sicherheit vor allem durch die Herde. Innerhalb einer Gruppe verteilen sich Aufmerksamkeit und Verantwortung auf viele Tiere. Während einige grasen, beobachten andere die Umgebung. Entdeckt ein Pferd eine Gefahr, reagieren meist alle gleichzeitig.
Dieses Prinzip funktioniert auch bei unseren Hauspferden noch erstaunlich gut. Viele Pferde fühlen sich in Gesellschaft deutlich entspannter als allein. Manche verlassen die Herde nur ungern oder werden beim Ausritt nervös, sobald sie keinen Kontakt mehr zu anderen Pferden haben. Dieses Verhalten ist kein Zeichen schlechter Erziehung, sondern Ausdruck eines tief verankerten sozialen Bedürfnisses.
Interessanterweise kann der Mensch für viele Pferde ebenfalls zu einer Art Sicherheitspartner werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Pferd seinen Menschen als berechenbar erlebt. Wer ruhig handelt, klare Signale gibt und fair mit dem Pferd umgeht, vermittelt Orientierung. Ein hektischer, ungeduldiger oder unberechenbarer Mensch erreicht dagegen häufig das Gegenteil und verstärkt Unsicherheit.
Gerade deshalb spielt die eigene Körpersprache im Umgang mit Pferden eine wesentlich größere Rolle als viele zunächst vermuten. Pferde beobachten permanent Haltung, Bewegungen und Spannungszustände ihres Gegenübers. Oft reagieren sie weniger auf das, was ein Mensch sagt, sondern vielmehr darauf, wie er sich bewegt und welche Stimmung er ausstrahlt.
Pferdeverhalten lässt sich nur im Zusammenhang verstehen
Ein einzelnes Verhalten sagt oft erstaunlich wenig aus. Ein Pferd, das mit angelegten Ohren dasteht, muss nicht zwangsläufig aggressiv sein. Vielleicht schützt es lediglich sein Futter. Ein Pferd, das scharrt, kann ungeduldig sein, aber ebenso Schmerzen, Stress oder Langeweile empfinden. Selbst das häufig als Ungehorsam bezeichnete Stehenbleiben kann ganz unterschiedliche Ursachen haben – von Angst über Unsicherheit bis hin zu gesundheitlichen Problemen.
Deshalb betrachten Verhaltensforscher niemals nur eine einzelne Handlung, sondern immer den gesamten Zusammenhang. Wie sieht die Körperhaltung aus? Welche Situation liegt vor? Was geschah unmittelbar davor? Welche Erfahrungen hat das Pferd vermutlich gemacht? Erst aus dieser Gesamtschau lässt sich Verhalten sinnvoll einordnen.
Genau dieses Verständnis bildet die Grundlage für einen pferdegerechten Umgang. Wer lernt, Pferde nicht nach menschlichen Maßstäben zu beurteilen, sondern ihre biologische und soziale Entwicklung zu berücksichtigen, erkennt plötzlich viele Verhaltensweisen in einem völlig neuen Licht. Aus vermeintlicher Sturheit wird Unsicherheit, aus angeblicher Dominanz wird Selbstschutz und aus scheinbar grundlosem Erschrecken eine nachvollziehbare Reaktion eines Tieres, dessen Überleben über Millionen Jahre davon abhing, Gefahren lieber einmal zu viel als einmal zu wenig ernst zu nehmen.
Im nächsten Abschnitt schauen wir uns deshalb genauer an, wie Pferde untereinander kommunizieren. Denn ihre Körpersprache ist erstaunlich fein, präzise und oft wesentlich aussagekräftiger als jedes Wiehern. Nur wer diese Signale lesen kann, versteht wirklich, was Pferde einander – und auch uns Menschen – jeden Tag mitteilen.

Die Sprache der Pferde – wie Pferde miteinander und mit Menschen kommunizieren
Wer eine Pferdeherde über längere Zeit beobachtet, stellt schnell fest, dass dort erstaunlich wenig Lärm herrscht. Anders als Hunde, die bellen, knurren oder jaulen, oder Menschen, die sich über Sprache austauschen, kommunizieren Pferde überwiegend lautlos. Die wichtigste Sprache der Pferde besteht aus kleinsten Veränderungen ihrer Körperhaltung. Eine leicht gedrehte Ohrmuschel, eine veränderte Muskelspannung oder eine minimale Gewichtsverlagerung reichen oft aus, damit ein anderes Pferd die Botschaft versteht. Was für uns unscheinbar wirkt, ist für Pferde ein hochpräzises Kommunikationssystem.
Gerade darin liegt eine der größten Herausforderungen für uns Menschen. Wir achten häufig auf die großen Gesten, während Pferde vor allem auf die feinen Zwischentöne reagieren. Wer lernt, diese Signale wahrzunehmen, versteht nicht nur das Verhalten seines eigenen Pferdes besser, sondern erkennt oft schon früh, wann Unsicherheit entsteht, wann ein Pferd entspannt ist oder wann sich eine Konfliktsituation entwickelt.
Die Ohren – das deutlichste Kommunikationsmittel des Pferdes
Wenn Menschen versuchen, die Stimmung eines Pferdes einzuschätzen, schauen sie meist zuerst auf die Ohren. Tatsächlich verraten sie sehr viel über Aufmerksamkeit und emotionale Verfassung, allerdings niemals isoliert. Erst im Zusammenspiel mit Mimik und Körperhaltung ergibt sich ein vollständiges Bild.
Stehen beide Ohren locker nach vorne, beschäftigt sich das Pferd meist aufmerksam mit seiner Umgebung. Es beobachtet etwas Interessantes oder richtet seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass das Pferd entspannt ist. Ein Pferd kann neugierig nach vorne schauen oder gleichzeitig angespannt eine mögliche Gefahr beobachten. Deshalb lohnt sich immer auch ein Blick auf Augen, Hals und gesamte Körperhaltung.
Bewegen sich die Ohren ständig in unterschiedliche Richtungen, verarbeitet das Pferd mehrere Reize gleichzeitig. Es hört einem Artgenossen zu, nimmt Geräusche hinter sich wahr oder verfolgt die Bewegungen seines Reiters. Gerade auf Turnieren oder in einer belebten Stallgasse lässt sich dieses ständige “Scannen” der Umgebung gut beobachten.
Liegen die Ohren locker zur Seite, spricht das häufig für Entspannung. Viele Pferde zeigen diese Haltung beim Dösen auf der Weide oder während ruhiger Pflegeeinheiten. Manche lassen die Ohren dabei sogar leicht hängen.
Ganz anders sieht es aus, wenn die Ohren eng an den Hals angelegt werden. Dieses Signal gehört zu den deutlichsten Warnungen innerhalb der Pferdesprache. Das Pferd macht seinem Gegenüber unmissverständlich klar, dass es Abstand wünscht oder sich bedroht fühlt. In der Herde reicht dieses Signal häufig bereits aus, damit ein rangniedrigeres Pferd ausweicht. Kommt es trotzdem näher, können Drohgebärden, Schnappen oder Tritte folgen.
Interessant ist jedoch, dass auch hier der Zusammenhang entscheidend bleibt. Manche Pferde legen beim konzentrierten Reiten kurz die Ohren zurück, um besser auf die Hilfen ihres Reiters zu achten. Das hat mit Aggression nichts zu tun. Erst wenn weitere Anzeichen wie gespannte Muskulatur, harter Blick oder eine drohende Körperhaltung hinzukommen, wird aus dem Zurücklegen der Ohren tatsächlich eine Warnung.
Die Augen verraten die Stimmung
Mindestens genauso aussagekräftig wie die Ohren sind die Augen eines Pferdes. Viele erfahrene Pferdeleute sagen nicht ohne Grund, dass man einem Pferd seine Stimmung zuerst im Blick ansieht.
Ein entspanntes Pferd besitzt weiche Gesichtszüge. Die Augen wirken ruhig, die Lider sind locker und die Muskulatur rund um das Auge bleibt entspannt. Oft blinzeln solche Pferde regelmäßig und wirken insgesamt gelassen.
Ist ein Pferd dagegen angespannt oder erschrocken, verändert sich der Blick deutlich. Die Augen öffnen sich weiter, der Blick wird starrer und häufig ist mehr Weiß im Auge sichtbar. Dieses sogenannte “Whale Eye”, bei dem die Lederhaut sichtbar wird, tritt besonders dann auf, wenn das Pferd etwas seitlich fixiert oder sich unwohl fühlt. Allerdings bedeutet sichtbares Augenweiß nicht automatisch Angst. Manche Pferde zeigen anatomisch bedingt häufiger etwas Weiß, weshalb auch hier wieder die gesamte Körpersprache berücksichtigt werden muss.
Auch häufiges Blinzeln oder ein plötzlich starrer Blick können Hinweise auf die innere Verfassung sein. Pferde, die sich stark konzentrieren oder eine Situation einschätzen, wirken oft für einige Sekunden regelrecht eingefroren, bevor sie sich entscheiden, ob Entspannung oder Flucht die richtige Reaktion ist.
Nüstern und Maul erzählen oft mehr als das Gesicht
Viele Menschen unterschätzen, wie viel Information in den Nüstern und im Maul eines Pferdes steckt. Dabei gehören sie zu den deutlichsten Anzeichen für Anspannung oder Wohlbefinden.
Entspannte Pferde besitzen weiche Lippen und locker geformte Nüstern. Das Maul bleibt geschlossen, ohne angespannt zu wirken. Während des Ruhens hängen die Lippen bei manchen Pferden sogar leicht herab.
Unter Stress verändert sich dieses Bild deutlich. Die Nüstern weiten sich, um mehr Luft aufnehmen zu können. Gleichzeitig spannt sich die Muskulatur rund um Maul und Kiefer an. Manche Pferde pressen die Lippen fest zusammen oder zeigen deutlich sichtbare Muskelstränge im Gesicht.
Interessant ist auch das Kauen ohne Futter. Viele Reiter interpretieren dieses Verhalten automatisch als Zeichen von Entspannung. Tatsächlich kann Kauen unterschiedliche Ursachen haben. Nach einer stressigen Situation dient es häufig dazu, innere Anspannung abzubauen. Es kann aber ebenso beim Nachdenken oder nach dem Lösen einer Aufgabe auftreten. Ein einzelnes Kauen bedeutet deshalb noch nicht zwangsläufig, dass ein Pferd zufrieden oder “unterwürfig” geworden ist.
Hals und Kopfhaltung spiegeln die innere Stimmung
Der Hals ist beim Pferd weit mehr als nur ein Verbindungsglied zwischen Kopf und Körper. Seine Haltung verrät oft sehr genau, wie sich das Pferd gerade fühlt.
Ein locker getragener Hals mit fließenden Bewegungen spricht meist für Gelassenheit. Das Pferd bewegt sich frei und ohne größere innere Anspannung.
Hebt das Pferd den Hals deutlich an, richtet den Kopf hoch auf und spannt gleichzeitig die Muskulatur an, steigt seine Aufmerksamkeit. Diese Haltung sieht man häufig kurz vor einem möglichen Erschrecken. Das Pferd versucht, seine Umgebung besser zu überblicken und Informationen zu sammeln.
Senkt ein Pferd dagegen freiwillig den Hals bis in Bodennähe, ist das oft ein gutes Zeichen. Fressen oder entspanntes Schnuppern am Boden zeigen, dass sich das Pferd sicher genug fühlt, den empfindlichen Kopf nach unten zu nehmen. In freier Wildbahn wäre diese Haltung riskant, weil Gefahren schlechter wahrgenommen werden können. Gerade deshalb gilt ein locker abgesenkter Hals als Hinweis auf Vertrauen und Entspannung.
Der Schweif zeigt Emotionen
Auch der Schweif dient nicht ausschließlich dazu, Fliegen zu vertreiben. Seine Haltung verrät viel über die emotionale Verfassung eines Pferdes.
Ein locker schwingender Schweif begleitet meist entspannte Bewegungen. Das Pferd geht gelassen vorwärts und bewegt sich natürlich.
Wird der Schweif dagegen fest angehoben oder steif getragen, steigt häufig die innere Erregung. Das kann Freude beim Galopp über die Weide sein, aber ebenso Aufregung oder Nervosität.
Besondere Aufmerksamkeit verdient heftiges Schweifschlagen. Viele Reiter sehen darin lediglich Ungehorsam oder Widerwillen. Tatsächlich signalisiert starkes Schweifschlagen oft Unwohlsein. Die Ursache kann in einer unangenehmen Hilfe des Reiters liegen, ebenso in Schmerzen, Überforderung oder Frustration. Deshalb lohnt sich immer die Frage, warum das Pferd gerade jetzt dieses Signal zeigt.
Die gesamte Körperhaltung entscheidet
Kein einzelnes Körpersignal darf isoliert betrachtet werden. Erst die gesamte Haltung ergibt ein vollständiges Bild.
Ein entspanntes Pferd steht meist gleichmäßig auf allen vier Beinen. Die Muskulatur wirkt weich, der Hals locker, die Atmung ruhig. Oft ruht ein Hinterbein entspannt auf der Hufspitze. Dieses sogenannte Entlasten zeigt, dass das Pferd keinen Anlass sieht, jederzeit fluchtbereit sein zu müssen.
Ein angespanntes Pferd verlagert dagegen häufig das Gewicht leicht nach hinten, spannt die Muskulatur an und wirkt insgesamt größer. Der Hals hebt sich, die Beine stehen unter Spannung und jede Bewegung scheint innerhalb eines Augenblicks möglich zu sein.
Vor einer Flucht friert das Pferd oft zunächst kurz ein. Dieses scheinbare Stillstehen wird von Menschen leicht übersehen. Tatsächlich handelt es sich um eine Phase intensiver Informationsverarbeitung. Das Pferd entscheidet in Sekundenbruchteilen, ob tatsächlich Gefahr besteht oder nicht.
Lautäußerungen spielen eine kleinere Rolle
Obwohl Pferde überwiegend über Körpersprache kommunizieren, verfügen sie durchaus über verschiedene Lautäußerungen.
Das bekannte Wiehern dient vor allem dazu, Kontakt über größere Entfernungen herzustellen. Pferde begrüßen sich auf diese Weise oder suchen den Anschluss an ihre Herde. Wer einmal erlebt hat, wie ein Pferd beim Verlassen des Hofes laut nach seinen Stallgefährten ruft, kennt dieses Verhalten.
Leiseres Brummeln oder Grummeln tritt häufig bei vertrauten Begegnungen auf. Manche Pferde begrüßen ihren Menschen morgens mit einem leisen Brummen, andere äußern sich so beim Füttern.
Schnauben kann ebenfalls unterschiedliche Bedeutungen haben. Nach einer angespannten Situation dient kräftiges Ausatmen oft dem Stressabbau. Gleichzeitig zeigen viele Pferde beim Erkunden neuer Gegenstände ein ruhiges Schnauben, wenn sie beginnen, sich zu entspannen.
Quietschen hört man vor allem bei Begegnungen fremder Pferde oder in sozialen Konflikten. Es gehört häufig zu einem ritualisierten Imponierverhalten und muss keineswegs zwangsläufig in einer ernsthaften Auseinandersetzung enden.
Gerüche gehören zur Kommunikation dazu
Während Menschen ihre Umwelt überwiegend mit den Augen wahrnehmen, spielen Gerüche für Pferde eine deutlich größere Rolle. Fast jede Begegnung beginnt zunächst mit dem Beschnuppern.
Pferde erkennen vertraute Artgenossen über ihren individuellen Geruch und können sogar hormonelle Veränderungen wahrnehmen. Besonders deutlich zeigt sich dies beim sogenannten Flehmen. Dabei streckt das Pferd den Hals, hebt den Kopf an und rollt die Oberlippe nach oben. Über das Jacobsonsche Organ gelangen Duftstoffe in spezielle Sinneszellen, die zusätzliche Informationen liefern. Hengste zeigen dieses Verhalten besonders häufig bei rossigen Stuten, doch auch Wallache und Stuten flehmen gelegentlich, wenn sie interessante Gerüche untersuchen.

Pferde kommunizieren auch mit Menschen
Viele Pferde richten ihre Körpersprache längst nicht nur an Artgenossen, sondern ebenso an Menschen. Sie beobachten genau, wie wir uns bewegen, ob wir hektisch oder ruhig handeln und ob unsere Körpersprache zu unseren Handlungen passt.
Ein Mensch, der ruhig und klar auftritt, vermittelt Sicherheit. Ein Mensch, der unsicher wirkt, ständig seine Bewegungen verändert oder nervös wird, überträgt diese Unsicherheit häufig ungewollt auf das Pferd. Deshalb reagieren Pferde oft erstaunlich sensibel auf die Stimmung ihres Gegenübers.
Gerade erfahrene Pferde erkennen schnell, ob ein Mensch konsequent und berechenbar handelt oder ständig widersprüchliche Signale sendet. Sie lernen im Laufe der Zeit, ihre Kommunikation auch an den Menschen anzupassen. Manche warten geduldig auf ein Signal, andere fordern Aufmerksamkeit ein, wieder andere zeigen deutlich, wenn ihnen eine Situation unangenehm wird.
Wer diese Sprache lesen kann, erkennt oft schon lange vor einem Problem, dass sich etwas verändert. Das Pferd kündigt Stress, Unsicherheit oder Unwohlsein selten plötzlich an. Meist beginnt alles mit kleinen Veränderungen der Körpersprache, die sich nach und nach verstärken. Genau deshalb ist die Fähigkeit, Pferde aufmerksam zu beobachten und ihre Signale richtig zu deuten, eine der wichtigsten Grundlagen für einen sicheren und vertrauensvollen Umgang. Im nächsten Abschnitt geht es deshalb um das Leben in der Herde – denn viele Verhaltensweisen unserer Hauspferde lassen sich nur verstehen, wenn man weiß, wie Pferde untereinander soziale Beziehungen aufbauen, Konflikte lösen und dauerhaft zusammenleben.