Reiten lernen mit Übergewicht – kann ich trotz Übergewicht reiten lernen?
Du würdest gerne reiten lernen, traust dich aber nicht so recht, in einer Reitschule anzurufen? Vielleicht beschäftigt dich dabei nicht nur die ganz normale Nervosität vor der ersten Reitstunde. Vielleicht fragst du dich zusätzlich: Bin ich zu schwer zum Reiten?
Diese Sorge ist verständlich. Gerade als Reitanfänger fühlt man sich ohnehin schon unsicher. Man weiß nicht, was einen erwartet, kennt die Abläufe in einer Reitschule nicht und hat vielleicht ein bisschen Angst davor, sich ungeschickt anzustellen. Wenn dann noch das eigene Körpergewicht dazukommt, wird aus der Vorfreude schnell eine ziemlich große Hemmschwelle.
Deshalb gleich vorweg: Übergewicht bedeutet nicht automatisch, dass du nicht reiten lernen kannst.
Es bedeutet allerdings, dass die Reitschule ein Pferd haben muss, das zu deinem Gewicht passt. Und darüber darf man ganz selbstverständlich sprechen.
Bin ich zu schwer, um Reiten zu lernen?
Es gibt keine einzelne Kilogrenze, ab der ein Mensch grundsätzlich nicht mehr reiten lernen darf.
Entscheidend ist vielmehr, welche Pferde eine Reitschule zur Verfügung hat. Eine Reitschule mit überwiegend kleinen, leichten Schulpferden hat andere Möglichkeiten als ein Betrieb, in dem auch kräftige und entsprechend geeignete Großpferde eingesetzt werden.
Das kann bedeuten, dass eine Reitschule jemanden mit 100 oder 110 kg problemlos aufnehmen kann und die nächste nicht.
Das ist keine Bewertung deiner Person.
Es geht schlicht darum, dass ein Schulpferd körperlich zum jeweiligen Reiter passen muss.
Frag die Reitschule ruhig nach einer Gewichtsgrenze
Du musst nicht erst hinfahren und hoffen, dass niemand dein Gewicht anspricht.
Mach es dir einfacher und frag vorher.
Zum Beispiel ganz unkompliziert:
„Ich würde sehr gerne Reiten lernen und wiege ungefähr 105 kg. Habt ihr ein Schulpferd, das für mich geeignet wäre?“
Damit kann eine vernünftige Reitschule etwas anfangen.
Du ersparst dir außerdem die unangenehme Situation, voller Vorfreude zu deiner ersten Reitstunde zu fahren und dort festzustellen, dass gerade kein passendes Pferd zur Verfügung steht.
Und du musst dich für diese Frage nicht rechtfertigen. Für einen Reitbetrieb sind Körpergröße und Gewicht relevante Informationen bei der Auswahl eines passenden Schulpferdes – genauso wie Alter, reiterliche Erfahrung und teilweise auch die körperliche Fitness.
Wie viel Gewicht kann ein Pferd überhaupt tragen?
Hier kommen wir zu einem Punkt, bei dem pauschale Aussagen schwierig werden.
Vielleicht hast du schon von der 15- oder 20-Prozent-Regel gehört. Solche Werte können eine erste Orientierung geben, sagen aber längst nicht alles darüber aus, wie gut ein bestimmtes Pferd einen bestimmten Reiter tragen kann.
Körperbau, Bemuskelung, Trainingszustand, Rücken, Alter und Gesundheit des Pferdes spielen ebenfalls eine Rolle. Hinzu kommen Sattel und Ausrüstung.
Bevor du dich bei einer Reitschule anmeldest, kannst du dir unsere Reitergewicht-Tabelle ansehen. Dort erklären wir ausführlich, wie viel Gewicht ein Pferd tragen kann und warum eine Prozentzahl allein nicht ausreicht
„Aber ich bin doch bestimmt zu schwer für ein Pferd …“
Genau dieser Gedanke hält manche Menschen davon ab, überhaupt bei einer Reitschule anzufragen.
Dabei weißt du noch gar nicht, welche Pferde dort stehen.
Vielleicht gibt es genau dort ein großes, kräftiges und gut trainiertes Schulpferd, das für dich infrage kommt. Vielleicht gibt es keines. Dann fragst du eben bei der nächsten Reitschule.
Eine Absage bedeutet nicht automatisch:
„Du bist zu dick zum Reiten.“
Sie kann schlicht bedeuten:
„Wir haben momentan kein geeignetes Pferd für dich.“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Eine verantwortungsvolle Reitschule muss im Zweifelsfall auch Nein sagen. Das gehört zum Schutz ihrer Pferde. Sie sollte das aber freundlich, sachlich und respektvoll erklären können.

Als Reitanfänger darfst du unsicher sein
Die ersten Reitstunden sind für fast niemanden besonders elegant.
Plötzlich sollst du deine Beine anders halten, die Hände ruhig lassen, gerade sitzen, dich entspannen und gleichzeitig ein mehrere hundert Kilogramm schweres Lebewesen davon überzeugen, in die gewünschte Richtung zu gehen.
Das klappt nicht alles gleichzeitig.
Und das muss es auch nicht.
Vielleicht kommst du beim Aufsteigen nicht besonders elegant in den Sattel. Vielleicht fehlt dir zunächst Beweglichkeit. Vielleicht bist du nach einer halben Stunde vollkommen erledigt und fragst dich, wie Reiter dabei immer so entspannt aussehen können.
Das erleben auch schlanke Reitanfänger.
Reiten beansprucht Muskulatur, von deren Existenz viele Menschen vor ihrer ersten Reitstunde noch gar nichts wussten.
Muss ich erst abnehmen, bevor ich Reiten lernen darf?
Nicht grundsätzlich.
Wenn eine Reitschule ein geeignetes Pferd für dich hat und dein Gewicht für dieses Pferd vertretbar ist, gibt es keinen vernünftigen Grund, warum du zunächst ein bestimmtes Wunschgewicht erreichen müsstest.
Natürlich gibt es Situationen, in denen das aktuelle Körpergewicht die Auswahl geeigneter Pferde stark einschränkt. Dann kann eine Gewichtsabnahme tatsächlich mehr Möglichkeiten eröffnen.
Aber daraus würde ich niemals machen:
„Nimm erst einmal ab und dann darfst du reiten.“
Vielleicht ist gerade das Reiten eine Aktivität, die dir Freude macht und dich wieder stärker in Bewegung bringt.
Ein guter Reitunterricht beginnt nicht unbedingt sofort mit viel Reiten
Gerade für erwachsene Reitanfänger kann ein langsamer Einstieg sehr angenehm sein.
Pferd kennenlernen, putzen, führen, richtig aufsteigen und zunächst im Schritt ein Gefühl für die Bewegung entwickeln – all das gehört zum Reitenlernen.
Auch kurze Einheiten können am Anfang völlig ausreichen.
Dabei entwickelt sich nach und nach etwas, das für das Pferd mindestens genauso wichtig ist wie die Zahl auf der Waage: Balance.
Je besser du deinen eigenen Körper kontrollieren kannst und je sicherer du dich mit der Bewegung des Pferdes bewegst, desto angenehmer wirst du auch für das Pferd zu tragen.
Suche dir eine Reitschule, in der du dich wohlfühlst
Das würde ich jedem erwachsenen Reitanfänger empfehlen – mit oder ohne Übergewicht.
Du bist dort, um etwas zu lernen.
Du musst beim ersten Besuch weder die richtige Reithose besitzen noch wissen, wie man ein Pferd sattelt. Und du musst auch nicht aussehen wie jemand aus einem Reitsportkatalog.
Eine gute Reitschule schaut zuerst darauf, welches Pferd zu dir passt und wie sie dir das Reiten sicher beibringen kann.
Wenn du dich schon beim ersten Telefonat für deinen Körper rechtfertigen musst oder respektlos behandelt wirst, würde ich mir einen anderen Stall suchen.
Reitenlernen ist aufregend genug. Dafür brauchst du keine Reitschule, die dir zusätzlich das Gefühl gibt, du müsstest dich dafür entschuldigen, überhaupt gefragt zu haben.
Trau dich, einfach anzurufen
Vielleicht sitzt du gerade vor deinem Handy und suchst seit einer Stunde nach „Reiten lernen mit Übergewicht“, obwohl du eigentlich nur wissen möchtest, ob du dich bei der Reitschule in deiner Nähe melden darfst.
Ja. Darfst du.
Sag ihnen offen, was du wiegst, und frag, ob sie ein geeignetes Schulpferd für dich haben.
Mehr musst du zunächst überhaupt nicht tun.
Vielleicht lautet die Antwort Nein. Dann weißt du Bescheid und fragst woanders.
Vielleicht lautet sie aber auch:
„Ja, natürlich. Komm doch einfach mal vorbei.“
Und dann hast du möglicherweise gerade den ersten Schritt zu einem Hobby gemacht, das dich noch sehr lange begleiten wird.
