Der Criollo

Der Criollo: Argentiniens Nationalpferd, seine seltenen Farben und eine echte genetische Besonderheit

Der Criollo ist die Pferderasse der Gauchos, das Nationalpferd Argentiniens und eines der zähesten Reitpferde der Welt. In deutschen Rassebeschreibungen liest man meist dieselben drei Sätze: klein, robust, genügsam. Das ist richtig und trotzdem viel zu wenig. Denn der Criollo bringt etwas mit, das keine andere Reitpferderasse in dieser Form hat: ein eigenes, offizielles Farbregister mit rund hundert benannten Fellfarben, eine Mähne und einen Schweif, die im Rassestandard ausdrücklich beschrieben werden, und eine Herkunft, die genetisch bis heute nachweisbar ist.

Dieser Beitrag nimmt sich genau diese Punkte vor. Er erzählt die Geschichte der Rasse, erklärt die Farben mit ihren spanischen Namen und ihrer genetischen Grundlage, zeigt, warum bei Mähne und Schweif etwas anders läuft als bei europäischen Pferden, und stellt eine Pferdegruppe vor, die selbst Charles Darwin vergeblich gesucht hat.

Der Criollo auf einen Blick

Der Criollo ist ein kleines, kompaktes Reitpferd aus dem Süden Südamerikas. Sein Verbreitungsgebiet reicht von der argentinischen Pampa über die uruguayische Cuchilla und die brasilianische Campanha bis in den paraguayischen Chaco.

Das ideale Stockmaß liegt laut dem Standard der Asociación Criadores de Caballos Criollos bei 1,44 Meter. Bei Hengsten sind 1,40 bis 1,48 Meter zulässig, in Ausnahmefällen bis 1,50 Meter und mindestens 1,38 Meter, bei Stuten jeweils zwei Zentimeter weniger. Der Brustumfang liegt ideal bei 1,78 Meter, der Röhrbeinumfang bei 19 Zentimetern. Damit ist der Criollo nach europäischer Einteilung ein Kleinpferd, trägt aber problemlos einen erwachsenen Reiter samt Ausrüstung über weite Strecken.

Der Kopf ist kurz und leicht, mit breiter Basis und feiner Spitze, viel Schädel und wenig Gesicht. Das Profil ist gerade oder leicht nach außen gewölbt. Die Ohren sind klein, breit angesetzt und stehen parallel. Die Augen sitzen eher seitlich und wirken wach.

Der Körper steht im Rechteck, hat einen tiefen Schwerpunkt, eine schräge, gut bemuskelte Schulter, einen kurzen, festen Rücken und eine leicht abfallende Kruppe. Die Hufe sind eher klein, glatt, fest und haben hohe, getrennte Trachten. Dunkles Horn wird bevorzugt.

Die Herkunft: 1535 und die Pferde, die zurückblieben

Südamerika hatte einmal eigene Pferde. Im Pleistozän lebten hier Hippidion und Equus neogeus, beide über die mittelamerikanische Landbrücke aus Nordamerika eingewandert. Vor rund 10.000 Jahren starben sie im Zuge der quartären Aussterbewelle vollständig aus. Als die Europäer eintrafen, war von ihnen keine Erinnerung geblieben.

Die ersten Pferde kamen mit den spanischen Eroberern. Pedro de Mendoza segelte 1535 mit Siedlern, Soldaten und rund hundert Pferden über den Atlantik, darunter Arbeitspferde und ausgesuchte Kriegspferde aus den Ställen von Cádiz. 1536 gründete er die erste Siedlung am Río de la Plata. 1541 war es damit vorbei: Die Kolonie wurde im Widerstand der indigenen Bevölkerung zerstört, die Spanier flohen und ließen ihren Besitz zurück, darunter Schätzungen zufolge zwischen zwölf und fünfundvierzig Pferde.

Diese Pferde blieben am Leben. Sie fanden in der feuchten Pampa Gras, Wasser, mildes Klima und offene Ebenen. Als Juan de Garay 1580 an den Río de la Plata kam, beschrieb er die Pferdeherden als fantastisch, sowohl in der Zahl als auch in der Qualität. Die verwilderten Tiere hießen baguales oder cimarrones.

Wichtig für das Verständnis der Rasse ist, was da eigentlich verschifft wurde. Es waren keine ausgesuchten Zuchtpferde, sondern zähe Gebrauchspferde: eine Mischung aus nordafrikanischem Berberpferd, dem Pferd des Guadalquivir-Tals in Andalusien und den robusten spanischen Arbeitspferden, die man jacas oder rocines nannte. Genau diese Herkunft prägt den Criollo bis heute.

Dreihundert Jahre ohne Züchter

Was danach folgte, ist der eigentliche Ursprung der Rasse. Rund drei Jahrhunderte lang griff niemand ein. Es gab keinen Zuchtplan, kein Kraftfutter, keinen Stall. Es überlebten die Pferde, die mit Puma, Dürre, Frost, Überschwemmung und stark schwankendem Futterwert zurechtkamen.

Herausgekommen ist ein kleines, kompaktes Pferd mit tiefem Schwerpunkt, kurzem Röhrbein, hartem Horn und einer Nervenstärke, die sich schwer anzüchten lässt. Auch die Farbverteilung ist ein Ergebnis dieser Zeit: Dunkle und falbfarbene Töne setzten sich durch, weil sie in der Pampa die beste Tarnung boten.

Die indigenen Völker stellten sich erstaunlich schnell auf das neue Tier ein. Mapuche, Tehuelche und Ranquel wurden innerhalb weniger Generationen zu Reitervölkern. Für die freien Landbewohner, die späteren Gauchos, wurde das Pferd Lebensgrundlage und Statussymbol zugleich.

In den Unabhängigkeitskriegen ab 1810 wurden fast ausschließlich Criollos geritten. Die Ritte über die Anden und die enormen Entfernungen der Feldzüge waren mit anderen Pferden schlicht nicht zu leisten.

Danach kam der Bruch. Nach der Unabhängigkeit setzte eine umfassende Europäisierung ein, und die Pferdezucht machte mit. Man kreuzte englisches Vollblut und schwere europäische Rassen ein, um den Criollo zu verbessern. Die Pferde wurden größer und schneller, verloren dabei aber Ermüdungswiderstand, Genügsamkeit und Härte. Um 1900 war der ursprüngliche Criollo kaum noch zu finden.

Emilio Solanet und die Rettung der Rasse

Die Rettung verdankt die Rasse im Wesentlichen einem Mann: Dr. Emilio Solanet, geboren 1887 in Ayacucho in der Provinz Buenos Aires, Tierarzt seit 1909.

Solanet ging von einer einfachen Überlegung aus. Unvermischte Bestände konnten sich nur dort gehalten haben, wo die Bedingungen am härtesten waren und wo europäische Zuchtpferde nie hingekommen sind. Also fuhr er nach Patagonien. Bei den Tehuelche am Río Senguer in Chubut kaufte er ab etwa 1911 Stuten und Hengste. Die Quellen nennen dabei die Kaziken Liempichún und Juan Schackmatr. Aus diesen Tieren baute er auf seiner Estancia El Cardal bei Ayacucho den Grundstock auf. In den Abstammungsnachweisen tragen diese Pferde bis heute das Kennzeichen B für Basispferd.

Die Eckdaten der Verbandsgeschichte:

1917 bis 1918: Die Sociedad Rural Argentina eröffnet das Zuchtbuch für die Rasse Criolla.

  1. November 1919: Solanet wird zum Inspektor und Delegierten der Sociedad Rural ernannt.
  2. September 1922: Der von Solanet erarbeitete Rassestandard wird anerkannt.
  3. Juni 1923: Vierzig Züchter gründen die Asociación Criadores de Caballos Criollos, kurz ACCC, mit Raúl Videla Dorna als erstem Präsidenten.
    1972: Gründung der FICCC, der internationalen Dachorganisation, und Einführung des Registro de Mérito.
    2017: Argentinien erklärt den Criollo zum Caballo Nacional und zum Kulturerbe.

In Uruguay wurde die Rasse bereits am 18. November 2004 zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Solanet blieb der Rasse ein Leben lang verbunden. 1948 wurde er selbst Präsident der ACCC. Sein Buch „Pelajes Criollos“ ist bis heute das Standardwerk zu den Fellfarben und wird weiter unten noch eine große Rolle spielen.

Gato und Mancha: der Beweis, den keine Zuchtschau erbringen kann

1925 bot sich Solanet die Gelegenheit, seine Pferde vor der Weltöffentlichkeit zu prüfen. Der Schweizer Lehrer Aimé Félix Tschiffely, der am Colegio San Jorge in Quilmes unterrichtete, wollte zu Pferd von Buenos Aires nach New York reiten.

Solanet stellte ihm zwei Pferde zur Verfügung, und zwar bewusst keine jungen. Er sagte später sinngemäß, er habe Tschiffely nicht zwischen Sechs- und Siebenjährigen wählen lassen, sondern zwischen den Pferden ab fünfzehn Jahren. Falls sie umsonst geopfert würden, sei der Verlust geringer.

Die Wahl fiel auf Mancha, einen fünfzehnjährigen overo rosado, und Gato, einen sechzehnjährigen gateado. Beide stammten aus den patagonischen Herden aus Colonia Sarmiento in Chubut. Gato ließ sich vergleichsweise leicht anfassen, Mancha blieb zeitlebens misstrauisch und verteidigte seinen Menschen wie ein Wachhund.

Am 24. April 1925 ging es vom Gelände der Sociedad Rural in Palermo los. Die Zahlen der Reise:

Rund 21.500 Kilometer in 504 Etappen, im Schnitt 46,2 Kilometer pro Tag.
Höchster Punkt: der Paso El Cóndor zwischen Potosí und Challapata in Bolivien auf etwa 5.900 Metern.
Dauer: drei Jahre, vier Monate und sechs Tage.
Ankunft in New York am 20. September 1928, wo Bürgermeister James John Walker den Reiter vor dem City Hall empfing.

Gato konnte das Ziel nicht selbst erreichen. In Mexiko traf ihn ein Hufschlag, er blieb dort zurück und wurde später nachgeholt. Zurück ging es mit dem Dampfer Pan America, Ankunft an der Dársena Norte am 20. Dezember 1928.

Beide Pferde lebten danach noch über zwanzig Jahre auf El Cardal. Gato starb am 17. Februar 1944 im Alter von 36 Jahren, Mancha am 24. Dezember 1947 mit 40 Jahren. Auf Solanets Anweisung wurden ihre Häute präpariert, beide Pferde sind bis heute im Museo del Transporte in Luján zu sehen. Tschiffely starb 1954 in London, seine sterblichen Überreste wurden 1998 nach Argentinien überführt.

2025 jährte sich der Beginn des Rittes zum hundertsten Mal, gefeiert wurde unter anderem auf El Cardal mit einer Cabalgata und den Fahnen aller Länder, durch die der Weg führte. Die Quellen nennen dabei mal dreizehn, mal fünfzehn Länder, je nachdem, wie die durchquerten Staaten gezählt werden.

Für die Farbfrage ist dieser Ritt übrigens ein Glücksfall. Die beiden berühmtesten Criollos der Geschichte tragen genau die beiden Farben, um die es in diesem Beitrag geht: einen Gateado und einen Overo rosado.

Mähne, Schweif und Stirnschopf: hier ist der Criollo tatsächlich anders

Bei europäischen Rassen steht im Standard selten etwas über das Langhaar. Beim Criollo steht es drin, und zwar an eigener Stelle.

Der ACCC-Standard formuliert unter der Überschrift „Crines, cerdas de cola y cernejas“: Mähnenkamm und Schweif eher breit und dicht besetzt mit reichlichem und grobem Haar. Der Behang am Fesselgelenk soll mäßig entwickelt sein und nur an der Rückseite des Fesselkopfs sitzen.

Dazu kommt die Schweifform. Der Standard verlangt einen kurzen Schweifrübe, die die Oberlinie der Kruppe weich fortsetzt und eher tief angesetzt ist. Der Stirnschopf, auf Spanisch tupé, ist dicht und fällt vielen Criollos weit über die Augen.

Kurz gesagt: viel Haar, dickes Haar, tief angesetzt. Genau das ist auch der Grund, warum die Gauchos daran arbeiten.

Tusar: die geschorene Mähne mit System

Die Mähne heißt auf dem Land tusa oder crinera. Das Kürzen heißt tusar, das gekürzte Ergebnis tuso. Ein Criollo im Arbeitseinsatz trägt die Mähne kurz geschoren, den Schweif oft gerade auf Höhe des Sprunggelenks abgeschnitten.

Der Grund ist Arbeitsalltag. Wer täglich durch Dornen, Gestrüpp und dichte Weidegrenzen reitet, will kein Pferd, das mit langem Langhaar hängen bleibt. Dazu kommt, dass Rossschweif und Mähnenhaar in Südamerika Werkstoff sind: Aus cerda werden Seile, Zügel, Halfter und Boleadoras geflochten. Ein Pferd, dem Mähne und Schweifhaar komplett abgenommen wurden, heißt cerdeado.

Interessant ist, was dabei stehen bleibt. Die Gaucho-Tradition kennt zwei Ausnahmen von der Schur:

Der martillo ist ein höherer Mähnenteil, den man ab dem Widerrist bewusst überstehen lässt.
Die agarradera ist ein dichter Haarschopf, der am Widerrist stehen bleibt, damit der Reiter beim Aufsprung etwas zum Festhalten hat.

Auch beim Schweif bleibt etwas übrig. Selbst beim cerdeado lässt man am Rübenende gern ein kleines Büschel stehen, damit sich das Pferd die Fliegen vertreiben kann.

Wer also ein Criollo-Foto aus Argentinien sieht und sich über den seltsam kurzen Haarschopf am Widerrist wundert: Das ist kein Schnittfehler, sondern Absicht mit eigenem Namen.

Was das für Criollos in Deutschland bedeutet

In Deutschland ist die geschorene Mähne kein Muss. Viele hier gezogene Criollos tragen ihr Langhaar lang, und der deutsche Rassestandard beschreibt den Hals als breit angesetzt und im Genick breit, mit üppiger langer Mähne, dazu einen üppig behaarten und eher tief angesetzten Schweif.

Damals, als in den 1990er Jahren die ersten Pferde aus Südamerika kamen, war die Stehmähne allerdings ein Erkennungszeichen. Und ein Problem: Verkauft wurde vieles, was diesem Bild entsprach, ob es tatsächlich aus Südamerika stammte oder nicht.

Die Farbenwelt des Criollo: eine eigene Nomenklatur

Jetzt zum Herzstück. Der Criollo gilt unter Kennern als die Pferderasse mit den meisten benannten Fellfarben überhaupt. Das liegt an zwei Dingen: an der genetischen Vielfalt der Ausgangspopulation und an der Genauigkeit, mit der die Menschen der Pampa hingesehen haben.

Der Rassestandard selbst ist dabei knapp. Er sagt: Mit Ausnahme des pintado und des tobiano werden alle Farben angenommen, wobei Tiere mit fortgeschrittener Entpigmentierung und Albinismus nach und nach ausscheiden sollen. Das war es. Kein Farbausschluss aus Modegründen, kein Zuchtziel Schimmel.

Die eigentliche Arbeit steckt im Código de Pelajes der Sociedad Rural Argentina. Das ist eine amtliche Codierliste für die Eintragung, und sie ist der Grund, warum man beim Criollo von rund hundert Farben spricht. Sie ist in vier Blöcke geteilt.

Block A, die Fellfarbe, reicht bis zur Nummer 95. Hier die vollständige Liste in der Reihenfolge des Codes:

Alazán, Alazán claro, Alazán overo, Alazán requemado, Alazán rosillo, Alazán ruano, Alazán tostado, Azulejo, Azulejo overo, Bayo, Bayo acebrado, Bayo amarillo, Bayo blanco o claro, Bayo cabos negros, Bayo cebruno, Bayo crines blancas, Bayo encerado, Bayo huevo de pato, Bayo moro, Bayo naranjo, Bayo overo, Bayo rosado, Bayo rosillo, Blanco, Blanco ojos negros, Blanco porcelano, Castaño overo, Cebruno, Colorado, Colorado claro, Colorado requemado, Doradillo, Entrepelado, Gateado, Gateado acebrado, Gateado barcino, Gateado cabos negros, Gateado claro o gama, Gateado overo, Gateado rubio, Gateado tiznado, Gateado tostado, Lobuno, Lobuno acebrado, Lobuno claro o torcaz, Lobuno moro, Lobuno negro o picazo, Lobuno overo, Malacara, Manchado, Moro, Moro entrepelado, Moro negro, Moro overo, Oscuro, Oscuro renegrido, Overo, Overo negro, Overo rosado, Pangaré, Pangaré overo, Picazo, Rosado, Rosillo, Rosillo colorado, Rosillo entrepelado, Rosillo gateado, Rosillo moro, Rosillo overo, Rosillo pangaré, Rosillo ruano, Ruano, Ruano overo, Tordillo, Tordillo azafranado, Tordillo blanco, Tordillo lobuno, Tordillo moro, Tordillo mosqueado, Tordillo negro, Tordillo overo, Tordillo rodado, Tordillo sabino, Tostado, Tostado claro, Tostado negro o requemado, Tostado overo, Tostado rosillo, Zaino, Zaino claro, Zaino colorado, Zaino moro, Zaino negro, Zaino overo.

Block B beschreibt Besonderheiten am Körper: bragado, fajado, nevado, rabicano, tapado, manchas.

Block C beschreibt Besonderheiten am Kopf: corazón, estrella, fiador, gargantilla, lista, lista cortada, lista tuerta, lucero, malacara, mancha, mascarilla, media luna, pampa, pera blanca, pico blanco, testerilla, estrella y pico blanco, pelos blancos.

Block D beschreibt die weißen Abzeichen an den Beinen in fünfzehn Kombinationen, von „vier weiße Beine“ bis zu „linkes Vorderbein und rechtes Hinterbein weiß“.

Solanet selbst arbeitete mit einem noch feineren System. Seine Tafeln ordnen die Farben in vierzehn Grundgruppen: Blanco, Bayo, Gateado, Cebruno, Lobuno, Alazán, Colorado, Doradillo, Zaino, Oscuro, Tordillo, Moro, Rosillo, Overo. Jede Gruppe hat wieder ihre Untervarianten. Dazu kommen Namen aus Körperdetails wie galán, entrepelado, pangaré, nevado, mosqueado, sabino, salpicado, aporotado, lunarejo, rodado, atigrado oder barcino, tiznado, chorreado, ruano, raya de mula, yaguané, fajado, lagarto, bragado, anca mora, rabicano, tusado, crespo und tapado.

Wie tief das in die Kultur reicht, zeigt eine Milonga von Atahualpa Yupanqui mit dem Titel „Pelajes entreverados“. Sie zählt vierundfünfzig Fellfarben auf, gesungen, nicht in einem Fachbuch.

Gateado: die Farbe, die den Criollo berühmt gemacht hat

Wenn Argentinier von der Farbe des Criollo sprechen, meinen sie meistens Gateado. Der Name kommt vom Puma, dem gato del monte, dessen Fellfarbe die Grundlage für den Vergleich bildet.

Solanet beschreibt sie so, dass sich die Beschreibung kaum ersetzen lässt: Die Zebrastreifen erscheinen als eine mittlere Linie über Rücken, Lende und Kruppe, etwa zwei Finger breit, dazu ringförmige Querstreifen an den Gliedmaßen, von Vorderfußwurzel und Sprunggelenk bis etwa zur Mitte von Unterarm und Unterschenkel. Beim typischen Gateado sind die Enden dunkel, also Mähnenhaar und Schweifhaar, der untere Teil der Beine und die Ohrenspitzen.

Übersetzt in europäische Begriffe: Gateado ist ein echter Falbe mit Aalstrich, Zebrastreifen an den Beinen, dunklen Ohrenrändern und dunklem Langhaar. Die Grundfarbe entspricht etwa der Farbe des Weizenkorns.

Diese Farbe ist im Criollo so häufig, weil die natürliche Auslese sie belohnt hat. In der Pampa tarnt sie hervorragend. Dazu kommt der Ruf der Farbe im Gaucho-Denken. Ein Sprichwort vom Río de la Plata sagt sinngemäß: Der Gateado ist eher tot als müde. Ein anderes: Nimm den Gateado, dann hast du gleich eine ganze Tropilla. Bereits in den Anales der Sociedad Rural Argentina von 1877 heißt es, diese Pferde seien im Galopp über große Entfernungen unermüdlich.

Zwei Anekdoten aus Solanets Werk gehören dazu. Erstens: Die französische Kavallerie tarnte im Ersten Weltkrieg ihre Pferde so, dass sie wie Gateados aussahen. Zweitens, und das ist die eigentliche Merkwürdigkeit: Die Remonte-Fachleute des argentinischen Heeres ließen ausgerechnet diese Farbe später nicht zu, obwohl sie in den Bürgerkriegen die verbreitetste war.

Der Code der Sociedad Rural führt allein neun Gateado-Varianten. Die wichtigsten:

Gateado claro und gateado gama: die hellen Töne, immer mit Zebrastreifen.
Gateado hosco: der dunklere Ton.
Gateado cabos negros: mit schwarzem Langhaar und schwarzen Beinen.
Gateado rubio: eine Mischung aus Fuchs oder Tostado mit Falbe. Langhaar und untere Beine wirken fast feuerfarben.
Gateado pangaré: mit deutlich helleren Zonen an Maul, Achseln, Bauch und Innenschenkel.
Gateado tiznado: mit dunklem Anflug, wie mit Ruß überzogen.
Gateado overo: mit weißer Scheckung.
Gateado barcino: die große Rarität. Dazu gleich mehr.

Was hinter dem Gateado genetisch steckt

Hier lohnt eine Klarstellung, weil sie in vielen Quellen falsch steht. In etlichen spanischsprachigen Texten wird Gateado mit „Buckskin“ übersetzt. Das ist ungenau, und wer sich mit Pferdefarben beschäftigt, merkt sofort warum.

Buckskin entsteht durch das Cream-Gen, das den Braunen aufhellt. Es macht keine Wildpferdabzeichen. Der Gateado dagegen trägt Aalstrich und Zebrastreifen. Damit ist er ein echter Falbe, also ein Träger des Dun-Gens.

Das Dun-Gen sitzt im TBX3-Gen. Es verdünnt das Fellpigment am Körper, lässt es an den Enden stehen und erzeugt die Wildpferdabzeichen. Der Mechanismus ist ungewöhnlich: Das Gen sorgt dafür, dass sich das Pigment im einzelnen Haar nicht rundherum, sondern nur auf einer Seite ablagert. Deshalb wirkt das Fell heller, ohne dass das Pigment selbst verändert wird.

Wichtig für das Verständnis der Rasse: Dun ist das ursprüngliche Allel. Es ist die Wildform, und die Nicht-Falbe-Varianten sind die Mutationen, nicht umgekehrt. Man unterscheidet zwei davon. Bei non-dun1 ist noch ein schwacher Aalstrich zu sehen, bei non-dun2 fehlen die Wildabzeichen ganz. Dass beim Criollo so viele Pferde falb sind, passt genau zur Entstehungsgeschichte: Eine Population, die dreihundert Jahre lang natürlich selektiert wurde, behält die Wildform häufiger als eine Population, die auf Farbe gezüchtet wurde.

Das Dun-Gen wirkt dominant. Ein Elternteil mit Falbgen genügt, damit Falbfohlen fallen können. Wichtig dabei: Auch ein Pferd, dessen Grundfarbe sehr dunkel ist, kann das Falbgen tragen und weitergeben, ohne dass man ihm die Wirkung gut ansieht. Genau dieser Effekt sorgt dafür, dass im Criollo immer wieder Falben aus scheinbar dunklen Verpaarungen fallen.

Die Abgrenzung im Überblick:

Gateado ist der Falbe auf braunem oder dunklem Grund, also der klassische Braunfalbe.
Lobuno ist der Falbe auf schwarzem Grund, international Grullo genannt.
Bayo ist im argentinischen Sprachgebrauch die Aufhellung durch das Cream-Gen, also der Bereich, in dem international Palomino und Buckskin liegen.
Cebruno ist ein dunkler, hirschfarbener Ton mit möglichem Aalstrich, aber ohne die Querstreifen. Solanet betont ausdrücklich: Ein Pferd mit dunklen Querstreifen ist Gateado, keines mit nur einem Aalstrich ist Cebruno. Der Name kommt vom Hirsch, spanisch cervuno.

Die seltenen Farben des Criollo

Jetzt zu den Farben, die auch in Argentinien selten sind.

Gateado barcino

Das ist die große Rarität der Rasse. Solanet, der sein Leben mit Criollos verbracht und tausende Pferde begutachtet hat, schreibt, er habe diese Farbe nicht mehr als zweimal gesehen.

Beim Gateado barcino laufen die Zebrastreifen über den ganzen Körper. Am Hals und am Rumpf verlaufen sie von oben nach unten, an den Gliedmaßen quer. Das Pferd sieht damit tatsächlich gestreift aus, nicht nur gestriemt.

Overo rosado

Manchas Farbe. Overo rosado ist ein Overo, dessen farbige Flecken rosa bis rötlich wirken und sich mit Weiß mischen. Wenn die Flecken nur die Größe einer Erdnuss haben und auf weißem oder tordillo-weißem Grund liegen, spricht man von sabino.

Diese Farbe hat es in die argentinische Literatur geschafft. In dem Versepos „El Fausto“ von Estanislao del Campo reitet Don Laguna auf einem overo rosao, geschmückt mit silberbeschlagenem Zeug. Für die Landbevölkerung war das schon damals die Prunkfarbe.

Azulejo, Moro und Picazo

Azulejo ist ein Fell aus schwarzen und weißen Haaren, deren Mischung einen bläulichen Schimmer ergibt.

Moro ist die feine Mischung aus matt schwarzen Haaren mit wenigen weißen, was einen bläulichen Ton ergibt und den Moro vom Tordillo negro unterscheidet. Es gibt moro claro und moro oscuro. In vielen Regionen bezeichnet moro zusätzlich ein dunkles Gesicht, weshalb Kombinationen wie zaino moro, bayo moro oder tordillo moro im Code auftauchen.

Picazo ist im Code als eigene Farbe geführt und beschreibt dunkle Pferde mit Weiß am Kopf. Lobuno negro wird ebenfalls als picazo bezeichnet.

Doradillo

Doradillo führt Solanet als eigene Grundfarbe, obwohl sie eigentlich am hellen Ende des Colorado steht. Gemeint ist ein rötliches Fell mit deutlichem Goldglanz.

Rosillo und Entrepelado

Rosillo ist die argentinische Bezeichnung für das Stichelhaar, also die Beimischung weißer Haare in eine farbige Grundfarbe. Der Kopf und der untere Teil der Beine bleiben dabei meist in der Grundfarbe. Rosillos werden bereits stichelhaarig geboren, im Unterschied zum Tordillo, der in einer festen Farbe zur Welt kommt und erst mit den Jahren ausschimmelt.

Das Stichelhaar legt sich über fast jede Grundfarbe. Deshalb führt der Code rosillo colorado, rosillo moro, rosillo gateado, rosillo pangaré, rosillo ruano, rosillo overo und rosillo entrepelado.

Weiße und entpigmentierte Pferde

Blanco, blanco porcelano, blanco ojos negros, sabino, mosqueado und albino gehören zur weißen Gruppe. Hier greift die einzige echte Farbempfehlung des Standards: Tiere mit weit fortgeschrittener Entpigmentierung und Albinismus sollen aus der Zucht ausscheiden. Solanet notiert zum weißen Pferd zwei Dinge, die zeigen, wie eng Farbe und Kultur hier verwoben sind: Weiße Pferde galten als Pferde für Anführer, geritten unter anderem von Juan Manuel de Rosas und von fast allen Provinzgouverneuren. Ihr praktischer Nachteil war die Empfindlichkeit gegenüber der Sonne.

Tordillo

Der Schimmel heißt tordillo und hat mit neun Varianten die längste Untergliederung im Code: blanco, negro, plateado, rodado, overo, mosqueado, sabino, azafranado und rucio. Der Erbgang ist einfach dominant, ein Schimmelelternteil ist immer nötig. Wer einen tordillo hält, sollte das Melanomrisiko kennen: Ein hoher Anteil der Schimmel entwickelt ab etwa fünfzehn Jahren gutartige Hautmelanome, vor allem unter der Schweifrübe, am Kopf und am Hals.

Overo und Tobiano: warum die eine Scheckung dazugehört und die andere draußen bleibt

Das ist einer der Punkte, an denen sich der Criollo von fast allen anderen Rassen unterscheidet, und der Grund dafür ist Geschichte, nicht Geschmack.

Overo bezeichnet in Argentinien eine zusammengesetzte Farbe aus verschiedenfarbigen Haaren in unregelmäßigen Flecken mit unscharfen Rändern. Die untere Körperhälfte trägt dabei meist mehr Weiß als die obere. Overo ist im Criollo zugelassen und beliebt. Der Code führt overo negro, overo rosado, azulejo overo, manchado, castaño overo, tostado overo, gateado overo, bayo overo, lobuno overo, cebruno overo, alazán overo, zaino overo, moro overo, pangaré overo, ruano overo, rosillo overo und tordillo overo.

Tobiano bezeichnet dagegen große, klar begrenzte weiße Flecken mit scharfen Rändern, die bevorzugt über die obere Körperhälfte laufen. Diese Scheckung ist im argentinischen Criollo-Register nicht anerkannt, ebenso wenig das pintado.

Der Grund ist ein historischer. Die Mehrheit der Fachleute rechnet den Tobiano nicht zur Rasse, weil er in Argentinien vor 1850 nachweislich fehlte, also in genau der Zeit, in der jedes Pferd im Land ein reiner Criollo war. Nach Entre Ríos kam die Scheckung 1850 aus Brasilien, in weitere Provinzen erst ab 1870.

Auch der Name führt nach Brasilien. Das Vocabulario Sul-Riograndense von 1898 und das Diccionario Rioplatense von Daniel Granada leiten ihn von einem Anführer namens Tobias oder Tubias ab. Er wurde 1842 geschlagen, schloss sich mit seinen wenigen verbliebenen Soldaten den Farrapos in Rio Grande do Sul an, und weil er und seine Leute auf dieser Art gescheckter Pferde saßen, nannte man solche Pferde tubianos. Der Ausdruck setzte sich am Río de la Plata durch.

Solanet selbst führte den Tobiano übrigens als Untergruppe der Overos, definiert als Overo mit großen, klar abgegrenzten weißen Flecken, die bevorzugt die obere Körperhälfte einnehmen.

Genetisch sind das tatsächlich verschiedene Baustellen. Der Tobiano geht auf eine Veränderung am KIT-Gen zurück und wird dominant vererbt. Der Sammelbegriff Overo umfasst international mindestens drei genetisch voneinander unabhängige Scheckungen: Frame, Sabino und Splashed White. Die argentinische Nomenklatur beschreibt also das, was man sieht, und nicht das, was im Erbgut steht. Genau deshalb passen die Begriffe nicht eins zu eins aufeinander.

Ein Sicherheitshinweis gehört an diese Stelle. Die Frame-Scheckung, im internationalen Sprachgebrauch Frame Overo, beruht auf einer Veränderung im EDNRB-Gen. Ein Pferd mit einer Kopie ist gesund. Werden zwei Träger miteinander verpaart, entsteht bei einem Viertel der Fohlen das Overo-Lethal-White-Syndrom: ein weiß geborenes Fohlen mit blauen Augen, dessen Dickdarm nicht arbeitet und das innerhalb weniger Stunden bis Tage stirbt. Frame lässt sich äußerlich sehr schlecht erkennen, weil die Ausprägung von wild gescheckt bis scheinbar einfarbig reicht. Wer Criollos mit Overo-Zeichnung züchten möchte, ist deshalb mit einem Gentest auf der sicheren Seite. Wie verbreitet dieses Allel in der Criollo-Population tatsächlich ist, ist in der Fachliteratur bisher wenig untersucht.

Die Farbnamen der indigenen Völker

Ein Detail, das in europäischen Rassebeschreibungen praktisch nie auftaucht: Solanet hat zu vielen Farben die Bezeichnungen der indigenen Sprachen mit aufgenommen. Sie zeigen, wie sehr das Pferd innerhalb weniger Generationen Teil dieser Kulturen wurde.

Gateado heißt im Araukanischen palao.
Bayo heißt araukanisch vayú, im Mocobí coñoyek.
Blanco heißt araukanisch pülag, im Guaraní morotí, im Toba yapagac, im Mocobí yelagacca.
Colorado heißt araukanisch kolü, im Mocobí lectogayek.
Lobuno heißt araukanisch mallkau.
Tordillo heißt araukanisch karü oder cascú.
Cebruno heißt araukanisch dümil oder coipo, nach der Nutria.

Die genetische Besonderheit: sehr viele Mutterlinien, wenige Vaterlinien

Kommen wir zu dem Punkt, den man in keiner Rassebeschreibung findet und der die Entstehungsgeschichte des Criollo bestätigt.

Untersuchungen an den südamerikanischen Criollo-Rassen mit autosomalen Markern, mit Genen des Haupthistokompatibilitätskomplexes und mit Mikrosatelliten zeigen eine hohe genetische Vielfalt und eine gewisse Unterstrukturierung der Population. Die Criollo-Rassen ähneln einander genetisch am stärksten, danach folgen die iberischen Rassen, und deutlich weiter entfernt liegen Rassen aus anderen Weltregionen.

Der eigentlich spannende Befund liegt in der Verteilung. Untersuchungen der mitochondrialen DNA, die ausschließlich über die Mutter vererbt wird, zeigen im Criollo eine sehr hohe Zahl unterschiedlicher Mutterlinien. Die Vaterlinien, gemessen am Y-Chromosom, sind dagegen deutlich einheitlicher.

Das ist genau das, was man erwartet, wenn eine Population aus einer kleinen Zahl mitgebrachter Hengste und einer großen, über Jahrhunderte immer wieder ergänzten Zahl von Stuten entsteht, die anschließend frei in großen Herden lebt. Fachleute deuten die Vielfalt der Mutterlinien als Hinweis darauf, dass im Criollo sehr alte Linien erhalten geblieben sind, die anderswo verloren gingen.

Für die Zucht bedeutet das etwas Praktisches: Der Criollo ist ein Genreservoir. Der Genpool der criollen Rassen kann Gene und Genkombinationen bewahrt haben, die in Rassen mit starker Selektion auf bestimmte Merkmale längst verschwunden sind.

Die Lockenpferde der Meseta de Somuncurá

Und dann gibt es noch die Geschichte, die selbst in Argentinien kaum jemand kennt.

Auf der Meseta de Somuncurá in der Provinz Río Negro, einer der unwirtlichsten Ecken Patagoniens, entdeckte der Tierarzt Gerardo Rodríguez vor rund zwanzig Jahren ein Pferd, das er zunächst für krank oder verschwitzt hielt: Sein Fell war gelockt. Ein Gaucho vor Ort erklärte ihm, solche Pferde seien früher häufiger gewesen, bis Dürren, Vulkanausbrüche und andere Schläge den Bestand dezimierten.

Rodríguez kaufte das Pferd auf der Stelle. Er und seine Frau Andrea Sede halten heute rund vierzig dieser Lockenpferde, nach derzeitigem Kenntnisstand die einzigen ihrer Art in ganz Südamerika.

Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Bereits 1739 wurde die Anwesenheit von Lockenpferden in den wilden Herden Argentiniens und Brasiliens dokumentiert. Der Naturforscher Félix de Azara beschrieb sie in seinem Werk „Cuadrúpedos del Paraguay“, das 1801 in Paris erschien. Charles Darwin nahm sie 1868 in „The Variation of Animals and Plants Under Domestication“ als Beispiel für natürliche Auslese auf und vermutete, eine zufällige Mutation habe diesen Pferden die Anpassung an ihre neue Umwelt erlaubt. Gesehen hat er sie nie. Auf seiner Südamerikareise fand er kein einziges freilebendes Lockenpferd und fragte sich, ob sie verschwunden seien.

Über die Herkunft kursiert vor Ort auch eine Legende: Die Templer sollen solche Pferde geritten und lange vor den Konquistadoren auf die Meseta gebracht haben. Historische Belege dafür gibt es nicht, die Geschichte hält sich trotzdem.

Jahrelang schrieben Rodríguez und Sede internationale Verbände an. Die Antwort war stets dieselbe: In Südamerika gebe es keine Lockenpferde. Erst der Kontakt zur International Curly Horse Organization brachte Bewegung. Deren Forschungsvizepräsident Mitch Wilkinson reiste an, DNA-Proben gingen an das Equine Genetics Laboratory der Texas A&M University. Das Ergebnis: Die Pferde unterscheiden sich von jeder bekannten Rasse, und ihre Mutation für das Lockenhaar war bis dahin nirgends beschrieben. Eingeordnet wurden sie als eine Form des argentinischen Criollo, also als direkte Nachfahren der spanischen Kolonialpferde. Auffällig ist zudem eine genetische Verbindung zu den nordiberischen Ponys wie Gallego und Garrano, bei einem Stockmaß von etwa 142 bis 163 Zentimetern.

Wilkinson bringt das Verhältnis von Merkmal und Rasse auf den Punkt: Lockenfell zu haben, macht noch keine Rasse. Es ist ein Merkmal, das auf einer Mutation beruht.

Offen sind bis heute zwei Fragen: welche Mutation genau dahintersteckt und wie sie vererbt wird. Der Genetiker Gus Cothran von der Texas A&M University weist darauf hin, dass sich nach der Klärung dieser Fragen gezielt planen ließe, ob und wie reinerbige Tiere entstehen, falls die Mutation in doppelter Ausführung Probleme macht. Auch die alte These, das Lockenfell biete einen Wintervorteil, ist bislang unbelegt. Auf der Meseta liegt der Sommer über 30 Grad, der Winter bei minus 20 Grad, mit meterhohem Schnee und Wasser nur in kleinen Schmelzwasserlagunen.

Und jetzt der Bogen zurück zu Solanet. In seinen Tafeln zu den Fellbesonderheiten steht zwischen revesados, remolinos und tapado ein einzelnes Wort: crespo. Gelockt. Die Lockenpferde Patagoniens sind für den Criollo also nichts Neues. Sie standen schon im Standardwerk der Rasse, nur hat es außerhalb Argentiniens niemand gelesen.

Die Marcha: 750 Kilometer als Zuchtprüfung

Was den Criollo bis heute vor der Entwicklung bewahrt, die viele Gebrauchsrassen genommen haben, ist die Art, wie er selektiert wird. Die Morphologie ist nur eine Säule. Die zweite ist die Leistung, und zwar in einer Härte, die in Europa nirgends existiert.

Die Marcha de Resistencia geht auf das Jahr 1946 zurück, als der erste Ausdauerritt für Criollo-Stuten organisiert wurde. Die legendäre jährliche Marcha begann 1953. Die Eckdaten heute:

750 Kilometer, in Argentinien in vierzehn Etappen, in Brasilien über fünfzehn Tage.
Mindestgewicht von Reiter und Ausrüstung 90 Kilogramm, kontrolliert vor jeder Etappe.
Kraftfutter ist verboten. Zwischen den Etappen stehen die Pferde auf der Weide und bekommen Gras und Wasser, bei Bedarf Luzerne.
Bereits zwanzig Tage vor dem Start werden alle Pferde der Organisationskommission übergeben, damit alle unter denselben Bedingungen antreten.
Synthetische Materialien an Halfter, Kopfstück und Sattelzeug sind ausgeschlossen, ebenso Sporen, Gerte und Hilfszügel.

Gewertet wird nicht die Geschwindigkeit allein. Die begehrteste Auszeichnung ist der Premio a la Rusticidad. Ihn bekommt das Pferd, das zwei Stunden nach dem Rennen die besten Werte zeigt, das also am ehesten weiterreiten könnte. Es ist ein Preis für Regeneration, nicht für Tempo.

Dazu kommen die Prüfungen an der Rinderarbeit: Freno de Oro und Paleteada in Brasilien, Freno de Oro, Aparte Campero, Rodeos und die Pruebas de Rienda in Argentinien. Sie prüfen Wendigkeit, Rittigkeit, Cow Sense und Nervenstärke.

Was die Forschung über den Criollo herausgefunden hat

Die Rasse ist inzwischen auch Gegenstand veterinärmedizinischer Studien, und einige Ergebnisse sind für Reiter interessant.

Eine Arbeitsgruppe der Universität Tokio untersuchte 2023 die Herzfrequenzvariabilität von Criollos im Vergleich mit englischen Vollblütern. Hintergrund war die Frage, ob sich das ruhige Wesen der Rasse messen lässt. Ergebnis: Bei den Criollos war der hochfrequente Anteil, ein Maß für die Aktivität des Parasympathikus, höher, und das Verhältnis von niedrig- zu hochfrequentem Anteil, ein Maß für das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, tendenziell niedriger. Die Autoren deuten das als Hinweis darauf, dass beim Criollo der beruhigende Teil des Nervensystems stärker mitspielt und dass die Pferde auf ein neues Objekt in ihrer Umgebung gelassener reagieren. Sie schränken zugleich ein, dass die Stichprobe klein war und dass es sich um eine Vorstudie handelt. Nebenbefund: PR-Intervall, QRS-Dauer und QT-Intervall waren beim Criollo kürzer, was die Autoren auf die kleinere Herzgröße und das geringere Körpergewicht zurückführen.

Eine brasilianische Arbeit bestimmte die anaerobe Schwelle von 23 gesunden Criollos im Training. Sie liegt bei einer Geschwindigkeit zwischen 6 und 8 Metern pro Sekunde bei einer Herzfrequenz von 121 bis 140 Schlägen pro Minute. Das sind Werte, mit denen sich ein Training tatsächlich planen lässt.

Und es gibt eine unbequeme Studie, die man ehrlicherweise mit erwähnen sollte. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung an Criollos, die in der Morphologieprüfung vorgestellt wurden, fand Zusammenhänge zwischen Körperfettanteil, Hufmaßen, dem Absinken des Hufbeins und dem Abstand der Hufblättchen. Alle untersuchten Pferde zeigten in mindestens einem Sprunggelenk radiologische Veränderungen. Der Hintergrund ist ein Managementproblem: Pferde, die für Ausstellungen vorbereitet werden, kommen früh in einen hohen Ernährungszustand. Bei einer Rasse, die auf Genügsamkeit selektiert wurde, ist das ein besonderes Risiko.

Genau daran hängt auch die wichtigste Haltungsregel für Criollos in Europa. Diese Pferde stammen von Weiden, deren Nährstoffgehalt je nach Region und Jahreszeit stark schwankt. Eine üppige deutsche Weide plus gut gemeinte Kraftfuttergabe führt zuverlässig in Übergewicht und Stoffwechselprobleme. Robusthaltung, viel Bewegung und eiweißarmes Futter passen zu diesem Pferd.

Der Criollo und die argentinischen Polopferde

Ein kurzer Blick auf die Verwandtschaft, weil sie oft nachgefragt wird.

Als in Argentinien Ende des 19. Jahrhunderts Polo gespielt wurde, saß man auf Criollos. Sie waren stark, ausdauernd, wendig und geländesicher. Mit der Professionalisierung in den 1970er und 1980er Jahren wurde das Spiel schneller, und Tempo wurde die gesuchte Eigenschaft. Das englische Vollblut brachte die Geschwindigkeit mit, war aber bei hohem Tempo schwerer zu kontrollieren.

Die Lösung war die Kreuzung: argentinische Criollo-Stuten mit Vollbluthengsten. Daraus entstand ein Pferd, das Wendigkeit, Umgänglichkeit und Tempo in einem Körper vereint. Am 8. August 1984 wurde die Asociación Argentina de Criadores de Caballos de Polo gegründet, die seither das Register der Rasse Polo Argentino führt. Heute liegt das Stockmaß dieser Pferde bei etwa 1,55 bis 1,60 Meter.

Der Criollo ist damit die mütterliche Grundlage einer der erfolgreichsten Sportpferdezuchten der Welt. Das ist ein eigenes Thema und einen eigenen Beitrag wert.

Der Criollo in Zahlen

Der Criollo ist längst keine Nischenrasse mehr, sondern die am stärksten wachsende Pferdepopulation Südamerikas.

Brasilien: über 500.000 registrierte Tiere insgesamt, rund 19.000 vorläufige und 12.300 endgültige Eintragungen allein 2025, etwa 80 Prozent des Bestandes in Rio Grande do Sul.
Argentinien: rund 7.500 Registrierungen pro Jahr, geschätzter Gesamtbestand etwa 120.000 Pferde, über 1.650 Mitglieder, rund 1.750 Züchter, mehr als 4.600 lizenzierte Reiter.
Uruguay: rund 6.000 Fohlen jährlich, etwa 85 Prozent aller in Uruguay eingetragenen Pedigree-Fohlen.
Paraguay: der Verband feierte 2026 sein fünfzigjähriges Bestehen.

Über den nationalen Verbänden steht die FICCC, die Federación Internacional de Criadores de Caballos Criollos, mit Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay als Mitgliedern. Alle drei Jahre richtet sie ihre internationale Ausstellung aus, faktisch die Weltmeisterschaft der Rasse.

Bemerkenswert ist der rechtliche Status der Papiere. In Argentinien beweist die Eintragung nach dem Gesetz Nr. 20.378 Herkunft, Qualität und Eigentum. Beim Verkauf wird der Eigentumsübergang erst mit der Umschreibung im Zuchtbuch rechtswirksam. Ein Criollo-Papier aus Südamerika ist damit mehr als eine Vereinsbescheinigung.

Der Criollo in Deutschland

In Deutschland ist die Rasse klein und trotzdem die größte Criollo-Population Europas.

1989 stellten südamerikanische Züchter auf der Equitana in Essen acht Criollos vor. Der Auftritt kam beim Publikum nicht an und endete als Verlustgeschäft. Die Rasse kam auf einem ganz anderen Weg ins Land: über Schiffstransporte, die ab dem Winter 1987/88 südamerikanische Pferde nach Süditalien brachten. Ein kleiner Teil dieser Tiere wurde herausgekauft und nach Bayern weiterverkauft. Viele davon waren Mestizos, also Pferde ohne Abstammungsnachweis, häufig nicht reinrassig.

1990 wurden die ersten beiden reinrassigen Stuten in einem deutschen Zuchtbuch eingetragen. 1991 entstand auf Gut Dalwitz in Mecklenburg mit „La Primera“ die erste deutsche Criollozucht. 1993 wurde der Rassestandard der FICCC ins Deutsche übersetzt und von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung übernommen. Im Oktober 1994 wurde der Criollo Reit- und Zuchtverein Deutschland gegründet, seit 2009 assoziiertes Mitglied der FICCC.

Der Bestand in Deutschland liegt heute bei schätzungsweise knapp 1.300 reinrassigen Criollos. Zuchtprogramme führen der Bayerische Zuchtverband für Kleinpferde und Spezialpferderassen, der Verband der Pony- und Pferdezüchter Hessen und der Zuchtverband für deutsche Pferde. Das Ursprungszuchtbuch der Rasse wird in Montevideo geführt, die deutschen Verbände führen Filialzuchtbücher.

Die deutsche Leistungsprüfung ist eine eintägige Feldprüfung, die der Marcha nachempfunden ist. Sie startete 1996 in München-Riem und ist heute Voraussetzung für die Eintragung in die höherwertigen Abteilungen des Zuchtbuchs. Alternativ werden Erfolge im Distanz- und Westernsport anerkannt.

Preislich liegt ein in Deutschland gezogener, eingetragener Criollo je nach Alter, Ausbildungsstand und Abstammung bei etwa 10.000 bis 12.000 Euro. Für gezielt per Flugzeug importierte Pferde aus Südamerika werden 20.000 bis 25.000 Euro und mehr aufgerufen.

Passt ein Criollo zu dir?

Ehrlich gesagt: nicht zu jedem.

Der Criollo ist typischerweise ein Ein-Mann- oder Ein-Familien-Pferd. Fremden gegenüber ist er zurückhaltend, er denkt eigenständig und er braucht körperliche wie geistige Beschäftigung. Wer sein Vertrauen gewinnt, bekommt einen Partner, der überall mitgeht.

Gut aufgehoben ist der Criollo bei Menschen, die viel im Gelände unterwegs sind, die Wanderritte machen, die Distanzsport betreiben oder die Working Equitation reiten. Genau dort spielt er seine Herkunft aus. Auch im Westernreiten und in der Rinderarbeit ist er zu Hause. Als Anfängerpferd wurde er in den 1990er Jahren verkauft, dafür ist er allerdings die falsche Wahl.

Für die Haltung gilt die einfache Regel: so nah wie möglich an dem, was er kennt. Robusthaltung, ganzjährig Bewegung, mageres Futter. Ein Criollo, der wie ein Warmblut gefüttert wird, verliert genau die Eigenschaften, für die man ihn schätzt.

Häufige Fragen zum Criollo

Wie groß wird ein Criollo?

Das ideale Stockmaß liegt bei 1,44 Meter. Zulässig sind bei Hengsten 1,40 bis 1,48 Meter, in Ausnahmefällen bis 1,50 Meter und mindestens 1,38 Meter. Stuten liegen zwei Zentimeter darunter. Damit zählt der Criollo in Deutschland zu den Kleinpferden.

Welche Farbe ist beim Criollo typisch?

Gateado, also der Falbe mit Aalstrich und Zebrastreifen an den Beinen. Er gilt als die charakteristischste Farbe der Rasse und ist ein Ergebnis der natürlichen Auslese in der Pampa, wo diese Färbung am besten tarnt. Daneben sind Bayo, Zaino, Lobuno, Tordillo, Rosillo und die Overo-Formen häufig.

Wie viele Fellfarben hat der Criollo wirklich?

Der offizielle Farbcode der Sociedad Rural Argentina für die Rasse Criolla reicht bis zur Nummer 95 und listet damit rund hundert benannte Farbvarianten, dazu Besonderheiten am Körper, am Kopf und an den Beinen. Emilio Solanet arbeitete mit vierzehn Grundgruppen und einer noch feineren Untergliederung.

Welche Farbe ist beim Criollo am seltensten?

Der Gateado barcino, bei dem die Zebrastreifen über den ganzen Körper laufen, am Hals und Rumpf senkrecht, an den Beinen quer. Emilio Solanet, der sein Leben mit dieser Rasse verbracht hat, gibt an, diese Farbe höchstens zweimal gesehen zu haben.

Warum sind Schecken beim Criollo teilweise verboten?

Der Rassestandard schließt pintado und tobiano aus. Der Grund ist historisch: Der Tobiano fehlte in Argentinien nachweislich vor 1850 und kam erst danach aus Brasilien ins Land, nach Entre Ríos 1850, in weitere Provinzen ab 1870. Die Overo-Scheckung dagegen war Teil der ursprünglichen Population und ist bis heute zugelassen und beliebt.

Warum tragen Criollos in Südamerika oft eine geschorene Mähne?

Weil sie Arbeitspferde sind. Ein kurz geschorenes Langhaar bleibt in Dornen und Gestrüpp nicht hängen, und das Rossschweifhaar wird zu Seilen, Zügeln und Boleadoras verarbeitet. Stehen bleiben dabei traditionell der martillo am Widerristansatz und die agarradera, ein dichter Haarschopf zum Festhalten beim Aufsprung. In Deutschland tragen die meisten Criollos ihr Langhaar lang.

Ist der Criollo ein Falbe oder ein Buckskin?

Der Gateado ist ein echter Falbe. Man erkennt es an Aalstrich und Zebrastreifen, die durch das Dun-Gen im TBX3-Gen entstehen. Beim Buckskin wirkt dagegen das Cream-Gen, das keine Wildpferdabzeichen erzeugt. Die häufige Übersetzung von gateado mit buckskin ist deshalb ungenau.

Wie alt wird ein Criollo?

Die Rasse gilt als ausgesprochen langlebig. Die beiden berühmtesten Vertreter, Gato und Mancha, wurden 36 und 40 Jahre alt, und das nach einem Ritt von rund 21.500 Kilometern in ihrem sechzehnten und fünfzehnten Lebensjahr.

Eignet sich der Criollo als Freizeitpferd?

Ja, vor allem für Wanderreiten, Geländeritte, Distanzsport und Working Equitation. Er ist trittsicher, nervenstark und genügsam. Er braucht allerdings einen Menschen, der Vertrauen aufbaut, sowie Robusthaltung und mageres Futter. Für Anfänger ist er eher ungeeignet.

Was kostet ein Criollo in Deutschland?

Ein in Deutschland gezogener, eingetragener Criollo liegt je nach Alter, Ausbildungsstand und Abstammung bei etwa 10.000 bis 12.000 Euro. Gezielt aus Südamerika eingeflogene Pferde kosten 20.000 bis 25.000 Euro und mehr.

Gibt es Criollos mit Lockenfell?

Ja. Auf der Meseta de Somuncurá in Patagonien lebt eine kleine Gruppe von rund vierzig Lockenpferden, die als eine Form des argentinischen Criollo eingeordnet wurden. Ihre Mutation für das Lockenhaar war zuvor nirgends beschrieben. Bereits Emilio Solanet führte in seinen Tafeln die Fellbesonderheit crespo, also gelockt, für die Rasse auf.