Sportschecken vorgestellt Teil 1

Fluorescent Adolescent – die Scheckstute, die es bis zur Weltmeisterschaft schaffte

Wer internationale Vielseitigkeit schaut, bekommt normalerweise ziemlich viel Braun, Dunkelbraun, Fuchs und Schimmel geboten. Und dann kommt plötzlich Fluorescent Adolescent ins Bild, eine auffällige braun-weiße Scheckstute, die aussieht, als hätte jemand mitten im Starterfeld beschlossen, dass Spitzensport ruhig etwas mehr Farbe vertragen könnte.

Doch „Lacey“, wie Fluorescent Adolescent im Stall genannt wird, ist weit mehr als ein hübscher Farbtupfer zwischen den üblichen Warmblütern. Die 2008 geborene Canadian-Sport-Horse-Stute hat es bis in die höchste Klasse der Vielseitigkeit geschafft, ist auf Fünf-Sterne-Niveau gelaufen und vertrat Kanada 2026 mit Jessica Phoenix bei den Weltmeisterschaften in Aachen.

Und das mit 18 Jahren.

Wer nun vermutet, dass hinter diesem außergewöhnlichen Schecken irgendeine ebenso außergewöhnliche Spezialzucht steckt, wird bei einem Blick ins Pedigree überrascht. Denn unter der bunten Jacke findet man Namen wie Fidermark NRW, Florestan I und Samber und damit eine ziemlich spannende Mischung aus deutscher und niederländischer Sportpferdezucht.

Fluorescent Adolescent im Steckbrief

Fluorescent Adolescent wurde am 1. Juni 2008 geboren und ist beim Canadian Sport Horse Association Studbook eingetragen. Ihr Vater ist der gescheckte Hengst Gaudy, ihre Mutter Amelia II, eine Tochter von Ali Baba.

Die FEI führt Lacey inzwischen mit 25 internationalen Vielseitigkeitsstarts und Starts bis in die höchste Klasse des Sports. Dabei wurde sie im Laufe ihrer Karriere von Hannah Rankin, Makayla Rydzik und schließlich Jessica Phoenix geritten. (Fei)

Gezüchtet wurde sie von Kelly Plitz und Ian Roberts auf der Dreamcrest Farm in Ontario. Das sind nun ebenfalls keine völlig unbekannten Namen: Beide waren selbst kanadische Olympiareiter in der Vielseitigkeit. Besonders hübsch an der Geschichte ist, dass Kelly Plitz Jessica Phoenix’ erste Vielseitigkeitstrainerin war. Viele Jahre später sitzt Phoenix also auf einem Pferd aus der Zucht ihrer ehemaligen Trainerin bei einer Weltmeisterschaft.

Manchmal zieht die Pferdewelt erstaunlich schöne Kreise. (Horse & Hound)

Woher hat Fluorescent Adolescent ihre Scheckung?

Das lässt sich bei Lacey ungewöhnlich schön zurückverfolgen.

Ihr Vater Gaudy war selbst ein Schecke und stammt von Fidermark NRW ab, einem Grand-Prix-erfolgreichen Sohn des berühmten Florestan I. Damit kommt von der väterlichen Seite zunächst einmal ausgesprochen klassisches deutsches Dressurblut.

Die Farbe stammt allerdings nicht von Fidermark.

Sie kommt über Gaudys Mutterlinie und führt schließlich zu einem Pferd, das in der Geschichte der modernen Warmblut-Schecken kaum zu umgehen ist:

Samber.

Die betreffende Stutenfamilie ist die niederländische Zottie-Linie. In ihr findet sich die 1988 geborene gescheckte KWPN-Stute Georgia von Samber, und aus dieser Familie stammen wiederum Gaudy sowie zahlreiche weitere Sportpferde. Samber ist damit der Ursprung der Scheckung in diesem Zweig der Familie. (HorseTelex)

Vereinfacht sieht die für Lacey interessante Verbindung also so aus:

Samber → gescheckte Zottie-Stutenfamilie → Gaudy → Fluorescent Adolescent

Damit trägt Lacey eine Scheckenlinie, die keineswegs erst gestern irgendwo auf ein Warmblut aufgepfropft wurde.

Samber – einer der wichtigsten Sportschecken überhaupt

Samber verdient eigentlich eine eigene Seite in unserer Sportschecken-Serie, denn ohne ihn würde die europäische Warmblut-Scheckenzucht heute vermutlich deutlich anders aussehen.

Der 1976 geborene KWPN-Hengst war selbst gescheckt und wurde sportlich sowohl im Springen als auch in der Dressur eingesetzt. HorseTelex führt ihn mit Leistungen bis 1,30 Meter Springen und Grand Prix Dressur. (HorseTelex)

Das ist deshalb interessant, weil die Scheckfarbe bei Warmblütern lange einen etwas zweifelhaften Ruf hatte. Schecken waren für viele Pferdeleute etwas fürs Auge, fürs Freizeitpferd oder fürs Westernreiten, während der internationale Warmblutsport gefälligst in Braun, Fuchs oder Schimmel stattzufinden hatte.

Samber gehörte zu den Hengsten, die dieses Bild ziemlich nachhaltig durcheinanderbrachten.

Und mehrere Generationen später galoppiert eine seiner Nachfahrinnen bei einer Weltmeisterschaft in Aachen durchs Gelände.

Das ist schon eine ziemlich schöne Pointe der Zuchtgeschichte.

Die Verwandtschaft kann ebenfalls etwas

Noch interessanter wird es, wenn man sich Gaudys Familie genauer anschaut, denn hier handelt es sich keineswegs um eine Linie, die lediglich deshalb weitergezüchtet wurde, weil gelegentlich hübsch gescheckte Fohlen herauskamen.

Aus der direkten Familie von Georgia stammen beispielsweise Fideramber von Fidermark NRW, der bis Grand Prix Dressur erfolgreich war, und Formosa von Florestan I, die bis Prix St. Georges beziehungsweise Intermediaire I kam. Dazu finden sich weitere Nachkommen mit Erfolgen im Dressur- und Springsport sowie mehrere gekörte Hengste. (HorseTelex)

Das macht die Abstammung von Fluorescent Adolescent gerade für die Sportscheckenzucht so interessant: Hier wurde nicht versucht, aus einer reinen Farbzucht irgendwann ein Sportpferd zu basteln. Die Scheckung läuft seit Generationen innerhalb einer leistungsstarken Warmblutfamilie mit.

Auch die Mutterseite ist alles andere als zufällig

Und jetzt könnte man sagen: Schön, väterlicherseits haben wir Fidermark, Florestan und Samber, aber eine Vielseitigkeitsstute braucht schließlich etwas mehr als eine hübsche Dressurabstammung.

Genau da wird Amelia II interessant.

Laceys Mutter stammt von Ali Baba und wurde selbst von Kelly Plitz und Ian Roberts in der Vielseitigkeit bis auf das Niveau geritten, das heute ungefähr Drei-Sterne-Niveau entspricht. Die Leistungsfähigkeit für die Vielseitigkeit taucht bei Fluorescent Adolescent also nicht erst zufällig in ihrer eigenen Generation auf. (Horse & Hound)

Das erklärt natürlich nicht allein, warum ein Pferd später Fünf-Sterne-Prüfungen läuft, aber es zeigt sehr schön, wie sinnvoll dieses Pedigree zusammengesetzt ist: Auf der einen Seite eine sportlich bewährte Warmblutfamilie mit Dressurleistung und Samber-Blut, auf der anderen Seite eine Mutter, die selbst bereits hochklassige Vielseitigkeit gelaufen ist.

Vom jungen Pferd zum internationalen Vielseitigkeitspferd

Auch Laceys Karriere verlief nicht nach dem heute manchmal üblichen Muster, bei dem ein außergewöhnliches Nachwuchspferd früh entdeckt, für eine astronomische Summe verkauft und direkt in einen internationalen Spitzenstall verfrachtet wird.

Hannah Rankin bildete die Stute ab vierjährig aus und brachte sie bis auf das heutige Zwei-Sterne-Niveau. Danach übernahm Makayla Rydzik Lacey und ritt sie bis Drei-Sterne-Niveau, unter anderem im nordamerikanischen Young-Rider-Sport.

Als Rydzik schließlich beruflich andere Prioritäten setzen musste und für den Sport auf diesem Niveau nicht mehr genügend Zeit hatte, fragte sie ihre Trainerin Jessica Phoenix, ob diese mit Lacey weitermachen wolle.

Phoenix wollte.

Eine ziemlich gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. (Horse & Hound)

2023: Dritter Platz bei Rebecca Farm

Spätestens 2023 war klar, dass die damals bereits 15-jährige Stute noch lange nicht zum alten Eisen gehörte.

Beim CCI4-L in Rebecca Farm* wurde Fluorescent Adolescent mit Jessica Phoenix Dritte. Nach einer Dressur von 35,7 Punkten blieb das Paar im Gelände ohne Hindernisfehler und bekam lediglich 3,6 Zeitstrafpunkte. Im abschließenden Springen kamen acht Fehler hinzu, am Ende standen 47,3 Punkte und Platz drei. (useventing.com)

Gerade im Gelände zeigte sich dabei immer wieder, was Lacey besonders gut kann: Sie ist offenbar ein Pferd, das schwierige Geländekurse nicht nur bewältigt, sondern regelrecht zu genießen scheint.

2024: der Sprung auf Fünf-Sterne-Niveau

2024 folgte der nächste große Schritt. Fluorescent Adolescent gab mit bereits 16 Jahren ihr Debüt auf CCI5-L-Niveau*, also in der höchsten Kategorie der internationalen Vielseitigkeit.

Allein das ist bemerkenswert.

Viele Vielseitigkeitspferde erreichen dieses Niveau überhaupt nie, und Lacey kam erst in einem Alter dort an, in dem andere Pferde längst ihre Decken nach Wärmegrad sortiert bekommen und gemütlich über ihre Rentnerkoppel schlendern.

Im November 2024 zeigte sie beim CCI4-L in TerraNova* noch einmal sehr deutlich, wo ihre Stärke liegt. Nach Platz 14 in der Dressur schoss sie durch einen hervorragenden Geländeritt bis an die Spitze des Feldes. Nur zwei Paare schafften die Geländestrecke innerhalb der erlaubten Zeit, und Lacey gehörte dazu. Nach zwei Abwürfen im abschließenden Springen wurde sie schließlich Zweite. (useventing.com)

Kentucky 2025: Platz 14 auf Fünf-Sterne-Niveau

2025 ging es zum berühmten Kentucky Three-Day Event, einem der großen CCI5*-L der Welt.

Nach der Dressur lag Lacey mit 36,8 Punkten zunächst auf Platz 20. Im Gelände blieb sie wiederum ohne Hindernisfehler und sammelte lediglich Zeitstrafpunkte. Am Ende beendeten Jessica Phoenix und Fluorescent Adolescent Kentucky auf einem hervorragenden 14. Platz. (kentuckythreedayevent.com)

Für eine damals 17-jährige Canadian-Sport-Horse-Scheckstute ist das eine Hausnummer.

Und wer dachte, nun könne sie langsam in Rente gehen, kannte Lacey offensichtlich schlecht.

2026: Mit 18 Jahren zur Weltmeisterschaft nach Aachen

Im Juni 2026 wurde Fluorescent Adolescent beim CCI4-S in Bromont Dritte*. Die FEI-Ergebnisse zeigen außerdem einen fünften Platz beim CCI4*-S in Myakka City im März 2026. (Fei)

Dann kam Aachen.

Nach dem Ausfall des zweiten vorgesehenen kanadischen Paares waren Jessica Phoenix und Fluorescent Adolescent schließlich Kanadas einzige Kombination in der Vielseitigkeit bei der Weltmeisterschaft 2026. (Horse & Hound)

Und Lacey reiste nicht nach Aachen, um mit 18 Jahren noch einmal hübsch vor der Kulisse fotografiert zu werden.

In der Dressur erzielte sie 35,1 Minuspunkte, ihre persönliche Bestleistung auf Fünf-Sterne-Niveau. (Horse Sport)

Dann kam der Geländetag.

Von 87 gestarteten Paaren beendeten 19 den anspruchsvollen Kurs nicht. Fluorescent Adolescent dagegen blieb ohne Hindernisfehler, benötigte 10:20 Minuten gegenüber einer Idealzeit von 9:50 und bekam lediglich zwölf Zeitstrafpunkte.

Damit machte sie im Gelände 20 Plätze gut. (Horse Sport)

Nach dem abschließenden Springen stand schließlich fest:

Jessica Phoenix und die 18-jährige Fluorescent Adolescent beendeten die Weltmeisterschaft in Aachen auf Platz 30. (Horse Sport)

Nicht schlecht für ein Pferd, das farblich vermutlich immer noch bei manchen traditionellen Warmblutzüchtern für leichtes Augenbrauenzucken sorgt.

Und wie ist Fluorescent Adolescent eigentlich als Pferd?

Vielleicht ist das die schönste Nebengeschichte.

Jessica Phoenix beschreibt Lacey als Pferd mit einer enormen Persönlichkeit. Sie liebt Menschen, Leckerlis und offenbar auch Kameras und genießt die Aufmerksamkeit, die sie auf Turnieren bekommt. Wegen ihrer auffälligen Zeichnung hat sie ohnehin kaum eine Chance, irgendwo unbemerkt herumzustehen, und laut Phoenix hat sie inzwischen eine regelrechte Fangemeinde, deren Fotowünsche Lacey offenbar keineswegs lästig findet. (Horse & Hound)

Der Name passt damit erstaunlich gut.

Fluorescent Adolescent heißt übrigens genauso wie ein Song der Arctic Monkeys. (Horse & Hound)

Ein etwas ungewöhnlicher Name für ein Pferd, aber „Fluorescent Adolescent“ klingt für eine Stute, die mit 18 Jahren bei einer Weltmeisterschaft durchs Gelände von Aachen galoppiert, eigentlich erheblich angemessener als irgendein braves „Bella“.

Was Fluorescent Adolescent für die Sportscheckenzucht so interessant macht

Natürlich beweist ein einzelnes Pferd nicht, dass Schecken grundsätzlich bessere oder schlechtere Sportpferde sind. Farbe ist zunächst einmal Farbe. Ein Pferd springt keinen schweren Geländekomplex besser, weil es weiße Flecken hat, und es bekommt auch keine höheren Dressurnoten dafür.

Genau deshalb ist Fluorescent Adolescent so interessant.

Denn an ihr lässt sich wunderbar zeigen, wie unsinnig es ist, Schecken automatisch als eigene „Sorte Pferd“ zu betrachten.

Schaut man nur auf Lacey, sieht man einen spektakulären Schecken.

Schaut man ins Pedigree, sieht man Fidermark NRW, Florestan I, Samber, eine leistungsstarke niederländische Stutenfamilie und eine im Vielseitigkeitssport erfolgreiche Mutter.

Schaut man auf die sportliche Karriere, sieht man CCI4, CCI5, Kentucky und schließlich eine Weltmeisterschaft in Aachen**.

Und schaut man auf das Geburtsjahr, muss man möglicherweise noch einmal nachsehen.

  1. 2008.

Diese Stute ist 18 Jahre alt und gerade Dreißigste einer Weltmeisterschaft geworden.

Vielleicht ist das die schönste Antwort auf die alte Vorstellung, ein Schecke sei vor allem ein hübsches Pferd für Menschen, die es gern ein bisschen bunter mögen.

Fluorescent Adolescent ist tatsächlich ausgesprochen hübsch.

Sie ist nur nebenbei auch noch ein verdammt gutes Sportpferd.