
Englisches Reiten – die klassische Reitweise einfach erklärt
Was versteht man unter der englischen Reitweise?
Wenn vom englischen Reiten die Rede ist, denken viele zunächst an Dressurreiter mit Frack oder an Springreiter, die über hohe Hindernisse fliegen. Tatsächlich ist die englische Reitweise jedoch viel mehr als einzelne Disziplinen oder eine bestimmte Ausrüstung. Sie beschreibt das klassische Ausbildungssystem, nach dem heute die meisten Reitschulen in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern unterrichten.
Wer als Anfänger Reitunterricht nimmt, lernt deshalb fast immer die englische Reitweise. Dabei spielt es zunächst überhaupt keine Rolle, ob später einmal Turniere geritten werden oder ob das Ziel entspannte Ausritte in der Natur sind. Die Grundlagen bleiben dieselben: Ein ausbalancierter Sitz, feine Hilfen und ein Pferd, das sich losgelassen, aufmerksam und im Gleichgewicht bewegt.
Der Begriff „englisch“ hat dabei historische Wurzeln und dient vor allem zur Abgrenzung von anderen Reitweisen wie dem Westernreiten oder der iberischen Reitkunst. Im Alltag sprechen die meisten Reiter allerdings einfach vom Reiten, denn die englische Reitweise ist hierzulande die mit Abstand am weitesten verbreitete Form des Reitens.
Das Besondere an dieser Reitweise ist ihr langfristiger Ansatz. Ein Pferd soll nicht möglichst schnell spektakuläre Lektionen beherrschen, sondern Schritt für Schritt körperlich und mental ausgebildet werden. Eine gute Ausbildung stärkt die Muskulatur, verbessert das Gleichgewicht und hilft dabei, den Reiter gesund und dauerhaft tragen zu können. Genau deshalb profitieren nicht nur Turnierpferde von der klassischen Reitlehre, sondern ebenso Freizeitpferde, die ausschließlich im Gelände unterwegs sind.

Die Grundidee der klassischen Reitlehre
Im Mittelpunkt der englischen Reitweise steht immer die Harmonie zwischen Pferd und Reiter. Das Pferd soll sich freiwillig vorwärts bewegen, aufmerksam auf kleinste Hilfen reagieren und dabei seinen Körper möglichst schonend einsetzen.
Oft wird angenommen, Reiten bedeute vor allem, mit den Zügeln zu lenken. Tatsächlich spielen sie nur einen kleinen Teil der Hilfengebung. Viel wichtiger sind der ausbalancierte Sitz, die Gewichtsverlagerung und die Schenkelhilfen. Erst wenn diese Hilfen sinnvoll zusammenspielen, entsteht eine feine Kommunikation zwischen Pferd und Reiter.
Die klassische Reitlehre verfolgt deshalb nicht das Ziel, ein Pferd zu kontrollieren, sondern es auszubilden. Ein gut gerittenes Pferd bewegt sich locker, entwickelt eine kräftige Oberlinie, tritt aktiv unter den Schwerpunkt und bleibt auch über viele Jahre leistungsfähig. Genau deshalb gilt die klassische Ausbildung bis heute als Grundlage für nahezu alle Disziplinen des englischen Reitens.
Die Ausbildungsskala – das Fundament des englischen Reitens
Kaum ein Begriff ist in der klassischen Reitlehre so wichtig wie die Ausbildungsskala. Sie beschreibt die sechs aufeinander aufbauenden Ausbildungsziele, die ein Pferd im Laufe seiner Entwicklung erreichen soll. Dabei handelt es sich nicht um starre Regeln, sondern um einen Leitfaden, der seit Jahrzehnten die Ausbildung von Pferden prägt.
Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Fehlt eine Grundlage, entstehen häufig Probleme, die sich später nur schwer korrigieren lassen.
Takt
Der Takt beschreibt die gleichmäßige Abfolge der Fußfolge in den einzelnen Gangarten. Im Schritt bewegt sich das Pferd im klaren Viertakt, im Trab im Zweitakt und im Galopp im Dreitakt. Nur wenn dieser natürliche Rhythmus erhalten bleibt, kann sich das Pferd gesund bewegen. Ein unregelmäßiger Takt weist häufig auf Verspannungen, Schmerzen oder Ausbildungsprobleme hin.
Losgelassenheit
Ein Pferd kann nur dann korrekt arbeiten, wenn es körperlich und mental entspannt ist. Losgelassenheit bedeutet nicht, dass das Pferd träge wird. Vielmehr schwingt der Rücken locker mit, die Muskulatur arbeitet ohne unnötige Verspannungen und das Pferd tritt gelassen an die Hilfen heran. Erst auf dieser Grundlage können weitere Ausbildungsschritte erfolgen.
Anlehnung
Unter Anlehnung versteht man die weiche, gleichmäßige Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Dabei zieht der Reiter das Pferd nicht in eine Haltung, sondern das Pferd sucht selbstständig den Kontakt zur Hand und tritt dabei aktiv von hinten nach vorne an die Zügel heran. Eine gute Anlehnung entsteht deshalb immer aus der Hinterhand und niemals durch festes Ziehen am Zügel.
Schwung
Hat das Pferd Takt, Losgelassenheit und eine ehrliche Anlehnung entwickelt, entsteht zunehmend Schwung. Gemeint ist damit die energische Kraftübertragung aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken nach vorne. Das Pferd bewegt sich mit mehr Ausdruck, ohne dabei hektisch oder eilig zu wirken.
Geraderichtung
Jedes Pferd besitzt – ähnlich wie ein Mensch – eine natürliche Schiefe. Es belastet eine Körperseite stärker als die andere und bewegt sich deshalb nicht automatisch gerade. Durch gezielte gymnastizierende Übungen lernt das Pferd, beide Körperseiten gleichmäßig einzusetzen. Dadurch verbessert sich nicht nur die Balance, sondern auch die Tragkraft und die langfristige Gesunderhaltung.
Versammlung
Die Versammlung bildet den Abschluss der Ausbildungsskala. Dabei verlagert das Pferd zunehmend Gewicht auf die Hinterhand, richtet sich auf und trägt sich selbst. Die Vorhand wird leichter, Bewegungen werden kraftvoller und gleichzeitig eleganter. Entgegen der häufigen Annahme ist Versammlung keine spektakuläre Lektion, sondern das Ergebnis einer jahrelangen, sorgfältigen Ausbildung.
Welche Disziplinen gehören zur englischen Reitweise?
Die englische Reitweise umfasst mehrere Reitsportdisziplinen, die alle auf denselben Grundlagen aufbauen. Deshalb beginnt jede Ausbildung zunächst mit den klassischen Hilfen und der Gymnastizierung des Pferdes.
Dressurreiten
Dressur bildet das Fundament der gesamten klassischen Reitausbildung. Ziel ist ein Pferd, das sich locker, ausbalanciert und aufmerksam unter seinem Reiter bewegt. Schon einfache Bahnfiguren, Übergänge oder korrekt gerittene Zirkel gehören zur Dressurarbeit und fördern Gleichgewicht, Beweglichkeit und Muskulatur.
Springreiten
Auch das Springreiten basiert auf einer soliden dressurmäßigen Ausbildung. Bevor ein Pferd sicher Hindernisse überwinden kann, muss es sich im Gleichgewicht bewegen, auf feine Hilfen reagieren und seinen Rhythmus halten können. Gute Springreiter verbringen deshalb einen großen Teil ihres Trainings mit Dressurarbeit.

Vielseitigkeitsreiten
Die Vielseitigkeit verbindet Dressur, Springen und den Geländeritt miteinander. Sie gilt als eine der anspruchsvollsten Disziplinen des Pferdesports, weil Pferd und Reiter in völlig unterschiedlichen Situationen harmonisch zusammenarbeiten müssen. Eine sorgfältige Grundausbildung ist hier besonders wichtig.
Freizeitreiten
Auch viele Freizeitreiter reiten nach den Grundsätzen der englischen Reitweise, obwohl sie niemals an Turnieren teilnehmen. Sie nutzen einen englischen Sattel, wenden die klassischen Hilfen an und legen Wert auf eine gesunde Gymnastizierung ihres Pferdes. Die klassische Reitlehre ist deshalb keineswegs nur etwas für den Leistungssport.
Die Ausrüstung der englischen Reitweise
Charakteristisch für die englische Reitweise ist der englische Sattel. Er ist leichter und kompakter gebaut als viele andere Satteltypen und ermöglicht dem Reiter einen engen Kontakt zum Pferd. Je nach Einsatzgebiet gibt es unterschiedliche Modelle, beispielsweise Dressur-, Spring- oder Vielseitigkeitssättel, die den jeweiligen Anforderungen angepasst sind.
Ergänzt wird die Ausrüstung durch eine Trense mit Gebiss, passende Steigbügel sowie die übliche Reitbekleidung. Dazu gehören ein gut sitzender Reithelm, Reithose und Reitstiefel oder Stiefeletten mit Chaps. Dabei steht nicht die Optik im Vordergrund, sondern vor allem Sicherheit und Bewegungsfreiheit.
Wie lernen Anfänger englisch reiten?
Die Ausbildung beginnt meist an der Longe. Dabei führt der Reitlehrer das Pferd an einer langen Leine, sodass sich der Reitschüler zunächst vollständig auf seinen Sitz konzentrieren kann. Das erleichtert das Erlernen von Gleichgewicht, Körperspannung und den ersten Hilfen erheblich.
Erst später kommen selbstständiges Lenken, Bahnfiguren und Übergänge zwischen den Gangarten hinzu. Mit zunehmender Erfahrung entwickelt der Reiter ein immer besseres Gefühl für die Bewegungen des Pferdes und lernt, Hilfen möglichst fein und unauffällig einzusetzen.
Dieser Ausbildungsweg mag anfangs Geduld erfordern, zahlt sich jedoch langfristig aus. Ein sicherer Sitz bildet die Grundlage für alles, was später folgt – unabhängig davon, ob das Ziel Dressur, Springreiten oder entspannte Ausritte sind.
Mehr kannst Du hier lesen: Der Reitanfänger
Warum die englische Reitweise auch für Freizeitpferde sinnvoll ist
Viele Menschen verbinden die englische Reitweise automatisch mit Turnieren und sportlichem Ehrgeiz. Tatsächlich profitieren jedoch gerade Freizeitpferde von einer guten klassischen Ausbildung.
Ein gymnastiziertes Pferd entwickelt eine kräftigere Muskulatur, bewegt sich ausbalancierter und kann seinen Reiter langfristig gesünder tragen. Gleichzeitig verbessert sich die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter. Das macht nicht nur den Unterricht angenehmer, sondern erhöht auch die Sicherheit bei Ausritten oder unbekannten Situationen.
Deshalb bedeutet englisches Reiten keineswegs, dass jedes Pferd Turniere gehen muss. Vielmehr bietet die klassische Reitlehre ein durchdachtes Ausbildungssystem, das Pferden unabhängig von ihrer späteren Nutzung zugutekommt. Genau darin liegt bis heute ihre besondere Bedeutung.

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