REM Schlaf beim Pferd

Schlafmangel beim Pferd: Wenn sich ein Pferd nachts nicht mehr hinlegt

„Pferde können im Stehen schlafen.“

Diesen Satz kennt vermutlich jeder, der irgendwann einmal etwas mit Pferden zu tun hatte. Er stimmt auch. Trotzdem führt er zu einem der größten Missverständnisse rund um den Schlaf unserer Pferde.

Denn ein Pferd kann zwar im Stehen schlafen, aber nicht jede Schlafphase problemlos im Stehen durchlaufen.

Das gehört zum normalen Pferdeverhalten

Vor allem für den REM-Schlaf muss sich ein Pferd normalerweise hinlegen. Und genau hier beginnt ein Problem, das lange völlig unbemerkt bleiben kann: Manche Pferde legen sich über längere Zeit kaum oder überhaupt nicht hin.

Das Problem hat evtl auch etwas mit fehlendem Vertrauen zu tun.

Der Besitzer bekommt davon unter Umständen nichts mit. Tagsüber sieht das Pferd völlig normal aus. Es döst mit abgesenktem Kopf in der Sonne, stellt ein Hinterbein auf die Zehenspitze und macht insgesamt einen ziemlich ausgeschlafenen Eindruck.

Was es zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens macht, weiß dagegen kaum jemand.

Erst Videoaufzeichnungen aus dem Stall können zeigen, dass ein Pferd nachts beispielsweise immer wieder versucht, sich hinzulegen, den Versuch aber abbricht. Andere Pferde legen sich gar nicht erst ab. Wieder andere beginnen irgendwann im Stehen einzunicken, knicken plötzlich mit den Vorderbeinen ein und schrecken wieder hoch.

Was auf den ersten Blick nach Narkolepsie aussehen kann, kann in Wirklichkeit mit etwas völlig anderem zusammenhängen:

Das Pferd bekommt möglicherweise nicht genügend REM-Schlaf.

Wie schlafen Pferde eigentlich?

Pferde schlafen anders als wir Menschen. Ihr Schlaf verteilt sich auf mehrere kürzere Abschnitte innerhalb von 24 Stunden. Dieses Schlafmuster bezeichnet man als polyphasisch.

Das ergibt aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn.

Ein Pferd ist ein Fluchttier. Für seine wildlebenden Vorfahren wäre es ziemlich ungünstig gewesen, sich abends gemütlich hinzulegen und anschließend acht Stunden lang die Umwelt auszublenden.

Stattdessen wechseln sich beim Pferd Wachphasen, Dösen und unterschiedliche Schlafstadien ab.

Grundsätzlich unterscheidet man auch beim Pferd zwischen NREM-Schlaf und REM-Schlaf.

NREM bedeutet „Non-Rapid Eye Movement“. Innerhalb des NREM-Schlafs gibt es wiederum unterschiedliche Schlaftiefen.

Der REM-Schlaf ist dagegen eine besondere Schlafphase. Die Bezeichnung stammt von den schnellen Augenbewegungen, den „Rapid Eye Movements“, die für diese Schlafphase charakteristisch sind.

Und genau diese Phase ist für Pferde besonders interessant.

Warum können Pferde im Stehen schlafen?

Dass ein mehrere hundert Kilogramm schweres Pferd entspannt im Stehen dösen und schlafen kann, verdankt es seinem besonderen Bewegungsapparat.

Vereinfacht ausgedrückt können bestimmte Strukturen der Vorder- und Hintergliedmaßen so zusammenwirken, dass das Pferd seinen Körper mit vergleichsweise geringer Muskelarbeit stabilisieren kann. Dieser sogenannte Stehapparat ermöglicht es dem Pferd, längere Ruhephasen im Stehen zu verbringen.

Deshalb sieht man das typische Bild so häufig: Kopf und Hals sinken etwas ab, die Augen sind geschlossen oder halb geschlossen und häufig wird ein Hinterbein entlastet.

Das Pferd kann in dieser Position tatsächlich schlafen.

Aber daraus folgt eben nicht:

Ein Pferd braucht sich zum Schlafen nicht hinzulegen.

Für den REM-Schlaf muss das Pferd liegen

Während des REM-Schlafs verändert sich die Muskelspannung erheblich. Der Muskeltonus nimmt stark ab.

Für ein stehendes Pferd wird das zum Problem.

Es könnte seinen mehrere hundert Kilogramm schweren Körper nicht mehr zuverlässig stabilisieren.

Deshalb findet normaler REM-Schlaf beim Pferd im Liegen statt. Dabei können Pferde sowohl in Brustlage als auch in Seitenlage schlafen, wobei die verschiedenen Liegepositionen und Schlafstadien nicht einfach gleichgesetzt werden dürfen.

Polysomnographische Untersuchungen, bei denen unter anderem die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen wird, bestätigen, dass REM-Schlaf mit dem Liegen verbunden ist.

Das bedeutet:

Ein Pferd, das sich dauerhaft nicht ausreichend hinlegt, kann trotzdem schlafen. Aber ihm kann REM-Schlaf fehlen.

Und damit bekommt die Frage „Legt sich mein Pferd eigentlich hin?“ eine völlig andere Bedeutung.

Wie lange schlafen Pferde?

Eine einzige Zahl für den täglichen Schlafbedarf eines Pferdes wäre verführerisch, aber zu einfach.

Alter, Haltung, Umgebung, Sozialstruktur und individuelle Unterschiede spielen eine erhebliche Rolle. Außerdem muss zwischen Dösen, verschiedenen NREM-Schlafstadien, REM-Schlaf und tatsächlicher Liegedauer unterschieden werden.

In einer polysomnographischen Untersuchung wurde bei den untersuchten Pferden während der Nacht insgesamt ungefähr dreieinhalb Stunden Schlaf festgestellt. Davon entfiel nur ein vergleichsweise kleiner Teil auf den REM-Schlaf.

Das ist wichtig: Pferde benötigen keine stundenlangen REM-Schlafphasen wie eine durchgehende Nachtruhe beim Menschen.

Problematisch kann es trotzdem werden, wenn diese kurzen notwendigen Phasen über längere Zeit fehlen.

Wie lange liegen Pferde am Tag?

Auch bei der Liegedauer gibt es erhebliche individuelle Unterschiede.

In einer Untersuchung wurden 83 Pferde mithilfe von Bewegungssensoren beobachtet. Im Durchschnitt lagen sie ungefähr 67 Minuten innerhalb von 24 Stunden.

Die Spannweite war allerdings enorm.

Einige Pferde lagen überhaupt nicht, während ein anderes Tier auf mehr als fünf Stunden Liegezeit kam.

Allein daran sieht man, wie vorsichtig man mit pauschalen Aussagen wie „Ein Pferd muss täglich zwei Stunden liegen“ umgehen sollte.

Besonders interessant waren allerdings acht Pferde dieser Untersuchung.

Bei ihnen wurden Anzeichen eines REM-Schlafdefizits beobachtet.

Diese Pferde lagen durchschnittlich nur etwa acht Minuten innerhalb von 24 Stunden.

Die übrigen Pferde kamen dagegen auf durchschnittlich rund 74 Minuten.

Acht Minuten Liegezeit pro Tag sind ein gewaltiger Unterschied.

Und trotzdem muss der Pferdebesitzer zunächst überhaupt nichts davon bemerken.

Warum bemerken Besitzer fehlenden Schlaf häufig nicht?

Ganz einfach:

Weil wir nachts normalerweise nicht im Pferdestall sitzen.

Ein großer Teil des Liegeverhaltens findet in der Nacht beziehungsweise in den frühen Morgenstunden statt. Gerade die Zeit zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Der typische Pferdebesitzer sieht davon nichts.

Morgens steht das Pferd bereits am Heu.

Mittags steht es auf der Weide.

Am Nachmittag wird geritten.

Abends steht es wieder am Heu.

Zwischendurch döst es vielleicht sogar sichtbar.

Aus menschlicher Sicht sieht das nach einem vollkommen normalen Tagesablauf aus.

Ob sich dieses Pferd nachts für 60 oder 90 Minuten hingelegt hat oder seit Wochen kaum noch liegt, lässt sich daraus nicht erkennen.

Genau deshalb sind Stallkameras für die Untersuchung des Schlafverhaltens so interessant geworden.

Plötzlich können wir beobachten, was unsere Pferde tun, wenn niemand danebensteht.

Und dabei kann man erstaunliche Dinge entdecken.

Warum legt sich ein Pferd nicht hin?

Wenn ein Pferd über längere Zeit auffallend wenig liegt, sollte man nicht sofort nach einer einzigen Ursache suchen.

Das Liegeverhalten wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst.

Grob lassen sich diese in zwei große Gruppen einteilen:

Das Pferd kann Schwierigkeiten mit dem Hinlegen oder Aufstehen haben.

Oder:

Das Pferd könnte sich hinlegen, fühlt sich dabei aber nicht ausreichend sicher oder wohl.

Manchmal kommen mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.

Schmerzen können das Liegeverhalten verändern

Hinlegen sieht beim gesunden Pferd mühelos aus. Biomechanisch ist der Vorgang allerdings anspruchsvoll.

Das Pferd muss seine Gliedmaßen stark beugen, den Körper kontrolliert Richtung Boden bewegen und dabei sein Gewicht verlagern.

Noch anspruchsvoller kann das anschließende Aufstehen sein.

Das Pferd bringt Vorder- und Hinterhand wieder unter seinen Körper und muss mehrere hundert Kilogramm Körpergewicht vom Boden hochstemmen.

Bei Problemen des Bewegungsapparates kann genau das unangenehm oder schwierig werden.

Eine kleine Untersuchung beschäftigte sich beispielsweise mit Pferden mit unterschiedlich ausgeprägter Arthrose des Fesselgelenks.

Interessanterweise ergab sich dabei kein simples Muster nach dem Motto:

Arthrose = Pferd liegt weniger.

Pferde mit leichteren Veränderungen lagen teilweise sogar länger. Bei Pferden mit schwereren arthrotischen Veränderungen nahmen Liegehäufigkeit und Liegedauer dagegen ab.

Als mögliche Erklärung diskutierten die Wissenschaftler Schwierigkeiten beziehungsweise Beschwerden bei der starken Beugung der Gelenke während des Hinlegens und Aufstehens.

Auch andere Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass muskuloskelettale Beschwerden das Liegeverhalten beeinflussen können.

Deshalb sollte ein Pferd, das sich plötzlich deutlich weniger hinlegt oder beim Ablegen beziehungsweise Aufstehen Schwierigkeiten zeigt, nicht einfach als „komischer Schläfer“ abgestempelt werden.

Ein Pferd kann sich hinlegen wollen und den Versuch trotzdem abbrechen

Gerade deshalb können Videoaufnahmen so aufschlussreich sein.

Es macht einen großen Unterschied, ob ein Pferd nachts vollkommen entspannt steht und gar keine Anstalten zum Hinlegen macht oder ob es wiederholt typische Vorbereitungen zum Ablegen zeigt und diese wieder abbricht.

Ein solches Verhalten kann ein Hinweis darauf sein, genauer hinzusehen.

Hat das Pferd Schwierigkeiten beim Beugen?

Wirkt es beim Abliegen unsicher?

Hat es Probleme beim Aufstehen?

Ist die Box groß genug?

Ist der Boden rutschig?

Gibt es Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen?

Genau solche Beobachtungen gehen verloren, wenn man sein Pferd ausschließlich tagsüber sieht.

Manche Pferde fühlen sich zum Schlafen nicht sicher genug

Nicht jedes Pferd, das wenig liegt, hat ein körperliches Problem.

Ein Pferd legt sich nur dann wirklich entspannt hin, wenn es seine Umgebung als ausreichend sicher empfindet.

Das ist kein Luxusbedürfnis.

Ein liegendes Pferd kann bei Gefahr nicht augenblicklich losgaloppieren. Es muss zunächst aufstehen.

Für ein Fluchttier ist das ein erheblicher Unterschied.

Deshalb können Umgebung und Sozialstruktur das Liegeverhalten beeinflussen.

Ein rangniedriges Pferd kann beispielsweise Schwierigkeiten bekommen, wenn attraktive Liegeflächen von anderen Gruppenmitgliedern beansprucht werden oder es beim Ruhen immer wieder gestört wird.

Auch Veränderungen der Gruppenzusammensetzung können eine Rolle spielen.

Das Interessante daran ist, dass eine Herde aus menschlicher Perspektive vollkommen friedlich aussehen kann.

Es muss nicht ständig gebissen und getreten werden.

Schon subtilere soziale Unsicherheit kann ausreichen, damit ein Pferd beim Hinlegen vorsichtiger wird.

Auch ein Stallwechsel kann den Schlaf verändern

Das kennt man durchaus von Turnierpferden.

Zu Hause legt sich ein Pferd selbstverständlich hin. In einer fremden Box steht es plötzlich die ganze Nacht.

Neue Geräusche.

Andere Pferde.

Andere Gerüche.

Eine unbekannte Umgebung.

Ein anderer Boden.

Für uns ist es einfach eine andere Box. Für das Pferd hat sich dagegen seine gesamte nächtliche Umgebung verändert.

Untersuchungen zum Schlaf- und Liegeverhalten weisen darauf hin, dass die Vertrautheit mit der Umgebung eine wichtige Rolle spielen kann.

Manche Pferde benötigen Zeit, bis sie sich in einer neuen Umgebung ausreichend sicher fühlen, um sich hinzulegen.

Einzelne Nächte mit verändertem Schlafverhalten sind dabei etwas anderes als ein Zustand, der über Wochen oder Monate anhält.

Die Liegefläche ist wichtiger, als sie aussieht

„Mein Pferd hat doch eine Box.“

Das beantwortet noch nicht die Frage, ob es dort gut liegen kann.

Entscheidend sind unter anderem die tatsächlich nutzbare Fläche, Bodenbeschaffenheit, Einstreu, Trockenheit und ausreichend Platz zum Hinlegen und Aufstehen.

Gerade bei großen, älteren oder körperlich eingeschränkten Pferden sollte man sich eine Box einmal aus einer anderen Perspektive ansehen:

Hat dieses Pferd wirklich genügend Platz, um sich bequem abzulegen und anschließend wieder aufzustehen?

In Gruppenhaltung kommt ein weiterer Punkt hinzu.

Nicht allein die Gesamtfläche eines Auslaufs entscheidet, sondern auch, wie viel geeignete Liegefläche tatsächlich zur Verfügung steht und ob alle Pferde diese ungestört nutzen können.

Was ist mit Pferden, die sich einmal festgelegt haben?

Aus der Pferdehaltung kennt man außerdem Tiere, deren Liegeverhalten sich nach einer unangenehmen Erfahrung verändert zu haben scheint.

Ein klassisches Beispiel ist ein Pferd, das sich in einer Box festgelegt hat und nicht mehr selbstständig aufstehen konnte.

Es ist durchaus plausibel, dass negative Erfahrungen das spätere Verhalten beeinflussen.

Wissenschaftlich sollte man an dieser Stelle allerdings sauber bleiben: Für die pauschale Aussage, dass ein einmaliges Festliegen beim Pferd anschließend regelhaft zu langfristiger Angst vor dem Hinlegen führt, gibt es bislang keine ausreichend starke wissenschaftliche Grundlage.

Bei einem individuellen Pferd kann eine solche Vorgeschichte trotzdem ein wichtiger Hinweis sein.

Genau deshalb gehören bei auffälligem Schlafverhalten nicht nur Haltung und körperliche Verfassung betrachtet, sondern auch die Geschichte des einzelnen Pferdes.

Was passiert bei längerem REM-Schlafmangel?

Hier wird die Geschichte besonders eindrucksvoll.

Wenn ein Pferd über längere Zeit nicht genügend REM-Schlaf bekommt, kann sein Schlafdruck immer weiter zunehmen.

Irgendwann kann das Pferd im Stehen zunehmend tief einschlafen.

Der Kopf sinkt.

Die Muskulatur entspannt sich.

Plötzlich knicken die Vorderbeine ein.

Das Pferd sackt nach unten und schreckt im nächsten Moment wieder hoch.

Solche Episoden können sich wiederholen.

Bei stark betroffenen Pferden wurden ausgesprochen viele dieser Einbrüche innerhalb eines Tages beobachtet.

Und genau dieses Verhalten führte in der Vergangenheit zu einem interessanten Missverständnis.

Ist das Pferd narkoleptisch oder einfach völlig übermüdet?

Wenn ein Pferd plötzlich im Stehen zusammenbricht, liegt der Gedanke an Narkolepsie nahe.

Doch eine Untersuchung aus München stellte diese Erklärung bei erwachsenen Pferden infrage.

177 Besitzer von vermeintlich narkoleptischen Pferden wurden befragt. 39 Pferde wurden anschließend genauer untersucht, unter anderem mittels Videoaufzeichnungen und Polysomnographie.

Bei 34 dieser Pferde wurde nachts kein normales Hinlegen beobachtet.

Bei einigen Tieren traten die partiellen Zusammenbrüche mehr als 150-mal täglich auf.

Unmittelbar vor vielen dieser Episoden zeigten sich Schlafmuster, die mit REM-Schlaf in Verbindung standen.

Die Wissenschaftler kamen deshalb zu einem bemerkenswerten Schluss:

Ein Teil der erwachsenen Pferde, die für narkoleptisch gehalten werden, könnte stattdessen unter REM-Schlafmangel infolge unzureichenden Liegens leiden.

Das Pferd schläft gewissermaßen irgendwann so tief im Stehen ein, dass die für den REM-Schlaf typische Muskelentspannung mit dem Stehen nicht mehr vereinbar ist.

Die Beine geben nach.

Kleine Verletzungen können einen großen Hinweis geben

Wenn ein Pferd immer wieder einknickt und sich anschließend reflexartig auffängt, kann das Spuren hinterlassen.

Beschrieben werden unter anderem Verletzungen beziehungsweise Hautveränderungen im Bereich der Vorderfußwurzelgelenke und Fesselköpfe.

Natürlich bedeutet eine kleine Verletzung am Fesselkopf nicht automatisch, dass ein Pferd unter Schlafmangel leidet.

Pferde besitzen schließlich ein beachtliches Talent dafür, sich an Stellen Macken zu holen, bei denen man anschließend rätselt, wie sie physikalisch überhaupt dorthin gekommen sind.

Treten solche Verletzungen aber wiederholt auf und beobachtet man zusätzlich Einknicken, ungewöhnliche Müdigkeit oder fehlendes Liegeverhalten, ergibt sich ein anderes Gesamtbild.

Dann lohnt sich die Frage:

Was macht dieses Pferd eigentlich nachts?

Kann Schlafmangel auch Lernen und Aufmerksamkeit beeinflussen?

Diese Frage beginnt die Forschung ebenfalls zu beschäftigen.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung betrachtete zehn junge Lusitano-Dressurpferde. Den Pferden wurde für 72 Stunden die Möglichkeit genommen, sich für normalen REM-Schlaf hinzulegen. Anschließend untersuchten die Wissenschaftler unter anderem räumliches Gedächtnis und visuelle Aufmerksamkeit.

Bei einer Aufgabe zum räumlichen Gedächtnis benötigten die Pferde nach dem Schlafentzug tendenziell länger.

Allerdings ist hier Zurückhaltung wichtig.

Die Untersuchung umfasste nur zehn Pferde und der beobachtete Unterschied erreichte bei dieser Aufgabe mit einem p-Wert von 0,0839 nicht die übliche Schwelle statistischer Signifikanz.

Daraus lässt sich also nicht seriös ableiten:

„Zu wenig REM-Schlaf macht Pferde lernunfähig.“

Die Untersuchung liefert vielmehr einen interessanten Hinweis darauf, dass die möglichen Auswirkungen von Schlafmangel auf kognitive Leistungen des Pferdes weitere Forschung verdienen.

Und genau solche Unterschiede sind wichtig, wenn man Studien liest.

Eine interessante Beobachtung ist noch kein bewiesenes Naturgesetz.

Woher weiß ich, ob mein Pferd nachts liegt?

Manchmal ist die einfachste Lösung erstaunlich wirkungsvoll:

Eine Kamera aufstellen.

Nicht für zehn Minuten und auch nicht nur am frühen Abend.

Interessant sind mehrere vollständige Nächte.

Eine einfache Stallkamera kann bereits zeigen:

Wann legt sich das Pferd hin?

Wie häufig legt es sich hin?

Wie lange bleibt es liegen?

Liegt es entspannt?

Steht es problemlos wieder auf?

Bereitet es sich mehrfach auf das Hinlegen vor und bricht den Vorgang ab?

Wird es von anderen Pferden gestört?

Gibt es bestimmte Uhrzeiten, zu denen Ruhe in die Gruppe kommt?

Und zeigt das Pferd im Stehen wiederholt starkes Einnicken oder Einknicken?

Dabei sollte man nicht anfangen, mit der Stoppuhr jede Minute Schlaf zu zählen und anschließend anhand irgendeines Internetwertes eine Diagnose zu stellen.

Pferde unterscheiden sich erheblich.

Viel interessanter ist zunächst das individuelle Muster des eigenen Pferdes.

Besonders interessant ist eine Veränderung

Ein Pferd, das schon immer relativ wenig liegt und ansonsten keinerlei Auffälligkeiten zeigt, ist anders zu beurteilen als ein Pferd, dessen Verhalten sich plötzlich verändert.

Genau solche Veränderungen verdienen Aufmerksamkeit.

Ein Pferd, das sich früher regelmäßig hingelegt hat und es plötzlich nicht mehr tut, liefert eine Information.

Die Ursache kann körperlich sein.

Sie kann in der Haltung liegen.

Vielleicht hat sich die Herde verändert.

Vielleicht ist die Liegefläche anders.

Vielleicht befindet sich das Pferd in einer fremden Umgebung.

Oder mehrere kleine Faktoren kommen zusammen.

Deshalb ist Liegeverhalten keine Diagnose.

Es ist eine Beobachtung, die uns etwas über das Pferd erzählen kann.

Schlaf ist ein Teil guter Pferdehaltung, über den erstaunlich wenig gesprochen wird

Wir diskutieren über Heuqualität, Fresspausen, Weidezeiten, Trainingspläne, Sättel, Böden, Mineralfutter und Bewegungsprogramme.

Über den Schlaf unserer Pferde wissen viele von uns dagegen erstaunlich wenig.

Vielleicht liegt das ausgerechnet daran, dass Pferde im Stehen schlafen können.

Wir sehen sie dösen und gehen davon aus, dass damit alles erledigt ist.

Doch ein Pferd braucht nicht nur Ruhe.

Es braucht auch die Möglichkeit, sich sicher und körperlich komfortabel hinzulegen und die Schlafstadien zu erreichen, für die das Stehen nicht ausreicht.

Und ausgerechnet diesen Teil seines Lebens bekommen wir normalerweise nicht mit.

Deshalb ist eine Stallkamera manchmal interessanter als das nächste neue Trainingsgerät.

Lass sie ruhig einmal einige Nächte laufen.

Vielleicht wirst du feststellen, dass dein Pferd sich jeden Abend gemütlich ins Stroh fallen lässt, eine Stunde später aufsteht und nachts noch einmal eine Runde schläft.

Dann weißt du wenigstens, was dein Pferd nachts macht.

Vielleicht siehst du aber auch etwas, das dir tagsüber niemals aufgefallen wäre.

Und genau deshalb lohnt es sich, beim Thema Pferdehaltung nicht nur darauf zu achten, wie ein Pferd steht, läuft, frisst und arbeitet.

Sondern gelegentlich auch darauf, ob es sich nachts einfach einmal hinlegt und tief und ungestört schlafen kann.

Quellen und wissenschaftliche Literatur

Greening, L. et al. (2021): The Effect of Altering Routine Husbandry Factors on Sleep Duration and Memory Consolidation in the Horse. Die Arbeit und weitere Untersuchungen zum Schlafverhalten liefern Grundlagen zum Einfluss von Haltung und Schlaf auf Pferde.

Fuchs, C. et al. (2021): Untersuchung des Liegeverhaltens von 83 Pferden und des Zusammenhangs mit REM-Schlafdefizit. Animals, 11(11), 3189. Bei den acht Pferden mit Zeichen eines REM-Schlafdefizits wurde eine erheblich geringere tägliche Liegedauer festgestellt.

Bertone und weitere Arbeiten zum equinen Schlaf sowie polysomnographische Untersuchungen liefern Grundlagen zur Unterscheidung von NREM- und REM-Schlaf beim Pferd.

Untersuchungen der Ludwig-Maximilians-Universität München zu vermeintlicher Narkolepsie bei erwachsenen Pferden zeigten einen Zusammenhang zwischen fehlendem Liegeverhalten, REM-Schlaf und wiederholtem Einknicken.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung an jungen Lusitano-Pferden untersuchte mögliche Auswirkungen von REM-Schlafentzug auf Gedächtnis und visuelle Aufmerksamkeit. Aufgrund der kleinen Stichprobe und teilweise nicht statistisch signifikanten Ergebnisse sind die Befunde als Hinweise und nicht als abschließender Nachweis zu betrachten.

Aktuelle EEG- und polysomnographische Forschung aus den Jahren 2025/2026 beschäftigt sich zunehmend mit Schlafarchitektur, Liegeverhalten, Alter, Haltung und sozialen beziehungsweise umweltbedingten Einflüssen auf den Schlaf des Pferdes.

Ich bin Daniela

Reitlehrerin FN und Therapeutische Reitlehrerin und absoluter Fan von Fjordpferden