Warum gähnt ein Pferd?

Warum gähnen Pferde? Was Gähnen wirklich über dein Pferd verrät

Das Pferd steht auf dem Putzplatz, streckt den Hals ein wenig nach vorne, öffnet das Maul weit und gähnt herzhaft. Ein bekanntes Verhalten beim Pferd

Müde?

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

Denn Gähnen beim Pferd ist wesentlich interessanter, als es auf den ersten Blick aussieht. Während wir Menschen Gähnen sofort mit Müdigkeit verbinden, lässt sich diese einfache Erklärung auf Pferde nicht übertragen.

Pferde gähnen in ganz unterschiedlichen Situationen. Man beobachtet es während ruhiger Phasen, nach dem Schlafen, im sozialen Kontakt, nach aufregenden Situationen oder wenn sich die Umgebung verändert. Manche Pferde gähnen einmal kurz, andere gleich mehrfach hintereinander.

Gerade in den vergangenen Jahren hat sich rund um das Gähnen allerdings auch eine ganze Reihe von Interpretationen entwickelt. Das Pferd „lässt Stress los“, es „entspannt das Kiefergelenk“, es „reguliert sein Nervensystem“ oder zeigt angeblich unmittelbar, dass eine Behandlung erfolgreich war.

So schön solche Erklärungen klingen: Wissenschaftlich ist die Sache komplizierter.

Schauen wir deshalb einmal genauer hin.

Wie sieht Gähnen beim Pferd aus?

Ein richtiges Gähnen ist kaum zu übersehen.

Das Pferd öffnet das Maul weit, häufig werden Lippen und Kiefer deutlich bewegt, der Hals kann gestreckt werden und die Augen wirken teilweise halb geschlossen.

Der gesamte Vorgang dauert meist nur wenige Sekunden.

Interessant ist aber weniger das einzelne Gähnen als die Situation, in der es auftritt.

Denn Verhalten lässt sich beim Pferd fast nie sinnvoll anhand einer einzigen Bewegung beurteilen.

Ein Pferd, das entspannt in seiner Box steht und einmal gähnt, erzählt uns eine andere Geschichte als ein Pferd, das in einer belastenden Situation innerhalb kurzer Zeit immer wieder gähnt.

Der Zusammenhang ist entscheidend.

Gähnen Pferde, weil sie müde sind?

Natürlich können Pferde rund um Ruhe- und Schlafphasen gähnen.

Trotzdem wäre es falsch, daraus zu schließen, dass jedes Gähnen Müdigkeit bedeutet.

Pferde schlafen ohnehin völlig anders als Menschen. Ihr Schlaf verteilt sich über zahlreiche kürzere Abschnitte innerhalb von 24 Stunden. Sie dösen außerdem regelmäßig und können bestimmte Schlafstadien sogar im Stehen erreichen.

Gähnen tritt deshalb nicht ausschließlich dann auf, wenn ein Pferd „ins Bett möchte“.

Viel interessanter scheint der Zusammenhang mit dem Erregungszustand des Pferdes zu sein.

Gähnen beim Wechsel zwischen Anspannung und Ruhe

Eine interessante Erklärung für Gähnen ist, dass es bei Übergängen zwischen unterschiedlichen Aktivitäts- beziehungsweise Erregungszuständen auftreten kann.

Das kennen wir übrigens auch von uns selbst.

Menschen gähnen keineswegs ausschließlich kurz vor dem Einschlafen. Wir gähnen auch morgens nach dem Aufwachen, bei Langeweile oder in Situationen, in denen sich unser Aktivierungszustand verändert.

Beim Pferd könnte Gähnen ebenfalls mit solchen Übergängen zusammenhängen.

Ein Pferd hat beispielsweise eine aufregende Situation erlebt und kommt anschließend wieder zur Ruhe.

Es steht nach der Arbeit entspannt am Putzplatz.

Eine zunächst angespannte Situation löst sich auf.

Oder das Pferd wacht aus einer Ruhephase auf.

In solchen Momenten kann Gähnen auftreten.

Das erklärt möglicherweise auch eine Beobachtung, die viele erfahrene Pferdeleute kennen:

Manche Pferde gähnen gerade dann, wenn scheinbar wieder Ruhe eingekehrt ist.

Das bedeutet aber noch nicht automatisch, dass das Gähnen beweist, dass sämtlicher vorheriger Stress nun „aus dem Körper verschwunden“ ist.

Ist Gähnen ein Zeichen von Entspannung?

Hier wird es knifflig.

Ein Pferd kann in einer entspannten Situation gähnen.

Daraus wird im Internet erstaunlich schnell:

„Gähnen bedeutet Entspannung.“

Diese beiden Aussagen sind nicht dasselbe.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wenn ein Pferd nach einer ruhigen Massage gähnt, kann das durchaus mit einer Veränderung seines Erregungszustandes zusammenhängen.

Wir können daraus aber nicht automatisch ableiten, dass das Gähnen den therapeutischen Erfolg der Massage beweist.

Dasselbe gilt für Osteopathie, Physiotherapie, Bodenarbeit, Training oder andere Behandlungen.

Ein Gähnen ist zunächst einmal:

ein beobachtbares Verhalten.

Seine Bedeutung ergibt sich erst gemeinsam mit der gesamten Situation und den übrigen Körpersignalen des Pferdes.

Gähnen Pferde bei Stress?

Und hier wird es besonders interessant.

Denn vermehrtes Gähnen wurde beim Pferd auch im Zusammenhang mit Stress und belastenden Situationen beobachtet.

Damit fällt die einfache Gleichung

Gähnen = Entspannung

endgültig auseinander.

In wissenschaftlichen Untersuchungen zum spontanen Gähnen bei Pferden wurden Unterschiede zwischen verschiedenen Haltungs- und Lebensbedingungen festgestellt. Auffälliges beziehungsweise häufiges Gähnen kann deshalb auch im Zusammenhang mit ungünstigen Umweltbedingungen oder einem beeinträchtigten Wohlbefinden stehen.

Das bedeutet wiederum nicht, dass ein Pferd, das zweimal auf dem Putzplatz gähnt, gestresst ist.

Es zeigt vielmehr, wie gefährlich es ist, ein einzelnes Verhalten mit einer einzigen Emotion zu verbinden.

Einmal gähnen oder zehnmal hintereinander macht einen Unterschied

Genau darauf würde ich als Pferdehalter achten.

Ein gelegentliches Gähnen gehört zum normalen Verhaltensrepertoire eines Pferdes.

Interessanter wird es, wenn sich etwas verändert.

Ein Pferd, das normalerweise selten gähnt und plötzlich in bestimmten Situationen regelmäßig mehrfach hintereinander gähnt, liefert uns eine Information.

Noch wissen wir nicht, welche.

Aber wir sollten hinschauen.

Wann passiert es?

Vor dem Reiten?

Nach dem Reiten?

Beim Putzen?

Beim Satteln?

Nach dem Fressen?

Während längerer Ruhezeiten?

Nach aufregenden Situationen?

Immer an derselben Stelle?

Nur bei einer bestimmten Tätigkeit?

Oder scheinbar völlig unabhängig davon?

Solche Beobachtungen sind erheblich aussagekräftiger als die Frage:

„Was bedeutet Gähnen beim Pferd?“

Gähnen nach dem Reiten

Das dürfte eine der häufigsten Situationen sein, in denen Pferdebesitzer Gähnen beobachten.

Das Pferd kommt vom Reitplatz, der Sattel wird abgenommen, es steht anschließend ruhig am Putzplatz und beginnt zu gähnen.

Das kann gut zu einem Wechsel des Aktivierungszustandes passen.

Während des Trainings war das Pferd aufmerksam, körperlich aktiv und auf Reiter und Umgebung konzentriert.

Danach sinkt die Aktivität.

Das Pferd kommt zur Ruhe.

Deshalb ist es durchaus nachvollziehbar, Gähnen in dieser Situation als Bestandteil eines Übergangs in einen ruhigeren Zustand zu betrachten.

Trotzdem sollten wir daraus keine Erfolgskontrolle für das Training machen.

Ein Pferd, das nach dem Reiten nicht gähnt, war deshalb nicht automatisch angespannt.

Und ein Pferd, das fünfmal gähnt, hatte nicht zwangsläufig die großartigste Reitstunde seines Lebens.

So bequem macht es uns die Verhaltensbiologie leider nicht.

Warum gähnt mein Pferd beim Putzen?

Auch beim Putzen berichten Pferdehalter häufig von Gähnen.

Wieder kann die Erklärung vollkommen harmlos sein.

Das Pferd steht ruhig, kennt die Situation, möglicherweise genießt es bestimmte Berührungen und sein Aktivierungsniveau verändert sich.

Jetzt lohnt sich aber ein Blick auf das restliche Pferd.

Steht es locker?

Ist die Muskulatur entspannt?

Wie trägt es Kopf und Hals?

Wie sehen Augen und Ohren aus?

Sucht es Kontakt?

Oder zeigt es gleichzeitig Anspannung, Ausweichbewegungen, Schweifschlagen oder andere Verhaltensänderungen?

Ein einzelner weit aufgerissener Pferdemund sagt uns wesentlich weniger als das gesamte Pferd.

Warum gähnt mein Pferd nach einer Behandlung?

Nach Physiotherapie, Osteopathie, Massage und ähnlichen Behandlungen wird Gähnen häufig besonders stark interpretiert.

Teilweise gilt es geradezu als Beweis dafür, dass sich eine Blockade gelöst habe.

Hier würde ich vorsichtig sein.

Dass Pferde während oder nach solchen Behandlungen gähnen können, ist unstrittig.

Es ist ebenfalls plausibel, dass Veränderungen des Erregungszustandes dabei eine Rolle spielen.

Was man daraus nicht zuverlässig ablesen kann, ist die konkrete medizinische Wirkung einer Behandlung.

Ein Gähnen sagt nicht:

„Der dritte Halswirbel sitzt jetzt wieder richtig.“

Das wäre eine Interpretation, die das beobachtbare Verhalten schlicht nicht leisten kann.

Hat Gähnen etwas mit dem Kiefer zu tun?

Beim Gähnen wird der Kiefer natürlich sehr weit geöffnet und die beteiligte Muskulatur bewegt.

Daraus entstehen gelegentlich Erklärungen, nach denen Pferde durch Gähnen gezielt Spannungen im Kiefer oder sogar an ganz anderen Stellen des Körpers „lösen“.

Hier sollte man zwischen Mechanik und Bedeutung unterscheiden.

Natürlich bewegen sich beim Gähnen Kiefergelenk, Kaumuskulatur, Lippen, Zunge und weitere Strukturen.

Daraus folgt aber nicht automatisch, dass der biologische Zweck des Gähnens darin besteht, Blockaden des Kiefers zu beseitigen.

Ein Pferd bewegt beim Wiehern ebenfalls zahlreiche Strukturen. Trotzdem würde niemand daraus eine Therapieform ableiten.

Kann häufiges Gähnen auf Unwohlsein hinweisen?

Hier ist ebenfalls Differenzierung gefragt.

Einzelnes Gähnen ist zunächst kein Grund zur Sorge.

Wenn ein Pferd jedoch ungewöhnlich häufig gähnt und gleichzeitig weitere Veränderungen zeigt, sollte man das Gesamtbild ernst nehmen.

Interessant wären beispielsweise Veränderungen von:

Fressverhalten, Leistungsbereitschaft, Sozialverhalten, Ruheverhalten, Kotabsatz, Körperhaltung oder allgemeinem Verhalten.

Nicht das Gähnen allein ist dann das Problem.

Es ist lediglich eines von mehreren Puzzleteilen.

Gerade das ist bei der Beobachtung von Pferden entscheidend:

Verhalten bekommt seine Bedeutung im Zusammenhang.

Gähnen und Magengeschwüre: Gibt es einen Zusammenhang?

Wer nach „Pferd gähnt häufig“ sucht, landet im Internet erstaunlich schnell beim Thema Magengeschwüre.

Hier muss man aufpassen.

Bei Pferden mit abdominalem Unwohlsein beziehungsweise bestimmten Erkrankungen können Verhaltensänderungen auftreten. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass häufiges Gähnen ein zuverlässiger Test auf Magengeschwüre wäre.

Ein Pferd kann gähnen und einen vollkommen gesunden Magen haben.

Ein Pferd mit Magengeschwüren muss nicht auffällig gähnen.

Gähnen allein erlaubt keine Diagnose eines Magengeschwürs.

Das klingt banal, ist aber wichtig, weil einzelne Verhaltensweisen im Internet gerne zu vermeintlich eindeutigen Krankheitssymptomen erklärt werden.

Ist Gähnen ansteckend bei Pferden?

Bei Menschen kennen wir das Phänomen bestens.

Einer gähnt und plötzlich sitzt die halbe Runde mit offenem Mund da.

Bei verschiedenen sozialen Tierarten wurde ebenfalls untersucht, ob sogenanntes ansteckendes Gähnen vorkommt und ob es möglicherweise mit sozialer Wahrnehmung zusammenhängt.

Beim Pferd ist die wissenschaftliche Situation allerdings nicht so eindeutig, dass wir aus dem gemeinsamen Gähnen zweier Pferde weitreichende Aussagen über Empathie oder soziale Bindung ableiten sollten.

Auch hier gilt:

Eine hübsche Geschichte ist noch kein wissenschaftlicher Nachweis.

Gähnen ist kein Lügendetektor für Pferdegefühle

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis.

Wir Menschen möchten Pferdeverhalten gerne übersetzen.

Ohren hinten = böse.

Lecken und Kauen = nachdenken.

Kopf senken = entspannt.

Gähnen = Stress löst sich.

Nur ist Pferdeverhalten wesentlich komplexer.

Ein einzelnes Verhalten kann in verschiedenen Situationen auftreten und unterschiedliche Zusammenhänge haben.

Deshalb beobachtet man in der Verhaltensforschung nicht nur was ein Tier tut.

Man betrachtet auch:

Wann tritt das Verhalten auf?

Wie häufig?

Wie lange?

Was geschah unmittelbar vorher?

Was passiert danach?

Welche anderen Verhaltensweisen treten gleichzeitig auf?

Wie unterscheidet sich dieses Pferd von seinem normalen Verhalten?

Erst daraus entsteht ein brauchbares Bild.

Wann sollte ich bei häufigem Gähnen genauer hinschauen?

Nicht jedes gähnende Pferd braucht eine Untersuchung.

Wenn dein Pferd gelegentlich herzhaft gähnt, ansonsten normal frisst, sich normal verhält und keine weiteren Auffälligkeiten zeigt, gibt es allein aufgrund dieses Verhaltens zunächst keinen Grund, daraus ein Problem zu konstruieren.

Anders sieht es aus, wenn häufiges oder neu auftretendes Gähnen gemeinsam mit weiteren Veränderungen auftritt.

Dann sollte nicht das Gähnen behandelt werden.

Dann sollte man überlegen, warum sich das Verhalten des Pferdes insgesamt verändert hat.

Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Beobachten und Interpretieren.

Schau beim nächsten Gähnen nicht nur ins Maul

Wenn dein Pferd das nächste Mal herzhaft gähnt, musst du also weder sofort den Tierarzt anrufen noch begeistert verkünden, dass sich gerade sein gesamtes Nervensystem neu sortiert hat.

Schau einfach ein bisschen genauer hin.

Was hat dein Pferd vorher gemacht?

Wie wirkt es insgesamt?

Ist es ruhig und entspannt?

Hat es gerade geschlafen?

Kommt es aus einer aufregenden Situation?

Gähnt es einmal oder immer wieder?

Passiert das regelmäßig in derselben Situation?

Denn das eigentlich Interessante am Gähnen ist nicht der weit geöffnete Pferdemund.

Interessant ist die Geschichte drumherum.

Und manchmal erzählt uns diese Geschichte tatsächlich etwas über Wohlbefinden, Haltung und den momentanen Zustand eines Pferdes.

Nur müssen wir dem Pferd erst einmal zuhören, bevor wir ihm eine Übersetzung in den Mund legen.