
Das Islandpferd – ein kleines Pferd mit einer außergewöhnlichen Geschichte
Kaum eine Pferderasse ist so eng mit ihrer Heimat verbunden wie das Islandpferd. Obwohl es mit einem Stockmaß von meist zwischen 135 und 145 Zentimetern zu den kleineren Pferden zählt, besitzt es die Kraft, Ausdauer und Nervenstärke eines deutlich größeren Reitpferdes. Wer einem Islandpferd zum ersten Mal begegnet, bemerkt zunächst die dichte Mähne, den kräftigen Körperbau und den freundlichen Blick. Wer eines reitet, versteht schnell, warum diese Rasse auf der ganzen Welt eine so treue Fangemeinde besitzt. Das besondere Reitgefühl im Tölt, die enorme Trittsicherheit und das ausgeglichene Wesen unterscheiden das Islandpferd von nahezu allen anderen Pferderassen.
Lese auch hier gern zu den besonderen Gängen der Islandpferde weiter
Dabei ist das Islandpferd weit mehr als ein gemütliches Freizeitpferd für entspannte Ausritte. Es ist das Ergebnis von über eintausend Jahren natürlicher Selektion unter extremen Bedingungen. Vulkanlandschaften, eisige Winter, starke Stürme und karge Weiden haben eine Pferderasse hervorgebracht, die außergewöhnlich robust, gesund und leistungsfähig ist. Viele Eigenschaften, die heute geschätzt werden, entstanden nicht durch gezielte Zucht auf Schönheit oder spektakuläre Bewegungen, sondern weil sie für das Überleben notwendig waren.
Während viele moderne Pferderassen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit anderen Rassen veredelt wurden, blieb das Islandpferd nahezu unverändert. Dadurch gilt es als eine der ursprünglichsten Reitpferderassen Europas. Seine Geschichte ist gleichzeitig die Geschichte Islands selbst, denn Pferde waren über viele Jahrhunderte das wichtigste Verkehrsmittel der Insel. Ohne sie wäre die Besiedlung des Landes kaum möglich gewesen.
Die Geschichte des Islandpferdes beginnt mit den Wikingern
Die Wurzeln des Islandpferdes reichen bis in das 9. Jahrhundert zurück. Zwischen etwa 870 und 930 nach Christus besiedelten norwegische Wikinger gemeinsam mit Siedlern von den britischen Inseln die damals nahezu unbewohnte Vulkaninsel Island. Mit ihren Schiffen brachten sie Schafe, Rinder und selbstverständlich auch Pferde auf die Insel.
Diese ersten Pferde stammten überwiegend aus Norwegen, doch auch kleinere keltische Pferde aus Schottland und Irland gehörten zu den Vorfahren. Damals existierten noch keine klar definierten Pferderassen, wie wir sie heute kennen. Vielmehr handelte es sich um robuste Landpferde, die den Menschen als Transport-, Arbeits- und Reitpferde dienten.
Die Überfahrt über den Nordatlantik war gefährlich. Nur die kräftigsten und widerstandsfähigsten Tiere überstanden die Reise. Bereits dadurch fand eine erste natürliche Auswahl statt. Auf Island angekommen, mussten sich Pferde und Menschen gleichermaßen an eine Landschaft anpassen, die von Lavafeldern, Gletschern, Mooren und schroffen Bergen geprägt war.
Straßen gab es nicht. Viele Orte konnten ausschließlich über schmale Bergpfade oder Flussfurten erreicht werden. Ein Pferd musste deshalb trittsicher, mutig und belastbar sein. Tiere, die diesen Anforderungen nicht gewachsen waren, konnten sich langfristig nicht durchsetzen.
Eine der reinsten Pferderassen der Welt
Ein entscheidender Moment in der Geschichte des Islandpferdes war das Jahr 982. Damals beschlossen die Isländer, keine weiteren Pferde mehr auf die Insel einzuführen. Dieser Beschluss gilt bis heute.
Der Grund war zunächst weniger züchterischer Natur. Die Menschen wollten verhindern, dass Krankheiten eingeschleppt wurden, gegen die ihre Pferde keine natürlichen Abwehrkräfte besaßen. Gleichzeitig erkannte man schon früh den Wert der eigenen Population.
Bis heute gilt deshalb eine außergewöhnliche Regel: Verlässt ein Islandpferd die Insel, darf es niemals zurückkehren. Selbst erfolgreiche Sportpferde oder wertvolle Zuchthengste bleiben dauerhaft im Ausland. Diese strengen Bestimmungen schützen den Bestand bis heute vor zahlreichen Infektionskrankheiten, die in anderen Ländern vorkommen.
Über mehr als tausend Jahre entwickelte sich die Population dadurch praktisch ohne Einkreuzungen anderer Pferderassen. Das macht das Islandpferd genetisch außergewöhnlich interessant. Während sich viele moderne Warmblutrassen ständig verändern und weiterentwickeln, ähnelt das heutige Islandpferd seinen Vorfahren noch erstaunlich stark.
Natürlich blieb die Zucht trotzdem nicht stehen. Auch auf Island wurden stets die besten Tiere zur Weiterzucht ausgewählt. Allerdings geschah dies vor allem nach Gebrauchseigenschaften. Schönheit spielte lange Zeit eine deutlich geringere Rolle als Zuverlässigkeit, Ausdauer und ein angenehmes Reitgefühl.
Das Leben unter harten Bedingungen formte die Rasse
Wer Island bereist, versteht schnell, warum sich das Islandpferd so entwickelt hat. Die Landschaft gehört zu den spektakulärsten Europas, stellt Tiere aber gleichzeitig vor enorme Herausforderungen.
Lange Winter mit Schnee und Eis wechseln sich mit kurzen Sommern ab. Der Wind erreicht an vielen Tagen Sturmstärke. Weite Gebiete bestehen aus Lavafeldern, Geröll oder sumpfigem Untergrund. Hinzu kommen Vulkanausbrüche, heiße Quellen und zahlreiche Flüsse ohne Brücken.
Unter solchen Bedingungen konnten nur besonders widerstandsfähige Pferde überleben. Schwache Tiere oder Pferde mit gesundheitlichen Problemen hatten kaum eine Chance. Über viele Generationen entstand dadurch eine natürliche Robustheit, die bis heute typisch für die Rasse ist.
Traditionell lebten Islandpferde den größten Teil des Jahres im Herdenverband auf weitläufigen Weiden. Dort mussten sie selbstständig Futter finden, sich gegen Wind und Wetter schützen und innerhalb der Herde ihren Platz behaupten. Diese Form der Haltung prägte nicht nur ihren Körperbau, sondern auch ihr Sozialverhalten. Islandpferde gelten bis heute als ausgesprochen ausgeglichene und soziale Pferde.
Das Pferd als unverzichtbarer Begleiter der Isländer
Über Jahrhunderte war das Pferd auf Island weit mehr als ein Reittier. Es war das wichtigste Verkehrsmittel des Landes. Händler, Bauern, Ärzte und Geistliche legten oft viele Kilometer auf dem Pferderücken zurück. Selbst längere Reisen über mehrere Tage gehörten zum Alltag.
Brücken waren selten, viele Flüsse mussten direkt durchquert werden. Dabei war absolute Trittsicherheit lebenswichtig. Ein Fehltritt konnte sowohl für Pferd als auch Reiter schwerwiegende Folgen haben.
Auch beim Viehtrieb spielte das Islandpferd eine zentrale Rolle. Noch heute werden im Herbst große Schafherden aus dem Hochland zusammengetrieben. Diese traditionellen Schafabtriebe, die sogenannten Réttir, wären ohne die zuverlässigen Pferde kaum denkbar.
Hinzu kamen Arbeiten auf den Höfen, Transporte von Waren sowie Reisen zwischen weit auseinanderliegenden Siedlungen. Das Pferd war deshalb fester Bestandteil des täglichen Lebens und genoss auf Island stets einen hohen Stellenwert.
Diese enge Verbindung spiegelt sich sogar in der isländischen Kultur wider. Zahlreiche Sagas berichten von berühmten Pferden, ihren Besitzern und außergewöhnlichen Leistungen. Manche Tiere wurden beinahe wie Familienmitglieder beschrieben und galten als wertvolle Gefährten ihres Reiters.
Die tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Pferd prägt die Zucht bis heute. Auch moderne Islandpferde sollen leistungsbereit, zuverlässig und nervenstark sein – Eigenschaften, die über viele Jahrhunderte überlebenswichtig waren und heute den besonderen Charakter dieser außergewöhnlichen Pferderasse ausmachen.

Exterieur – kompakt, kräftig und erstaunlich tragfähig
Wer zum ersten Mal vor einem Islandpferd steht, unterschätzt häufig seine Größe. Mit einem Stockmaß von meist 135 bis 145 Zentimetern wirkt es auf den ersten Blick eher wie ein Pony. Tatsächlich wird das Islandpferd international aufgrund seiner Abstammung und seines Körperbaus jedoch als Pferd bezeichnet. Die Größe spielt dabei keine Rolle, denn entscheidend sind die genetische Herkunft und der Rassetyp.
Dass selbst Erwachsene problemlos auf einem Islandpferd reiten können, liegt an seinem außergewöhnlich kräftigen Körperbau. Ein gut bemuskeltes Islandpferd besitzt einen breiten Brustkorb, eine starke Schulterpartie und eine sehr tragfähige Hinterhand. Die Knochen sind kräftig, die Gelenke trocken und stabil. Dadurch kann ein Islandpferd problemlos auch größere oder schwerere Reiter tragen, sofern das Verhältnis zwischen Pferd, Reiter und Trainingszustand stimmt.
Der Hals ist meist mittellang bis kräftig und geht harmonisch in eine gut entwickelte Schulter über. Der Rücken ist eher kompakt und kurz, was wesentlich zur Tragkraft beiträgt. Eine gut bemuskelte Kruppe sorgt für den nötigen Schub aus der Hinterhand – eine wichtige Voraussetzung für die besonderen Gangarten der Rasse.
Der Kopf ist trocken und ausdrucksvoll. Typisch sind die großen, freundlichen Augen, kleine bewegliche Ohren und ein aufmerksamer Gesichtsausdruck. Viele Islandpferde wirken neugierig und beobachten ihre Umgebung mit bemerkenswerter Gelassenheit.
Ebenso charakteristisch ist das üppige Langhaar. Vor allem im Winter entwickeln Islandpferde eine außergewöhnlich dichte Mähne und einen langen Schweif. Zusammen mit dem dicken Winterfell schützt dieses Haarkleid zuverlässig vor Regen, Schnee und eisigem Wind. Im Sommer wirkt das Fell deutlich kürzer und feiner, doch selbst dann behalten viele Tiere ihre beeindruckende Mähne.
Das Winterfell – ein Meisterwerk der Natur
Kaum eine Pferderasse verändert ihr Erscheinungsbild im Laufe des Jahres so deutlich wie das Islandpferd. Während viele Reitpferde im Winter lediglich etwas dichteres Fell entwickeln, verwandeln sich Islandpferde regelrecht.
Das Winterfell ist extrem dicht und besteht aus einer feinen, isolierenden Unterwolle sowie längeren Deckhaaren, die Regen und Schnee zuverlässig ableiten. Selbst Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt bereiten gesunden Islandpferden kaum Probleme. Häufig bleiben sie selbst bei Schneestürmen entspannt auf der Weide stehen, während andere Pferde längst Schutz im Stall suchen würden.
Dieses dichte Haarkleid erklärt auch, warum Islandpferde in Mitteleuropa häufig früher geschoren werden als andere Pferderassen, wenn sie regelmäßig gearbeitet werden. Unter dem dicken Fell geraten sie beim Training schnell ins Schwitzen. Gleichzeitig benötigen sie nach dem Scheren einen angepassten Witterungsschutz, denn der natürliche Kälteschutz geht dadurch teilweise verloren.
Trotz ihrer Robustheit sollten Islandpferde deshalb nicht grundsätzlich ungeschoren bleiben. Entscheidend ist immer die Nutzung. Ein Freizeitpferd, das nur gelegentlich geritten wird, kommt meist problemlos mit seinem natürlichen Fell zurecht. Ein Sportpferd im intensiven Training profitiert dagegen häufig von einer durchdachten Schur.
Farben – beim Islandpferd scheint fast alles möglich
Kaum eine andere Pferderasse zeigt eine vergleichbare Farbvielfalt. Während viele Warmblutzuchten nur wenige Grundfarben zulassen, begegnet man beim Islandpferd nahezu jeder denkbaren Fellfarbe.
Besonders häufig sind Füchse in allen Schattierungen – vom hellen Goldfuchs bis zum dunklen Leberfuchs. Ebenso verbreitet sind Rappen, Braune und Falben. Hinzu kommen Schimmel, Schecken sowie zahlreiche Aufhellungen und Verdünnungsfarben.
Auch genetisch ist die Rasse ausgesprochen interessant. Neben klassischen Falben treten beispielsweise Isabellen, Buckskins, Smoky Blacks oder Silberrappen auf. Das Silver-Gen sorgt bei schwarzen Pferden häufig für eine schokoladenbraune Fellfarbe mit silbrig aufgehellter Mähne. Das Creme-Gen erzeugt wiederum goldfarbene oder cremefarbene Pferde mit hellen Mähnen.
Darüber hinaus existieren verschiedene Scheckungsmuster, darunter Tobiano-Schecken. Auch Roan-ähnliche Erscheinungsbilder und zahlreiche seltene Farbvarianten kommen vor. Dadurch gleicht kaum ein Islandpferd dem anderen.
Diese große Farbvielfalt ist kein Zufall. Da die Population über Jahrhunderte weitgehend geschlossen blieb und gleichzeitig nie auf wenige Modefarben reduziert wurde, konnte sich ein außergewöhnlich breites genetisches Spektrum erhalten.
Für viele Liebhaber gehört genau diese Vielfalt zum besonderen Reiz der Rasse. Auf einem Islandpferdehof sieht man oft Pferde in nahezu allen Farben nebeneinander stehen – ein Anblick, den man in vielen anderen Rassen kaum findet.
Charakter – freundlich, mutig und erstaunlich gelassen
Wer Islandpferde über längere Zeit erlebt, bemerkt schnell, dass ihre Beliebtheit nicht allein auf den Tölt zurückzuführen ist. Mindestens ebenso geschätzt wird ihr Charakter.
Islandpferde gelten als menschenbezogen, freundlich und ausgesprochen kooperativ. Viele zeigen eine große Neugier und begegnen unbekannten Situationen zunächst aufmerksam, aber selten panisch. Diese Gelassenheit war über Jahrhunderte überlebenswichtig. Ein Pferd, das beim Anblick eines tosenden Wasserfalls oder eines plötzlich auftretenden Schneesturms kopflos die Flucht ergriff, stellte für seinen Reiter ein erhebliches Risiko dar.
Deshalb wurden bevorzugt Tiere weitergezüchtet, die auch unter schwierigen Bedingungen ruhig und zuverlässig blieben. Bis heute profitieren Reiter von diesen Eigenschaften.
Dennoch sollte man Islandpferde keineswegs unterschätzen. Sie sind intelligent und lernen ausgesprochen schnell – im positiven wie im negativen Sinne. Unklare Hilfen oder inkonsequente Ausbildung merken sie sich ebenso gut wie faire und verständliche Kommunikation.
Viele Besitzer beschreiben ihre Pferde als kleine Persönlichkeiten mit einem gewissen Charme. Manche wirken verschmitzt und testen ihre Menschen gelegentlich aus, andere entwickeln eine enge Bindung zu ihrer Bezugsperson und arbeiten mit großer Motivation mit.
Gleichzeitig besitzen viele Islandpferde ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie sind keine willenlosen Befehlsempfänger, sondern denken oft mit. Gerade erfahrene Reiter schätzen diese Eigenständigkeit, denn sie macht die Zusammenarbeit abwechslungsreich und interessant.
Herdenverhalten – sozial und konfliktarm
Da Islandpferde traditionell fast ihr gesamtes Leben im Herdenverband verbringen, verfügen sie über ein sehr ausgeprägtes Sozialverhalten. Bereits junge Fohlen lernen im Umgang mit anderen Pferden wichtige Regeln der Kommunikation.
In gut zusammengestellten Herden verlaufen Rangordnungsstreitigkeiten meist erstaunlich ruhig. Statt heftiger Kämpfe reichen häufig kleine Gesten, ein Anlegen der Ohren oder eine kurze Drohgebärde aus, um Konflikte zu lösen.
Diese soziale Kompetenz macht Islandpferde oft zu angenehmen Herdenmitgliedern. Viele lassen sich problemlos in bestehende Gruppen integrieren und kommen sowohl mit anderen Islandpferden als auch mit Pferden anderer Rassen gut zurecht.
Auch deshalb werden Islandpferde häufig in Offenställen oder Aktivställen gehalten. Die Kombination aus viel Bewegung, sozialem Kontakt und frischer Luft entspricht ihrer ursprünglichen Lebensweise und trägt wesentlich zu ihrer körperlichen und mentalen Gesundheit bei.
Während manche hochgezüchteten Sportpferde dauerhaft Einzelboxen benötigen, profitieren Islandpferde meist von möglichst naturnahen Haltungsbedingungen. Sie zeigen dort häufig ihre größte Ausgeglichenheit und entwickeln genau jene Eigenschaften, für die die Rasse weltweit geschätzt wird.

Die berühmten Gangarten – warum das Islandpferd so besonders ist
Fragt man Reiter, warum sie sich für ein Islandpferd entschieden haben, fällt fast immer ein Wort: Tölt. Diese außergewöhnliche Gangart hat die Rasse weltweit bekannt gemacht und unterscheidet sie von den meisten anderen Pferden. Doch damit endet die Besonderheit noch lange nicht. Viele Islandpferde beherrschen zusätzlich den Rennpass – eine spektakuläre Hochgeschwindigkeitsgangart, die nur wenige Pferderassen zeigen.
Während die meisten Reitpferde drei Grundgangarten besitzen – Schritt, Trab und Galopp –, gibt es beim Islandpferd sowohl Viergänger als auch Fünfgänger. Viergänger verfügen über Schritt, Trab, Galopp und Tölt. Fünfgänger zeigen zusätzlich den Rennpass.
Diese Veranlagung ist genetisch bedingt. Sie entsteht nicht durch Ausbildung, sondern wird vererbt. Training und Ausbildung entscheiden lediglich darüber, wie sauber und ausdrucksstark die einzelnen Gangarten später gezeigt werden.
Der Tölt – bequem, schnell und erstaunlich vielseitig
Der Tölt ist eine Viertakt-Gangart ohne Schwebephase. Das bedeutet, dass sich immer mindestens ein Huf auf dem Boden befindet. Dadurch entstehen kaum vertikale Bewegungen, weshalb viele Reiter den Tölt als außergewöhnlich bequem empfinden.
Gerade auf langen Strecken zeigt sich dieser Vorteil besonders deutlich. Während man im Trab aussitzen oder leichttraben muss, sitzt der Reiter im Tölt meist ruhig und entspannt im Sattel. Das macht diese Gangart nicht nur angenehm, sondern auch äußerst effizient für lange Tagesritte.
Dabei ist Tölt keineswegs gleich Tölt. Das Tempo reicht von einem sehr langsamen, beinahe schreitenden Arbeitstempo bis zu einem beeindruckend schnellen Renntölt, bei dem das Pferd enorme Geschwindigkeiten erreicht, ohne in den Trab zu wechseln.
Ein gut gerittener Tölt wirkt flüssig, taktrein und leicht. Das Pferd trägt sich selbst, bewegt sich aktiv aus der Hinterhand und zeigt dabei eine lockere Oberlinie. Der Reiter scheint nahezu bewegungslos im Sattel zu sitzen.
Gerade diese scheinbare Mühelosigkeit macht den Tölt so faszinierend. Hinter der eleganten Bewegung steckt jedoch viel Ausbildung. Ein wirklich guter Tölt entsteht nicht durch Ziehen am Zügel oder künstliches Hochnehmen des Kopfes, sondern durch korrekte Gymnastizierung, Balance und Losgelassenheit.
Nicht jedes Islandpferd tölten von Anfang an perfekt
Ein häufiger Irrtum besteht darin, dass jedes Islandpferd automatisch jederzeit problemlos tölten könne. Tatsächlich verfügen zwar nahezu alle Tiere über die genetische Veranlagung, doch die Qualität der Gangart unterscheidet sich erheblich.
Junge Pferde zeigen oft zunächst einen eher unsicheren Tölt. Manche fallen in den Trab, andere werden passig oder verlieren ihren Takt. Erst mit zunehmender Ausbildung entwickelt sich ein gleichmäßiger, ausbalancierter Bewegungsablauf.
Auch die Veranlagung spielt eine große Rolle. Manche Islandpferde bieten den Tölt bereits als Jungpferde nahezu von selbst an. Andere benötigen deutlich mehr Zeit und gezielte Ausbildung.
Erfahrene Islandpferdereiter achten deshalb besonders auf Takt, Losgelassenheit, Balance und die Tragkraft der Hinterhand. Geschwindigkeit allein ist kein Qualitätsmerkmal.
Der Rennpass – Hochleistung auf vier Beinen
Während der Tölt für nahezu alle Islandpferde typisch ist, beherrschen den Rennpass nur entsprechend veranlagte Fünfgänger. Dabei handelt es sich um eine Zweitakt-Gangart mit deutlicher Schwebephase, bei der sich jeweils die beiden Beine einer Körperseite gleichzeitig bewegen.
Der Rennpass wird ausschließlich bei hoher Geschwindigkeit geritten. Im Freizeitbereich spielt er kaum eine Rolle, im Turniersport gehört er dagegen zu den spektakulärsten Disziplinen überhaupt.
Gut trainierte Passpferde erreichen Geschwindigkeiten von über 40 Stundenkilometern. Auf kurzen Distanzen wirken sie beinahe wie fliegend. Die Schwebephasen sind deutlich sichtbar, während Pferd und Reiter scheinbar über den Boden gleiten.
Diese Gangart verlangt dem Pferd enorme Kraft, Balance und Koordination ab. Deshalb wird sie ausschließlich auf speziell vorbereiteten Passbahnen oder geeigneten Strecken geritten.
Für den Alltag besitzt der Rennpass kaum Bedeutung. Er ist vielmehr Ausdruck der außergewöhnlichen genetischen Fähigkeiten dieser Rasse und wird im Sport gezielt gefördert.
Schritt, Trab und Galopp bleiben genauso wichtig
So faszinierend Tölt und Rennpass auch sind – die klassischen Grundgangarten verlieren dadurch keineswegs an Bedeutung. Im Gegenteil: Eine solide Ausbildung beginnt beim Islandpferd genauso wie bei jeder anderen Reitpferderasse.
Der Schritt sollte raumgreifend, fleißig und taktrein sein. Ein guter Schritt bildet die Grundlage jeder weiteren Ausbildung.
Auch der Trab besitzt große Bedeutung. Gerade im Dressurtraining hilft er dabei, Muskulatur aufzubauen und das Pferd zu gymnastizieren. Obwohl viele Freizeitreiter lieber tölten, bleibt der Trab ein wichtiger Bestandteil des täglichen Trainings.
Der Galopp ist meist gut bergauf gesprungen und erstaunlich bequem. Viele Islandpferde verfügen über einen ausbalancierten, leicht zu sitzenden Galopp, der sich hervorragend für Ausritte eignet.
Erst das harmonische Zusammenspiel aller Gangarten macht ein gut ausgebildetes Islandpferd aus.
Für Anfänger oder erfahrene Reiter?
Das Islandpferd genießt den Ruf eines idealen Anfängerpferdes. Tatsächlich stimmt das häufig – allerdings nicht uneingeschränkt.
Viele Islandpferde besitzen ein ausgesprochen ruhiges Temperament, sind nervenstark und zuverlässig im Gelände. Durch ihre Trittsicherheit vermitteln sie gerade unsicheren Reitern viel Vertrauen. Auch der bequeme Tölt erleichtert vielen Menschen den Einstieg ins Reiten oder ermöglicht älteren Reitern längere Ausritte.
Gleichzeitig sollte man jedoch bedenken, dass ein Islandpferd keineswegs automatisch leicht zu reiten ist. Die verschiedenen Gangarten sauber auseinanderzuhalten und gezielt zu beeinflussen, erfordert durchaus Gefühl und Erfahrung. Besonders talentierte Fünfgänger stellen an ihren Reiter oft höhere Anforderungen als viele klassische Freizeitpferde.
Hinzu kommt ihre Intelligenz. Islandpferde lernen schnell und reagieren sensibel auf unklare Hilfen. Wer konsequent, fair und fein reitet, wird mit einem motivierten Partner belohnt. Wer dagegen widersprüchliche Signale gibt oder versucht, fehlende Ausbildung durch Kraft zu ersetzen, stößt auch bei einem gutmütigen Islandpferd schnell an Grenzen.
Gerade deshalb findet man Islandpferde in ganz unterschiedlichen Bereichen. Sie tragen Anfänger sicher durch die Reitstunde, begleiten Familien auf langen Wanderritten und begeistern gleichzeitig ambitionierte Turnierreiter auf internationalen Gangpferdeprüfungen. Diese enorme Bandbreite gehört zu den größten Stärken der Rasse und zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig das Islandpferd tatsächlich ist.

Einsatzgebiete – vom Familienpferd bis zum internationalen Spitzensport
Das Islandpferd gehört zu den wenigen Pferderassen, die nahezu alle Bereiche des Reitsports abdecken können, ohne ihre ursprünglichen Eigenschaften verloren zu haben. Viele Pferderassen wurden im Laufe der Zeit immer stärker spezialisiert. Warmblüter dominieren den Dressur- und Springsport, Vollblüter den Galopprennsport, Kaltblüter werden überwiegend als Zugpferde eingesetzt. Das Islandpferd hingegen ist bis heute ein ausgesprochen vielseitiges Reitpferd geblieben.
Seine größte Stärke liegt sicherlich im Freizeitbereich. Die meisten Besitzer schätzen lange Ausritte, Wanderritte oder entspannte Touren durch Wald und Feld. Dank seines bequemen Tölts lassen sich auch viele Stunden im Sattel verbringen, ohne dass Pferd oder Reiter übermäßig ermüden. Gleichzeitig vermittelt die Trittsicherheit auf schwierigem Untergrund ein hohes Maß an Vertrauen.
Doch das Islandpferd wäre deutlich unterschätzt, würde man es ausschließlich als gemütliches Freizeitpferd betrachten. Der internationale Gangpferdesport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm entwickelt. Heute finden Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und nationale Meisterschaften mit hochklassigen Prüfungen statt. Dort werden nicht nur Tölt und Rennpass bewertet, sondern auch Rittigkeit, Gangqualität, Ausdruck und Harmonie zwischen Pferd und Reiter.
Hinzu kommen Distanzritte, Geschicklichkeitsprüfungen, Orientierungsritte und Freizeitreiterwettbewerbe. Durch seine Ausdauer eignet sich das Islandpferd hervorragend für lange Strecken, während sein ausgeglichener Charakter auch in ungewohnten Situationen meist für Gelassenheit sorgt.
Das ideale Pferd für lange Ausritte
Wer regelmäßig mehrere Stunden im Gelände unterwegs sein möchte, findet im Islandpferd oft einen idealen Partner. Seine Geschichte als zuverlässiges Reisepferd spiegelt sich noch heute in seinen Eigenschaften wider.
Viele Islandpferde legen auch auf schwierigem Untergrund mit erstaunlicher Sicherheit ihre Schritte. Ob schmale Waldwege, steinige Pfade oder steilere Anstiege – sie setzen ihre Hufe überlegt und ruhig. Gerade weniger erfahrene Reiter fühlen sich dadurch häufig sicherer als auf sehr großrahmigen Sportpferden.
Hinzu kommt der Tölt. Auf längeren Strecken ermöglicht er ein gleichmäßiges Vorankommen, ohne dass der Reiter ständig leichttraben muss. Das schätzen nicht nur ältere Reiter, sondern auch Menschen mit Rückenproblemen oder Gelenkbeschwerden.
Natürlich ersetzt der Tölt keine gute Reitausbildung. Ein ausbalanciertes Pferd und ein losgelassener Sitz bleiben die Grundlage für entspanntes Reiten. Doch gerade auf mehrstündigen Touren wird schnell deutlich, warum diese Gangart über Jahrhunderte so geschätzt wurde.
Islandpferdesport – deutlich mehr als nur Tölt
Wer noch nie ein Islandpferdeturnier besucht hat, ist oft überrascht, wie vielseitig die Prüfungen sind. Anders als in der klassischen Dressur oder im Springreiten stehen hier die Qualität der einzelnen Gangarten im Mittelpunkt.
Richter beurteilen unter anderem Takt, Tempo, Balance, Raumgriff, Elastizität und die Harmonie zwischen Pferd und Reiter. Dabei gibt es Prüfungen für Viergänger und Fünfgänger sowie spezielle Passrennen auf kurzen Sprintstrecken.
Besonders spektakulär sind die Rennpassprüfungen. Hier beschleunigen Pferde innerhalb weniger Sekunden auf hohe Geschwindigkeiten und legen die Passbahn in beeindruckendem Tempo zurück. Für Zuschauer gehören diese Rennen zu den Höhepunkten jeder Veranstaltung.
Daneben existieren zahlreiche Töltprüfungen mit unterschiedlichen Anforderungen. Mal wird besonders langsamer, ausdrucksstarker Tölt verlangt, mal schnelles Vorwärtsreiten mit klarer Taktreinheit. Dadurch können Pferde mit unterschiedlichen Stärken erfolgreich vorgestellt werden.
Auch Gehorsam, Losgelassenheit und feine Hilfengebung spielen eine große Rolle. Moderne Islandpferdereiter legen zunehmend Wert auf pferdegerechtes Training und eine harmonische Vorstellung. Kraft oder spektakuläre Bilder allein reichen längst nicht mehr aus, um hohe Wertnoten zu erhalten.
Zucht – weltweit nach gemeinsamen Standards
Obwohl das Islandpferd heute in vielen Ländern gezüchtet wird, orientieren sich nahezu alle Zuchtverbände an gemeinsamen internationalen Richtlinien. Eine zentrale Rolle spielt dabei die FEIF (International Federation of Icelandic Horse Associations), die die Zusammenarbeit der Mitgliedsländer koordiniert und ein einheitliches Regelwerk für Sport und Zucht entwickelt.
In Deutschland übernimmt diese Aufgabe der IPZV, der Internationale Islandpferde-Reiter- und Züchterverband. Er organisiert Körungen, Zuchtprüfungen, Turniere und zahlreiche Fortbildungen.
Zuchtpferde werden nach einem umfangreichen Bewertungssystem beurteilt. Dabei fließen sowohl Exterieur als auch Reiteigenschaften in die Gesamtbewertung ein. Neben Fundament, Gebäude und Proportionen werden unter anderem Tölt, Trab, Galopp, Schritt, Rennpass, Temperament, Form unter dem Reiter und Gesamteindruck bewertet.
Dieses umfassende System trägt dazu bei, dass nicht nur besonders schöne Pferde in die Zucht gelangen, sondern Tiere, die auch über hervorragende Gebrauchseigenschaften verfügen.
Haltung – möglichst naturnah statt luxuriös
Wer sich ein Islandpferd anschaffen möchte, macht häufig einen Fehler: Er behandelt es wie ein Warmblut aus der Boxenhaltung. Dabei unterscheidet sich die Rasse in ihren Bedürfnissen deutlich von vielen Sportpferden.
Islandpferde sind auf Bewegung ausgelegt. Über viele Jahrhunderte legten sie täglich weite Strecken zurück, lebten ganzjährig in Herden und suchten ihr Futter selbst. Diese Lebensweise hat ihren Stoffwechsel geprägt.
Ideal sind deshalb großzügige Offenställe oder Aktivställe mit viel Bewegungsmöglichkeit und dauerhaftem Sozialkontakt. Stundenlange Boxenhaltung ohne ausreichenden Auslauf entspricht ihrem natürlichen Verhalten nur wenig.
Ebenso wichtig ist eine angepasste Fütterung. Viele Islandpferde sind ausgesprochen leichtfuttrig. Was bei einem großrahmigen Warmblut gerade den Erhaltungsbedarf deckt, kann bei einem Islandpferd bereits zu Übergewicht führen.
Leichtfuttrig – Fluch und Segen zugleich
Die Fähigkeit, auch aus kargen Weiden ausreichend Energie zu gewinnen, war auf Island ein entscheidender Überlebensvorteil. In Mitteleuropa führt genau diese Anpassung jedoch häufig zu Problemen.
Üppige Weiden, energiereiches Heu und zusätzliches Kraftfutter sorgen dafür, dass viele Islandpferde deutlich zu dick werden. Übergewicht gehört inzwischen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen der Rasse.
Mit zunehmendem Gewicht steigt das Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie das Equine Metabolische Syndrom (EMS). Auch Hufrehe tritt bei übergewichtigen Pferden häufiger auf und kann erhebliche Folgen für die Gesundheit haben.
Viele erfahrene Islandpferdehalter achten deshalb sehr genau auf die Fütterung. Hochwertiges, aber eher energiearmes Raufutter bildet die Grundlage. Kraftfutter benötigen viele Freizeitpferde überhaupt nicht oder nur in sehr kleinen Mengen. Wesentlich wichtiger sind regelmäßige Bewegung und ein gutes Gewichtsmanagement.