Reiten lernen als Mann

Reiten lernen als Mann: Warum du dich trauen solltest

Du willst reiten lernen. Der Gedanke lässt dich seit einer Weile nicht los, vielleicht seit Jahren. Und trotzdem hast du dich bis heute nicht getraut, in einer Reitschule anzurufen. Es liegt fast nie am Reiten selbst. Es liegt an dem Bild im Kopf: ein Hof voller Frauen und kleiner Mädchen, du mitten drin, in einer engen Hose, und alle gucken. Genau darüber redet komischerweise niemand offen, obwohl es der eigentliche Grund ist, warum so viele Männer es sein lassen. Deshalb reden wir hier ehrlich darüber.

Die kurze Version vorweg: Deine Sorgen sind normal, fast jeder Mann hat sie. Und sie halten in der Realität kaum eine Reitstunde lang. Warum das so ist, schauen wir uns jetzt der Reihe nach an.

Warum so wenige Männer reiten, und warum das nichts über dich sagt

Reiten gilt heute als Frauensport. Das ist historisch betrachtet ein ziemlich frischer Irrtum. Über Jahrhunderte war das Pferd eine Männerdomäne, und zwar eine harte. Kavallerie, Militär, Landwirtschaft, das waren die Reiter. Bei den Olympischen Spielen durften bis 1948 ausschließlich männliche Offiziere im Sattel antreten. Frauen wurden erst 1952 in der Dressur zugelassen, im Springen und in der Vielseitigkeit sogar noch später.

Das Bild vom Mädchen mit dem Pony ist also gerade mal ein paar Jahrzehnte alt. Dass heute mehr Frauen reiten, hat mit gesellschaftlichem Wandel zu tun, nicht damit, dass Reiten irgendwie unmännlich wäre. Ein Pferd von 600 Kilo dazu zu bringen, mit dir als Team zu arbeiten, ist eine der körperlich und mental anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Wenn dir jemand erzählt, das sei nichts für Männer, weiß dieser Jemand schlicht nichts über den Sport.

Die Ängste, über die keiner spricht

Reden wir Klartext, denn wegwischen hilft dir nicht.

Die Angst, sich zu blamieren. Du sitzt zum ersten Mal oben, wackelst, das Pferd macht, was es will, und alle sehen es. Diese Angst hat jeder Anfänger, egal welches Geschlecht, egal welches Alter. Der Unterschied ist nur: Du glaubst, als erwachsener Mann müsstest du es sofort können. Musst du nicht. Niemand kann es am Anfang. Die achtjährige neben dir wackelt genauso, sie schämt sich nur nicht dafür. Genau das darfst du dir abschauen.

Die Angst vor der Reithose. Der Klassiker. Du stellst dir vor, wie du in einer hautengen Hose über den Hof läufst, und es schüttelt dich. Gute Nachricht: Für den Einstieg brauchst du keine. Dazu unten mehr, das lässt sich komplett entspannt lösen.

Die Angst, für unmännlich gehalten zu werden. Auch das gehört ausgesprochen, weil viele Männer genau das googeln und sich nicht trauen, es laut zu sagen. Diese Sorge speist sich aus einem alten Klischee, das mit der Sache nichts zu tun hat. Reiten ist ein Kraft- und Gleichgewichtssport mit militärischer Tradition. Eine Sportart sagt nichts über die Sexualität oder über die Männlichkeit eines Menschen aus, in keine Richtung. Im Stall denkt das ohnehin niemand, dort zählt, ob du anpackst und ob du mit dem Pferd fair umgehst. Und falls irgendein Fremder außerhalb sich darüber tatsächlich Gedanken macht, ist das dessen enger Horizont, nicht dein Problem.

Die Angst vor dem Umfeld aus Frauen und Kindern. Du befürchtest, der einzige Mann zu sein und dazwischen verloren zu wirken. Das lässt sich am einfachsten von allem lösen, nämlich über die Wahl von Reitweise und Stall. Auch dazu kommen wir gleich.

Wie Frauen im Stall wirklich reagieren

Jetzt der Teil, den du hören musst, bevor du dich kleinredest. In den allermeisten Ställen freuen sich die Leute, wenn ein Mann reiten lernen will. Nicht höflich, sondern echt.

Das hat handfeste Gründe. Ein erwachsener Anfänger, der sich bewusst dafür entscheidet und ernsthaft dabei ist, ist an einem Reitstall willkommen. Du packst mit an, du hörst zu, du bist verlässlich. Reiterinnen, die ihr Hobby lieben, finden es klasse, wenn jemand ihre Begeisterung teilt, gerade weil das im Alltag so selten ein Mann tut. Ausgelacht wirst du dort nicht. Dir wird geholfen, meistens von mehreren Seiten gleichzeitig, ob du willst oder nicht.

Wenn du in Foren die Erfahrungsberichte von Männern liest, die den Schritt gemacht haben, klingt es fast immer gleich: Die Anspannung vorher war riesig, und nach der zweiten Stunde war sie weg. Viele fangen mit Ende zwanzig an, manche mit über vierzig, und bereuen nur, dass sie nicht früher angefangen haben. Ein Nebeneffekt, den etliche erwähnen: Ein gemeinsames Hobby, dem sonst kaum ein Mann nachgeht, hat dich noch nie in schlechtere Gesellschaft gebracht.

Männer, die ganz oben reiten

Falls du glaubst, im Spitzenreitsport seien nur Frauen unterwegs, lohnt ein Blick auf die Ergebnislisten. Reiten ist eine der ganz wenigen olympischen Sportarten, in denen Männer und Frauen direkt gegeneinander antreten, im selben Wettbewerb, um dieselben Medaillen. Getrennte Wertungen gibt es nicht.

Und an der Spitze stehen jede Menge Männer. Michael Jung ist mehrfacher Olympiasieger in der Vielseitigkeit, einer der besten Reiter der Welt. Reiner Klimke holte sechs olympische Goldmedaillen in der Dressur, Hans Günter Winkler fünf im Springen. Im Springsport sind Namen wie Ludger Beerbaum und Daniel Deusser international eine Hausnummer. Die erfolgreichste Reiterin der Geschichte ist zwar eine Frau, Isabell Werth mit sieben Goldmedaillen, direkt hinter ihr stehen aber genau diese Männer. Frauen und Männer teilen sich hier ganz oben denselben Platz.

Im Westernreiten ist der Mann im Sattel sowieso das normalste Bild der Welt. Wer sich am Stall unwohl fühlt, weil er sich als Ausnahme sieht, ist im Westernstall schlagartig einer von vielen.

Was du im Sattel wirklich brauchst

Reiten sieht von außen leicht aus, weil gute Reiter es leicht aussehen lassen. Tatsächlich arbeitet dein ganzer Körper. Rumpf, Rücken, Beine, Gleichgewicht, alles ist im Einsatz, um locker mitzuschwingen, statt zu klammern. Es ist Sport, richtiger Sport.

Das ist eine gute Nachricht für dich. Wenn du ohnehin körperlich fit bist, viel Kraft im Rumpf hast oder anderen Sport machst, bringst du eine solide Grundlage mit. Was du am Anfang lernst, ist kein Muskelspiel, sondern Feingefühl und Timing: das Pferd lesen, ruhig bleiben, mit kleinen Signalen arbeiten statt mit Gewalt. Genau daran wächst man, und genau das macht süchtig. Dass du als Erwachsener anfängst, ist dabei kein Nachteil. Du verstehst, was der Reitlehrer erklärt, und du kannst gezielt daran arbeiten. Ein Kind lernt intuitiver, du lernst bewusster.

Die richtige Reitweise für den Einstieg

Es gibt nicht das eine Reiten. Für dich als Einsteiger ist vor allem der Unterschied zwischen Englisch– und Westernreiten interessant, weil er auch dein Umfeld und deine Kleidung mitbestimmt.

Beim klassischen Englischreiten landest du in Dressur, Springen oder Vielseitigkeit. Hier ist der Frauenanteil im Breitensport hoch, es gibt aber längst viele reine Erwachsenengruppen und gemischte Ställe.

Beim Westernreiten sitzt du in einem größeren, bequemeren Sattel, reitest oft mit lockerem Zügel und in Jeans. Der Anteil an Männern ist hier deutlich höher, die Atmosphäre gilt als entspannter. Für viele Männer ist Western der leichtere Einstieg, weil das ganze Drumherum weniger nach dem Klischee aussieht, vor dem sie Angst haben.

Dazu kommt das Freizeit– und Wanderreiten, wo es ums Gelände geht, um lange Ritte, um das Zusammensein mit dem Pferd draußen. Wer keine Turnierambitionen hat, sondern einfach reiten will, ist hier gut aufgehoben und trifft überdurchschnittlich viele erwachsene Ein- und Umsteiger.

Kleidung, ohne dass es komisch wird

Zur Reithose, weil sie so viele Männer mental blockiert. Für die ersten Stunden ziehst du an, was du hast. Eine robuste, nicht zu weite Hose ohne dicke Innennaht reicht völlig, eine Jeans tut es zum Anfang. Wichtig ist, dass der Stoff am Bein nicht scheuert und du dich gut bewegen kannst.

Was wirklich zählt, ist die Sicherheit. Ein Reithelm gehört von der ersten Minute an dazu, den kannst du dir in den meisten Reitschulen leihen. Dazu ein Schuh mit durchgehender Sohle und einem kleinen Absatz, damit der Fuß nicht durch den Steigbügel rutscht, das haben viele in Form eines festen Stiefels ohnehin im Schrank. Handschuhe sind angenehm, aber kein Muss.

Eine echte Reithose brauchst du erst, wenn du dabeibleibst und regelmäßig reitest, weil sie dann tatsächlich bequemer ist und scheuern verhindert. Bis dahin trägst du sie schlicht nicht. Und wenn du sie irgendwann trägst, wirst du dich längst nicht mehr daran stören, weil du dann verstehst, wofür sie da ist. Beim Westernreiten stellt sich die Frage sowieso kaum, dort reitest du in Jeans, oft mit Chaps darüber.

So findest du den richtigen Stall

Der Stall entscheidet über deinen Start mehr als alles andere. Ein reiner Kinder-Schulbetrieb, in dem du als einziger Erwachsener zwischen Ponygruppen sitzt, ist für dich der ungünstigste Fall. Es gibt bessere Adressen.

Achte darauf, ob ein Stall Erwachsenengruppen oder gezielt Unterricht für erwachsene Anfänger anbietet, viele werben inzwischen genau damit. Westernställe sind für Männer oft ein leichter Einstieg. Freizeitställe und Wanderreitbetriebe ziehen erwachsene Einsteiger an. Landesreit- und Fahrschulen haben gut ausgebildete, größere und ruhige Pferde, die auch einen kräftigeren Reiter tragen, das ist besonders dann wichtig, wenn du groß und schwer bist und ein passendes Lehrpferd brauchst.

Ruf einfach an und frag geradeheraus, ob sie Erfahrung mit erwachsenen Anfängern haben. An der Antwort merkst du sofort, ob du dort richtig bist. Ein guter Reitlehrer ist übrigens durchaus streng, das hat aber nichts mit Kasernenton zu tun, sondern damit, dass beim Reiten Sicherheit an erster Stelle steht. Wenn dir der Ton am Telefon gefällt und das Pferd zu dir passt, hast du deinen Start gefunden. Später, wenn du sicherer im Sattel sitzt, öffnet sich mit einer Reitbeteiligung die nächste Tür, dann hast du an ein paar Tagen pro Woche quasi dein eigenes Pferd.

Der erste Schritt

Alles, was zwischen dir und dem Reiten steht, ist ein Anruf. Nicht die Reithose, nicht die Blicke, nicht die Frage, was andere denken könnten. Nur ein Anruf bei einem Stall, der zu dir passt.

Der schwerste Teil liegt hinter dir, wenn du das erste Mal absteigst und merkst: Es hat niemand gelacht, es war großartig, und du willst sofort wieder rauf. Fast jeder Mann, der sich getraut hat, sagt hinterher denselben Satz. Er hätte längst anfangen sollen.

Häufige Fragen

Bin ich zu alt zum Reiten lernen? Nein. Reiten kannst du bis ins hohe Alter lernen, solange du gesund bist. Mit dreißig, vierzig oder fünfzig anzufangen ist völlig normal, viele tun es.

Bin ich zu groß oder zu schwer? Für dich braucht es das passende Pferd, kein Pony, sondern ein größeres, kräftiges Lehrpferd. Landesreitschulen und größere Betriebe haben solche Pferde. Frag am Telefon gezielt danach.

Muss ich eine enge Reithose tragen? Zum Einstieg nicht. Eine bequeme Hose ohne störende Naht reicht, eine Jeans geht. Eine richtige Reithose lohnt sich erst, wenn du regelmäßig reitest.

Werde ich als Mann im Stall komisch angesehen? In aller Regel nicht, im Gegenteil. Die meisten Ställe freuen sich über einen erwachsenen Mann, der ernsthaft lernen will. Ausgelacht wird dort niemand, der sich Mühe gibt.

Englisch oder Western für den Anfang? Beides ist möglich. Western gilt für viele Männer als entspannterer Einstieg, mit bequemem Sattel und Jeans. Englisch ist die richtige Wahl, wenn dich Dressur oder Springen reizen. Probier am besten beides aus.