Tigerschecken

Alles über die Pferdefarbe Tigerscheckel

Kaum eine Fellfarbe beim Pferd fällt so auf wie die Tigerscheckung. Weiße Decke über der Kruppe, dunkle Tupfen darauf, ein weißgeborenes Fohlen, das über und über gesprenkelt ist: Wer so ein Pferd sieht, bleibt stehen. Was viele überrascht: Hinter dieser ganzen Bandbreite steckt ein einziges Gen. Und dieses Gen kommt nur bei einer Handvoll Rassen vor, weit seltener, als man bei so einer bekannten Pferdefarbe vermuten würde.

In diesem Beitrag geht es allein um die Farbe. Nicht um den Knabstrupper als Rasse, nicht um den Sporttiger ( da kannst Du hier lesen: Tigerschecken als Sportpferd) sondern um die Genetik dahinter, um die verschiedenen Zeichnungen und darum, was das für die Gesundheit der Pferde bedeutet. Du erfährst, wie ein Volltiger entsteht, warum manche Tigerschecken im Alter immer heller werden, weshalb weißgeborene Fohlen fast immer nachtblind sind und was die berüchtigte Augenkrankheit bei diesen Pferden mit der Farbe zu tun hat.

Ein einziges Gen steckt dahinter

Die Tigerscheckung wird vom sogenannten Leopard-Komplex ausgelöst, auf Englisch Leopard Complex, im Deutschen auch Tigerschecken-Komplex genannt. Verantwortlich ist ein Gen mit der Abkürzung LP, für englisch leopard spotting. Es liegt beim Pferd auf Chromosom 1.

Genauer betroffen ist das Gen TRPM1. In der Tigerschecken-Variante trägt es einen langen eingeschobenen DNA-Abschnitt, eine sogenannte retrovirale Insertion von rund 1.378 Basenpaaren. Dieser Einschub stört das Ablesen von TRPM1. Bei reinerbigen Tigerschecken sinkt die Aktivität dieses Gens auf etwa 0,05 Prozent des normalen Werts. Bei mischerbigen Pferden liegt sie dazwischen. Diese eine molekulare Störung erzeugt am Ende beides: die auffällige Fellzeichnung und, wie du weiter unten liest, die angeborene Nachtblindheit.

Wichtig für das Verständnis der ganzen Farbe ist der Erbgang. LP vererbt sich unvollständig dominant. Bei einem klassisch dominanten Gen reicht eine einzige Kopie, um den vollen Effekt zu zeigen, eine zweite ändert nichts mehr. Beim Leopard-Komplex ist das anders: Ob ein Pferd eine oder zwei Kopien trägt, macht einen sichtbaren Unterschied. Die Kopie mit Tigerschecken-Anlage kürzt man Lp ab, die Variante ohne Anlage lp.

Daraus ergeben sich drei Genkombinationen. Ein Pferd mit zwei Anlagen ohne Tigerscheckung (lp/lp) zeigt keine Tigerzeichnung. Ein mischerbiges Pferd (Lp/lp) trägt die Anlage einmal und zeigt die gewünschte Tigerscheckung. Ein reinerbiges Pferd (Lp/Lp) trägt sie doppelt, hat oft besonders viel Weiß und ist von der Nachtblindheit betroffen.

Warum sich keine reine Tigerschecken-Herde züchten lässt

Aus diesem Erbgang folgt etwas, das Züchter seit Generationen beschäftigt. Verpaarst du zwei mischerbige Tigerschecken miteinander, verteilt sich der Nachwuchs statistisch so: ein Viertel bekommt die Anlage doppelt und ist reinerbig, die Hälfte bekommt sie einfach und ist mischerbig, ein Viertel geht leer aus und bleibt einfarbig. In Zahlen ausgedrückt ergibt das die klassische Aufspaltung von 25 zu 50 zu 25.

Die mischerbige Hälfte ist für viele Züchter der Wunschbereich: schöne Zeichnung, keine Nachtblindheit. Genau diese Gruppe lässt sich aber nicht reinerbig festschreiben. Sobald du auf viel Weiß und starke Zeichnung selektierst, häufst du die reinerbigen Pferde an, und damit die Nachtblindheit. Wer die Anlage ganz herausnimmt, verliert die Farbe. Es gibt also keine Verpaarung, aus der ausschließlich mischerbige Tigerschecken fallen. Das ist der Grund, warum in jeder Tigerschecken-Zucht immer wieder einfarbige und reinerbige Fohlen dabei sind.

Woran du die Anlage auch ohne auffällige Zeichnung erkennst

Der Leopard-Komplex verrät sich fast immer über ein paar feste Kennzeichen, selbst wenn ein Pferd auf den ersten Blick einfarbig wirkt. Diese Merkmale sind für Zuchtverbände die eigentlichen Ausweise der Anlage:

Gesprenkelte Haut an den unbehaarten Stellen. Rund um Nüstern, Augen, Maul, Genitalien und After zeigt sich helle und dunkle Haut wie getupft, statt gleichmäßig gefärbt zu sein.

Gestreifte Hufe. Am Hufrand wechseln sich helle und dunkle Streifen ab, auch dann, wenn das Bein oben kein weißes Abzeichen trägt.

Weiße Lederhaut, also weiße Sklera. Der weiße Rand rund um die Iris ist schon beim normal geöffneten Auge sichtbar, ganz ohne Blesse oder Laterne. Das gibt vielen Tigerschecken den fast menschlich wirkenden Blick.

Ein mischerbiges Pferd zeigt meist zwei oder mehr dieser Zeichen. Aus dem Aussehen allein lässt sich allerdings nicht sicher ablesen, ob ein Tier eine oder zwei Kopien trägt, dafür ist die Farbe zu variabel. Sicherheit bringt nur ein Gentest, der die Insertion im TRPM1-Gen direkt nachweist.

LP entscheidet ob, andere Gene entscheiden wie viel

Das LP-Gen legt fest, dass ein Pferd überhaupt zur Tigerscheckung neigt. Wie groß die weißen Flächen am Ende ausfallen, bestimmen zusätzliche Gene. Am bekanntesten ist der Modifikator PATN-1, kurz für Pattern-1. Er wirkt wie ein Verstärker: Ist er vorhanden, breitet sich das Weiß großflächig aus, bis hin zum durchgehend hellen Volltiger. Fehlt er, bleibt die Zeichnung kleiner, oft nur eine bescheidene Schabracke oder ein paar Sprenkel.

So erklärt sich, warum zwei Pferde mit derselben LP-Anlage vollkommen verschieden aussehen können. Das eine trägt eine handtellergroße weiße Decke über der Kruppe, das andere ist fast komplett weiß mit hunderten Tupfen. Beide haben dasselbe Grundgen, nur die Modifikatoren im Hintergrund unterscheiden sich. Genau diese Kombination aus LP und PATN-1 sorgt für die riesige Spanne an Erscheinungsbildern, die den Tigerschecken so unverwechselbar macht.

Die Varianten der Tigerscheckung im Einzelnen

Alle folgenden Zeichnungen gehen auf dasselbe Gen zurück, und zwischen ihnen gibt es fließende Übergänge. Von der fast einfarbigen Andeutung bis zum durchgehend weißen Pferd ist alles eine Frage, wie viel Weiß die Modifikatoren zulassen.

Volltiger

Der Volltiger, englisch Leopard, ist die Zeichnung, die den meisten als Erstes einfällt. Auf weißem Grund sitzen viele kleine, meist runde dunkle Flecken, ähnlich einem Dalmatiner, gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt. Kopf und Beine bleiben dabei oft dunkler. Die dunkle Haut unter dem weißen Fell schimmert leicht durch, deshalb wirken die Tupfen häufig von einem grauen Hof umgeben.

Schabrackentiger

Beim Schabrackentiger, englisch Blanket, zeigt das Pferd über weite Teile seine normale Grundfarbe, während ein abgerundeter weißer Bereich über der Kruppe liegt, wie eine aufgelegte Decke. Der Name kommt vom türkischen Wort für Satteldecke. Die Größe dieser Schabracke ist sehr unterschiedlich, von einem kleinen weißen Fleck über der Hinterhand bis zu einer Decke, die den halben Rumpf bedeckt. Sitzen in der weißen Fläche zusätzlich dunkle Tupfen, spricht man von einer Schabracke mit Flecken. Diese Tupfen reichen von pfenniggroß bis über apfelgroß.

Schneekappe

Die Schneekappe, englisch Snowcap, ist im Grunde eine weiße Schabracke ganz ohne Tupfen darin. Über der Hinterhand liegt eine saubere weiße Decke, der Rest des Pferdes bleibt in der Grundfarbe. Wer den Begriff Schabrack-Tigerschecke hört, meint meist genau diesen Bereich zwischen reiner weißer Decke und Decke mit Flecken.

Schneeflockentiger

Umgekehrt zum Schabrackentiger arbeitet der Schneeflockentiger, englisch Snowflake. Hier liegen kleine weiße Flecken verstreut über einem dunklen Grund, als hätte es auf das Pferd geschneit. Oft treten diese hellen Sprenkel erst mit den Jahren stärker hervor.

Varnish Roan, die Marmorierung

Der Varnish Roan, im Deutschen auch als Marmorierung bekannt, ist eine der spannendsten Ausprägungen, weil er sich über das Leben verändert. Ähnlich wie beim Schimmel sprießen mit den Jahren immer mehr weiße Stichelhaare ins Fell, das Pferd wird also heller. Anders als der Schimmel behält der Varnish Roan aber ein festes Grundgerüst dunkler Stellen, und zwar genau dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegen.

Dunkel bleiben typischerweise die Vorderbeine bis etwa zum Vorderfußwurzelgelenk, wobei die Farbe nach oben spitz ausläuft, sowie die Hinterbeine bis zum Sprunggelenk. Auch am Ellenbogen und am Knie halten sich dunkle Inseln. Im Gesicht bleibt vorn ein dunkles V stehen, während Stirn und Kopfseiten weitgehend weiß werden. Mähne und Schweif behalten meist etwas mehr Farbe. Diese festen dunklen Punkte sind das sicherste Erkennungszeichen, um einen alternden Varnish Roan von einem ausschimmelnden Schimmel zu unterscheiden.

Wenigtiger und weißgeborene Pferde

Am hellen Ende der Skala stehen der Wenigtiger, englisch Few Spot Leopard, und die komplett weißgeborenen Pferde. Der Wenigtiger ist fast durchgehend weiß und trägt nur noch ein paar wenige farbige Flecken, oft an Kopf, Flanke oder Beinansatz. Steigert sich das noch weiter, kommt ein Fohlen bereits weiß zur Welt und durchläuft keinen Farbwechsel mehr.

Diese weißgeborenen Pferde sind ein wichtiger Hinweis auf die Genetik: Sie sind immer reinerbig, tragen die Anlage also doppelt, und sind damit von der angeborenen Nachtblindheit betroffen. Das gilt genauso für einen Großteil der Wenigtiger. Wer viel Weiß sieht, sieht statistisch oft ein reinerbiges Pferd.

Frosted, speckled, mottled

Zwischen diesen Hauptformen liegen weitere, feinere Bezeichnungen, die verschiedene Verbände unterschiedlich handhaben, etwa frosted für angefrostet wirkende Bereiche, speckled für gesprenkelt und mottled für die getupfte Haut. Sie beschreiben Abstufungen innerhalb desselben Systems. Und es gibt Pferde, bei denen sich das Gen kaum auf das Aussehen auswirkt und die fast nur ihre Grundfarbe zeigen. Erkennen lässt sich die Anlage dann allein an gesprenkelter Haut, gestreiften Hufen und weißer Sklera.

Eine Sonderform am Rande: Trägt ein Pferd neben der Tigerschecken-Anlage noch das Tobiano-Gen für die klassische Plattenscheckung, entsteht ein sogenannter Pintaloosa, aus Pinto und Appaloosa. Zwei getrennte Scheckungssysteme überlagern sich dann auf einem Pferd.

Verwechslungen und Abgrenzung

Weil Tigerschecken über die Jahre heller werden können, verwechselt man sie leicht mit anderen Farben. Drei Fälle solltest du auseinanderhalten.

Der Schimmel in der Phase des Ausschimmelns wird zuerst im Gesicht hell, ausgerechnet in dem Bereich, wo beim Varnish Roan das dunkle V stehen bleibt. Das Gesicht ist also der beste Prüfpunkt: helles Gesicht spricht für Schimmel, dunkles V für Varnish Roan.

Das stichelhaarige Pferd behält im Gegensatz zum Varnish Roan sein Gesicht vollständig dunkel, und die dunkle Farbe der Beine reicht weiter nach oben, bis zum Ellenbogen beziehungsweise zur Hüfte. Solche Pferde bleiben ihr Leben lang etwa gleich gefärbt, abgesehen von jahreszeitlichen Schwankungen in der Menge der Stichelhaare.

Der Rabicano zeigt seine stichelhaarigen Bereiche vor allem am Brustkorb und in kleinerem Umfang, und er wird im Lauf des Lebens nicht heller.

Spannend wird die Abgrenzung bei Rassen, deren Scheckung mit dem Leopard-Komplex überhaupt nichts zu tun hat, aber ähnlich exotisch aussieht. Ein gutes Beispiel ist der südamerikanische Criollo. Die Gauchos kennen für Fellfarben angeblich rund 600 einzelne Bezeichnungen, und der Criollo bringt viele davon mit. Seine Buntheit stammt aber aus der Overo-Welt, nicht aus der Tigerscheckung. Beim Overo wirkt es, als sei weiße Farbe von unten gegen das Pferd gespritzt worden, besonders im Kopfbereich. Dazu kommen seltene Spielarten wie der Manchado, ein ungewöhnlich getupftes Muster, oder der Nevado, ein dunkles Pferd mit vielen kleinen weißen Flecken, die entfernt an Schneeflocken erinnern. Optisch geht das in Richtung Tigerschecke, genetisch liegen Welten dazwischen. Der Criollo zeigt damit gut, dass nicht jedes auffällig gescheckte Pferd ein Tigerschecke ist. Die runden Tupfen auf hellem Grund, die gesprenkelte Haut, die gestreiften Hufe und die weiße Sklera bleiben die verlässlichen Kennzeichen des echten Leopard-Komplex.

Die Augen: zwei verschiedene Probleme, die oft verwechselt werden

Rund um Tigerschecken hört man viel über Augenprobleme, meist in einen Topf geworfen. Tatsächlich handelt es sich um zwei völlig verschiedene Erkrankungen, mit unterschiedlicher Ursache, unterschiedlichem Verlauf und unterschiedlicher Bedeutung für den Alltag. Wer mit einem Tigerschecken zu tun hat, sollte beide kennen und auseinanderhalten können.

Angeborene Nachtblindheit (CSNB)

Die angeborene stationäre Nachtblindheit, im Fachjargon Congenital Stationary Night Blindness oder kurz CSNB, hängt direkt und untrennbar an der Farbe. Der Name beschreibt sie präzise: Sie ist angeboren, also von Geburt an da, sie ist stationär, schreitet also nicht fort, und sie betrifft das Sehen bei schwachem Licht.

Der Zusammenhang mit der Genetik ist klar. Reinerbige Tigerschecken (Lp/Lp) sind fast immer betroffen, weißgeborene Fohlen praktisch ausnahmslos. Mischerbige Pferde (Lp/lp) bleiben dagegen frei davon. Es ist also dieselbe verringerte Aktivität des TRPM1-Gens, die einerseits das viele Weiß und andererseits die Nachtblindheit erzeugt. Genau deshalb tragen so viele weißgeborene und wenig getupfte Pferde beides zugleich.

Der Mechanismus dahinter sitzt in der Netzhaut. Diese ist bei betroffenen Pferden normal aufgebaut, das Auge sieht also gesund aus. Das Nervensignal jedoch, das die Stäbchen bei Dämmerlicht auslösen, erreicht das Gehirn nicht richtig. Man geht davon aus, dass die gestörte Genaktivität sowohl bestimmte Schaltzellen der Netzhaut als auch die Farbzellen betrifft, wodurch Farbe und Nachtblindheit gemeinsam entstehen.

Im Alltag zeigt sich CSNB meist über das Verhalten. Betroffene Pferde betreten schwach beleuchtete Orte zögerlich, sträuben sich vor dunklen Reithallen, dunklen Boxen oder dem Anhänger und wirken dort ängstlicher als am Tag. Bei hellem Licht sehen sie normal. Manche Pferde zeigen zusätzlich ein leichtes Schielen oder unruhige Augenbewegungen. Wichtig ist die Einordnung: CSNB tut nicht weh, verschlechtert sich nicht und führt nicht zur Erblindung. Wer weiß, dass sein Pferd betroffen ist, kann viel abfangen, indem er für gute Beleuchtung sorgt und dem Pferd bei Dunkelheit mehr Zeit und Ruhe gibt. Der Zusammenhang zwischen dieser Nachtblindheit und der Tigerscheckung ist übrigens schon seit den 1970er Jahren bekannt.

Mondblindheit (periodische Augenentzündung, ERU)

Die zweite Erkrankung ist etwas ganz anderes und deutlich ernster. Sie heißt equine rezidivierende Uveitis, kurz ERU, im Volksmund Mondblindheit oder periodische Augenentzündung. Der alte Name stammt aus der Vorstellung, die Schübe kämen mit den Mondphasen wieder.

ERU ist eine wiederkehrende Entzündung der mittleren Augenhaut, der Uvea, die aus Regenbogenhaut, Strahlenkörper und Aderhaut besteht. Sie verläuft in Schüben, die Wochen, Monate oder sogar Jahre auseinanderliegen können, und schädigt das Auge mit jedem Schub weiter. Unbehandelt führt sie häufig zur Erblindung. ERU gilt als häufigste Augenkrankheit des Pferdes überhaupt und betrifft je nach Schätzung etwa 10 bis 25 Prozent aller Pferde weltweit, keineswegs nur Tigerschecken. Als Ursachen gelten ein Zusammenspiel aus Infektionen mit Leptospiren, die vor allem von Nagern übertragen werden, aus Autoimmunreaktionen und aus erblicher Veranlagung.

Und genau bei der Veranlagung kommt die Farbe ins Spiel. Bei Tigerschecken tritt eine besondere Form auf, die atypische oder Tigerschecken-Uveitis, und die Zahlen sind eindeutig. Appaloosas erkranken rund achtmal häufiger an einer Uveitis als alle anderen Rassen zusammen und erblinden etwa viermal so oft daran. Von allen Pferden mit ERU-Diagnose sind rund ein Viertel Appaloosas. In einer kanadischen Klinikauswertung stellten sie sogar über 60 Prozent aller ERU-Fälle.

Auch innerhalb der Tigerschecken steigt das Risiko mit dem Anteil Weiß. In einer Untersuchung an Appaloosas erkrankten die fast weißen Wenigtiger zu rund 44 Prozent an ERU, die Pferde mit weißer Schneekappe zu etwa 29 Prozent und die Volltiger zu etwa 15 Prozent. Pferde mit kleiner Zeichnung oder einfarbig wirkendem Fell waren seltener betroffen. Als Risikofaktor haben Genetiker hier dieselbe LP-Anlage identifiziert, die auch die Farbe macht. Je mehr Weiß, desto höher tendenziell das Risiko.

Tückisch ist die schleichende Form dieser Uveitis. Sie verläuft oft lange mit nur milden Anzeichen, die im Stallalltag untergehen, bis das Auge bereits deutlich geschädigt ist. Deshalb lautet die klare Empfehlung, Tigerschecken regelmäßig die Augen kontrollieren zu lassen, spätestens ab einem Alter von etwa zwölf Jahren jährlich. Anzeichen eines akuten Schubs sind tränende, gerötete Augen, Lichtscheu, Zusammenkneifen des Lids und eine trübe, milchige Hornhaut. Eine Heilung gibt es bislang nicht, die Behandlung kann die Entzündung aber bremsen und Schübe abmildern.

Betrifft das alle Tigerschecken oder nur den Knabstrupper?

Diese Frage taucht immer wieder auf, meist mit Blick auf den Knabstrupper, und die Antwort ist klar: Es hängt an der Farbe, nicht an der Rasse. Die Nachtblindheit CSNB betrifft jedes reinerbige Tigerschecken-Pferd, egal ob Knabstrupper, Appaloosa, Noriker, Miniaturpferd oder Pony of the Americas. Auch die erhöhte Anfälligkeit für Mondblindheit gehört zum Leopard-Komplex als solchem und ist bei allen diesen Rassen ein Thema, am gründlichsten erforscht ist sie nur beim Appaloosa, weil dort die größten Datenmengen vorliegen. Der Knabstrupper fällt vor allem deshalb auf, weil bei ihm die Tigerscheckung das erklärte Zuchtziel ist und die Farbe entsprechend geballt vorkommt. Das Problem sitzt also im Gen, nicht in einem Rassenamen.

In welchen Rassen die Farbe überhaupt vorkommt

Und hier liegt die eigentliche Überraschung: Für eine so bekannte Farbe kommt der Leopard-Komplex nur bei wenigen Rassen vor. Bei den meisten Pferderassen der Welt fehlt die Anlage vollständig.

Der Appaloosa ist die bekannteste Tigerschecken-Rasse. Er geht auf Pferde zurück, die das Volk der Nez Percé im Nordwesten der heutigen USA züchtete, deren Vorfahren wiederum spanische Importe waren. Beim Appaloosa ist die Zeichnung, samt der typischen Merkmale wie gesprenkelter Haut und gestreiften Hufen, fest im Zuchtziel verankert.

Der Knabstrupper ist die europäische Tigerschecken-Rasse. Dänemark bekam im 17. Jahrhundert Tigerschecken aus Österreich. Wegen des unvollständig dominanten Erbgangs ließ sich die Farbe damals nur schwer festhalten, und die ursprüngliche Zucht wurde aufgegeben. Aus diesen Pferden gingen die heutigen Knabstrupper hervor. Der Knabstrupper ist damit die Rasse, die die Tigerscheckung in der europäischen, konkret der dänischen Zucht bewahrt und zum Markenzeichen gemacht hat.

Der Noriker, das österreichische Kaltblut, trägt die Anlage ebenfalls und spielte in der Forschung eine Rolle: Am Noriker wurde die Vererbung der Tigerscheckung früh wissenschaftlich untersucht. Weitere Träger sind das Pony of the Americas, der Colorado Ranger, das Europäische Appaloosa-Pony und niederländische Appaloosa-Ponys, bei denen die Tigerzeichnung Zuchtziel ist. Vereinzelt taucht die Anlage auch beim Welsh-Pony auf. Damit ist die Liste im Wesentlichen schon zu Ende. Verglichen mit der Fülle einfarbiger Rassen oder auch der weit verbreiteten Platten- und Overo-Scheckungen bleibt der echte Leopard-Komplex eine genetische Seltenheit.

Warum diese Farbe uralt ist

Zum Abschluss lohnt ein Blick zurück, denn die Tigerscheckung gehört zu den ältesten belegten Pferdefarben überhaupt. In der Höhle von Pech Merle in Frankreich finden sich rund 25.000 Jahre alte Malereien getupfter Pferde. Lange stritt die Forschung, ob das echte Tiere abbildet oder frühe abstrakte Kunst ist. Genanalysen an eiszeitlicher Pferde-DNA haben die Frage beantwortet: Es gab damals tatsächlich schon Pferde mit der Leopard-Anlage. Die Höhlenmaler haben also gemalt, was sie sahen.

Das wirft eine interessante Frage auf. Wenn reinerbige Tigerschecken nachtblind sind, müsste die Farbe für wildlebende Pferde eigentlich ein Nachteil sein und mit der Zeit verschwinden. Genau das ist über Jahrtausende aber nicht passiert. Eine Erklärung liefert der Erbgang selbst: Nachtblind sind nur die reinerbigen Tiere, und die kamen in freier Wildbahn bei geringer Verbreitung des Gens nur selten vor. Die häufigeren mischerbigen Pferde sehen bei Nacht normal. Dazu kommt eine mögliche Tarnung: In einer schneereichen eiszeitlichen Landschaft könnte ein geflecktes Fell sogar von Vorteil gewesen sein. Untersuchungen zur Häufigkeit der Anlage über die Jahrtausende zeigen ein Auf und Ab, mal war die Farbe seltener, mal häufiger, je nach Umwelt und später je nach Vorliebe der Menschen.

Und diese Vorliebe zieht sich durch die Kulturgeschichte. Im Ferghanatal galten getupfte Pferde als Teil der berühmten Himmlischen Pferde und spielten in chinesischer Kunst und Kriegsführung eine Rolle. Eine Darstellung der Lipizzaner-Zuchtstuten von 1727 zeigt die Herde in vielen Farben, darunter einen Tigerschecken, lange bevor der Schimmel dort zur Regel wurde. In Frankreich und seit dem 12. Jahrhundert in England wurden bedeutende Persönlichkeiten gern auf getupften Pferden abgebildet, und aus Dänemark, Norwegen und Schweden sind zahlreiche Kunstwerke mit Tigerschecken erhalten. Die Faszination für diese Farbe ist also kein moderner Trend, sie begleitet den Menschen seit der Steinzeit.

Kurz zusammengefasst

Die Tigerscheckung geht auf ein einziges Gen zurück, den Leopard-Komplex LP im TRPM1-Gen auf Chromosom 1. Er vererbt sich unvollständig dominant, deshalb sehen ein- und reinerbige Pferde verschieden aus und deshalb lässt sich keine rein tigergescheckte Herde züchten. Wie viel Weiß entsteht, regeln Modifikatoren wie PATN-1, und so reicht die Spanne von der kleinen Schabracke über den Volltiger und den sich verändernden Varnish Roan bis zum weißgeborenen Pferd.

Die Anlage verrät sich fast immer über gesprenkelte Haut, gestreifte Hufe und weiße Sklera. Zwei Augenthemen gehören dazu, und sie sind streng zu trennen: die angeborene Nachtblindheit CSNB, die reinerbige Pferde betrifft, nicht fortschreitet und nicht schmerzt, sowie die Mondblindheit ERU, eine ernste, wiederkehrende Entzündung, für die Tigerschecken deutlich anfälliger sind und die regelmäßige Augenkontrollen sinnvoll macht. Beides hängt an der Farbe, nicht an einer einzelnen Rasse. Und weil der Leopard-Komplex nur bei einer Handvoll Rassen wie Appaloosa, Knabstrupper und Noriker vorkommt, ist die auffälligste Fellfarbe des Pferdes zugleich eine der seltensten.

Ich bin Daniela

Reitlehrerin FN und Therapeutische Reitlehrerin und absoluter Fan von Fjordpferden