Myofasziale Ketten

Myofasziale Ketten beim Pferd: Welche Faszienlinien gibt es?

Wenn ein Pferd auf einer Hand steifer ist, ein Hinterbein anders benutzt oder Schwierigkeiten hat, seinen Rücken loszulassen, schauen wir traditionell gerne genau auf die Stelle, an der das Problem sichtbar wird. Ist die Hinterhand zu schwach, trainieren wir die Hinterhand. Ist der Rücken verspannt, behandeln wir den Rücken. Fällt das Pferd auf die Schulter, suchen wir das Problem irgendwo im Bereich der Schulter.

Die Anatomie des Pferdes ist allerdings nicht so ordentlich in einzelne Schubladen aufgeteilt, wie es unsere Lehrbücher manchmal erscheinen lassen. Muskeln enden zwar anatomisch an bestimmten Ursprüngen und Ansätzen, sind aber über Faszien und andere Bindegewebsstrukturen mit ihrer Umgebung verbunden. Dadurch entsteht ein dreidimensionales Netzwerk, innerhalb dessen Bewegung und mechanische Kräfte nicht ausschließlich lokal betrachtet werden können.

Genau hier kommen die myofaszialen Ketten beim Pferd, in der wissenschaftlichen Literatur meist als myofascial kinetic lines bezeichnet, ins Spiel.

Anatomische Untersuchungen von Vibeke Sødring Elbrønd und Rikke Schultz haben beim Pferd inzwischen elf solcher myofaszialen Linien beschrieben. Sie verlaufen teilweise über erstaunlich große Körperbereiche und verbinden beispielsweise Hintergliedmaßen, Becken, Rücken, Hals und Kopf miteinander.

Damit liefern sie eine faszinierende anatomische Grundlage für etwas, das gute Pferdetrainer seit langer Zeit beobachten: Eine Bewegung findet niemals nur an einer einzelnen Stelle des Pferdekörpers statt.

Was sind myofasziale Ketten beim Pferd?

Unter einer myofaszialen Kette versteht man eine Folge anatomischer Strukturen, bei denen Muskulatur und Faszien miteinander verbunden sind und deren Faserverläufe eine nachvollziehbare Kontinuität bilden.

Das Wort myofaszial setzt sich dabei aus myo für Muskel und faszial für Faszie beziehungsweise Bindegewebsstrukturen zusammen. Es geht also gerade nicht um Faszien als vollkommen eigenständiges System, sondern um das Zusammenspiel von Muskel- und Fasziengewebe.

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn im populären Sprachgebrauch entsteht manchmal der Eindruck, im Pferdekörper existierten elf geheimnisvolle Faszienseile, die man nur an der richtigen Stelle lösen müsse. So funktioniert Anatomie selbstverständlich nicht.

Die beschriebenen Linien bestehen aus realen anatomischen Strukturen, die in Präparationsstudien verfolgt wurden. Sie stellen ein Modell dar, mit dem sich Zusammenhänge innerhalb des Bewegungsapparates betrachten lassen.

Wie wurden die Faszienlinien beim Pferd entdeckt?

Die heute häufig verwendete Einteilung geht vor allem auf die Arbeiten der dänischen Tierärztin und Anatomin Vibeke Sødring Elbrønd und der Tierärztin Rikke Schultz zurück.

Ausgangspunkt waren bereits beim Menschen beschriebene myofasziale Linien. Die Forscherinnen wollten wissen, ob sich vergleichbare anatomische Kontinuitäten auch beim Pferd finden lassen.

Das war keineswegs selbstverständlich. Ein Pferd ist schließlich ein Vierbeiner und unterscheidet sich biomechanisch erheblich vom Menschen. Deshalb konnten die menschlichen Modelle nicht einfach auf ein Pferd gezeichnet werden.

Bei den Präparationen wurden Muskeln und fasziale Verbindungen systematisch verfolgt. Dabei zeigte sich, dass sich tatsächlich lange zusammenhängende Strukturen darstellen ließen, die funktionell zu grundlegenden Bewegungsmustern wie Beugung, Streckung, Seitneigung und Rotation passen.

Inzwischen werden elf myofasziale kinetische Linien des Pferdes beschrieben.

Davon gehören sieben zu den eher oberflächlich verlaufenden Linien und vier zu den tiefen Linien.

Die 11 myofaszialen Ketten des Pferdes im Überblick

Zu den oberflächlichen Linien gehören:

Superficial Dorsal Line – SDL
Oberflächliche dorsale Linie

Superficial Ventral Line – SVL
Oberflächliche ventrale Linie

Lateral Line – LL
Laterale Linie

Spiral Line – SL
Spirallinie

Functional Line – FL
Funktionelle Linie

Front Limb Protraction Line – FLPL
Protraktionslinie der Vordergliedmaße

Front Limb Retraction Line – FLRL
Retraktionslinie der Vordergliedmaße

Hinzu kommen vier tiefe myofasziale Linien:

Deep Dorsal Line – DDL
Tiefe dorsale Linie

Deep Ventral Line – DVL
Tiefe ventrale Linie

Front Limb Abduction Line – FABL
Abduktionslinie der Vordergliedmaße

Front Limb Adduction Line – FADL
Adduktionslinie der Vordergliedmaße

Damit haben wir gewissermaßen eine anatomische Landkarte vor uns. Interessant wird sie aber erst, wenn wir uns anschauen, wo diese Linien verlaufen und welche Bewegungen die beteiligten Strukturen ermöglichen.

1. Die oberflächliche dorsale Linie – Superficial Dorsal Line

Die Superficial Dorsal Line, kurz SDL, ist für Reiter wahrscheinlich eine der am leichtesten vorstellbaren Linien, weil sie große Teile dessen umfasst, was wir umgangssprachlich als Oberlinie des Pferdes wahrnehmen.

Sie verbindet Strukturen der Hintergliedmaße mit Becken, Rücken, Hals und Kopf. In der ursprünglichen Untersuchung gehörten zu dieser Linie unter anderem Beuger der Hintergliedmaße sowie Strukturen der Rückenstrecker.

Funktionell stehen die beteiligten Strukturen unter anderem mit der Streckung von Hüfte und Wirbelsäule sowie mit Bewegungen der Hintergliedmaße in Verbindung.

Damit wird bereits deutlich, warum eine reine Betrachtung des Rückens schnell zu kurz greift. Die Oberlinie ist kein einzelner Rückenmuskel, sondern Teil eines wesentlich größeren funktionellen Zusammenhangs.

Ein Pferd, das seinen Rücken ungünstig benutzt, kann deshalb nicht automatisch dadurch verbessert werden, dass wir irgendeine vermeintliche „Rückenübung“ machen. Wir müssen betrachten, wie Hinterhand, Becken, Wirbelsäule und Hals innerhalb der gesamten Bewegung zusammenarbeiten.

2. Die oberflächliche ventrale Linie – Superficial Ventral Line

Der dorsalen Linie steht funktionell die Superficial Ventral Line, kurz SVL, gegenüber. Sie verläuft über die Unterseite beziehungsweise ventrale Bereiche des Pferdekörpers und umfasst unter anderem Strukturen der Hintergliedmaßen, Bauchmuskulatur und ventrale Halsmuskulatur.

Ihre Funktionen stehen teilweise antagonistisch zur oberflächlichen dorsalen Linie. Während Strukturen der SDL unter anderem an der Streckung der Wirbelsäule beteiligt sind, umfasst die ventrale Linie Strukturen, die unter anderem an deren Beugung beteiligt sind.

Gerade für Reiter ist diese Wechselwirkung ausgesprochen interessant. Ein funktioneller Rücken lässt sich nicht sinnvoll ohne die Bauchmuskulatur betrachten. Die Bauchmuskeln sind an der Stabilisierung und Bewegung des Rumpfes beteiligt und beeinflussen damit auch die Mechanik der Wirbelsäule.

Wenn wir von einem Pferd verlangen, seinen Rumpf besser zu tragen, sprechen wir deshalb niemals ausschließlich über den Rücken.

Dorsale und ventrale Strukturen müssen zusammenarbeiten.

3. Die laterale Linie – Lateral Line

Die Lateral Line, kurz LL, verläuft entlang der seitlichen Bereiche des Pferdekörpers. Sie umfasst myofasziale Strukturen entlang der Seite des Rumpfes und steht funktionell insbesondere mit der seitlichen Bewegung beziehungsweise Lateralflexion der Wirbelsäule in Verbindung.

Für das Pferd ist diese Funktion permanent relevant. Schon beim normalen Gehen entstehen dreidimensionale Bewegungen der Wirbelsäule. Noch offensichtlicher wird die Bedeutung der seitlichen Beweglichkeit bei Wendungen, gebogenen Linien, Seitengängen und natürlich bei der Arbeit auf dem Zirkel.

Dabei sollte Biegung niemals mit einem möglichst stark nach innen gestellten Hals verwechselt werden. Ein Pferd kann seinen Hals eindrucksvoll nach innen biegen und den restlichen Körper trotzdem erstaunlich gerade oder sogar nach außen verschoben lassen.

Eine funktionelle Biegung betrifft den gesamten Körper.

Die laterale Linie bietet deshalb ein interessantes anatomisches Modell, um zu verstehen, warum echte Biegung nicht ausschließlich im Hals entsteht.

4. Die Spirallinie – Spiral Line

Mit der Spiral Line, kurz SL, wird es besonders spannend, denn sie verläuft nicht einfach gerade über den Körper, sondern schraubenförmig beziehungsweise helikal.

Nach den anatomischen Beschreibungen verbindet sie eine Seite des Halses mit der gegenüberliegenden Vordergliedmaße und anschließend wieder mit der Hintergliedmaße derselben Seite. Dabei kreuzt sie Körperregionen und steht funktionell mit der axialen Rotation der Wirbelsäule in Verbindung.

Damit sind wir bei Bewegungen angekommen, die sich mit einem zweidimensionalen Bild des Pferdes kaum noch sinnvoll erklären lassen.

Ein Pferd bewegt sich nicht nur vorwärts und rückwärts oder nach oben und unten. Bei nahezu jedem Schritt entstehen gleichzeitig Rotation, Seitneigung, Beugung und Streckung innerhalb unterschiedlicher Abschnitte der Wirbelsäule.

Gerade deshalb ist die Spirallinie für die Betrachtung von Asymmetrien interessant. Wenn ein Pferd auf einer Hand deutlich anders arbeitet als auf der anderen, kann man nicht ausschließlich die Muskulatur einer Körperseite betrachten. Rotatorische Bewegungen verbinden unterschiedliche Seiten des Körpers miteinander.

Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass jede Schiefe des Pferdes automatisch durch eine „verklebte Spirallinie“ verursacht wird. Die Linie beschreibt einen anatomischen Zusammenhang, keine Ferndiagnose.

5. Die funktionelle Linie – Functional Line

Auch die Functional Line, kurz FL, verbindet unterschiedliche Körperseiten miteinander. Sie verläuft diagonal und verbindet eine Vordergliedmaße mit der gegenüberliegenden Hintergliedmaße, wobei sie den Körper im Bereich des thorakolumbalen Rumpfes kreuzt.

Und spätestens hier dürften Reiter hellhörig werden.

Pferde bewegen sich in vielen Situationen über diagonale Bewegungsmuster. Im Trab arbeitet beispielsweise jeweils ein diagonales Beinpaar gemeinsam. Auch bei zahlreichen koordinativen Bewegungen spielen diagonale Verbindungen zwischen Vorder- und Hinterhand eine bedeutende Rolle.

Die funktionelle Linie liefert eine anatomische Perspektive darauf, wie Kräfte diagonal durch den Körper übertragen werden können.

Damit wird auch verständlich, weshalb eine eingeschränkte Bewegung einer Hintergliedmaße möglicherweise mit Veränderungen im Bewegungsmuster der gegenüberliegenden Vordergliedmaße einhergehen kann. Das beweist noch keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung, macht aber deutlich, warum bei einer Bewegungsanalyse immer das gesamte Pferd betrachtet werden sollte.

6. Die Protraktionslinie der Vordergliedmaße – Front Limb Protraction Line

Die Front Limb Protraction Line, kurz FLPL, ist mit dem Vorschwingen beziehungsweise Vorführen der Vordergliedmaße verbunden.

Das klingt zunächst nach einer relativ simplen Aufgabe: Vorderbein nach vorne, fertig.

Tatsächlich ist die Bewegung der Vordergliedmaße beim Pferd biomechanisch ausgesprochen interessant, weil die Vordergliedmaße nicht über ein Schlüsselbein knöchern mit dem Brustkorb verbunden ist. Das Schulterblatt liegt dem Rumpf vielmehr muskulär an.

Dadurch hängt die Beweglichkeit des Vorderbeins eng mit Schultergürtel, Hals und Rumpf zusammen.

Wenn ein Pferd einen kurzen Vorgriff zeigt, wäre es deshalb zu einfach, ausschließlich auf das Bein selbst zu schauen. Schulterbeweglichkeit, Rumpfposition, Halsmuskulatur und die gesamte Bewegungsorganisation können den sichtbaren Bewegungsumfang beeinflussen.

7. Die Retraktionslinie der Vordergliedmaße – Front Limb Retraction Line

Als funktioneller Gegenspieler lässt sich die Front Limb Retraction Line, kurz FLRL, betrachten. Sie ist an der Rückführung beziehungsweise Retraktion der Vordergliedmaße beteiligt.

Protraktion und Retraktion bilden damit zwei Bewegungsrichtungen, die bei jedem einzelnen Schritt koordiniert aufeinanderfolgen müssen.

Gerade hier zeigt sich schön, warum Bewegung niemals nur eine Frage maximaler Beweglichkeit ist. Ein Vorderbein, das besonders weit nach vorne schwingen kann, ist nicht automatisch Zeichen eines biomechanisch hervorragend arbeitenden Pferdes. Das Pferd muss diese Bewegung kontrollieren, Last aufnehmen und anschließend die Gliedmaße wieder funktionell nach hinten führen können.

Bewegungsumfang ohne Kontrolle ist keine Tragfähigkeit.

8. Die tiefe dorsale Linie – Deep Dorsal Line

Die Deep Dorsal Line, kurz DDL, wurde in den späteren Präparationsstudien beschrieben und gehört zu den besonders interessanten Linien.

Sie verläuft tief entlang der Wirbelsäule vom Schweifbereich in Richtung Kopf und umfasst myofasziale Strukturen des tiefen beziehungsweise epaxialen Systems. Auch das Nackenband steht mit dieser Linie in Verbindung.

Ihre anatomische Lage macht bereits deutlich, warum sie vor allem im Zusammenhang mit Stabilisierung und Kontrolle der Wirbelsäule interessant ist.

Gerade in der modernen Pferdebiomechanik wird zunehmend zwischen großen Bewegungsmuskeln und tiefer stabilisierender Muskulatur unterschieden. Ein Pferd braucht schließlich nicht nur Muskeln, die spektakuläre Bewegung erzeugen, sondern auch Strukturen, die kleine Bewegungen kontrollieren und die Wirbelsäule stabilisieren.

Das ist besonders relevant, wenn wir über Tragfähigkeit sprechen. Ein Pferd kann äußerlich kräftig bemuskelt sein und trotzdem Schwierigkeiten mit der segmentalen Stabilität seiner Wirbelsäule besitzen.

9. Die tiefe ventrale Linie – Deep Ventral Line

Die Deep Ventral Line, kurz DVL, ist vermutlich die faszinierendste der beschriebenen Linien, weil sie besonders tief durch den Körper verläuft.

In den Präparationsstudien ließ sie sich von tiefen Strukturen der Hintergliedmaße über Becken und Rumpf bis in Richtung Schädelbasis verfolgen. Zu den beschriebenen Strukturen gehören unter anderem tiefe Beuger der Hintergliedmaße, die Psoasmuskulatur, das Zwerchfell sowie tiefe ventrale Halsmuskeln.

Damit verbindet diese Linie Körperregionen, die im normalen Pferdetraining häufig vollkommen getrennt voneinander betrachtet werden.

Besonders das Zwerchfell macht die Sache interessant. Es ist selbstverständlich in erster Linie der wichtigste Atemmuskel, steht anatomisch aber innerhalb des Rumpfes mit zahlreichen faszialen Strukturen in Verbindung.

Daraus sollte man allerdings nicht die inzwischen gelegentlich anzutreffende Behauptung ableiten, man könne durch eine bestimmte Faszienübung automatisch Atmung, Psoas, Becken und Hals gleichzeitig „lösen“.

Die anatomische Verbindung ist real. Welche therapeutische Wirkung eine konkrete Manipulation an einer Stelle auf entfernte Bereiche hat, muss jedoch gesondert untersucht werden.

Und genau diese Unterscheidung schützt ein faszinierendes anatomisches Thema davor, in die Esoterikecke abzubiegen.

10. Die Abduktionslinie der Vordergliedmaße – Front Limb Abduction Line

Die Front Limb Abduction Line, kurz FABL, gehört ebenfalls zu den später beschriebenen tiefen Linien. Sie umfasst Strukturen, die mit der Abduktion und Innenrotation der Vordergliedmaße zusammenhängen.

Abduktion bedeutet vereinfacht, dass sich die Gliedmaße von der Körpermitte wegbewegt.

Beim Pferd muss diese Bewegung wiederum im Zusammenhang mit der besonderen Konstruktion des Schultergürtels betrachtet werden. Weil keine knöcherne Schlüsselbeinverbindung zwischen Vordergliedmaße und Rumpf besteht, spielt das muskuläre Zusammenspiel rund um Schulterblatt und Brustkorb eine besonders große Rolle.

Die Forscher beschreiben die tiefen Vorderbeinlinien deshalb eher als funktionelle Schlingen im Bereich von Ober- und Unterarm als als einfache gerade Ketten.

11. Die Adduktionslinie der Vordergliedmaße – Front Limb Adduction Line

Die Front Limb Adduction Line, kurz FADL, enthält entsprechend Strukturen, die an der Adduktion und Außenrotation der Vordergliedmaße beteiligt sind. Adduktion bezeichnet die Bewegung in Richtung Körpermitte.

Gemeinsam mit der Abduktionslinie trägt sie dazu bei, die komplexen Bewegungen der Vordergliedmaße und des Schulterblattes gegenüber dem Rumpf zu organisieren.

Gerade für die Stabilität der Vorhand ist dieses Zusammenspiel ausgesprochen interessant. Das Pferd muss das Vorderbein schließlich nicht nur nach vorne und hinten bewegen, sondern es während der Lastaufnahme auch seitlich stabilisieren und die Position des Rumpfes gegenüber der Gliedmaße kontrollieren.

Damit schließt sich auch der Kreis zu Themen wie Rumpftragemuskulatur und Trageerschöpfung beim Pferd. Die Position des Brustkorbs zwischen den Vordergliedmaßen entsteht nicht durch einen einzelnen „Tragemuskel“, sondern durch das koordinierte Zusammenspiel zahlreicher Strukturen.

Sind Faszienketten tatsächlich wissenschaftlich nachgewiesen?

Hier lohnt sich eine präzise Antwort:

Die beschriebenen anatomischen Kontinuitäten wurden beim Pferd durch Präparationsstudien dargestellt.

Das ist mehr als eine theoretische Zeichnung auf einem Pferdefoto.

Die ursprünglichen Untersuchungen wurden an Pferdekadavern durchgeführt, wobei Muskeln und fasziale Verbindungen anatomisch verfolgt wurden. Spätere Untersuchungen erweiterten diese Arbeiten um die tiefen Linien.

Was daraus nicht automatisch folgt, ist der wissenschaftliche Nachweis sämtlicher therapeutischer Behauptungen, die inzwischen rund um Faszienketten angeboten werden.

Die Existenz einer anatomischen Verbindung beweist beispielsweise nicht automatisch, dass eine manuelle Behandlung am Hinterbein eine bestimmte Veränderung am Hals erzeugt.

Zwischen anatomischer Kontinuität und therapeutischer Wirksamkeit liegt wissenschaftlich ein ziemlich großes Stück Weg.

Gerade deshalb finde ich die myofaszialen Linien so interessant: Man braucht sie überhaupt nicht mit übertriebenen Versprechen aufzublasen. Die tatsächliche Anatomie ist schon spannend genug.

Können Faszien beim Pferd „verkleben“?

Auch dieses Wort wird inzwischen inflationär verwendet.

Faszien bestehen aus verschiedenen Bindegewebskomponenten und besitzen je nach Körperregion unterschiedliche Eigenschaften. Zwischen bestimmten Gewebeschichten muss Gleitfähigkeit vorhanden sein, damit Bewegung stattfinden kann.

Untersuchungen der Faszien von Pferd und Hund haben beispielsweise deutliche artspezifische Unterschiede gezeigt. Beim Pferd ist die tiefe Faszie kräftiger und teilweise enger mit der darunterliegenden Muskulatur verbunden als beim Hund. Gleichzeitig unterscheiden sich verschiedene Körperregionen erheblich hinsichtlich Aufbau und Gleitfähigkeit.

Deshalb ist „verklebte Faszie“ als pauschale Erklärung für Bewegungsprobleme wissenschaftlich ziemlich unscharf.

Gewebe kann sich infolge von Verletzung, Entzündung, Narbenbildung oder veränderter Belastung verändern. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede tastbare Spannung eine Verklebung darstellt, die anschließend einfach wegmassiert werden kann.

Welche Bedeutung haben die Faszienlinien für das Pferdetraining?

Für mich liegt der größte praktische Wert der myofaszialen Ketten zunächst nicht darin, elf neue Dinge zu finden, die wir am Pferd behandeln können.

Ihr Wert liegt darin, Bewegung anders zu betrachten.

Wenn ein Pferd Schwierigkeiten mit einer bestimmten Bewegung hat, können wir uns fragen, welche Körperregionen daran beteiligt sind. Wir können beobachten, ob das Problem wirklich lokal bleibt oder ob sich das Bewegungsmuster durch andere Körperregionen fortsetzt.

Bei einer schlechten Biegung schauen wir dann nicht nur auf den Hals. Bei einem kurzen Vorgriff nicht ausschließlich auf die Schulter. Bei einem schwachen Rücken nicht nur auf den langen Rückenmuskel und bei einer schlecht arbeitenden Hinterhand nicht nur auf das Hinterbein.

Damit passen die myofaszialen Linien hervorragend zu einem modernen Verständnis von Pferdetraining, bei dem Mobilität, Stabilität, Koordination und Kraftübertragung gemeinsam betrachtet werden.

Faszienlinien, tensegrales Training und Trageerschöpfung

Genau an dieser Stelle treffen sich drei Themen, die zunächst vollkommen unterschiedlich wirken.

Beim tensegralen Training betrachten wir den Körper als ein System, in dem Zug- und Druckkräfte verteilt werden und unterschiedliche Strukturen miteinander interagieren.

Bei der sogenannten Trageerschöpfung beschäftigen wir uns damit, warum ein Pferd seinen Rumpf nicht ausreichend stabilisieren kann und möglicherweise Kompensationsmuster entwickelt.

Die myofaszialen Ketten liefern dazu eine anatomische Landkarte möglicher Verbindungen.

Keines dieser Modelle erklärt allein den gesamten Pferdekörper. Zusammengenommen helfen sie jedoch dabei, sich von der Vorstellung zu lösen, jedes sichtbare Problem müsse zwangsläufig genau dort entstehen, wo wir es sehen.

Das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis aus der Beschäftigung mit Faszienlinien.

Nicht die Faszienlinie trainieren, sondern das Pferd

Bei aller Begeisterung für neue anatomische Erkenntnisse sollte man einen Punkt nicht vergessen: Ein Pferd kennt seine elf Faszienlinien nicht.

Es kennt Bewegungen.

Es kann vorwärtsgehen, rückwärtsgehen, wenden, Last aufnehmen, beschleunigen, abbremsen, seinen Rumpf stabilisieren, Gliedmaßen anheben, den Hals bewegen und sein Gleichgewicht verändern.

Genau diese Bewegungsfähigkeiten trainieren wir.

Stangenarbeit kann Koordination und Bewegungsumfang verändern. Bergaufgehen stellt andere Anforderungen an Hinterhand und Rumpf als Bewegung auf ebener Fläche. Übergänge verändern Beschleunigung, Bremskraft und Gleichgewicht. Seitengänge stellen wiederum andere Anforderungen an die Kontrolle des Rumpfes und der Gliedmaßen.

Dabei arbeiten zwangsläufig zahlreiche myofasziale Verbindungen gleichzeitig.

Deshalb halte ich wenig von der Vorstellung, man müsse nun für jede der elf Faszienketten eine spezielle Wunderübung erfinden.

Gutes Training organisiert den gesamten Körper.

Was uns die myofaszialen Ketten wirklich über Pferdebewegung erzählen

Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis gar nicht darin, sämtliche elf Namen auswendig lernen zu können.

Viel wichtiger ist das Bild, das daraus entsteht.

Ein Pferdekörper besteht nicht aus unabhängigen Bauteilen, die zufällig nebeneinander montiert wurden. Muskeln, Faszien, Sehnen, Gelenke und Knochen bilden ein hochgradig vernetztes Bewegungssystem, das bei jedem einzelnen Schritt Kräfte aufnehmen, verteilen und kontrollieren muss.

Die elf beschriebenen myofaszialen Linien helfen uns, einige dieser Verbindungen sichtbar und verständlich zu machen.

Sie erklären nicht jedes Bewegungsproblem. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose und auch keine sorgfältige Trainingsanalyse. Und sie geben uns schon gar nicht das Recht, anhand eines Fotos zu verkünden, welche Faszienkette eines fremden Pferdes angeblich „blockiert“ ist.

Aber sie verändern eine entscheidende Frage.

Wenn ein Pferd an einer bestimmten Stelle Schwierigkeiten zeigt, fragen wir nicht mehr automatisch:

Was stimmt dort nicht?

Wir können zusätzlich fragen:

Was macht der restliche Körper, damit diese Bewegung trotzdem funktioniert?

Und genau diese zweite Frage führt beim Pferd erstaunlich oft zu den interessanteren Antworten.

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