America Saddlebred

American Saddlebred: Das Pferd, das Amerika gemacht hat

Im Jahr 1776, mitten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, schrieb ein amerikanischer Diplomat einen Brief an den Kontinentalkongress. Er bat darum, ein Pferd nach Frankreich zu schicken, als Geschenk für Marie Antoinette. Gemeint war ein Pferd des Typs, den man damals schlicht American Horse nannte, und dieser Brief gilt heute als der erste schriftliche Beleg für die Vorfahren des American Saddlebred.

Zwei Jahrhunderte später ist daraus eine Rasse geworden, die Amerikaner den Pfau der Pferdewelt nennen. Ein großes, hoch aufgerichtetes Pferd mit langem Hals, ausdrucksstarker Bewegung und der Fähigkeit, bis zu fünf Gangarten zu zeigen. In Deutschland leben davon geschätzt rund 300 Stück, was das Saddlebred zu einer echten Rarität macht.

Dieses Portrait geht in die Tiefe. Du erfährst, woher die Rasse kommt, wie ihre fünf Gangarten funktionieren, welche Hengste sie geprägt haben, welche Erbkrankheiten Du kennen solltest, was ein Saddlebred kostet und wie es sich als Freizeitpferd macht. Dazu gehört auch der unbequeme Teil: die Eingriffe am Schweif, die im amerikanischen Showbetrieb bis heute üblich sind und in Europa längst verboten.

Das American Saddlebred auf einen Blick

Herkunft: USA, Kentucky
Weitere Namen: American Saddle Horse, American Saddler, früher Kentucky Saddler
Zuchtverband seit: 1891
Stockmaß: 152 bis 173 Zentimeter, im Schnitt 152 bis 163 Zentimeter
Gewicht: etwa 410 bis 540 Kilogramm
Farben: alle Farben erlaubt, häufig Fuchs, Brauner, Rappe, dazu Schimmel, Stichelhaar, Palomino und Schecken
Gangarten: Schritt, Trab, Galopp, dazu Slow Gait und Rack
Charakter: intelligent, menschenbezogen, leistungsbereit, sehr sensibel
Verwendung: Showreiten, Fahren, Dressur, Springen, Distanz, Freizeit
Bestand: rund 250.000 Registrierungen seit 1891, jährlich etwa 3.000 Fohlen
Bestand Deutschland: geschätzt 300 Pferde
Preis: im Schnitt rund 9.100 Euro

Von Galloway-Pferden zum American Horse

Die Wurzeln liegen auf den Britischen Inseln. Dort gab es zwei Schläge, die für lange Ritte über schlechte Wege gezüchtet wurden: das Galloway-Pferd aus Schottland und das irische Hobby. Beide gingen in bequemen Zwischengängen statt zu traben, weshalb man sie als Zelter bezeichnete. Genau diese Pferde brachten die ersten Siedler mit über den Atlantik.

In Nordamerika entwickelte sich daraus eine eigene Rasse, der Narragansett Pacer. Er war das Reit- und Fahrpferd der Kolonialzeit, berühmt für seinen Passgang und seine Bequemlichkeit. Ab 1706 begannen die Kolonisten, englische Vollblüter zu importieren und mit dem Narragansett zu kreuzen. Das Ergebnis war ein größeres, edleres Pferd, das die Bequemlichkeit behielt.

Für den Narragansett selbst endete diese Entwicklung tragisch. Die Kreuzung mit dem Vollblut und massenhafte Exporte in die Karibik führten dazu, dass die Rasse als reine Zucht ausstarb. Um die Blutlinien zu retten, holten die Züchter stattdessen Canadian Pacer ins Land, eine Rasse französischen Ursprungs, die den Passgang ebenfalls mitbrachte.

Der einflussreichste dieser kanadischen Passgänger war ein Blauschimmelhengst namens Tom Hall, geboren 1806. Nach seinem Import in die Vereinigten Staaten wurde er als American Saddlebred eingetragen und gründete mehrere Linien der Rasse. Derselbe Canadian Pacer prägte übrigens auch das Standardbred und das Tennessee Walking Horse.

Zur Zeit der Amerikanischen Revolution war der neue Typ fertig: die Größe und Qualität eines Vollbluts, dazu die Gangveranlagung und Ausdauer der Passgängerrassen. Man nannte ihn American Horse.

Kentucky, der Kentucky Saddler und die Gründerhengste

Verfeinert wurde das American Horse in Kentucky. Dort setzten die Züchter weiteres Vollblut ein, dazu Morgan, Standardbred und Hackney. Es entstand ein größeres, ausdrucksstärkeres Pferd, das unter dem Namen Kentucky Saddler bekannt wurde.

Als sich 1891 der Zuchtverband gründete, führte er zunächst siebzehn Gründerhengste. 1908 entschieden die Direktoren, davon nur noch einen einzigen als Foundation Sire zu führen. Die übrigen sechzehn wurden zu Noted Deceased Sires herabgestuft. Heute erkennt der Verband zwei Gründerhengste an, und beide tragen Vollblutanteil.

Der erste ist Denmark, ein brauner Hengst, geboren 1839 in Kentucky, Sohn des importierten Vollbluthengstes Hedgeford. Denmark selbst diente im Bürgerkrieg als Kavalleriepferd. Seine Bedeutung liegt in seinem Sohn.

Dieser Sohn hieß Gaines‘ Denmark, fiel 1851 in Bardstown, Kentucky, und war ein Rapphengst mit zwei weißen Hinterfesseln, aus einer teilblütigen Stute, die schlicht als Stevenson mare in die Bücher einging. Über sechzig Prozent aller Pferde in den ersten drei Bänden des Zuchtbuchs führen auf ihn zurück. Über anderthalb Jahrhunderte war die Denmark-Linie die bekannteste der Rasse, so bekannt, dass man Saddlebreds zeitweise einfach Denmarks nannte.

Der zweite Gründerhengst kam erst 1991 dazu, zum hundertjährigen Bestehen des Verbands: Harrison Chief, geboren 1872 in Cynthiana, Kentucky, aus rein Saddlebred-Elternteilen. Er stammte vom Vollbluthengst Messenger ab, der zugleich als Gründerhengst des Standardbred gilt. Harrison Chief begründete die zweite große Familie der Rasse, die Chief-Linie, und ist Vorfahr des berühmtesten Saddlebreds überhaupt.

Eine Geschichte, die selten erzählt wird

Zur Gründungsgeschichte gehört ein Mann, den die meisten Rasseportraits weglassen. John Breckinridge Castleman, später Präsident des Zuchtverbands, kaufte 1857 als Sechzehnjähriger einen dreijährigen Wallach namens Lightfoot, einen Sohn von Gaines‘ Denmark. Ausgebildet wurde dieses Pferd von Isaac Byrd, einem versklavten Afroamerikaner im Besitz der Familie Castleman. Byrd machte aus Lightfoot ein Showpferd, das anschließend zu einem bis dahin unerhörten Preis verkauft wurde. Dieser Erfolg brachte Castleman dazu, sich für Gaines‘ Denmark als Gründerhengst einzusetzen.

Ein zweiter Name gehört hierher. Der Schwergewichtsweltmeister Joe Louis besaß und stellte bis in die 1940er Jahre Saddlebreds aus. Weil schwarze Aussteller damals von vielen Veranstaltungen ausgeschlossen blieben, organisierte er in Utica, Michigan, die erste Pferdeshow ausschließlich für afroamerikanische Teilnehmer. Auch der Ausnahmehengst Rex McDonald wurde unter anderem von Tom Bass trainiert, einem der bekanntesten Pferdemänner seiner Zeit.

Das Pferd der Generäle

Im amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865 wurde der Kentucky Saddler zum Offizierspferd schlechthin. Er galt als mutig und ausdauernd, und die bequemen Gänge machten ihn für Männer erträglich, die tagelang im Sattel saßen.

Die Liste der Reiter liest sich wie ein Geschichtsbuch. General Robert E. Lee ritt Traveller, General Ulysses S. Grant ritt Cincinnati, General William T. Sherman ritt Lexington, und Stonewall Jacksons Pferd hieß Little Sorrell. Die Reiterverbände von John Hunt Morgan und Nathan Bedford Forrest saßen fast ausschließlich auf diesen Pferden.

Interessant ist eine Randnotiz aus den Aufzeichnungen: Bei den brutalen Gewaltmärschen von Morgans Raiders hielten die Kentucky Saddler nachweislich besser durch als Pferde anderer Rassen. Das war Zuchtwerbung, wie sie kein Verband hätte kaufen können.

Der Zuchtverband und seine Zahlen

Die National Saddle Horse Breeders Association wurde im April 1891 in Louisville, Kentucky, gegründet. Damit war sie die erste nationale Zuchtorganisation für eine in Amerika entstandene Pferderasse. Zwar hatten Privatleute schon 1857 Zuchtbücher etwa für den Morgan geführt, ein nationaler Verband entstand hier zum ersten Mal.

1899 wurde der Name präzisiert auf American Saddle Horse Breeders Association, um klarzustellen, dass es um eine Rasse ging und nicht um jedes beliebige Reitpferd. 1980 folgte die Umbenennung in American Saddlebred Horse Association, gleichzeitig öffnete sich die Mitgliedschaft für Menschen ohne eigene Zucht. 2021 stimmten die Mitglieder für eine Fusion, seither heißt der Verband American Saddlebred Horse and Breeders Association.

Die Zahlen dahinter: rund 250.000 registrierte Pferde seit 1891, jährlich etwa 3.000 neue Fohlen, rund 7.000 aktive Mitglieder, dazu 50 Regionalclubs und 40 Jugendclubs. Es ist das älteste noch arbeitende Zuchtregister der Vereinigten Staaten.

1985 zog der Verband als erste Zuchtorganisation überhaupt in den Kentucky Horse Park in Lexington. Dort steht auch das American Saddlebred Museum, mit einer großen Sammlung und einer Bibliothek von rund 2.500 Bänden allein über diese Rasse.

Wo das Saddlebred heute lebt

Nach dem Ersten Weltkrieg begannen die Exporte nach Südafrika, und dort ist das American Saddlebred inzwischen die beliebteste Pferderasse außerhalb des Rennsports. Ein eigener südafrikanischer Zuchtverband entstand 1949. Weitere Register gibt es in Großbritannien, Australien und Kontinentaleuropa.

In den USA selbst wanderte das Zentrum mehrfach. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug Mexico in Missouri den Titel Saddle Horse Capital of the World, ab Ende der 1950er Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt nach Shelby County in Kentucky, was maßgeblich an den Erfolgen der Züchter Charles und Helen Crabtree lag. Helen Crabtree wurde als Ausbilderin für Reitersitz zu einer Legende ihres Fachs.

Aussehen und Körperbau

Ein American Saddlebred erkennst Du an seiner Haltung, bevor Du auf Details schaust. Der amerikanische Reitsportverband beschreibt es so: Das Pferd trage sich mit einer Ausstrahlung, die sich schwer beschreiben lasse, manche nennten es Klasse, Präsenz, Qualität, Stil oder Charme.

Konkret: Der Kopf ist gut geformt mit geradem Profil und kleinen Ohren. Der Hals ist lang, schlank, hoch angesetzt und deutlich aufgerichtet. Der Widerrist ist klar ausgeprägt und sollte höher liegen als die Kruppe, die Schulter lang und schräg, die Brust breit. Der Rücken ist kräftig und gerade, die Rippen gut gewölbt. Die Kruppe verläuft waagerecht, der Schweif sitzt hoch an und wird hoch getragen.

Das Stockmaß liegt zwischen 152 und 173 Zentimetern, der Durchschnitt bei 152 bis 163 Zentimetern. Das Gewicht bewegt sich im Bereich von 410 bis 540 Kilogramm. Damit ist das Saddlebred ein großes, aber leicht gebautes Pferd, das im Verhältnis zu seiner Größe erstaunlich wenig wiegt.

Farben: alles ist erlaubt

Der Zuchtstandard lässt jede Farbe zu. Am häufigsten sind Fuchs, Brauner, Dunkelbrauner und Rappe, dazu kommen Schimmel, Stichelhaar, Palomino und Schecken.

Die Scheckung hat eine eigene kleine Geschichte. Das erste bekannte Schecken-Saddlebred war ein Hengst aus dem Jahr 1882, 1884 und 1891 folgten zwei Stuten. Diese drei wurden als gefleckt vermerkt. Viele andere Pferde mit wenig ausgeprägter Scheckung trug man dagegen einfach unter ihrer Grundfarbe ein, ohne die Abzeichen zu erwähnen. Erst in den 1930er Jahren wurden Züchter offener gegenüber farbigen Pferden und begannen, die Zeichnung sauber zu dokumentieren. Anerkannt sind Schecken in der Rasse damit seit dem späten 19. Jahrhundert.

Die Gangarten: drei oder fünf

Hier wird es interessant, denn das American Saddlebred führt eine Besonderheit, die es im Pferdesport nur selten gibt. Die Rasse teilt sich in zwei Typen, die sich in der Ausbildung unterscheiden, im Blut jedoch identisch sind.

Dreigängige Saddlebreds zeigen Schritt, Trab und Galopp, allesamt mit hoher Knieaktion und starker Aufrichtung. Fünfgängige Saddlebreds zeigen dieselben drei Gänge und dazu zwei weitere Viertaktgänge: den Slow Gait und den Rack.

Der Slow Gait

Der Slow Gait ist historisch der interessantere der beiden. Er konnte früher drei verschiedene Formen annehmen: einen Running Walk, einen Stepping Pace oder einen Foxtrott. Heute zeigt praktisch jedes fünfgängige Saddlebred den Stepping Pace.

Dabei verlassen die beiden Beine einer Körperseite gemeinsam den Boden, sie kommen jedoch zeitversetzt wieder auf, der Hinterhuf leicht vor dem Vorderhuf derselben Seite. Daraus entsteht ein sauberer Viertakt aus einer Bewegung, die im Ansatz ein Pass ist. Die Fußfolge lautet: hinten links, vorn links, hinten rechts, vorn rechts.

Im Showring soll der Slow Gait mit Zurückhaltung und Genauigkeit gezeigt werden. Er ist der langsame, kontrollierte Gang, bei dem sich zeigt, wie gut ein Pferd wirklich ausbalanciert ist.

Der Rack

Der Rack ist ebenfalls ein seitlicher Viertakt, hier liegen die vier Hufaufsätze allerdings in exakt gleichen Abständen. Damit entfällt jede Unwucht, das Pferd läuft im gleichmäßigen Eins-Zwei-Drei-Vier, und der Reiter sitzt vollkommen ruhig.

Im Ring wird der Rack mit Tempo und Aktion verlangt, er soll ungebremst wirken. Wer die Rasse kennt, misst genau hier ihre Qualität: Ein gutes Saddlebred hält Form und Takt auch bei hohem Tempo über längere Zeit.

Für Gangpferdereiter in Deutschland ist der Rack der eigentliche Grund, sich für die Rasse zu interessieren. Er entspricht dem, was Isländerreiter als Tölt kennen, nur auf einem sehr viel größeren Pferd, mit erheblich mehr Raumgriff und deutlich mehr Geschwindigkeit.

Wie sich das anfühlt

Der Unterschied zu anderen Gangpferden liegt in der Kombination. Ein Saddlebred bietet Dir einerseits einen echten, hohen Trab, wie ihn ein Warmblut zeigt, andererseits einen bequemen Viertakt ohne Schwebephase. Du hast also beides in einem Pferd, statt Dich für eine Bewegungsart entscheiden zu müssen.

Deutsche Saddlebred-Besitzer beschreiben genau diese Mischung als das Besondere: hochweite Bewegungen, die trotzdem bequem zu sitzen sind, dazu Tempo. Für töltbegeisterte Reiter, die ein großes Pferd suchen, ist die Rasse damit fast konkurrenzlos.

Wesen und Charakter

Die Rasse gilt als lebhaft und gleichzeitig freundlich, eine Kombination, die selten ist. Saddlebred-Besitzer beschreiben ihre Pferde als leistungsbereit, nervenstark, vielseitig, intelligent, menschenbezogen und elegant.

Vor allem die Intelligenz wird immer wieder genannt. Ein Saddlebred lernt schnell, es merkt sich Abläufe und es merkt sich auch, wie sein Mensch reagiert. Das ist ein Geschenk und eine Aufgabe zugleich, denn ein cleveres Pferd braucht Beschäftigung und klare Ansagen.

Dazu kommt eine ausgeprägte Sensibilität. Diese Pferde reagieren auf sehr feine Hilfen, was bei ruhiger Ausbildung ein Traum ist. Bei hektischer Einwirkung wird daraus schnell ein aufgeregtes Pferd. Wer die Rasse mag, sagt dazu: Ein Saddlebred spiegelt seinen Reiter.

Bemerkenswert ist außerdem, dass viele Menschen der Rasse treu bleiben. Wer einmal ein Saddlebred besessen hat, kauft in aller Regel wieder eines.

Gesundheit: zwei Erbkrankheiten und drei Belastungsthemen

Beim Saddlebred lohnt sich ein genauer Blick, weil zwei Erbgänge gut erforscht sind.

Die auffälligere Besonderheit ist der Senkrücken, in der Fachsprache Lordose. Bei dieser Rasse hat er nachweislich eine erbliche Grundlage und wird rezessiv vererbt. Die genaue Mutation ist bisher unbekannt, Forscher vermuten sie auf Pferdechromosom 20. Die Untersuchung dieser Besonderheit gilt in der Wissenschaft als Modell für angeborene Skelettfehlbildungen bei Pferden und anderen Arten.

Wichtig für Dich: Pferde mit Lordose sind in aller Regel gesund und in ihrer Nutzung unbeeinträchtigt. Auf Zuchtschauen wird der Senkrücken als Formfehler abgewertet, gestartet werden darf in den meisten Klassen trotzdem. Für ein Freizeitpferd spielt er kaum eine Rolle, solange der Sattel sauber passt, was bei einem Senkrücken allerdings mehr Aufwand bedeutet.

Die zweite Besonderheit ist ernster. Sie heißt Junktionale Epidermolysis bullosa, kurz JEB2, und war früher unter dem Namen Epitheliogenesis imperfecta bekannt. Ursache ist eine große Lücke im LAMA3-Gen, genauer eine Deletion von 6.589 Basenpaaren über die Exons 24 bis 27. Das Gen liefert einen Baustein für Laminin, ein Eiweiß, das die Haut mit dem darunterliegenden Gewebe verbindet.

Fohlen, die diese Anlage von beiden Eltern erben, kommen lebend zur Welt und entwickeln nach vier bis fünf Tagen Blasen und offene Stellen an allen Druckpunkten, dazu Ablösungen an den Hufen. Der Zustand verschlechtert sich rasch, weshalb betroffene Fohlen eingeschläfert werden. Die Vererbung ist rezessiv, Träger sind also selbst vollkommen gesund. Bei einer Stichprobe des Fohlenjahrgangs 2007 waren 9 von 175 Fohlen Träger, das entspricht 2,6 Prozent. Andere Angaben nennen rund 4 Prozent für die Rasse insgesamt. Ein Gentest ist verfügbar und günstig, und damit lässt sich die Erkrankung durch Anpaarungsplanung vollständig vermeiden.

Dazu kommen drei Themen, die eher mit der Nutzung als mit dem Erbgut zu tun haben. Lahmheiten an Knie- und Sprunggelenk entstehen durch einseitiges, wiederholtes Training in bestimmten Gangarten. Schale und Hufknorpelverknöcherung an den Vorderhufen entstehen durch die hohe Aktion, weil jeder Tritt mit mehr Wucht landet als bei flach gehenden Pferden. Und weil viele Showpferde dauerhaft mit sehr hoher Kopfhaltung gehen, kann das die oberen Atemwege belasten, was allerdings selten vorkommt.

Für Dich heißt das ganz praktisch: Gentest auf JEB2 verlangen, die Vorderhufe röntgen lassen, auf abwechslungsreiche Arbeit achten und einen Hufbearbeiter suchen, der die Rasse kennt.

Berühmte Saddlebreds: Wing Commander und die anderen

Kein Pferd steht so für diese Rasse wie Wing Commander, ein Fuchshengst mit vier weißen Fesseln und einem dünnen weißen Streifen, der von der Stirn bis zur Oberlippe lief. Geboren 1943, Vater Anacacho Shamrock, Mutter Flirtation Walk. Über beide Elternseiten führt er auf Rex McDonald und Bourbon King zurück, die selbst schon Showlegenden waren.

Seine Bilanz ist auch heute noch schwer zu fassen. Sechs Siege in Folge in der Weltmeisterschaft der Fünfgänger, von 1948 bis 1953. Neun Jahre lang in Serie den Hengst-Titel auf der Chicago International, von 1946 bis 1954. Über zweihundert Championate in neun Showsaisons, dabei sieben oder acht Turniere pro Jahr. Geschlagen wurde er in seiner ganzen Karriere zweimal, beide Male als Vierjähriger gegen deutlich erfahrenere Gegner.

1954 widmete ihm das Life Magazine eine eigene Geschichte, Besucher aus dem ganzen Land und aus dem Ausland kamen nur, um ihn zu sehen. Wing Commander war der erste Prominente unter den Saddlebreds, und die Berichte betonen ausdrücklich, wie freundlich und menschenbezogen er dabei blieb. Zeitzeugen sagen, seine Geschwindigkeit im Rack und im Trab habe alle anderen überfordert: Wer im Trab mithalten konnte, verlor im Rack, und umgekehrt.

1955 ging er in den Zuchteinsatz auf der Castleton Farm und war zwischen 1963 und 1968 sechs Jahre lang der führende Vererber der Rasse. Er starb 1969 im Alter von 26 Jahren an einer Kolik. Ausgebildet und vorgestellt wurde er von Earl Teater, der später mit einem weiteren Pferd noch einmal Weltmeister wurde.

Nur ein einziges Pferd hat seine sechs Weltmeistertitel eingestellt, und es war eine Stute: My-My, geboren 1957. Die Pointe der Geschichte liegt in ihrer Abstammung. Ihre Mutter Daneshall’s Easter Parade war das einzige Pferd, das Wing Commander jemals besiegt hat. My-My starb 1968 mit elf Jahren an Leberversagen.

Weitere Namen, die in der Rasse Gewicht haben:

Rex McDonald, geboren 1890 in Missouri, ein 163 Zentimeter großer Rapphengst, in seiner Showkarriere nur dreimal geschlagen. Bei einem Turnier besiegte er seinen eigenen Vater. Am Ende zog man ihn aus dem Sport zurück, weil kaum noch jemand gegen ihn antreten wollte. Er vererbte über 200 eingetragene Nachkommen und wurde von Präsidenten besucht.

Bourbon King, geboren 1900, Enkel von Harrison Chief, gewann als Dreijähriger das Championat der Louisville Horse Show, wurde 30 Jahre alt und begründete die Chief-Familie.

Supreme Sultan, geboren 1966, ein Fuchshengst, der als Vererber die Rasse nachhaltig verändert hat.

Imperator, geboren 1974, ein dunkelbrauner Wallach, vier Weltmeistertitel und acht Wallach-Championate, und Sky Watch, ein Enkel von Wing Commander. Beide sind im Kentucky Horse Park begraben, dicht nebeneinander, obwohl sie im Ring Konkurrenten waren.

Die Rasse im Film

Das American Saddlebred ist das Pferd der klassischen Hollywoodzeit. In den Hauptrollen von My Friend Flicka, National Velvet und der Serie Fury liefen Saddlebreds, ebenso in einer Verfilmung von Black Beauty und in einer wichtigen Rolle in Giant.

Der berühmteste Vertreter ist allerdings ein Teilblüter: Das sprechende Pferd aus der Serie Mister Ed war anteilig ein Saddlebred.

Prominente Besitzer gab es reichlich, darunter Clark Gable, Will Rogers und Joe Louis. Die schönste Anekdote gehört William Shatner, der selbst Saddlebreds züchtet. In Star Trek Generations ritt er in seiner Rolle als Captain Kirk auf seiner eigenen Stute, die den Namen Great Belles of Fire trug.

Der Showbetrieb in den USA

Das American Saddlebred wird in fünf Hauptabteilungen vorgestellt: Five-Gaited, Three-Gaited, Fine Harness, Park und Pleasure. Bewertet werden Leistung, Manieren, Präsenz, Qualität und Gebäude. Dazu kommen Klassen an der Hand, Fahrklassen und Roadster-Klassen.

Optisch unterscheiden sich die Typen deutlich. Fünfgängige Pferde werden mit vollem Langhaar vorgestellt, der Schweif wird oft mit einem künstlichen Haarteil ergänzt. Dreigängige Pferde tragen eine abrasierte Mähne, auf Englisch roached, dazu vollen Schweif.

Als höchste Auszeichnung der Rasse gilt die Triple Crown: Siege in der Fünfgänger-Championatsklasse auf der Lexington Junior League Horse Show, auf der Weltmeisterschaft der Kentucky State Fair und auf der American Royal Horse Show. Das haben bisher sechs Pferde geschafft.

Die Weltmeisterschaft selbst hat eine lange Geschichte. Bereits 1917 lobte die Kentucky State Fair einen Preis von 10.000 Dollar für den Champion der Fünfgänger aus, eine Summe, die damals mehreren Jahresgehältern entsprach. Ausgestellt wurden Saddlebreds in Kentucky übrigens schon 1816, und sie prägten 1856 die erste nationale Pferdeshow der USA auf der St. Louis Fair.

Der unbequeme Teil: Eingriffe am Schweif

Wer sich Fotos von amerikanischen Showpferden anschaut, bemerkt den fast senkrecht getragenen Schweif. Der entsteht in vielen Fällen durch einen chirurgischen Eingriff, und darüber solltest Du Bescheid wissen.

Beim sogenannten Nicking wird die untere Muskulatur der Schweifrübe durchtrennt. Damit die Muskeln in verlängerter Position zusammenwachsen, kommt das Pferd anschließend im Stall in eine Vorrichtung, ein Gestell aus Riemen mit einer Metallschiene, die den Schweif dauerhaft nach oben hält. Diese Vorrichtung heißt Tail Set und wird über Monate getragen.

Der amerikanische Verband der Pferdetierärzte verurteilt Eingriffe am Schweif für kosmetische oder wettbewerbliche Zwecke ausdrücklich, dazu zählt er Kupieren, Nicking und Blocking. Seine Begründung ist klar: Diese Eingriffe dienen weder der Gesundheit noch dem Wohlbefinden des Pferdes, sie dienen dem Ergebnis im Showring.

Daneben existiert eine zweite Praxis, das Gingering. Dabei werden reizende Substanzen im Bereich des Afters aufgetragen, damit das Pferd den Schweif hochreißt. Verwendet wurden dafür Ingwersalbe, Cayennepfeffer, Petroleum und Terpentin. Das ist im amerikanischen Regelwerk verboten, kontrolliert wird per Abstrich mit anschließender Laboruntersuchung, und seit einer Regeländerung 2017 führt jeder Nachweis einer die Schweifhaltung verändernden Substanz zur Disqualifikation. Auch die Regeln für Tail Sets sind strenger geworden: In den Pleasure-Klassen sind sie auf dem Turniergelände inzwischen unerwünscht, und ein Pferd mit natürlichem Schweif wird in keiner Abteilung mehr abgewertet.

Für Europa ist die Sache eindeutig. Das Durchtrennen der Schweifmuskulatur ist nach der geltenden Tierschutzgesetzgebung in den meisten europäischen Ländern verboten, in Deutschland regelt das Paragraf 6 des Tierschutzgesetzes. Ein Saddlebred aus deutscher Zucht trägt seinen Schweif so, wie er gewachsen ist. Wenn Du ein Pferd aus amerikanischem Import in Betracht ziehst, schau Dir den Schweifansatz genau an und frag nach.

Ein Vergleich am Rande: Beim niederländischen Tuigpaard, ebenfalls ein Showpferd mit extrem hoher Schweifhaltung, arbeitet man stattdessen mit einer äußeren Schweifstütze, ganz ohne Operation.

Das American Saddlebred jenseits des Showrings

Diese Rasse kann weit mehr, als der Showbetrieb vermuten lässt, und der Verband bewirbt das inzwischen aktiv. Empfohlen wird das Saddlebred für Distanzreiten, Wanderreiten mit Wertung, Dressur, Fahren im Gespann, Vielseitigkeit und Springen. Einzelne Pferde laufen in der Jagd mit, im Cutting und beim Roping.

Amüsant ist eine Nebenwirkung davon: Weil man die Rasse so stark mit ihrem eigenen Showring verbindet, halten Zuschauer bei anderen Veranstaltungen ein Saddlebred oft für ein Warmblut oder eine Vollblutkreuzung.

Im Dressursport hat die Rasse einen festen Platz. Der amerikanische Dressurverband führt eigene Rassewertungen, an denen Saddlebreds teilnehmen, und Pferde der Rasse haben dort Meistertitel gewonnen.

Für die Zucht gibt es außerdem ein eigenes Register für Halbblüter, das Half American Saddlebred. Diese Pferde können jede Größe haben und Merkmale jeder anderen Rasse zeigen, sie bringen aber typischerweise die weichen Gänge, die Arbeitsbereitschaft und die Klugheit der Saddlebred-Seite mit.

Als Freizeitpferd: für wen passt es?

Das Saddlebred ist ein Freizeitpferd für Menschen, die gern reiten und gern arbeiten. Es bringt Ausdauer mit, hervorragende Nerven im Gelände, viel Klugheit und bequeme Gänge, und es baut eine enge Bindung zu seinem Menschen auf.

Gut passt es zu Dir, wenn Du feine Hilfen magst und Freude an einem Pferd hast, das mitdenkt. Ebenso, wenn Du ein großes Gangpferd suchst, weil Dir Isländer und ähnliche Rassen schlicht zu klein sind. Auch für Menschen mit Rückenproblemen ist der Rack eine echte Erleichterung.

Zu bedenken sind drei Punkte. Erstens die Sensibilität: Ein aufgeregtes Saddlebred braucht einen ruhigen Menschen, kein lautes Kommando. Zweitens der Beschäftigungsbedarf, denn ein kluges Pferd, das drei Tage in der Woche nichts tut, findet sich selbst eine Aufgabe. Drittens die Fellpflege, weil das lange Langhaar dieser Rasse Zeit kostet. Eingeflochtene Mähne und ein hochgebundener Schweif ersparen Dir im Alltag viel Arbeit.

Zur Haltung: Offenstall und viel Weide bekommen der Rasse gut. Das Bild vom Saddlebred, das den halben Tag in der Box steht, gehört zum Showbetrieb und nicht zum Pferd.

Das American Saddlebred in Deutschland

Die deutsche Geschichte der Rasse ist jung und hat einen überraschenden Ausgangspunkt. Vor etwa 25 Jahren entstand die Fangemeinde hier zunächst in der Gangpferdeszene, weil viele Saddlebreds neben Schritt, Trab und Galopp eben auch Slow Gait und Rack anbieten.

Heute leben in Deutschland geschätzt rund 300 American Saddlebreds. Vertreten werden ihre Besitzer, Züchter und Liebhaber durch die American Saddlebred Horse Association of Europe, ein eingetragener Verein und Mitglied der Internationalen Gangpferdevereinigung. Über diesen Weg sind Saddlebreds auf den deutschen Gangpferdeturnieren startberechtigt.

Für die Zucht gibt es außerdem einen deutschen Rahmen: Das Rheinische Pferdestammbuch führt ein eigenes Zuchtprogramm für die Rasse. In Deutschland arbeiten mehrere kleine Zuchtbetriebe, die überwiegend über den Verein zu finden sind.

Reiten lernst Du die Rasse am ehesten dort, wo sie gezüchtet wird. Einige Höfe geben Unterricht auf eigenen Schulpferden, auch mobil im eigenen Stall, und der Schwerpunkt liegt dabei auf Balance, Taktreinheit und feiner Hilfengebung.

Was kostet ein American Saddlebred?

Der Durchschnittspreis auf dem größten europäischen Pferdemarkt liegt bei rund 9.100 Euro. Damit ist das Saddlebred deutlich teurer als etwa ein Tennessee Walking Horse, was einen einfachen Grund hat: Bei rund 300 Pferden in Deutschland ist das Angebot klein, und viele davon wechseln ohne Anzeige den Besitzer.

Als Orientierung für die Spanne:

Fohlen und Absetzer aus deutscher Zucht: etwa 5.000 bis 8.000 Euro
Junge, angerittene Pferde: 8.000 bis 12.000 Euro
Gut ausgebildete Reitpferde mit sicheren Gängen: 10.000 bis 15.000 Euro
Erfolgreiche Turnierpferde und bewährte Zuchtstuten: darüber

Preisbestimmend sind Ausbildungsstand, Ganganlage und Abstammung. Bei einem Import aus den USA rechne mit erheblichen Zusatzkosten für Flug, Quarantäne und Transport, in aller Regel mehreren tausend Euro. Weil der Bestand in Europa klein ist, lohnt der Blick über die Grenze in die Niederlande, nach Schweden und nach Großbritannien, wo es ebenfalls Zucht gibt.

Worauf Du beim Kauf achtest

Lass Dir alle Gänge zeigen, gerade Slow Gait und Rack, und zwar über längere Strecken. Ein Pferd im Ungleichgewicht kippt schnell in den Pass.
Frag nach dem Gentest auf JEB2, besonders bei Fohlen und Zuchttieren.
Schau Dir die Vorderhufe an und lass sie bei einer Ankaufsuntersuchung röntgen.
Prüfe die Rückenlinie. Ein leichter Senkrücken ist bei dieser Rasse verbreitet und meist unproblematisch, der Sattel muss dann allerdings besonders sorgfältig angepasst werden.
Bei Importen: Schweifansatz genau anschauen und nach Eingriffen fragen.
Frag, wie das Pferd bisher gehalten wurde. Ein Pferd aus reiner Boxenhaltung braucht Zeit für die Umstellung auf Weide und Offenstall.
Nimm einen Tierarzt mit, der Gangpferde kennt.

Häufige Fragen zum American Saddlebred

Ist das American Saddlebred ein Gangpferd?
Ja, sofern es die Anlage mitbringt und entsprechend ausgebildet wird. Fünfgängige Saddlebreds zeigen neben Schritt, Trab und Galopp noch Slow Gait und Rack. Dreigängige Saddlebreds werden ausschließlich in den drei Grundgangarten vorgestellt.

Was ist der Unterschied zwischen Slow Gait und Rack?
Beide sind seitliche Viertaktgänge. Beim Slow Gait verlassen die Beine einer Seite gemeinsam den Boden und kommen zeitversetzt wieder auf. Beim Rack liegen die vier Hufaufsätze in exakt gleichen Abständen, wodurch der Gang besonders gleichmäßig und schnell wird.

Wie groß wird ein American Saddlebred?
152 bis 173 Zentimeter, im Durchschnitt zwischen 152 und 163 Zentimetern. Bei einem Gewicht von 410 bis 540 Kilogramm ist es ein großes, aber leicht gebautes Pferd.

Kann ein American Saddlebred springen?
Ja, der Zuchtverband bewirbt die Rasse ausdrücklich für Springen und Vielseitigkeit. Aufrichtung und Beweglichkeit sprechen dafür, im Spitzensport bleibt das Warmblut allerdings die erste Wahl.

Wie viele American Saddlebreds gibt es in Deutschland?
Geschätzt rund 300 Pferde. Damit gehört die Rasse hierzulande zu den seltenen.

Was bedeutet der Ausdruck Pfau der Pferdewelt?
So nennen Amerikaner die Rasse wegen ihrer Ausstrahlung, der hohen Aufrichtung und der ausdrucksstarken Bewegung. Ein zweiter Beiname lautet The Horse America Made.

Warum tragen amerikanische Showpferde den Schweif so hoch?
In vielen Fällen liegt ein chirurgischer Eingriff an der Schweifmuskulatur zugrunde, verbunden mit einer Haltevorrichtung. In Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist dieser Eingriff nach dem Tierschutzgesetz verboten.

Eignet sich ein American Saddlebred für Anfänger?
Bei ruhigem Wesen und guter Ausbildung ja, mit Begleitung durch einen erfahrenen Trainer. Die Rasse reagiert sehr fein, was für Fortgeschrittene ein Vorteil ist und für Anfänger etwas Übung braucht.

Wie alt wird ein American Saddlebred?
Wie andere Reitpferderassen erreicht es üblicherweise 25 bis 30 Jahre. Der Ausnahmehengst Wing Commander wurde 26, Bourbon King sogar 30.