Das Przewalskipferd

Das Przewalski-Pferd: Geschichte, Rettung und Rückkehr des letzten Wildpferdes

Kaum ein Tier hat eine so dramatische Geschichte wie das Przewalski-Pferd. Es wurde für die europäische Wissenschaft erst Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben, war keine hundert Jahre später in freier Wildbahn verschwunden und überlebte nur, weil eine Handvoll Tiere in Zoos weitergezüchtet wurde. Alle heute lebenden Przewalski-Pferde gehen auf gerade einmal zwölf wild gefangene Tiere und eine Hauspferdstute zurück. Heute galoppieren wieder Herden durch die Steppen der Mongolei, Chinas und seit 2024 auch Kasachstans. Im August 2026 kamen dort die ersten Fohlen seit über 200 Jahren zur Welt.

Dieser Beitrag erzählt die ganze Geschichte: wie das Pferd entdeckt und gefangen wurde, warum es fast ausgestorben wäre, wie Zoos es mit einem internationalen Zuchtbuch retteten, wie die Auswilderungen in der Mongolei, in China, Russland, Kasachstan und sogar in der Sperrzone von Tschernobyl verlaufen sind und was die Genetik heute über dieses Pferd verrät. Dazu kommen die Frage, ob es wirklich das letzte echte Wildpferd ist, die Klon-Fohlen aus Kalifornien und die Orte, an denen Du Przewalski-Pferde in Deutschland und Europa selbst beobachten kannst.

Steckbrief: Das Przewalski-Pferd auf einen Blick

Wissenschaftlicher Name: Equus ferus przewalskii (teils auch als eigene Art Equus przewalskii geführt)
Mongolischer Name: Takhi
Weitere Namen: Asiatisches Wildpferd, Mongolisches Wildpferd, Dsungarisches Pferd, Urwildpferd
Ursprüngliche Heimat: Steppen und Halbwüsten der Mongolei, Nordwestchinas (Dsungarei) und Kasachstans
Stockmaß: etwa 130 bis 145 cm
Gewicht: etwa 200 bis 350 kg
Farbe: Falbe in Sand- bis Rotbrauntönen, Mehlmaul, heller Bauch, dunkle Beine, Aalstrich
Besonderheiten: Stehmähne ohne Stirnschopf, 66 Chromosomen statt 64 wie beim Hauspferd
Lebenserwartung: in der Wildbahn meist um 20 Jahre, in Zoos teils über 30 Jahre
Gefährdungsstatus (IUCN): stark gefährdet (Endangered), seit 1969 bis 1996 als in der Natur ausgestorben geführt
Weltbestand: Schätzungen liegen zwischen rund 2.500 und 3.000 Tieren in Zoos, Reservaten und Wildbahn

Woher der Name kommt und wie man ihn ausspricht

Das Pferd trägt den Namen des russischen Offiziers und Forschungsreisenden Nikolai Michailowitsch Przewalski (1839 bis 1888). Die Familie hatte polnische Wurzeln, daher die polnische Schreibweise. Die Buchstabenfolge „rz“ spricht man im Polnischen wie ein weiches „sch“, das deutsche Ohr hört also etwa „Pschewalski“. In russischen Texten findet man den Namen auch als Prschewalski oder Prschewalskij, in englischen als Przhevalsky. Alle Schreibweisen meinen dasselbe Pferd.

In der Mongolei heißt das Wildpferd Takhi. Das Wort wird oft mit „Geist“ oder „verehrungswürdig“ übersetzt. Schon dieser Name zeigt, welchen Stellenwert das Tier in der mongolischen Kultur hat. Die Mongolei hat die Jagd auf das Takhi bereits 1930 verboten, also lange bevor die letzten wilden Tiere verschwanden.

Die Entdeckung: Ein Schädel, ein Fell und eine Expedition

Für die Menschen in Zentralasien war das Wildpferd nie ein Geheimnis. Die mongolischen Nomaden kannten es seit Jahrhunderten. Eine der ältesten europäischen Beschreibungen stammt von dem bayerischen Kriegsgefangenen Johann Schiltberger, der Anfang des 15. Jahrhunderts als Sklave der Mongolen durch Zentralasien kam. Sein Reisebericht, um 1427 niedergeschrieben, erwähnt wilde Pferde in den Bergen der Region. Die Handschrift liegt heute in München.

In die europäische Wissenschaft kam das Pferd aber erst durch Przewalski. Auf seiner zweiten großen Zentralasien-Expedition erhielt er um 1879 im Grenzgebiet zur Dsungarei den Schädel und das Fell eines Wildpferdes, das dort erlegt worden war. Er brachte die Stücke nach Sankt Petersburg. Dort beschrieb der Zoologe Iwan Poljakow das Tier 1881 als neue Art und benannte es nach seinem Entdecker. Der Schädel dieses ersten Belegstücks liegt bis heute im Zoologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.

Przewalski selbst berichtete von scheuen Herden, die bei Gefahr sehr weit flüchteten. Er hat die Tiere also beobachtet, aber nie lebend gefangen. Schon zu seiner Zeit waren sie selten. Jagd, die Konkurrenz mit den Viehherden der Nomaden um Wasser und Weide und harte Winter hatten die Bestände bereits verkleinert.

Die Fangexpeditionen um 1900: Der Anfang der Zoohaltung

Kaum war das Wildpferd beschrieben, wollten Tiersammler in Europa lebende Exemplare haben. Zwei Namen prägen diese Zeit: Friedrich von Falz-Fein, ein deutschstämmiger Gutsbesitzer, der in der Südukraine das Tierreservat Askania Nova aufgebaut hatte, und Carl Hagenbeck, der Hamburger Tierhändler und Zoogründer.

Falz-Fein ließ über den Händler Assanow im westmongolischen Kobdo Fohlen fangen. Im März 1900 kamen die ersten Tiere lebend in Askania Nova an. Das Aufsehen, das er damit erregte, rief Hagenbeck auf den Plan. Seine Expedition brachte am 27. Oktober 1901 insgesamt 28 Wildpferdfohlen nach Hamburg. Damit stammte mehr als die Hälfte aller jemals nach Europa importierten Przewalski-Pferde aus diesem einen Transport. Im Zuchtbuch tragen diese Tiere bis heute Nummern mit dem Herkunftsnamen Bijsk, nach dem sibirischen Ort, über den die Fohlen transportiert wurden. Ein zweiter Hagenbeck-Transport 1902 mit elf Fohlen verlief dagegen verlustreich.

Die Fangmethode war brutal. Die Fänger hetzten die Herden zu Pferd, bis die Fohlen erschöpft zurückblieben. Ausgewachsene Tiere wurden dabei oft getötet. Damit die gefangenen Fohlen die monatelange Reise überstanden, gaben die Fänger ihnen mongolische Hausstuten als Ammen mit. Viele Fohlen starben trotzdem unterwegs.

Laut den Auswertungen des langjährigen Zuchtbuchführers Jiří Volf kamen in fünf Transporten 54 Wildpferde nach Europa, 24 Hengste und 30 Stuten. Abnehmer waren unter anderem der Herzog von Bedford in Woburn Abbey in England, der Zoo in Halle an der Saale, der Moskauer Zoo, der niederländische Tierpark Gooilust und später auch Cincinnati in den USA. Von diesen 54 Tieren haben sich nur zwölf fortgepflanzt, sechs Hengste und sechs Stuten. Ein großer Teil der Hagenbeck-Stuten blieb unfruchtbar.

Ein heute fast vergessenes Detail: In England kreuzte man um 1902 auf Woburn Abbey Przewalski-Hengste mit Ponystuten. Der schottische Zoologe James Cossar Ewart wollte herausfinden, welche Rolle das Wildpferd für die Abstammung des Hauspferdes spielt. In Hagenbecks Briefen an Ewart ist sogar die Anekdote überliefert, dass einige Fachleute im Londoner Zoo das Przewalski-Pferd zunächst für ein Maultier hielten.

Die Hauspferdstute im Stammbaum

Eine Besonderheit der Zuchtgeschichte ist die mongolische Hausstute, die bis heute im Erbgut fast jedes Przewalski-Pferdes steckt. Sie kam als Ammenstute nach Halle an der Saale und wurde dort mit einem Wildhengst verpaart. Ihr Nachkomme Halle 1 wurde in die Wildpferdzucht eingegliedert. Zuchtbuch-Analysen zeigen, dass sich dieser Hauspferd-Anteil über viele Generationen in der Population verteilt hat. Manche Untersuchungen nennen sogar bis zu vier Hauspferde unter den Gründertieren.

Über Jahrzehnte war diese Stute ein Streitpunkt. Einige Zoos versuchten, durch gezielte Auswahl Tiere mit möglichst wenig Hauspferdblut zu züchten. Die Prager Linie galt als „belastet“, die Münchner Linie als reiner. Heute sehen Genetiker das gelassener: Wichtiger als ein theoretisch reiner Stammbaum ist die Erhaltung möglichst vieler Gene der wenigen Gründertiere.

Der Zusammenbruch: Wie das Wildpferd aus der Natur verschwand

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrumpften die wilden Bestände immer weiter. Die Ursachen griffen ineinander:

Jagd: Das Wildpferd wurde wegen seines Fleisches gejagt, zusätzlich forderten die Fangexpeditionen ihren Tribut, weil dabei viele erwachsene Tiere getötet wurden.

Konkurrenz um Wasser und Weide: In den trockenen Steppen sind Wasserstellen knapp. Die wachsenden Viehherden der Nomaden verdrängten die Wildpferde von den besten Weiden und Quellen.

Harte Winter: Extreme Winter, in der Mongolei Dzud genannt, lassen Tiere verhungern und erfrieren. Eine kleine Restpopulation kann solche Verluste nicht mehr ausgleichen.

Krieg und Militär: Im Grenzgebiet zwischen Mongolei und China waren nach dem Zweiten Weltkrieg Militär und bewaffnete Grenzposten stationiert. Das verschärfte den Jagddruck in den letzten Rückzugsgebieten.

Vermischung mit Hauspferden: Wilde Hengste stahlen Hausstuten und umgekehrt deckten Haushengste wilde Stuten. Dadurch ging reines Wildpferdblut in den Hauspferdherden auf.

Ende der 1940er Jahre gelang der letzte Fang eines Wildpferdes. 1947 wurde in der Mongolei ein Stutfohlen gefangen, das später den Namen Orlitza III (auch Orliza III geschrieben) erhielt. 1957 kam sie als Regierungsgeschenk nach Askania Nova. Sie war das letzte wild gefangene Przewalski-Pferd überhaupt und brachte wichtiges neues Erbgut in die Zoopopulation.

Die letzte sichere Sichtung eines wilden Tieres stammt aus dem Jahr 1969. Ein Hengst wurde in der Dsungarischen Gobi im Südwesten der Mongolei gesehen. Danach suchten Forscher in der Mongolei und in China jahrelang vergeblich. Die Weltnaturschutzunion IUCN führte das Przewalski-Pferd schließlich als „in der Natur ausgestorben“.

Die zweite Katastrophe: Der Zweite Weltkrieg in den Zoos

Auch in Gefangenschaft war das Überleben nicht sicher. Askania Nova hatte die größte Herde Europas aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg kamen dort fast alle Tiere ums Leben. Auch in anderen Zoos starben Wildpferde durch Bomben, Hunger und Chaos. Am Kriegsende gab es weltweit weniger als 20 zuchtfähige Przewalski-Pferde, vor allem in München und Prag.

Der Tierpark Hellabrunn in München und der Prager Zoo trugen in dieser Zeit die Zucht. Aus ihnen gingen die beiden großen Linien hervor, die Münchner und die Prager Linie, dazu kamen Linien aus Askania Nova. Die Münchner Linie ging laut einer Auswertung des Tierparks auf nur sechs bis sieben Tiere zurück. Um frisches Blut zu bekommen, tauschte München 1984 seinen Hengst Simon gegen den Prager Hengst Bars, über den das Erbe der letzten Wildfangstute Orlitza III in die Münchner Zucht kam. Bars war über Jahre der wichtigste Zuchthengst in Prag.

Die Rettung durch das Zuchtbuch

Die entscheidende Wende brachte ein Buch. Die Hamburger Zoologin Erna Mohr sammelte in den 1950er Jahren alle verfügbaren Daten über die in Zoos gehaltenen Przewalski-Pferde: Herkunft, Geburten, Todesfälle, Elterntiere. 1959 veranstaltete der Prager Zoo das erste internationale Symposium zum Przewalski-Pferd und übernahm die Führung eines internationalen Zuchtbuchs. Es dokumentierte alle Tiere, die zwischen 1899 und 1958 in Menschenobhut gelebt hatten.

Seit 1959 führt der Prager Zoo dieses Zuchtbuch ohne Unterbrechung, jahrzehntelang unter der Leitung von Jiří Volf. Es war eines der ersten internationalen Zuchtbücher für eine bedrohte Wildtierart überhaupt und setzte Maßstäbe für viele spätere Programme.

Ein Zuchtbuch allein reicht aber nicht, um Inzucht zu vermeiden. Dafür braucht es gezielte Planung: Welcher Hengst deckt welche Stute, welche Tiere tauscht man zwischen den Zoos aus? 1977 gründeten die Niederländer Jan und Inge Bouman mit einem Mitstreiter in Rotterdam die „Foundation for the Preservation and Protection of the Przewalski Horse“. Sie erfassten das Zuchtbuch erstmals am Computer, analysierten die Verwandtschaft und entwickelten einen langfristigen Zuchtplan. Ihr erklärtes Fernziel war schon damals, die Pferde eines Tages in ihre Heimat zurückzubringen.

Daraus entstanden die koordinierten Erhaltungszuchtprogramme:

1979: Species Survival Plan (SSP) in Nordamerika
1985: Europäisches Erhaltungszuchtprogramm (EEP), heute Teil des Programms des Europäischen Zooverbands EAZA
1990: Programm der Zoos in Australien und Asien

Die Programme arbeiten eng zusammen. Ein Gremium von Fachleuten entscheidet, welche Pferde zwischen Zoos ausgetauscht werden und welche für Auswilderungen infrage kommen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In den 1990er Jahren standen bereits über 1.500 Przewalski-Pferde im Zuchtbuch. Heute leben Schätzungen zufolge zwischen 2.500 und 3.000 Tiere weltweit, rund 2.500 davon in etwa 110 Zoos und Zuchtzentren.

Zur Ehrlichkeit gehört auch die Kehrseite: Weil Zoos nur begrenzt Platz haben, werden im Rahmen des EEP gelegentlich genetisch weniger wichtige Tiere getötet und an Raubtiere verfüttert. Das ist umstritten, aber Teil der heutigen Zoopraxis.

Ist das Przewalski-Pferd wirklich das letzte Wildpferd?

Jahrzehntelang galt das Przewalski-Pferd als letztes echtes Wildpferd der Erde, als einziges Pferd, das nie domestiziert wurde. Im Februar 2018 stellte eine Studie im Fachblatt Science dieses Bild infrage. Ein internationales Team um die Doktorandin Charleen Gaunitz und den Molekulararchäologen Ludovic Orlando analysierte 42 Genome von Pferden aus der Frühzeit, 20 davon aus der Botai-Kultur im heutigen Nordkasachstan.

Die Botai lebten vor rund 5.500 Jahren und gelten als die Menschen mit den frühesten archäologischen Hinweisen auf Pferdehaltung. Sie bauten Pferche, aßen Pferdefleisch und tranken Stutenmilch. Bisher nahm man an, dass von ihren Pferden unsere Hauspferde abstammen. Das Ergebnis war eine Überraschung: Die Botai-Pferde sind nicht die Vorfahren unserer Hauspferde. Moderne Hauspferde tragen nur rund 2,7 Prozent Botai-Erbgut. Die Botai-Pferde sind dagegen die direkten Vorfahren des Przewalski-Pferdes.

Nach dieser Deutung wäre das Przewalski-Pferd kein ursprüngliches Wildpferd, sondern ein verwildertes Pferd, dessen Ahnen vor Jahrtausenden unter menschlicher Obhut lebten und dann wieder in die Steppe zurückkehrten. Ein spannendes Detail aus der Studie: Ein Teil der Botai-Pferde trug die Anlage für die Tigerscheckung. Diese Genvariante hängt mit Nachtblindheit zusammen. Im Przewalski-Pferd ist sie verschwunden, vermutlich weil die natürliche Auslese sie nach der Verwilderung schnell beseitigt hat.

Die Deutung ist allerdings nicht unumstritten. Einige Archäologen sehen in den Botai eher spezialisierte Jäger und bezweifeln, dass sie ihre Pferde wirklich hielten. Wäre das richtig, stünde das Przewalski-Pferd wieder als Wildpferd da. Fest steht unabhängig davon: Das Przewalski-Pferd hat sich über Jahrtausende ohne menschliche Zuchtauswahl in der Steppe entwickelt. Es verhält sich wie ein Wildtier, lässt sich nicht zähmen wie ein Hauspferd und ist für Naturschützer in jedem Fall das ursprünglichste Pferd, das wir noch haben.

Für Leser wichtig: Das Przewalski-Pferd ist nicht der Vorfahre unserer Hauspferde. Beide Linien haben sich lange vor der Domestikation getrennt, Genetiker schätzen die Trennung auf etwa 38.000 bis 72.000 Jahre. Auch Dülmener, Konik, Exmoor-Pony oder Fjordpferd stammen nicht vom Przewalski-Pferd ab, selbst wenn einige von ihnen ähnlich falbfarben und urtümlich wirken.

66 Chromosomen: Die genetische Besonderheit

Hauspferde haben 64 Chromosomen, das Przewalski-Pferd hat 66. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise sind Kreuzungen zwischen Tieren mit unterschiedlicher Chromosomenzahl unfruchtbar, wie man es vom Maultier kennt. Beim Przewalski-Pferd ist das anders. Kreuzt man es mit einem Hauspferd, haben die Nachkommen 65 Chromosomen und sind trotzdem fruchtbar. Der Grund: Bei den Przewalski-Pferden sind zwei Chromosomen, die beim Hauspferd zu einem verschmolzen sind, noch getrennt. Die Erbinformation ist im Wesentlichen dieselbe, nur anders verpackt. Bei der Bildung von Ei- und Samenzellen finden die Chromosomen trotzdem zusammen.

Genau diese Fruchtbarkeit macht die Vermischung zu einer echten Gefahr für die Auswilderungen. In der Mongolei leben die Wildpferde neben Millionen Hauspferden der Nomaden. Kommt es zu Kreuzungen, verliert das Takhi seine Eigenständigkeit. Die Schutzgebiete achten deshalb darauf, Hauspferde fernzuhalten.

Aussehen und Körperbau

Das Przewalski-Pferd ist ein kleines, kräftiges Pferd mit einem Stockmaß von etwa 130 bis 145 cm. Es wirkt gedrungen mit einem großen, schweren Kopf, einem dicken Hals und relativ kurzen, stämmigen Beinen. Hengste sind etwas größer und massiger als Stuten.

Die Fellfarbe ist immer falb, also durch das echte Falbgen aufgehellt, in Tönen von Sandgelb über Gelbbraun bis Rotbraun. Typisch sind:

Mehlmaul: Das Maul ist hell, oft fast weiß, ebenso die Partie um die Augen.
Heller Bauch: Bauch und Innenseiten der Beine sind deutlich heller als der Rumpf.
Dunkle Beine: Die Beine sind ab dem Röhrbein dunkel bis schwarz.
Aalstrich: Ein dunkler Streifen läuft über den Rücken von der Mähne bis in den Schweif.
Zebrastreifen: Viele Tiere zeigen dunkle Querstreifen an den Beinen, besonders hinter den Vorderfußwurzelgelenken.

Das auffälligste Merkmal ist die Stehmähne. Die Mähne ist kurz, dunkel und steht aufrecht wie eine Bürste. Einen Stirnschopf gibt es nicht. Anders als beim Hauspferd wechselt das Przewalski-Pferd die Mähnenhaare jedes Frühjahr mit dem Fellwechsel. Auch der Schweif unterscheidet sich: Die Schweifrübe ist im oberen Teil kurz behaart, erst weiter unten wachsen die langen Haare. Damit erinnert der Schweif ein wenig an den eines Esels.

Im Winter tragen die Pferde ein dichtes, langes Fell, das sie bei Temperaturen weit unter minus 30 Grad schützt. Im Sommer ist das Fell kurz und glänzend. Wer Przewalski-Pferde übers Jahr beobachtet, sieht außerdem deutliche Schwankungen im Körperzustand: Im Spätwinter sind sie mager, im Herbst gut genährt. Studien aus naturnahen Haltungen zeigen, dass dieses Auf und Ab für ein Wildpferd normal ist.

Auch die Hufe sind ein Thema für sich: Die Hornsohle ist besonders dick. In der Steppe nutzen sich die Hufe auf hartem Boden ab. In Zoos mit weichem Untergrund müssen die Hufe kontrolliert werden, was bei einem Wildtier meist nur unter Narkose geht.

Leben in der Herde: Harems und Junggesellen

Przewalski-Pferde leben in zwei Arten von Gruppen. Die Familiengruppe, oft Harem genannt, besteht aus einem Hengst, mehreren Stuten und deren Nachwuchs. Die Stuten bleiben ihrem Hengst häufig über Jahre treu. Junge Hengste verlassen mit etwa zwei bis drei Jahren die Familie und schließen sich Junggesellengruppen an. Dort üben sie im Spiel und in Rangkämpfen, bis einer von ihnen stark genug ist, einen eigenen Harem zu erobern oder einem älteren Hengst Stuten abzuwerben.

Kämpfe zwischen Hengsten können heftig ausfallen, mit Beißen, Steigen und Auskeilen. Auch junge Stuten wechseln in der Regel die Gruppe, wenn sie geschlechtsreif werden. So vermeidet die Natur Inzucht innerhalb der Familie.

Die Tragzeit liegt bei etwa elf Monaten. Die meisten Fohlen kommen im späten Frühjahr und Sommer zur Welt, wenn die Steppe genug Futter bietet. Aus Untersuchungen in französischen Familiengruppen weiß man, dass das Verhältnis von erwachsenen Tieren zu Jungtieren das Sozialverhalten stark prägt: Wo viele Erwachsene sind, verhalten sich die Jungen ruhiger und die Gruppe hält enger zusammen.

Die Mongolei: Rückkehr in die Heimat

Die Mongolei ist das Herzstück der Auswilderungen. Seit 1992 bringen verschiedene Organisationen Przewalski-Pferde aus Europa zurück. Heute gibt es drei etablierte Gebiete, ein viertes ist in Vorbereitung. Ende 2021 lebten in der Mongolei rund 850 Takhi in Freiheit.

Hustai-Nationalpark

Der Hustai-Nationalpark (auch Khustain Nuruu geschrieben) liegt etwa 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Ulaanbaatar in einer Bergsteppe mit kleinen Birkenwäldern. Die niederländische Stiftung von Jan und Inge Bouman wählte das Gebiet zusammen mit mongolischen Partnern aus. Im Juni 1992 kamen die ersten 16 Pferde aus europäischen Zoos und Reservaten an. Sie lebten zunächst in Eingewöhnungsgehegen und wurden 1994 freigelassen, zum ersten Mal seit Jahrzehnten liefen wieder Takhi frei durch die Mongolei. Bis 2000 folgten weitere Transporte, insgesamt kamen 84 Pferde nach Hustai.

Das Projekt wurde ein großer Erfolg. Über 95 Prozent der Tiere im Park sind inzwischen dort geboren. Bei der 30-Jahr-Feier der Auswilderung 2022 meldete Hustai 433 Takhi. Berichte aus dem Jahr 2026 nennen rund 350 Tiere. Hustai ist damit eines der größten zusammenhängenden Vorkommen frei lebender Przewalski-Pferde weltweit. Forscher des Smithsonian-Instituts statten Haremsgruppen mit GPS-Halsbändern aus, um ihr Wanderverhalten zu untersuchen.

Das Gebiet ist mit rund 50.000 Hektar allerdings klein. Fachleute halten 400 bis 500 Pferde für die Obergrenze, die der Park auf Dauer tragen kann. Probleme bereiten Kreuzungen mit Hauspferden und Tiere, die über die Parkgrenzen abwandern.

Takhin Tal in der Great Gobi B

Die Dsungarische Gobi im Südwesten der Mongolei ist genau die Region, in der 1969 das letzte wilde Pferd gesehen wurde. Hier liegt das Schutzgebiet Great Gobi B mit rund 18.000 Quadratkilometern Halbwüste. Gemeinsam mit der Great Gobi A bildet es ein UNESCO-Biosphärenreservat.

Für dieses Gebiet ist die International Takhi Group (ITG) zuständig, ein Verein mit Sitz beim Wildnispark Zürich. Die ersten Pferde kamen 1992 nach Takhin Tal, was übersetzt „Wildpferdsteppe“ heißt. Ab 1997 wurden sie freigelassen. Die Bedingungen sind deutlich härter als in Hustai: wenig Wasser, karge Vegetation, eisige Winter und Wölfe.

Wie verletzlich die Population ist, zeigten zwei extreme Winter. Im Dzud 2009/2010 starben oder verschwanden fast 100 Pferde. Die Population erholte sich innerhalb von sechs Jahren und wuchs bis 2022 auf über 400 Tiere. Dann folgte nach einem Dürresommer der Dzud 2022/2023. Rund 180 Pferde starben, Fohlen eingeschlossen. Seitdem füttern die Ranger in harten Wintern gezielt Heu zu. Ende 2025 zählte die Population wieder rund 300 Tiere. Nach den Richtlinien der IUCN sollte eine dauerhaft überlebensfähige Population hier mindestens 1.000 fortpflanzungsfähige Tiere umfassen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Ein weiteres Problem sind die vielen Ziegen und Schafe der Hirten, die im Schutzgebiet und in den Pufferzonen überwintern und die Vegetation übernutzen. Seit 2016 hat Takhin Tal einen eigenen Brunnen mit frischem Wasser. Für 2025 bis 2035 gilt ein neuer Managementplan.

Khomiin Tal

Das dritte Gebiet liegt in der Westmongolei, in der Pufferzone des Khar-Us-Nuur-Nationalparks. Dahinter steht die französische Organisation Takh, gegründet von der Schweizer Verhaltensforscherin Claudia Feh. Takh brachte 1993 elf Zoopferde auf eine rund 400 Hektar große Fläche auf dem Hochplateau Causse Méjean im Nationalpark Cevennen. Dort bildeten die Pferde ohne menschliches Eingreifen natürliche Familien und lernten, ohne Zufütterung zu überleben.

Nach rund zehn Jahren Vorbereitung flogen 2004 und 2005 insgesamt 22 Pferde, vier Familien und eine Junggesellengruppe, nach Khomiin Tal. Dort steht ihnen ein Kerngebiet von 14.000 Hektar zur Verfügung, auf dem die Hirten nach einer Vereinbarung kein Vieh weiden lassen. 2020 überschritt die Herde die Zahl von 100 Tieren, Ende 2021 waren es 122.

Der Prager Zoo und die Flüge mit der Luftwaffe

Eine eigene Rolle spielt der Prager Zoo, der Przewalski-Pferde seit 1932 züchtet und das internationale Zuchtbuch führt. Unter dem Projektnamen „Rückkehr der Wildpferde“ organisierte er zwischen 2011 und 2019 neun Transporte mit Militärflugzeugen der tschechischen Luftwaffe. Insgesamt 34 Pferde aus Tschechien und anderen europäischen Zoos kamen so in die westmongolischen Gebiete Khomiin Tal und Great Gobi B. Die Tiere reisten in Transportkisten im Frachtraum, landeten auf einer Schotterpiste in Bulgan und fuhren danach per Lastwagen ins Reservat. Ein großer Teil der Kosten wurde aus den Eintrittsgeldern des Prager Zoos finanziert.

Gezielt wurden vor allem Stuten in die Gobi gebracht, um neues Erbgut in die Population zu holen. Dazu kamen Umsiedlungen innerhalb der Mongolei, etwa Hengste aus Hustai nach Takhin Tal. China schickte 2012 vier Hengste in die Mongolei, ebenfalls um die genetische Vielfalt zu erhöhen.

Ein viertes Gebiet im Osten

Alle bisherigen Auswilderungsgebiete liegen im Westen und in der Mitte des Landes. Der Prager Zoo hat zusammen mit mongolischen Partnern ein viertes Gebiet im Osten ausgewählt: das Sumiin Khooloi, das „Tal der Klöster“, in der Provinz Dornod nahe dem Schutzgebiet Numrug. Die Vorbereitungen laufen seit 2023.

China: Auswilderung in der Dsungarei

China begann bereits 1985 mit dem Aufbau einer eigenen Zucht. Im Wildpferdzuchtzentrum in Jimsar in der Provinz Xinjiang, nicht weit vom letzten bekannten Verbreitungsgebiet, entstand die größte chinesische Herde. Im August 2001 wurden die ersten 27 Pferde in das Kalamaili-Naturschutzgebiet entlassen, ein riesiges Steppengebiet im Dsungarischen Becken. Bis 2013 kamen dort insgesamt 127 Tiere in die Freiheit. Bis 2019 wuchs die Population von 27 auf rund 230 Pferde.

Weitere Auswilderungen gab es im Naturschutzgebiet Dunhuang Xihu in der Provinz Gansu und in Daqingshan in der Inneren Mongolei. Zusammen wurden in China über 300 Pferde in die Freiheit entlassen. Die Probleme ähneln denen in der Mongolei: Konkurrenz mit Vieh, knappes Wasser und Kreuzungen mit Hauspferden. Chinesische Forscher untersuchen außerdem den starken Parasitenbefall. Magendasseln befallen die freilebenden Tiere in Kalamaili fast ausnahmslos.

Kasachstan: Rückkehr in die Goldene Steppe

Das jüngste und derzeit spannendste Kapitel spielt in Kasachstan. Hier lebten vor rund 200 Jahren die letzten Wildpferde. Ausgerechnet in diesem Land, in dem auch die Botai-Kultur zu Hause war, kehrt das Przewalski-Pferd jetzt zurück.

Schon vor rund 30 Jahren hatte der damalige Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn, Henning Wiesner, Pläne für eine Auswilderung in Kasachstan. Umgesetzt wurde das Vorhaben erst Jahrzehnte später. Im April 2023 unterzeichneten das kasachische Komitee für Forst und Wildtiere und der Prager Zoo eine Vereinbarung. Im Juni 2024 starteten zwei Transportflugzeuge der tschechischen Luftwaffe in Prag und Berlin. An Bord waren die ersten Pferde, darunter der Hengst Zorro und die Stuten Tessa, Wespe, Umbra, Sary, Zeta II und Ypsilonka. Sie landeten in Arkalyk und kamen von dort per Lastwagen in das Alibi-Auswilderungszentrum.

Das Zentrum liegt im Naturschutzgebiet Altyn Dala, was „Goldene Steppe“ bedeutet, im Gebiet Kostanai in Zentralkasachstan. Das Schutzgebiet umfasst knapp 490.000 Hektar, das umgebende Netz geschützter Korridore rund 40.000 Quadratkilometer. In Altyn Dala lebt auch die Saiga-Antilope, deren Bestand sich hier eindrucksvoll erholt hat. Parallel werden Kulane, also Asiatische Wildesel, wieder angesiedelt.

Hinter dem Projekt steht die Altyn Dala Conservation Initiative. Zu ihr gehören die kasachische Naturschutzorganisation ACBK, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, der Prager Zoo, der Tierpark Berlin, der Tiergarten Nürnberg und der ungarische Nationalpark Hortobágy. Die Initiative wurde 2023 als UN-Vorzeigeprojekt der Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen ausgezeichnet und gewann 2024 den Earthshot Prize von Prinz William.

So ist der Stand:

2024: Die ersten sieben Pferde aus Prag und Berlin kommen an.
2025: Sieben weitere Pferde folgen, unter anderem aus dem Prager Zoo und aus Hortobágy. Die ersten Pferde werden nach einem Jahr Eingewöhnung in die Freiheit entlassen.
Mai 2026: Am 25. Mai 2026 werden fünf weitere Pferde freigelassen, ein Hengst und vier Stuten aus Hortobágy. Laut dem Wildnispark Zürich und dem Zoo Budapest stammt der Hengst aus Zürich. Zwei Stuten tragen Satellitenhalsbänder.
Juni 2026: Acht weitere Pferde kommen an. Damit sind seit 2024 insgesamt 22 Przewalski-Pferde nach Kasachstan geflogen worden.
August 2026: Am 22. August kommt im Alibi-Zentrum ein Hengstfohlen zur Welt, am 31. August ein zweites Fohlen. Es sind die ersten in Kasachstan geborenen Przewalski-Pferde seit über 200 Jahren.

Ziel ist eine Gruppe von rund 40 Pferden bis 2029 und langfristig eine frei lebende Population, die ohne menschliche Hilfe auskommt. Die Pferde stammen bewusst aus vielen verschiedenen europäischen Zuchten, damit die neue Population genetisch möglichst breit aufgestellt ist.

Russland: Die Vor-Ural-Steppe bei Orenburg

Auch in Russland gibt es seit 2015 ein Auswilderungsprojekt. Im Naturschutzgebiet Orenburg entstand auf einem 165 Quadratkilometer großen Steppengebiet namens „Vor-Ural-Steppe“ ein Wiederansiedlungszentrum. Zwischen 2015 und 2017 kamen 36 Pferde aus der französischen Herde von Takh und aus dem ungarischen Hortobágy dorthin. Das Gebiet ist mit einem 52 Kilometer langen Zaun umgeben. Die Maschen sind unten so weit, dass alle anderen Steppentiere hindurchkommen, die Pferde aber im Gebiet bleiben. Im März 2019 lebten dort 38 Pferde. Es war der erste erfolgreiche Versuch, Wildpferde in Russland wieder anzusiedeln.

Tschernobyl: Wildpferde in der Sperrzone

Eine der ungewöhnlichsten Geschichten spielt in der Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Nach dem Reaktorunfall vom 26. April 1986 wurden alle Ortschaften im Umkreis von 30 Kilometern geräumt. 1998 setzten Wissenschaftler dort rund 30 Przewalski-Pferde aus. Sie sollten die Rolle des ausgestorbenen europäischen Wildpferdes, des Tarpans, übernehmen und die Landschaft offen halten.

Das Experiment wurde bald offiziell beendet, die Pferde aber blieben. Ohne Menschen fanden sie ideale Bedingungen. 2021 lebten rund 150 Tiere im ukrainischen Teil der Zone und weitere etwa 60 nahe der Grenze in Belarus. Forscher der University of Georgia stellten in der Zone Fotofallen auf und sammelten über 11.000 Bilder, auf denen Przewalski-Pferde verlassene Gebäude nutzen, vor allem alte Scheunen. Die Pferde suchen dort Schutz vor Insekten und Hitze, teilweise über Stunden.

Seit dem russischen Einmarsch 2022 ist die Forschung in der Zone stark eingeschränkt. Waldbrände und Kämpfe haben auch die Pferde getroffen. Im Juni 2025 wurde ein Przewalski-Pferd durch eine Landmine getötet. Die Herde besteht weiterhin, verlässliche aktuelle Zahlen gibt es aber kaum.

Europas Reservate: Halbwild statt Zoo

Neben den Auswilderungen in Asien gibt es in Europa große Gehege, in denen Przewalski-Pferde unter möglichst natürlichen Bedingungen leben. Fachleute nennen sie Semi-Reservate. Sie dienen als Trainingslager für die Wildbahn, weil die Pferde dort natürliche Familien bilden und lernen, sich selbst zu versorgen. Gleichzeitig pflegen die Pferde als Weidetiere wertvolle Landschaften.

Hortobágy in Ungarn: Europas größte Herde

Im ungarischen Nationalpark Hortobágy, der weiten Puszta im Osten des Landes, entstand 1997 mit Hilfe des Kölner Zoos das Reservat Pentezug. Auf rund 3.000 Hektar, umgeben von einem Elektrozaun, leben Przewalski-Pferde zusammen mit Heckrindern, also rückgezüchteten Auerochsen, weitgehend ohne menschliches Eingreifen.

Die Herde wuchs schnell. Ende 2018 lebten in Pentezug 270 Pferde, etwa 30 Prozent des gesamten europäischen Bestands. Inzwischen sind es über 300. Weil Raubtiere fehlen und die Fläche begrenzt ist, musste der Nationalpark mit Geburtenkontrolle eingreifen. Die Forscherin Viola Kerekes hat die Entwicklung der Herde über mehr als 20 Jahre untersucht und daraus wichtige Erkenntnisse über die Selbstregulierung von Wildpferdpopulationen gewonnen.

Pentezug ist heute eine Quelle für Auswilderungen in die ganze Welt. Pferde aus Hortobágy gingen in die Mongolei, nach Russland, auf die Iberische Halbinsel und seit 2025 nach Kasachstan. Für den Transport werden die Tiere mit Narkosepfeilen betäubt, in speziellen Kisten zum Flughafen Debrecen gebracht und von dort ausgeflogen.

Le Villaret in Frankreich

Das bereits erwähnte Projekt von Takh auf dem Causse Méjean in den Cevennen besteht bis heute. Auf rund 400 Hektar lebt eine Herde von zuletzt etwa 36 Pferden. Takh ist inzwischen Teil des European Rewilding Network und betreibt am Weiler Le Villaret ein Besucherzentrum. Im Sommer kann man die Pferde dort beobachten.

Deutschland: Tennenloher Forst und andere Projekte

Auch in Deutschland leben Przewalski-Pferde nicht nur im Zoo. Bekanntestes Beispiel ist der Tennenloher Forst bei Erlangen in Mittelfranken. Das Gebiet war bis 1993 Truppenübungsplatz und gehört heute zu den größten Sandlebensräumen Süddeutschlands. Seit 2003 beweiden Przewalski-Pferde aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn und dem Tiergarten Nürnberg das Naturschutzgebiet. Träger ist der Landschaftspflegeverband Mittelfranken.

Die Pferde halten die offenen Sandflächen frei und verhindern, dass sie zuwachsen. Davon profitieren seltene Pflanzen wie Silbergras und Sandgrasnelke. Zurzeit lebt im Tennenloher Forst eine Junggesellengruppe von Hengsten. Mehrere Tiere wurden von dort als Zuchthengste an Zoos abgegeben. Ein Rundweg mit Beobachtungsbrücke führt am Gehege vorbei, der Zugang ist jederzeit möglich.

Weitere Semi-Reservate gab und gibt es unter anderem in der Schorfheide in Brandenburg und im Wisentgehege Springe in Niedersachsen. In Großbritannien und den Niederlanden setzte man Przewalski-Pferde ebenfalls zur Landschaftspflege ein. In englischen Projekten siedelte sich nach der Ankunft der Pferde sogar eine seltene Art an, die Pferdeäpfel als Lebensgrundlage braucht.

Przewalski-Pferde sehen kannst Du außerdem in vielen Zoos und Wildparks, darunter der Tierpark Hellabrunn in München, der Tiergarten Nürnberg, der Tierpark Berlin und der Kölner Zoo, die alle am Erhaltungszuchtprogramm beteiligt sind.

Kurt und Ollie: Die geklonten Przewalski-Pferde

Ein Kapitel, das nach Science-Fiction klingt, spielt in Kalifornien. Im „Frozen Zoo“ des San Diego Zoos lagern seit Jahrzehnten tiefgefrorene Zellen bedrohter Tierarten. Darunter sind Zellen eines Przewalski-Hengstes, die 1980 eingefroren wurden. Dieser Hengst trug Erbgut, das in der heutigen Population weitgehend verloren gegangen ist.

2018 taten sich der San Diego Zoo, die Naturschutzorganisation Revive & Restore und die Klonfirma ViaGen zusammen. Am 6. August 2020 kam in Texas der erste geklonte Przewalski-Hengst zur Welt. Er wurde Kurt genannt, nach Kurt Benirschke, dem Gründer des Frozen Zoo. Seine Mutter war eine Quarter-Horse-Stute als Leihmutter. Weil Kurt ohne Artgenossen aufwuchs, stellte man ihm 2021 die junge Stute Holly zur Seite, damit er die Sprache und das Verhalten der Wildpferde lernt.

Am 17. Februar 2023 wurde ein zweiter Klon aus denselben Zellen geboren: Ollie, benannt nach dem Genetiker Oliver Ryder. Kurt und Ollie sind also genetische Zwillinge, obwohl sie fast drei Jahre auseinander geboren wurden. Beide leben im San Diego Zoo Safari Park. Sie sollen später einmal Nachwuchs zeugen und so verlorene genetische Vielfalt in die Population zurückbringen. Es ist das erste Mal, dass Klonen gezielt eingesetzt wird, um einer bedrohten Art Erbgut aus der Vergangenheit zurückzugeben.

Gefährdung heute: Wie sicher ist die Zukunft?

Die IUCN führte das Przewalski-Pferd noch 1996 als „in der Natur ausgestorben“. Dank der Auswilderungen wurde es 2008 auf „vom Aussterben bedroht“ und 2011 auf „stark gefährdet“ herabgestuft. Das ist ein großer Naturschutzerfolg. Gerettet ist die Art aber nicht. Die wichtigsten Risiken:

Geringe genetische Vielfalt: Alle Pferde stammen von einer Handvoll Gründertieren ab. Inzucht kann die Fruchtbarkeit und die Widerstandskraft gegen Krankheiten schwächen.

Extreme Winter: Wie der Dzud 2022/2023 in der Gobi zeigt, kann ein einziger Winter fast die Hälfte einer Population auslöschen. Durch den Klimawandel könnten Dürren und Extremwinter häufiger werden.

Vermischung mit Hauspferden: In der Mongolei leben Millionen Hauspferde. Jede Kreuzung verwässert das Erbgut der Wildpferde.

Konkurrenz mit Vieh: Die Viehbestände in der Mongolei sind stark gewachsen, die Weiden werden übernutzt.

Krankheiten und Parasiten: Wildpferde in den Auswilderungsgebieten sind Krankheitserregern ausgesetzt, die sie aus dem Zoo nicht kennen. In der Gobi spielten etwa durch Zecken übertragene Blutparasiten eine Rolle bei frühen Verlusten.

Wölfe: In der Gobi und in Hustai erbeuten Wölfe vor allem Fohlen. Das gehört zum natürlichen Gleichgewicht, kann eine kleine Population aber zusätzlich belasten.

Die gute Nachricht: Heute gibt es mehrere voneinander unabhängige Populationen in vier Ländern, dazu die großen Herden in Europas Reservaten und die Zoopopulation als Rückversicherung. Ein einzelnes Unglück kann die Art nicht mehr auslöschen.

Kann man ein Przewalski-Pferd kaufen oder reiten?

Diese Frage taucht immer wieder auf, vor allem bei Pferdefreunden, die von dem urtümlichen Pferd fasziniert sind. Die Antwort ist klar: Nein. Przewalski-Pferde sind kein Freizeitpferd und auch kein Pferd für Privathaltung.

Fast alle Tiere gehören zum internationalen Erhaltungszuchtprogramm. Sie werden zwischen Zoos und Reservaten nach genetischen Gesichtspunkten ausgetauscht, nicht verkauft. Eine Kreuzung mit Hauspferden ist ausdrücklich unerwünscht, weil sie das wertvolle Erbgut verwässert.

Dazu kommt das Verhalten. Auch nach über hundert Jahren Zoohaltung sind Przewalski-Pferde wild geblieben. Sie sind scheu, halten Abstand zum Menschen und können sehr wehrhaft sein, besonders Hengste. Selbst in Zoos lassen sie sich kaum anfassen, Tierarzt und Hufpflege erfordern oft eine Narkose. Reiten ist nicht vorgesehen und wäre für die Tiere eine Qual. Wer das urtümliche Erscheinungsbild mag und ein Pferd zum Reiten sucht, findet bei falbfarbenen Robustrassen wie Fjordpferd, Konik oder Dülmener deutlich passendere Partner.

Häufige Fragen zum Przewalski-Pferd

Ist das Przewalski-Pferd der Vorfahre unseres Hauspferdes?

Nein. Das Przewalski-Pferd und das Hauspferd sind nahe Verwandte, haben sich aber vor Zehntausenden Jahren getrennt. Nach der Studie von 2018 stammt das Przewalski-Pferd von den Pferden der Botai-Kultur ab, unsere Hauspferde dagegen nur zu rund 2,7 Prozent. Wer die Vorfahren unserer Hauspferde genau waren, ist noch nicht vollständig geklärt.

Warum hat das Przewalski-Pferd eine Stehmähne?

Die Stehmähne ist ein ursprüngliches Merkmal, das auch viele Wildesel und Zebras tragen. Die langen, herabfallenden Mähnen unserer Hauspferde sind vermutlich erst durch menschliche Zuchtauswahl entstanden. Das Przewalski-Pferd wechselt die Mähnenhaare jedes Jahr im Frühjahr.

Wie viele Przewalski-Pferde gibt es noch?

Die Schätzungen liegen zwischen rund 2.500 und 3.000 Tieren weltweit. Davon leben etwa 850 bis 900 frei in der Mongolei, mehrere hundert in China, über 300 im ungarischen Hortobágy, dazu kleinere Gruppen in Kasachstan, Russland und in der Sperrzone von Tschernobyl. Die übrigen leben in Zoos und Wildparks.

Wie alt wird ein Przewalski-Pferd?

In der Wildbahn erreichen die meisten Pferde ein Alter um 20 Jahre. In Zoos können sie deutlich älter werden, das Smithsonian-Institut nennt ein Höchstalter von 36 Jahren.

Warum sind alle Przewalski-Pferde gleich gefärbt?

Alle Przewalski-Pferde tragen das echte Falbgen. Es hellt das Fell auf und erzeugt die typischen Wildfarbenabzeichen wie Aalstrich und Beinstreifen. Genetisch sind sie braune Pferde mit Falbaufhellung. Die Unterschiede zwischen sandgelben und rotbraunen Tieren entstehen durch unterschiedliche Pigmentintensität. Andere Farben wie Füchse, Rappen oder Schecken kommen bei reinen Przewalski-Pferden nicht vor.

Kann sich ein Przewalski-Pferd mit einem Hauspferd paaren?

Ja. Obwohl das Przewalski-Pferd 66 und das Hauspferd 64 Chromosomen hat, sind die Nachkommen mit 65 Chromosomen fruchtbar. Genau deshalb ist die Vermischung in den Auswilderungsgebieten eine ernste Gefahr für die Art.

Wo kann man Przewalski-Pferde in Deutschland sehen?

Frei zugänglich ist das Gehege im Tennenloher Forst bei Erlangen mit Rundweg und Beobachtungsbrücke. Außerdem halten zahlreiche Zoos und Wildparks Przewalski-Pferde, darunter der Tierpark Hellabrunn in München, der Tiergarten Nürnberg, der Tierpark Berlin und der Kölner Zoo.

Warum heißt das Przewalski-Pferd in der Mongolei Takhi?

Takhi ist der mongolische Name des Wildpferdes. Er wird meist mit „Geist“ oder „verehrungswürdig“ übersetzt und zeigt die besondere Stellung des Tieres in der mongolischen Kultur. Die Mongolei nutzt das Takhi heute als Symbol für Naturschutz und den Wiederaufbau ihrer Steppen.

Wann wurde das letzte wilde Przewalski-Pferd gesehen?

1969 wurde in der Dsungarischen Gobi im Südwesten der Mongolei der letzte wild lebende Hengst gesichtet. Danach galt die Art in der Natur als ausgestorben, bis 1994 in Hustai und ab 1997 in der Gobi wieder Pferde aus Zoozucht freigelassen wurden.

Was hat Tschernobyl mit dem Przewalski-Pferd zu tun?

1998 wurden rund 30 Przewalski-Pferde in der menschenleeren Sperrzone um das Kernkraftwerk ausgesetzt. Sie haben sich dort zu einer Herde von über 150 Tieren vermehrt und nutzen sogar verlassene Scheunen als Unterstand. Der Krieg in der Ukraine erschwert seit 2022 die Beobachtung der Tiere.

Fazit: Eine Rettung in letzter Minute

Die Geschichte des Przewalski-Pferdes beginnt mit Fangexpeditionen, bei denen ganze Herden gehetzt wurden, und führt über zwei Weltkriege bis an den Rand des Aussterbens. Dass es heute wieder wilde Takhi in der Gobi, in der Bergsteppe von Hustai und in der Goldenen Steppe Kasachstans gibt, verdanken wir einem Zuchtbuch aus Prag, einer niederländischen Stiftung, einer Handvoll engagierter Zoos und Reservate und Menschen wie Erna Mohr, Jiří Volf, Jan und Inge Bouman oder Claudia Feh.

Ob das Przewalski-Pferd im strengen Sinne ein Wildpferd ist oder ein vor Jahrtausenden verwildertes Haustier, ändert nichts an seinem Wert. Es ist das ursprünglichste Pferd, das wir noch haben. Die beiden Fohlen, die im August 2026 in Kasachstan zur Welt kamen, zeigen, dass seine Geschichte weitergeht.

Ich bin Daniela

Reitlehrerin FN und Therapeutische Reitlehrerin und absoluter Fan von Fjordpferden