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Tensegrales Training beim Pferd: Biotensegrität, Faszien und Bewegung verstehen

Tensegrales Training beim Pferd gehört zu den Trainingsansätzen, die im deutschsprachigen Raum bislang noch vergleichsweise wenig bekannt sind, international jedoch zunehmend Aufmerksamkeit bekommen. Dabei klingt der Begriff zunächst komplizierter, als die Grundidee tatsächlich ist: Der Pferdekörper wird nicht als Ansammlung einzelner Muskeln, Gelenke und Knochen betrachtet, sondern als zusammenhängendes Bewegungssystem, in dem Zug, Druck, Muskelspannung, Faszien, Sehnen und Gelenke permanent miteinander interagieren.

Du kannst Tensengrales Training auch gut mit Equikinetik kombinieren.

Das verändert den Blick auf Pferdetraining erheblich. Wenn ein Pferd beispielsweise Schwierigkeiten hat, seinen Rücken zu tragen, auf einer Hand deutlich steifer ist oder eine Hinterhand weniger aktiv benutzt, lautet die Frage nicht automatisch: Welcher Muskel ist zu schwach und muss kräftiger werden? Stattdessen interessiert zunächst, warum das Pferd seinen Körper auf diese Weise organisiert, welche Strukturen miteinander zusammenhängen und ob eine Bewegungseinschränkung an einer Stelle möglicherweise Auswirkungen auf andere Körperregionen hat.

Genau hier treffen sich tensegrales Training, moderne Faszienforschung und Biomechanik. Allerdings sollte man von Anfang an sauber unterscheiden: Die anatomischen Grundlagen faszialer Verbindungen beim Pferd sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die daraus entwickelten Trainingsmethoden sind dagegen nicht automatisch in jedem Detail wissenschaftlich bewiesen. Wer beides auseinanderhält, entdeckt hinter dem etwas sperrigen Begriff Biotensegrität ein ausgesprochen interessantes Modell, um Pferdebewegung besser zu verstehen.

Was bedeutet Tensegrität überhaupt?

Der Begriff Tensegrity setzt sich aus den englischen Wörtern tensional integrity zusammen und stammt ursprünglich nicht aus der Pferdewelt. Er beschreibt Strukturen, deren Stabilität durch ein ausgewogenes Verhältnis von Zug- und Druckkräften entsteht. Überträgt man diesen Gedanken auf lebende Organismen, spricht man von Biotensegrität.

In einem stark vereinfachten mechanischen Modell könnte man Knochen als Strukturen betrachten, die Druckbelastungen aufnehmen, während Muskeln, Sehnen, Bänder und fasziale Gewebe Zugkräfte übertragen. Ein lebender Körper ist allerdings wesentlich komplexer als ein statisches Tensegrity-Modell, denn seine Spannungsverhältnisse verändern sich permanent. Muskeln können ihre Spannung aktiv verändern, Gelenke bewegen sich, Faszien reagieren auf mechanische Belastung und das Nervensystem passt Bewegungsabläufe fortlaufend an die jeweilige Situation an.

Gerade beim Pferd ist dieser Gedanke interessant. Ein ausgewachsenes Warmblut bewegt schließlich mehrere hundert Kilogramm Körpergewicht auf vier vergleichsweise schlanken Gliedmaßen und kann dabei innerhalb weniger Augenblicke vom ruhigen Schritt in hochdynamische Bewegungen wechseln. Die dabei entstehenden Kräfte verschwinden nicht einfach an der Grenze eines einzelnen Muskels oder Gelenks, sondern werden aufgenommen, weitergeleitet und innerhalb des gesamten Bewegungsapparates verteilt.

Deshalb lässt sich beispielsweise die Funktion der Hinterhand kaum sinnvoll betrachten, ohne gleichzeitig Becken, Wirbelsäule, Rumpf und schließlich auch Hals und Vordergliedmaßen einzubeziehen.

Warum Faszien beim Pferd so interessant sind

Faszien wurden in der klassischen Anatomie lange vor allem als Bindegewebe wahrgenommen, das Muskeln und andere Strukturen umgibt und voneinander trennt. Heute wissen wir, dass dieses Bild zu einfach ist. Faszien bilden ein dreidimensionales Netzwerk, das Muskeln, Muskelgruppen und andere anatomische Strukturen miteinander verbindet und an der mechanischen Kraftübertragung beteiligt ist.

Für Pferde ist dabei besonders interessant, dass man Erkenntnisse aus der Humanmedizin nicht einfach übertragen kann. Untersuchungen der tiefen Faszie beim Pferd zeigen anatomische Besonderheiten gegenüber Mensch und Hund. Die tiefe Faszie des Pferdes ist kräftig entwickelt und weist enge Verbindungen mit der darunterliegenden Muskulatur auf. Das passt funktionell zu einem Tier, dessen Bewegungsapparat für eine ganz andere Belastung konstruiert ist als der menschliche.

Wenn sich ein Pferd bewegt, arbeitet deshalb nicht einfach ein Muskel und danach der nächste. Muskeln verändern ihre Länge und Spannung, Sehnen speichern und übertragen Energie, Gelenke verändern ihre Winkel, fasziale Strukturen werden belastet und das Nervensystem koordiniert diesen Vorgang in Sekundenbruchteilen. Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum eine Veränderung innerhalb eines solchen Systems nicht zwingend ausschließlich dort Auswirkungen haben muss, wo sie entstanden ist.

Myofasziale Ketten beim Pferd

Besonders spannend für das tensegrale Training sind Untersuchungen zu sogenannten myofaszialen kinetischen Linien beim Pferd. Forscher um Vibeke Sødring Elbrønd und Rikke Schultz untersuchten anatomisch, ob sich beim Pferd zusammenhängende Muskel-Faszien-Verbindungen darstellen lassen. Dabei wurden zunächst sieben oberflächliche myofasziale Linien beschrieben; spätere Untersuchungen beschäftigten sich zusätzlich mit tieferen Strukturen.

Diese anatomischen Untersuchungen sind deshalb bedeutsam, weil sie zeigen, dass bestimmte Muskel- und Faszienstrukturen tatsächlich kontinuierliche Verbindungen bilden können. Dadurch erhält die Vorstellung einer über größere Körperbereiche stattfindenden Kraftübertragung eine anatomische Grundlage.

Man sollte daraus allerdings keine zu einfache Kausalkette konstruieren. Eine Verspannung an der Hinterhand bedeutet nicht automatisch, dass irgendwo am Hals ein Problem entstehen muss, und ein empfindlicher Rücken lässt sich nicht grundsätzlich durch die Behandlung einer vermeintlich dazugehörigen Faszienlinie erklären. Der Körper ist kein Stromkreis, bei dem man nur das richtige Kabel verfolgen muss, um am anderen Ende die Fehlerstelle zu finden.

Interessant ist dazu auch der Beitrag Trageerschöpfung beim Pferd.

Viel interessanter ist die Erkenntnis, dass Bewegungsprobleme im Zusammenhang mit dem gesamten Bewegungsmuster betrachtet werden sollten. Wenn ein Pferd eine bestimmte Region nicht optimal nutzt, können andere Bereiche mehr Arbeit übernehmen. Bleibt dieses Kompensationsmuster über längere Zeit bestehen, verändert sich möglicherweise nicht nur die Muskulatur an der ursprünglich betroffenen Stelle, sondern auch die Belastungsverteilung innerhalb anderer Körperregionen.

Das Pferd als dynamisches Spannungsnetzwerk

Um sich die Grundidee der Biotensegrität bildlich vorzustellen, eignet sich ein Zelt erstaunlich gut. Seine Stabilität entsteht nicht dadurch, dass eine einzelne Stange besonders massiv gebaut ist, sondern durch das Verhältnis der Kräfte innerhalb der gesamten Konstruktion. Wird die Spannung einer Abspannung verändert, kann sich die Form des ganzen Systems verändern.

Beim Pferd ist dieses Prinzip natürlich erheblich komplexer, denn anders als ein Zelt kann der Körper seine Spannung aktiv regulieren. Genau darin liegt aber auch der entscheidende Punkt: Ein gesundes Pferd braucht nicht möglichst wenig Spannung, sondern funktionell richtig verteilte Spannung.

Das ist wichtig, weil Faszienarbeit und ähnliche Methoden gelegentlich den Eindruck vermitteln, das ideale Pferd müsse möglichst weich, locker und entspannt sein. Biomechanisch wäre völlige Entspannung allerdings keine besonders brauchbare Lösung. Ohne ausreichende Muskelspannung könnte das Pferd weder seine Gelenke stabilisieren noch seinen Rumpf tragen oder dynamische Bewegungen kontrollieren.

Das Ziel kann deshalb nicht darin bestehen, möglichst viel Spannung aus dem Körper zu entfernen. Entscheidend ist vielmehr, dass das Pferd Spannung dort erzeugen kann, wo sie benötigt wird, sie wieder verändern kann und einzelne Körperregionen nicht dauerhaft kompensatorisch überlastet werden.

Was ist tensegrales Training beim Pferd?

An diesem Punkt muss man zwischen Biotensegrität als biomechanischem Modell und tensegralem Training als daraus entwickelter Trainingsphilosophie unterscheiden. Diese Trennung ist wichtig, weil ein anatomisch oder biomechanisch plausibles Modell nicht automatisch beweist, dass jede darauf basierende Übung die behauptete Wirkung besitzt.

Tensegrales Pferdetraining versucht grundsätzlich, Bewegungsprobleme nicht isoliert zu betrachten. Statt ausschließlich einzelne Muskelgruppen kräftigen zu wollen, wird zunächst beobachtet, wie das Pferd seinen gesamten Körper organisiert. Dabei können Haltung, Gewichtsverteilung, Beweglichkeit einzelner Körperregionen, Bewegungsasymmetrien und wiederkehrende Kompensationsmuster eine Rolle spielen.

Im Horse Tensegrity Training werden beispielsweise manuelle beziehungsweise lösende Techniken mit gezielten Bewegungsübungen verbunden. Der interessante Teil dieses Ansatzes besteht darin, dass das Lösen von Spannung nicht als Endpunkt verstanden wird. Nach einer Veränderung der Beweglichkeit soll das Pferd lernen, diese neu gewonnene Möglichkeit auch funktionell zu nutzen und seinen Körper entsprechend zu stabilisieren.

Genau dieser zweite Schritt ist biomechanisch ausgesprochen sinnvoll gedacht. Denn Beweglichkeit allein erzeugt noch keine gute Bewegung.

Warum „locker machen“ kein vollständiges Training ist

Nehmen wir ein Pferd, das über längere Zeit Schmerzen oder eine Bewegungseinschränkung hatte. Sein Nervensystem versucht selbstverständlich, diese Situation zu bewältigen. Das Pferd verändert möglicherweise seine Schrittlänge, belastet eine Körperseite stärker, hält seinen Rumpf anders oder benutzt bestimmte Muskeln intensiver. Diese Anpassung ist zunächst kein Fehler, sondern eine intelligente Schutzstrategie des Körpers.

Besteht sie lange genug, kann aus der kurzfristigen Kompensation jedoch ein festes Bewegungsmuster werden. Selbst wenn die ursprüngliche Ursache später verschwunden ist, bedeutet das nicht automatisch, dass das Pferd sofort wieder zu seinem vorherigen Bewegungsmuster zurückkehrt.

Genau deshalb kann es zu kurz greifen, lediglich eine verspannte Region manuell zu behandeln. Selbst wenn sich die Beweglichkeit unmittelbar verbessert, muss das Nervensystem anschließend lernen, diese zusätzliche Bewegungsmöglichkeit zu kontrollieren. Dazu braucht das Pferd Koordination, Kraft, Gleichgewicht und Wiederholung.

An dieser Stelle wird tensegrales Training eigentlich erst richtig interessant, denn Mobilität und Stabilität werden nicht als Gegensätze betrachtet. Das Pferd benötigt beides.

Wie sieht tensegrales Training praktisch aus?

Am Anfang steht idealerweise eine ausführliche Beobachtung des Pferdes. Dabei interessiert nicht ausschließlich, ob das Pferd offensichtlich lahmt, sondern wie es steht und sich bewegt. Verteilt es sein Gewicht gleichmäßig? Steht eine Gliedmaße regelmäßig entlastet? Wie trägt es Kopf und Hals? Wie bewegt sich der Brustkorb zwischen den Vorderbeinen? Wie frei bewegt sich die Schulter? Wie tritt die Hinterhand unter den Körper und unterscheiden sich linke und rechte Seite?

Auch in der Bewegung lassen sich zahlreiche Hinweise finden. Manche Pferde verkürzen beispielsweise auf einer Seite den Schritt, andere schieben den Rumpf seitlich, halten den Hals auffällig fest oder haben Schwierigkeiten mit bestimmten Wendungen. Einzelne Beobachtungen beweisen noch keine bestimmte Ursache, aber gemeinsam können sie Hinweise auf ein wiederkehrendes Bewegungsmuster geben.

Je nach Trainingskonzept können anschließend manuelle Techniken, Bewegungsübungen und Bodenarbeit eingesetzt werden. Ziel ist dabei nicht, das Pferd einfach möglichst locker zu bekommen, sondern Bewegungsmöglichkeiten zu verbessern und danach über gezielte Bewegung eine funktionelle Stabilisierung aufzubauen.

Damit befindet sich tensegrales Training an einer interessanten Schnittstelle zwischen Körperarbeit, Rehabilitation, Physiotherapie und klassischem Training.

Was bedeutet „Release“ beim tensegralen Training?

Im Zusammenhang mit Faszienarbeit und tensegralem Training begegnet einem häufig der Begriff Release. Gemeint ist damit eine wahrnehmbare Veränderung beziehungsweise ein Nachlassen von Spannung. Pferde können während solcher Übungen beispielsweise den Hals senken, kauen, lecken, gähnen oder ihre Körperhaltung sichtbar verändern.

Solche Reaktionen sind interessant, sollten aber nicht überinterpretiert werden. Ein gähnendes Pferd bestätigt nicht automatisch, dass gerade eine bestimmte Faszienlinie erfolgreich „gelöst“ wurde, und Kauen ist kein biomechanisches Messverfahren. Verhalten muss immer im Zusammenhang mit der gesamten Situation betrachtet werden.

Wesentlich aussagekräftiger ist die Frage, ob sich anschließend tatsächlich etwas an der Bewegung verändert. Wird eine zuvor eingeschränkte Bewegung leichter? Bewegt sich das Pferd symmetrischer? Kann es seinen Rumpf besser stabilisieren? Verändert sich der Bewegungsumfang eines Gelenks oder die Qualität eines Bewegungsablaufs?

Damit wird aus einem subjektiven Eindruck zumindest eine systematischere Beobachtung.

Der positive Spannungsbogen beim Pferd

Im tensegralen Training taucht häufig die Vorstellung eines positiven Spannungsbogens auf. Dahinter steckt der Gedanke, dass ein Pferd seinen Körper so organisieren sollte, dass Kräfte sinnvoll übertragen werden können, ohne dass einzelne Regionen permanent überlastet werden.

Für Reiter ist dieser Gedanke eigentlich gar nicht so exotisch. Ein Pferd, das seinen Rumpf stabilisieren, den Rücken funktionell einsetzen, die Hinterhand aktiv nutzen und Bewegungsenergie durch den Körper weiterleiten kann, entspricht in vieler Hinsicht dem, was seit langer Zeit unter guter Ausbildung verstanden wird.

Neu ist weniger das Ziel als die Perspektive, aus der wir es betrachten.

Statt lediglich zu sagen, ein Pferd müsse „mehr über den Rücken gehen“, können wir genauer fragen, welche Strukturen dafür zusammenarbeiten müssen und warum das Pferd möglicherweise momentan nicht dazu in der Lage ist.

Warum ein muskulöses Pferd trotzdem biomechanische Probleme haben kann

Ein besonders wichtiger Gedanke des tensegralen Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen Muskelmasse und funktioneller Muskelarbeit. Ein Pferd kann ausgesprochen kräftig aussehen und trotzdem ungünstige Bewegungsmuster besitzen.

Muskulatur entwickelt sich schließlich auch durch Kompensation. Wenn ein Muskel permanent Aufgaben übernimmt, die eigentlich von anderen Strukturen mitgetragen werden sollten, kann er ausgesprochen kräftig werden. Ein beeindruckender Muskel ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen optimaler Biomechanik.

Das lässt sich bei Pferden besonders gut beobachten, die trotz regelmäßigen Trainings bestimmte Schwierigkeiten nicht verlieren. Sie sind vielleicht gut bemuskelt, haben aber weiterhin Probleme mit einer bestimmten Biegung, einer Hand, der Lastaufnahme oder der Rumpfstabilität.

In solchen Fällen kann es sinnvoller sein, zunächst nach dem Bewegungsmuster zu fragen, statt einfach noch mehr Krafttraining hinzuzufügen.

Kompensationen: Die große Stärke des Pferdes kann zum Problem werden

Pferde können Bewegungsprobleme erstaunlich gut kompensieren. Evolutionsbiologisch ist das ausgesprochen sinnvoll, denn ein Fluchttier kann sich nicht bei jedem kleinen Problem für drei Wochen krankschreiben lassen und anschließend vorsichtig mit Reha-Sport beginnen.

Diese Fähigkeit macht die Beurteilung von Bewegungsproblemen allerdings schwierig. Ein Pferd kann lange scheinbar normal funktionieren, obwohl bestimmte Strukturen bereits zusätzliche Arbeit übernehmen.

Genau deshalb ist es wichtig, Kompensationen nicht automatisch als Krankheit zu betrachten. Kurzfristige Kompensation ist eine normale Fähigkeit des Körpers. Problematisch kann sie werden, wenn sie dauerhaft bestehen bleibt und dadurch bestimmte Strukturen kontinuierlich stärker belastet werden.

Tensegrales Denken lenkt deshalb den Blick weg von der einzelnen Problemstelle und hin zur Frage, welche Strategie der gesamte Körper entwickelt hat, um mit einer Einschränkung umzugehen.

Myofasziale Schmerzen und Triggerpunkte beim Pferd

Ein weiterer Forschungsbereich, der für das Thema relevant ist, betrifft myofasziale Schmerzen und Triggerpunkte. Dabei handelt es sich um empfindliche beziehungsweise schmerzhafte Bereiche innerhalb von Muskel- und Faszienstrukturen.

Beim Menschen wird dieses Thema bereits seit längerer Zeit untersucht. Beim Pferd ist die wissenschaftliche Datenlage deutlich kleiner, aber das Interesse nimmt zu. Veterinärmedizinische Arbeiten beschäftigen sich unter anderem damit, ob myofasziale Schmerzen Bewegungsasymmetrien, Leistungseinbußen und teilweise sogar Symptome verursachen können, die zunächst wie ein primär orthopädisches Problem erscheinen.

Das darf allerdings niemals dazu führen, eine ungeklärte Lahmheit vorschnell als Faszienproblem abzutun. Wenn ein Pferd lahmt, Schmerzen zeigt oder sich sein Bewegungsbild plötzlich verändert, gehört die Ursache zunächst vernünftig tierärztlich abgeklärt. Faszienarbeit und tensegrales Training können Diagnostik, Physiotherapie und Rehabilitation ergänzen, aber sie ersetzen keine medizinische Untersuchung.

Dieser Unterschied ist gerade bei einem derzeit noch relativ jungen Trainingskonzept wichtig, weil aus einer interessanten biomechanischen Theorie sonst schnell eine Universalerklärung wird. Und sobald eine Methode angeblich Rückenprobleme, Lahmheiten, schlechte Biegung, psychische Anspannung, Sattelprobleme und wahrscheinlich nebenbei noch schlechtes Wetter erklärt, sollte man fachlich etwas skeptischer werden.

Für welche Pferde kann tensegrales Training interessant sein?

Der Ansatz ist nicht ausschließlich für Reha-Pferde gedacht. Auch bei gesunden Pferden kann die Beschäftigung mit Bewegungsmustern sinnvoll sein, weil sie den Blick des Trainers schärft.

Besonders interessant kann das Thema bei Pferden werden, die dauerhaft deutliche Unterschiede zwischen beiden Körperseiten zeigen, sich auf einer Hand erheblich schlechter biegen, Schwierigkeiten mit gleichmäßiger Lastaufnahme haben, häufig stolpern, ungewöhnlich steif wirken oder nach einer Verletzung wieder aufgebaut werden. Ebenso spannend sind Pferde, die trotz kontinuierlichen Trainings an bestimmten Punkten nicht weiterkommen und immer wieder dieselben Kompensationsmuster entwickeln.

Dabei sollte jedoch immer zuerst ausgeschlossen werden, dass eine konkrete Ursache dahintersteckt. Ein drückender Sattel wird nicht dadurch passend, dass man anschließend die Faszien behandelt. Eine schlechte Hufbalance bleibt eine schlechte Hufbalance, auch wenn das Pferd zusätzlich Bodenarbeit macht. Zahnprobleme, orthopädische Erkrankungen und Schmerzen brauchen ihre entsprechende Diagnostik und Behandlung.

Tensegrales Training ist deshalb am stärksten, wenn es nicht als Ersatz für andere Fachbereiche verstanden wird, sondern als verbindende Betrachtungsweise.

Tensegrales Training und klassische Reitlehre widersprechen sich erstaunlich wenig

Bei neuen Trainingsmethoden entsteht schnell der Eindruck, nun sei endlich entdeckt worden, dass Menschen Pferde seit Jahrhunderten vollkommen falsch trainieren. Betrachtet man die Sache etwas nüchterner, findet man erstaunlich viele Überschneidungen zwischen moderner Biomechanik und klassischen Ausbildungszielen.

Losgelassenheit, Takt, Balance, Geraderichtung, Tragkraft, Durchlässigkeit, eine funktionierende Rumpfmuskulatur und eine aktive Hinterhand sind keine Erfindungen der modernen Faszienforschung. Gute Ausbilder haben viele dieser Zusammenhänge seit Generationen beobachtet, auch wenn ihnen weder Ultraschallbilder von Faszien noch moderne biomechanische Messsysteme zur Verfügung standen.

Interessant ist heute, dass wir zunehmend besser verstehen können, warum bestimmte bewährte Trainingsprinzipien funktionieren.

Tensegrales Training muss deshalb weder Dressur noch Westernreiten, Working Equitation oder vernünftiges Freizeittraining ersetzen. Es kann vielmehr eine zusätzliche Betrachtungsebene liefern, mit deren Hilfe wir Bewegungsprobleme genauer analysieren.

Wie wissenschaftlich ist tensegrales Training?

Hier lohnt sich eine klare Trennung, denn genau an dieser Stelle werden bei vielen modernen Trainingsmethoden verschiedene Ebenen miteinander vermischt.

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zur Anatomie der Faszien beim Pferd. Es gibt anatomische Studien zu myofaszialen kinetischen Linien. Es gibt Forschung zu myofaszialen Schmerzen und Triggerpunkten, und es existieren biomechanische Modelle, die den Körper als vernetztes System betrachten.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede konkrete Methode des tensegralen Pferdetrainings wissenschaftlich auf ihre langfristige Wirksamkeit überprüft wurde.

Für einen wirklich starken Wirksamkeitsnachweis bräuchte man kontrollierte Studien mit ausreichend großen Pferdegruppen, standardisierten Trainingsprogrammen und objektiv messbaren Kriterien. Man müsste beispielsweise untersuchen, ob Pferde nach einem bestimmten tensegralen Trainingsprogramm messbar symmetrischer laufen, bestimmte Bewegungsparameter verbessern oder langfristig weniger Verletzungen entwickeln als vergleichbare Pferde mit einem anderen Trainingsprogramm.

Solche umfassenden Nachweise stehen bislang nicht in dem Umfang zur Verfügung, dass man tensegrales Training als wissenschaftlich vollständig bestätigte Trainingsmethode bezeichnen könnte.

Das macht die Methode nicht wertlos. Es bedeutet lediglich, dass wir zwischen wissenschaftlich beschriebener Anatomie, einem plausiblen biomechanischen Modell, praktischer Erfahrung und tatsächlich nachgewiesener Trainingswirkung unterscheiden müssen.

Gerade diese Differenzierung macht das Thema meiner Meinung nach erst wirklich interessant.

Ist tensegrales Training sinnvoll?

Der größte Wert des tensegralen Trainings liegt für mich weniger darin, dass nun plötzlich eine vollkommen neue Art des Pferdetrainings erfunden worden wäre. Viel wichtiger ist die Veränderung der Perspektive.

Wir betrachten nicht mehr ausschließlich die Stelle, an der ein Problem sichtbar wird, sondern versuchen zu verstehen, wie der gesamte Körper damit umgeht. Wir akzeptieren, dass Beweglichkeit ohne Stabilität ebenso problematisch sein kann wie Stabilität ohne ausreichende Beweglichkeit, und wir betrachten Muskelkraft nicht isoliert von Koordination, Faszien, Gelenkbeweglichkeit und neurologischer Bewegungssteuerung.

Damit verändert sich auch die zentrale Frage im Training. Statt ausschließlich wissen zu wollen, welchen Muskel wir kräftigen müssen, können wir uns fragen, warum das Pferd seinen Körper momentan auf genau diese Weise organisiert, welche Kompensationen dabei entstehen und welche Voraussetzungen fehlen, damit es eine andere Bewegungsstrategie entwickeln kann.

Diese Frage ist deutlich schwieriger zu beantworten als „Welche Übung stärkt den Rücken?“. Sie zwingt uns dazu, genauer hinzusehen, Bewegungsabläufe zu beobachten und Ursache und sichtbares Symptom nicht automatisch miteinander gleichzusetzen.

Und genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke des tensegralen Ansatzes: Er liefert keine magische neue Übung, nach der jedes Pferd plötzlich biomechanisch perfekt über den Reitplatz schwebt. Er liefert vielmehr ein Modell, mit dem wir anfangen können, den Pferdekörper als das zu betrachten, was er tatsächlich ist: ein hochkomplexes, anpassungsfähiges und miteinander verbundenes Bewegungssystem.

Wer diesen Gedanken verstanden hat, schaut anschließend möglicherweise etwas anders auf sein Pferd. Und das kann für gutes Training wesentlich wertvoller sein als die nächste Sammlung vermeintlicher Wunderübungen.

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