Tölt reiten – So gelingt die bequemste Gangart des Islandpferdes
Tölt – mehr als nur eine zusätzliche Gangart
Wer zum ersten Mal auf einem gut ausgebildeten Islandpferd tölten darf, versteht sofort, warum diese Gangart so viele Reiter begeistert. Während der Trab den Reiter bei jedem Schritt leicht aus dem Sattel hebt und der Galopp eine deutliche Schaukelbewegung erzeugt, gleitet ein sauber getöltetes Pferd nahezu erschütterungsfrei dahin. Selbst auf längeren Strecken bleibt der Sitz angenehm ruhig. Genau deshalb war der Tölt über Jahrhunderte hinweg auf Island von unschätzbarem Wert. Lange Reisen über unwegsames Gelände ließen sich deutlich komfortabler zurücklegen als auf einem Pferd, das ausschließlich Schritt, Trab und Galopp beherrschte.
Der Tölt gehört zu den genetisch veranlagten Spezialgangarten. Er entsteht nicht durch eine besondere Ausbildung, sondern ist bestimmten Pferderassen angeboren. Dennoch bedeutet das keineswegs, dass jedes Islandpferd automatisch perfekten Tölt zeigt. Zwischen einem jungen Pferd, das sich noch schwer mit der Balance tut, und einem erfahrenen Turnierpferd liegen oft Jahre sorgfältiger Ausbildung, Gymnastizierung und Muskelaufbau.
Gerade Anfänger machen häufig den Fehler, den Tölt als eine Art langsamen Trab zu betrachten. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine vollkommen eigenständige Gangart mit einem anderen Bewegungsablauf. Das Pferd setzt seine Beine einzeln in einer klaren Viertaktfolge auf. Dadurch entsteht keine Schwebephase wie im Trab, und genau das sorgt für den außergewöhnlichen Sitzkomfort. Ein guter Tölt fühlt sich beinahe so an, als würde das Pferd den Reiter sanft über den Boden tragen.
Wie entsteht der Tölt?
Im Gegensatz zum Trab bewegen sich beim Tölt niemals zwei diagonale Beine gleichzeitig. Stattdessen fußt jedes Bein einzeln nacheinander auf.
Die Reihenfolge lautet:
- linkes Hinterbein
- linkes Vorderbein
- rechtes Hinterbein
- rechtes Vorderbein
Danach beginnt die Abfolge wieder von vorne.
Diese gleichmäßige Viertaktfolge bleibt unabhängig vom Tempo erhalten. Ein Islandpferd kann beinahe im Schritttempo tölten oder deutlich schneller werden, ohne den charakteristischen Rhythmus zu verlieren. Erst wenn die Balance nachlässt oder das Pferd Spannung aufbaut, schleichen sich Taktfehler ein. Dann entwickelt sich beispielsweise ein Trabtölt oder Passtölt.
Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Trab besteht darin, dass sich beim Tölt fast immer mindestens ein Bein am Boden befindet. Dadurch fehlt die Schwebephase vollständig. Das Pferd bewegt sich kontinuierlich vorwärts, ohne die kleinen Sprünge, die den Trab kennzeichnen. Für den Reiter bedeutet das deutlich weniger vertikale Bewegung im Sattel.
Nicht jedes Islandpferd tölten gleich gut
Viele Menschen gehen davon aus, dass jedes Islandpferd automatisch hervorragend tölten kann. In der Praxis zeigt sich jedoch ein wesentlich differenzierteres Bild. Zwar bringen fast alle Isländer die genetischen Voraussetzungen für den Tölt mit, doch Qualität, Takt, Raumgriff und Tragkraft unterscheiden sich erheblich.
Einige Pferde verfügen schon als Jungpferde über einen natürlichen, lockeren Tölt. Andere wechseln zunächst lieber in den Trab und müssen diese Gangart erst über Jahre entwickeln. Das ist kein Mangel, sondern Teil ihrer individuellen Veranlagung. Besonders viergängige Islandpferde besitzen häufig einen sehr ausdrucksstarken Trab, während manche Fünfgänger etwas mehr Talent für schnellen Tölt oder Rennpass mitbringen.
Entscheidend ist außerdem die Ausbildung. Ein Pferd, das seinen Rücken loslässt, die Hinterhand aktiv untersetzt und im Gleichgewicht läuft, zeigt meist einen wesentlich klareren Tölt als ein Pferd, das sich auf die Vorhand stützt oder gegen die Hand arbeitet. Deshalb beginnt guter Tölt niemals mit der Kopfhaltung, sondern immer mit einer sorgfältigen Grundausbildung. Erst wenn Takt, Losgelassenheit und Tragkraft stimmen, entwickelt sich die Gangart so, wie sie Reiter auf Island oder bei Gangpferdeturnieren bewundern.
Infos über Isländer findest Du hier
und hier kannst Du nachlesen, was Gangpferdereiten bedeutet
Was heißt eigentlich Gangpferdereiten?

Der richtige Sitz im Tölt
Ein harmonischer Tölt beginnt nicht mit den Zügeln, sondern mit dem Sitz des Reiters. Viele Probleme entstehen, weil versucht wird, den Tölt über die Hand zu erzeugen. Das Pferd hebt zwar möglicherweise den Kopf an, verliert dabei aber den Rücken, wird fest und fällt schließlich in einen unruhigen Trabtölt oder sogar in den Pass. Ein guter Tölt entsteht dagegen aus Balance, Losgelassenheit und einer aktiven Hinterhand – der Reiter unterstützt diesen Bewegungsablauf vor allem durch einen ruhigen, ausbalancierten Sitz.
Im Tölt bleibt der Oberkörper aufrecht, ohne steif zu wirken. Das Becken folgt den Bewegungen des Pferdes locker, während die Schultern entspannt bleiben. Anders als im Trab wird nicht leichtgetrabt. Der Reiter sitzt dauerhaft im Sattel und lässt sich von der gleichmäßigen Bewegung tragen. Gerade Anfänger neigen dazu, den Oberkörper festzuhalten oder sich an den Zügeln zu stabilisieren. Dadurch verspannen sie sich selbst und übertragen diese Spannung unmittelbar auf das Pferd.
Auch die Beine spielen eine wichtige Rolle. Sie liegen ruhig am Pferd, ohne ständig zu treiben oder zu klemmen. Die Fersen sinken locker nach unten, sodass das Bein lang und entspannt am Pferdekörper anliegt. Wer mit den Knien festklammert, blockiert häufig die Bewegung des eigenen Beckens. Das Pferd reagiert darauf oft mit kürzeren Schritten und verliert an Takt.
Ebenso wichtig ist eine weiche Verbindung zur Reiterhand. Die Zügel sollen weder durchhängen noch dauerhaft straff sein. Das Pferd sucht eine konstante, elastische Anlehnung und darf den Hals in einer natürlichen Haltung tragen. Viele Islandpferde zeigen ihren besten Tölt nicht mit extrem hoch aufgerichtetem Hals, sondern in einer Haltung, in der Rücken und Hinterhand aktiv zusammenarbeiten. Erst mit zunehmender Ausbildung kann sich die Aufrichtung weiter entwickeln, ohne dass dabei Takt und Losgelassenheit verloren gehen.
Die Hilfengebung für den Tölt
Der Übergang in den Tölt beginnt meist aus einem aktiven Schritt oder aus einem ruhigen Trab. Voraussetzung ist, dass das Pferd aufmerksam auf die Hilfen reagiert und bereits im Gleichgewicht läuft. Ein hektischer oder eiliger Schritt macht den Übergang meist schwieriger, weil das Pferd dann eher in den Trab fällt.
Für das Antölten treibt der Reiter das Pferd mit beiden Schenkeln gleichmäßig nach vorne. Gleichzeitig richtet sich der Oberkörper leicht auf, während eine feine halbe Parade das Pferd aufnimmt und ausbalanciert. Ziel ist es nicht, das Tempo zu bremsen, sondern die Vorwärtsenergie in den Tölt umzuwandeln. Sobald das Pferd die ersten klaren Töltschritte zeigt, werden die Hilfen wieder weicher. Der Reiter begleitet die Bewegung nur noch und vermeidet jede unnötige Einwirkung.
Ein häufiger Fehler besteht darin, zu lange oder zu stark einzuwirken. Manche Reiter treiben ununterbrochen oder halten das Pferd gleichzeitig fest. Für das Pferd entstehen dadurch widersprüchliche Signale: Es soll vorwärtsgehen, wird aber gleichzeitig gebremst. Das führt oft zu Verspannungen und einem unsauberen Gangbild.
Ein guter Tölt fühlt sich leicht an. Das Pferd trägt sich selbst, reagiert fein auf kleine Hilfen und bleibt im gleichmäßigen Viertakt. Genau dieses Gefühl entwickelt sich allerdings nicht innerhalb weniger Reitstunden. Wie jede andere Gangart verbessert sich auch der Tölt mit konsequenter Gymnastizierung, zunehmender Muskulatur und einer Ausbildung, die immer wieder zu den Grundlagen zurückkehrt. Ein losgelassenes Pferd mit guter Balance wird seinen Tölt fast von selbst anbieten – und genau das ist letztlich das Ziel jeder Ausbildung.

Die verschiedenen Tempi im Tölt
Eine Besonderheit des Tölts besteht darin, dass diese Gangart in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten geritten werden kann. Während sich Schritt, Trab und Galopp jeweils nur innerhalb eines begrenzten Tempobereichs bewegen, reicht der Tölt vom beinahe gemütlichen Schritttempo bis zu einem beeindruckenden Vorwärts, das an einen schnellen Galopp erinnert. Dabei bleibt die charakteristische Viertaktfolge erhalten. Genau diese Vielseitigkeit macht den Tölt so faszinierend.
Der langsame Tölt stellt hohe Anforderungen an Pferd und Reiter. Das Pferd muss sehr viel Gewicht auf die Hinterhand verlagern, den Rücken aktiv aufwölben und jeden einzelnen Schritt bewusst setzen. Viele junge oder noch unausgebildete Islandpferde tun sich damit schwer. Sie verlieren leicht den Takt oder wechseln wieder in den Trab. Ein sauber gerittener langsamer Tölt ist deshalb oft anspruchsvoller als schneller Tölt.
Im Arbeitstölt bewegt sich das Pferd in seinem natürlichen Wohlfühltempo. Die Schritte werden länger, die Bewegung fließt gleichmäßig nach vorne und das Pferd kann sich locker und ausbalanciert tragen. Für die meisten Freizeitreiter ist dies der angenehmste Bereich. Hier lässt sich auch auf längeren Ausritten entspannt tölten, ohne dass Pferd oder Reiter unnötig ermüden.
Der Tempotölt entwickelt deutlich mehr Schub. Die Hinterhand arbeitet kraftvoll, die Schritte werden raumgreifender und das Pferd legt erstaunlich viel Strecke zurück. Gute Gangpferde erreichen dabei Geschwindigkeiten, die viele Menschen einem so kleinen Pferd zunächst gar nicht zutrauen würden. Trotzdem bleibt der Reiter bequem sitzen, solange der Viertakt sauber erhalten bleibt. Gerade auf den weiten Ebenen Islands war dieser schnelle Tölt früher eine ideale Möglichkeit, auch große Entfernungen komfortabel zurückzulegen.
Häufige Fehler beim Tölten
Wer den Tölt erlernen möchte, wird früher oder später feststellen, dass diese Gangart erstaunlich sensibel auf kleine Veränderungen reagiert. Schon geringe Verspannungen des Reiters oder ein kurzer Moment fehlender Balance können ausreichen, damit das Pferd seinen klaren Takt verliert. Das ist völlig normal und gehört zum Lernprozess.
Besonders häufig entsteht ein sogenannter Trabtölt. Dabei vermischen sich Tölt und Trab miteinander. Für den Reiter fühlt sich die Bewegung plötzlich unruhiger an, weil sich bereits Ansätze einer Schwebephase entwickeln. Ursache ist häufig ein Pferd, das noch zu wenig Last auf der Hinterhand aufnimmt oder sich im Tempo nicht sicher genug ausbalancieren kann. Auch ein verspannter Reiter oder eine zu feste Hand können diesen Fehler begünstigen.
Das Gegenstück dazu ist der Passtölt. Hier bewegt sich das Pferd bereits zu stark in Richtung Pass. Die seitlichen Beine arbeiten nicht mehr sauber getrennt, sondern nähern sich einer paarweisen Bewegung an. Das Gangbild wirkt flach und verliert den klaren Viertakt. Besonders Pferde mit viel Passveranlagung zeigen diese Tendenz, wenn sie zu schnell geritten oder zu stark festgehalten werden.
Viele Islandpferde wechseln außerdem immer wieder in den Trab. Dahinter steckt selten Ungehorsam. Häufig fehlt schlicht die Kraft, den Tölt über längere Zeit sauber aufrechtzuerhalten. Gerade junge Pferde müssen ihre Rücken- und Hinterhandmuskulatur erst entwickeln. Mit zunehmender Gymnastizierung werden die Töltphasen meist länger und sicherer.
Ebenso problematisch ist ein eiliger Tölt. Das Pferd wird zwar immer schneller, die Schritte werden jedoch kürzer und hektischer. Von außen wirkt es oft so, als würde das Pferd rennen, ohne wirklich Raumgewinn zu erzielen. Ein guter Tölt zeichnet sich dagegen durch Gelassenheit, einen klaren Rhythmus und gleichmäßige, kraftvolle Schritte aus. Nicht das höchste Tempo macht einen schönen Tölt aus, sondern die Harmonie zwischen Takt, Balance und Losgelassenheit.
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