Alternative Reitweisen: Welche Möglichkeiten gibt es neben dem klassischen Reiten?
Wer nach alternativen Reitweisen sucht, meint meistens nicht einfach nur die Frage, ob man lieber Dressur, Springen oder Westernreiten möchte. Oft steckt etwas anderes dahinter: Der klassische Reitunterricht passt nicht richtig, das Pferd scheint mit der bisherigen Ausbildung unzufrieden zu sein oder man selbst möchte einfach einmal ausprobieren, was es außerhalb des üblichen Reitplatzprogramms noch gibt.
Lese dazu auch noch gern: Wechseln der Reitweise
Und davon gibt es erstaunlich viel.
Alternative Reitweisen können völlig andere Sättel und Zäumungen verwenden, andere Hilfen bevorzugen oder ein ganz anderes Verständnis davon haben, wie ein Pferd ausgebildet werden sollte. Manche stellen Gymnastizierung und feine Kommunikation in den Mittelpunkt, andere Gelassenheit, Arbeit im Gelände oder eine möglichst natürliche Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd.
Dabei muss „alternativ“ keineswegs heißen, dass alles, was aus der klassischen Reitlehre stammt, plötzlich falsch ist. Viele gute Ansätze überschneiden sich sogar erheblich. Ein Pferd kann schließlich nicht wissen, welches Etikett wir gerade auf seine Ausbildung kleben. Es reagiert auf Balance, Druck, Entlastung, Körpersprache und darauf, ob es körperlich überhaupt in der Lage ist, das Geforderte auszuführen.
Was versteht man unter alternativen Reitweisen?
Eine ganz feste Definition gibt es nicht. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden darunter Reit- und Ausbildungssysteme verstanden, die sich vom üblichen englischen beziehungsweise klassischen Reiten unterscheiden.
Dazu können beispielsweise gehören:
- Westernreiten
- Working Equitation
- Barockreiten
- akademische Reitkunst
- klassische Dressur nach unterschiedlichen historischen Schulen
- Centered Riding
- gebissloses Reiten
- Halsringreiten und Freiarbeit
- Wander– und Distanzreiten
- Gangpferdereiten
- verschiedene Natural-Horsemanship-Systeme
Schon diese Auswahl zeigt das Problem: Alternative Reitweisen sind keine einzelne Reitweise. Der Begriff ist vielmehr ein Sammelbegriff für unterschiedliche Wege im Umgang mit und in der Ausbildung von Pferden.
Alternative zur klassischen englischen Reitweise
Besonders häufig suchen Reiter nach einer Alternative, wenn sie mit dem traditionellen Reitschulbetrieb nicht glücklich werden.
Immer wieder dieselbe Abteilung, ganze Bahn, Zirkel, durch die ganze Bahn wechseln und irgendwann ein kleines Kreuz springen – das kann ein sinnvoller Einstieg sein, muss aber nicht für jeden Menschen und jedes Pferd auf Dauer erfüllend sein.
Wer sein eigenes Pferd besitzt, hat ohnehin wesentlich mehr Möglichkeiten.
Dabei lohnt es sich, zwischen einer anderen Reitweise und einem anderen Ausbildungskonzept zu unterscheiden.
Westernreiten ist beispielsweise tatsächlich eine eigenständige Reitweise mit eigenen Traditionen, Ausrüstungsgegenständen und Disziplinen. Centered Riding dagegen ist eher ein Konzept, mit dem die eigene Körperwahrnehmung und Einwirkung verbessert werden soll. Natural Horsemanship beschäftigt sich wiederum sehr stark mit Kommunikation und Bodenarbeit und ist nicht automatisch eine bestimmte Reitweise.
Westernreiten: die bekannteste Alternative
Wenn von alternativen Reitweisen gesprochen wird, denken viele zunächst ans Westernreiten.
Seine Wurzeln liegen in der Arbeitsreiterei nordamerikanischer Cowboys. Entsprechend standen ursprünglich Wendigkeit, Ausdauer, einhändiges Reiten und die selbstständige Mitarbeit des Pferdes im Vordergrund.
Modernes Westernreiten ist allerdings längst ein riesiges Feld. Reining, Trail, Ranch Riding, Western Pleasure und Cutting stellen teilweise völlig unterschiedliche Anforderungen.
Auch das bekannte Bild vom Westernpferd am langen Zügel darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein gut ausgebildetes Westernpferd sehr präzise auf Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen reagieren soll.
Gerade für Freizeitreiter kann eine gute Westernreitweise interessant sein, wenn sie Wert auf Geländereiten, Gelassenheit und eine eher zweckorientierte Ausbildung legen.
Working Equitation: abwechslungsreich und vielseitig
Die Working Equitation hat sich aus den traditionellen südeuropäischen Arbeitsreitweisen entwickelt und ist für viele Reiter eine spannende Alternative zum klassischen Dressurtraining.
Neben Dressuraufgaben gehören verschiedene Hindernisse dazu. Tore werden geöffnet, Stangen überwunden, Gegenstände umrundet und Aufgaben bewältigt, die ursprünglich aus der Arbeit mit Pferden entstanden sind.
Das Schöne daran: Viele Übungen lassen sich auch ohne Turnierambitionen in das normale Training übernehmen.
Ein Pferd lernt, aufmerksam zu bleiben, seinen Körper geschickt einzusetzen und gemeinsam mit seinem Reiter Lösungen zu finden. Gleichzeitig werden Seitengänge, Übergänge, Wendungen und Versammlung nicht zum Selbstzweck, sondern bekommen plötzlich eine praktische Aufgabe.
Barockreiten und akademische Reitkunst
Wer sich stärker für Gymnastizierung, Versammlung und historische Reitkunst interessiert, landet häufig beim Barockreiten oder bei der akademischen Reitkunst.
Hier spielen Lektionen wie Schulterherein, Travers, Renvers und andere Seitengänge eine große Rolle. Je nach Schule wird außerdem sehr viel vom Boden gearbeitet.
Gerade die akademische Reitkunst beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie ein Pferd lernen kann, seinen Körper zunehmend besser auszubalancieren und mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen.
Allerdings sollte man auch hier nicht jedem wohlklingenden Versprechen blind folgen. Eine bestimmte Bezeichnung macht eine Ausbildung noch nicht automatisch pferdegerecht. Entscheidend bleibt, wie tatsächlich gearbeitet wird.
Centered Riding: Wenn der Reiter selbst zum Thema wird
Centered Riding ist interessant, weil hier nicht in erster Linie das Pferd verändert werden soll.
Stattdessen geht es stark um den Reiter.
Balance, Atmung, Körpergefühl, Beweglichkeit und die eigene Körperspannung werden bewusst wahrgenommen. Das kann gerade Reitern helfen, die ständig hören, sie sollten „lockerer sitzen“, „mehr mitschwingen“ oder „die Hand ruhiger halten“, ohne dass ihnen jemand erklären kann, wie sie das eigentlich erreichen sollen.
Centered Riding lässt sich deshalb auch mit anderen Reitweisen kombinieren.
Natural Horsemanship: mehr Ausbildungssystem als Reitweise
Natural Horsemanship wird häufig als alternative Reitweise bezeichnet, obwohl das eigentlich etwas ungenau ist.
Es handelt sich vielmehr um verschiedene Trainingsphilosophien und Methoden, bei denen Kommunikation, Körpersprache und der Umgang mit Druck und Nachgeben eine zentrale Rolle spielen.
Vieles beginnt am Boden. Das Pferd soll lernen, auf feine Signale zu reagieren, Abstand einzuhalten, zu folgen, bestimmte Körperteile gezielt zu bewegen und dem Menschen Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Qualität hängt allerdings enorm vom jeweiligen Trainer ab.
„Natürlich“ ist kein geschütztes Qualitätssiegel. Auch eine Methode, die Natural Horsemanship heißt, kann fair und fein oder ziemlich druckvoll ausgeführt werden.
Gebisslos reiten und Halsringreiten
Manche Menschen verstehen unter einer alternativen Reitweise vor allem eine andere Art der Zäumung.
Gebisslose Zäumungen reichen vom Sidepull über verschiedene Bosals bis zu unterschiedlichen gebisslosen Trensen. Auch das Reiten nur mit Halsring wird zunehmend populär.
Das kann eine wunderbare Ergänzung sein – vorausgesetzt, das Pferd ist entsprechend ausgebildet.
Gebisslos bedeutet nämlich nicht automatisch drucklos. Je nach Konstruktion kann eine gebisslose Zäumung erhebliche Kräfte auf Nasenrücken, Unterkiefer oder Genick übertragen.
Beim Halsringreiten wiederum zeigt sich ziemlich schnell, wie gut Sitz, Gewichts- und Schenkelhilfen tatsächlich funktionieren.
Wanderreiten: Reiten bekommt plötzlich wieder ein Ziel
Eine meiner liebsten Alternativen zum ewigen Reitplatzprogramm ist eigentlich gar keine exotische Reitweise: raus ins Gelände.
Beim Wanderreiten bekommt das Reiten wieder einen ganz praktischen Sinn. Man möchte irgendwohin.
Das Pferd muss unterschiedliche Böden bewältigen, bergauf und bergab gehen, Straßen überqueren, durch Wasser laufen, warten können und auch in ungewohnten Situationen ruhig bleiben.
Das verlangt eine Ausbildung, die im Alltag enorm wertvoll ist.
Auch kleinere Ausritte können nach diesem Prinzip gestaltet werden. Nicht jede Trainingseinheit muss auf einem Viereck stattfinden.
Distanzreiten
Wer gerne lange Strecken zurücklegt, kann sich mit dem Distanzreiten beschäftigen.
Hier geht es nicht einfach darum, möglichst schnell möglichst weit zu reiten. Konditionsaufbau, Tempogefühl, Gesundheitskontrolle und das Management des Pferdes spielen eine entscheidende Rolle.
Für ambitionierte Freizeitreiter kann schon das Training dafür interessant sein, ohne jemals einen großen Distanzritt bestreiten zu wollen.
Gangpferdereiten
Bei Isländern und anderen Gangpferderassen entstehen wiederum ganz eigene Anforderungen.
Neben Schritt, Trab und Galopp können je nach Rasse und individueller Veranlagung beispielsweise Tölt oder Pass hinzukommen.
Das macht deutlich, warum es nicht die eine richtige Reitweise für jedes Pferd geben kann. Ein Isländer mit ausgeprägter Gangveranlagung stellt seinen Reiter vor andere Aufgaben als ein Warmblut, Quarter Horse oder schweres Kaltblut.
Klassische Dressur kann ebenfalls „alternativ“ sein
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Tatsächlich gibt es aber einen erheblichen Unterschied zwischen moderner Turnierdressur, klassischer Reitlehre und verschiedenen historischen Schulen.
Reiter, die nach alternativen Reitweisen suchen, stoßen deshalb häufig auf Ausbilder, die sich ausdrücklich auf klassische Grundsätze berufen, aber bewusst außerhalb des üblichen Turniersports arbeiten.
Man muss also nicht automatisch den Westernsattel kaufen, nur weil man mit seinem bisherigen Dressurunterricht unzufrieden ist.
Manchmal braucht man keine andere Reitweise, sondern schlicht einen anderen Lehrer.
Alternative Reitweisen ohne Turnierambitionen
Für mich liegt hier einer der interessantesten Punkte.
Reiten muss nicht zwangsläufig darauf hinauslaufen, irgendwann eine bestimmte Prüfung oder Turnierklasse zu erreichen.
Mit einem Freizeitpferd kann man Dressurarbeit, Bodenarbeit, Working-Equitation-Hindernisse, Geländeritte, Stangenarbeit, Halsringreiten und kleine Wanderritte miteinander verbinden.
Warum eigentlich nicht?
Ein Pferd profitiert häufig sogar davon, unterschiedliche Aufgaben kennenzulernen. Ein Tag Seitengänge auf dem Platz, am nächsten Tag ein entspannter Ausritt und zwei Tage später ein paar Stangen oder ein selbst gebauter Geschicklichkeitsparcours – daraus kann ein ausgesprochen sinnvolles Trainingsprogramm entstehen.
Welche alternative Reitweise passt zu mir?
Das hängt weniger von Trends ab als von drei Fragen: Was möchtest du mit deinem Pferd machen, was kann dein Pferd körperlich leisten und welche Art der Ausbildung macht euch beiden Freude?
Wer gern lange im Gelände unterwegs ist, wird mit einem ausschließlich auf Dressurlektionen ausgerichteten Konzept möglicherweise nicht glücklich.
Wer sich für feinste Hilfengebung und Gymnastizierung begeistert, findet vielleicht in klassischer oder akademischer Arbeit sein Thema.
Wer Abwechslung und praktische Hindernisse liebt, sollte sich Working Equitation ansehen.
Wer sich vor allem selbst verbessern möchte, könnte von Centered Riding profitieren.
Und wer einfach ein zuverlässiges Freizeitpferd haben möchte, darf sich aus verschiedenen Bereichen sinnvolle Elemente herausnehmen.
Darf man verschiedene Reitweisen miteinander kombinieren?
Natürlich.
Ein Pferd explodiert nicht, weil am Montag klassische Dressur und am Mittwoch ein Working-Equitation-Tor auf dem Stundenplan steht.
Wichtig ist vielmehr, dass die Hilfen für das Pferd verständlich und nicht widersprüchlich werden.
Viele Prinzipien guter Pferdeausbildung tauchen ohnehin in ganz unterschiedlichen Reitweisen wieder auf: Balance, Losgelassenheit, Reaktionsbereitschaft, Koordination, Tragfähigkeit und eine zunehmend feinere Kommunikation.
Die Wege dorthin unterscheiden sich.
Vorsicht vor angeblich völlig neuen Reitmethoden
Gerade im Bereich alternativer Pferdeausbildung gibt es leider auch einen ziemlich großen Markt für Methoden, die sich spektakulärer anhören, als sie sind.
Ein neuer Name macht aus einer bekannten Übung noch keine Revolution.
Schulterherein bleibt beispielsweise Schulterherein, auch wenn jemand einen hübschen neuen Begriff dafür erfindet.
Bei Trainern würde ich deshalb weniger darauf achten, welcher Schule sie sich zuordnen, sondern das Pferd anschauen: Wirkt es körperlich zunehmend besser? Versteht es die Aufgaben? Wird die Kommunikation feiner? Kann es sich entspannen? Und kann der Trainer nachvollziehbar erklären, warum eine bestimmte Übung gerade sinnvoll ist?
Das sagt meistens wesentlich mehr als irgendein Methodenname.
Alternative Reitweisen: Es gibt nicht nur einen richtigen Weg
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke hinter dem Begriff alternative Reitweisen.
Man muss sich nicht zwischen „klassisch“ und „alternativ“ entscheiden wie zwischen zwei Religionen.
Gute Pferdeausbildung sollte zum Pferd passen.
Ein 20-jähriges Freizeitpferd braucht ein anderes Training als ein junges Sportpferd. Ein Fjordpferd bringt andere körperliche Voraussetzungen mit als ein hochbeiniges Warmblut, ein Quarter Horse andere als ein Isländer.
Und auch wir Reiter sind unterschiedlich.
Wer nach einer Alternative sucht, sollte deshalb nicht unbedingt die Reitweise suchen, die gerade am modernsten klingt. Viel interessanter ist die Frage:
Was möchte ich gemeinsam mit meinem Pferd können – und welcher Ausbildungsweg bringt uns beide sinnvoll dorthin?
Genau dann wird aus einer „alternativen Reitweise“ nicht nur eine Alternative, sondern möglicherweise einfach die Reitweise, die zu diesem Pferd und diesem Menschen besser passt.

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