Reiten ohne Trense

Reiten ohne Trense: Bridleless Riding erobert sogar den Turniersport

Ein Pferd im Schritt ohne Trense zu reiten, ist die eine Sache. Ohne Zaumzeug zu galoppieren, Seitengänge zu reiten oder einen kleinen Sprung zu überwinden, verlangt schon deutlich mehr Ausbildung.

Aber eine komplette Dressurprüfung? Oder einen Springparcours mit Hindernissen von über einem Meter?

Genau das ist inzwischen Realität.

Im Mai 2026 fand in Großbritannien die erste British Bridleless Competition statt – ein Turnier, bei dem sämtliche Pferde ohne Trense beziehungsweise Zaumzeug in die Prüfung gingen.

Und dabei handelte es sich keineswegs nur um ein bisschen Schritt, Trab und Slalomreiten.

Die Dressurprüfungen reichten vom Einsteigerniveau bis hinauf zum Grand Prix. Im Springen wurden verschiedene Höhen angeboten und selbst Parcours im Bereich von 1,20 Metern wurden ohne Zaumzeug absolviert.

Plötzlich war Bridleless Riding nicht mehr nur eine hübsche Showeinlage.

Es war Turniersport.

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Was bedeutet Bridleless Riding?

„Bridleless“ bedeutet wörtlich ohne Zaumzeug.

Das ist ein wichtiger Unterschied zum gebisslosen Reiten.

Beim gebisslosen Reiten trägt das Pferd weiterhin eine Zäumung. Der Reiter kann beispielsweise über ein Sidepull oder eine andere gebisslose Konstruktion auf den Kopf des Pferdes einwirken.

Beim echten Bridleless Riding fällt diese Verbindung weg.

Viele Reiter verwenden lediglich einen Halsring oder ein Seil um den Pferdehals. Fortgeschrittene Pferde können teilweise auch völlig frei geritten werden.

Die Steuerung erfolgt vor allem über Sitz, Gewicht, Schenkel, Körperspannung, Stimme und zuvor erlernte Signale.

Halsringreiten und Bridleless Riding – ist das dasselbe?

Nicht ganz, obwohl die Begriffe häufig gemeinsam verwendet werden.

Halsringreiten beschreibt zunächst einmal das Reiten mit einem Ring oder Seil um den Hals des Pferdes.

Bridleless Riding bedeutet dagegen lediglich, dass keine Trense beziehungsweise kein Zaumzeug verwendet wird.

Ein Halsring kann also beim Bridleless Riding eingesetzt werden.

Er ersetzt die Trense allerdings nicht einfach eins zu eins.

Ein gut ausgebildetes Pferd soll schließlich nicht dadurch gesteuert werden, dass der Reiter nun statt am Zügel kräftig am Halsring zieht.

Der eigentliche Gedanke ist wesentlich interessanter: Die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter soll so weit entwickelt sein, dass immer weniger direkte Kontrolle über den Pferdekopf notwendig wird.

Das erste große Bridleless-Turnier in Großbritannien

Am 31. Mai 2026 fand im britischen Merrist Wood die erste British Bridleless Competition statt.

Organisiert wurde die Veranstaltung von Mia Rodley von The Heart of Horsemanship, die sich bereits seit vielen Jahren mit dem Reiten ohne Zaumzeug beschäftigt.

Mehr als 20 Pferd-Reiter-Paare nahmen teil, rund 500 Zuschauer kamen zu der Veranstaltung. Das Interesse war sogar so groß, dass nach Angaben der Organisatorin weitere Zuschauer abgewiesen werden mussten, weil die Kapazitätsgrenze erreicht war.

Geritten wurden sowohl Dressur- als auch Springprüfungen.

In der Dressur reichte das Spektrum vom einfachen Niveau bis zum Grand Prix. Anschließend folgten Springprüfungen.

Damit wurde aus etwas, das viele Pferdemenschen bisher eher aus Shows, Freiheitsdressuren oder Social-Media-Videos kannten, plötzlich eine ernsthafte Wettkampfform.

Springreiten ohne Trense – sogar über 1,20 Meter

Besonders viel Aufmerksamkeit bekam das Springreiten.

Die britische Springreiterin Serena Kullich ritt beispielsweise mit Silas VTS einen fehlerfreien Parcours über 1,20 Meter – ohne Zaumzeug.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil wir hier nicht über ein Pferd sprechen, das ausschließlich für eine Show ein paar Hindernisse ohne Trense überspringt.

Kullich und Silas VTS hatten sich 2026 auch für das Talent-Seekers-Finale beim britischen Horse of the Year Show qualifiziert.

Hier zeigte also ein sportlich auf entsprechendem Niveau ausgebildetes Springpferd, dass ein Parcours auch ohne die übliche Verbindung über Trense und Zügel möglich sein kann.

Dressurreiten ohne Trense

Fast noch spannender finde ich die Dressur.

Denn gerade in der Dressur spielt die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul traditionell eine enorme Rolle.

Beim Bridleless Riding fällt genau diese Verbindung weg.

Trotzdem wurden bei der British Bridleless Competition Dressurprüfungen bis hin zum Grand-Prix-Niveau geritten.

Damit entsteht automatisch eine interessante Frage:

Wie viel von dem, was wir in der Dressur über den Zügel herstellen, müsste ein wirklich gut ausgebildetes Pferd eigentlich auch ohne ihn zeigen können?

Das bedeutet nicht, dass Zügel oder Gebisse grundsätzlich schlecht sind. Eine feine Zügelverbindung kann ein ausgesprochen präzises Kommunikationsmittel sein.

Bridleless Riding zeigt aber ziemlich eindrucksvoll, dass Versammlung, Übergänge, Seitengänge und komplexe Lektionen nicht ausschließlich dadurch entstehen können, dass der Reiter den Kopf des Pferdes kontrolliert.

Und genau deshalb ist diese Entwicklung für die Diskussion um moderne Pferdeausbildung so interessant.

Einfach Trense ab – funktioniert natürlich nicht

So beeindruckend solche Bilder aussehen: Niemand sollte deshalb morgen auf den Reitplatz gehen, die Trense abnehmen und schauen, was passiert.

Dem britischen Wettbewerb waren entsprechende Sicherheitsmaßnahmen vorgeschaltet.

Die Teilnehmer mussten vorab Videos einreichen, auf denen sie ihr Pferd ohne Zaumzeug auf dem gewünschten Leistungsniveau ritten. Außerdem mussten sie unter anderem zeigen, dass sie ihr Pferd ohne Trense zuverlässig anhalten konnten.

Auch auf dem Turnier selbst wurde nicht einfach die Trense auf dem Parkplatz abgenommen.

Die Pferde durften zunächst mit Zaumzeug abreiten. Dabei wurde beobachtet, ob Pferd und Reiter mit der Atmosphäre zurechtkamen. Erst in der eigentlichen Prüfungsarena wurde das Zaumzeug entfernt.

Das zeigt einen wichtigen Punkt:

Bridleless Riding ist keine Mutprobe.

Es ist das Ergebnis von Ausbildung.

Wie lernt ein Pferd Halsringreiten?

Idealerweise beginnt das Training nicht damit, etwas wegzulassen.

Zunächst muss etwas anderes vorhanden sein.

Das Pferd sollte zuverlässig auf Sitz-, Gewichts- und Schenkelhilfen reagieren. Übergänge sollten nicht ausschließlich über den Zügel funktionieren und auch Richtung und Tempo dürfen nicht davon abhängen, dass der Reiter am Pferdekopf einwirkt.

Anfangs kann man deshalb durchaus mit der normalen Zäumung und zusätzlich mit einem Halsring arbeiten.

Der Halsring bekommt nach und nach eine Bedeutung.

Das Pferd lernt beispielsweise:

leichter Impuls am Halsring bedeutet langsamer werden,

ein bestimmtes Signal bedeutet anhalten,

Gewichtsverlagerung und Schenkelhilfen kündigen Wendungen an.

Die normalen Zügel bleiben zunächst als Absicherung vorhanden.

Mit zunehmender Sicherheit werden sie immer weniger benötigt.

Der eigentliche Test sitzt häufig oben auf dem Pferd

Halsringreiten kann für den Reiter ziemlich aufschlussreich sein.

Solange zwei Zügel vorhanden sind, lässt sich nämlich einiges kaschieren.

Das Pferd fällt über die Schulter?

Zügel.

Es wird schneller?

Zügel.

Die Wendung wird zu groß?

Wieder Zügel.

Nimmt man diese Möglichkeit weg, merkt man teilweise erschreckend schnell, wie viel oder wie wenig tatsächlich über Sitz und Schenkel funktioniert.

Insofern kann Halsringreiten sogar eine hervorragende Übung sein, ohne dass man jemals vorhat, komplett bridleless durch einen Springparcours zu reiten.

Ist Reiten ohne Trense automatisch pferdefreundlicher?

Nein.

Auch hier würde ich nicht in Schwarz und Weiß denken.

Ein Halsring kann ebenfalls grob eingesetzt werden. Ein schlecht ausbalancierter Reiter wird nicht automatisch zu einem guten Reiter, nur weil das Pferd kein Gebiss trägt.

Und ein Pferd kann auch ohne Zaumzeug körperlich falsch geritten oder überfordert werden.

Umgekehrt ist ein Gebiss nicht automatisch ein Tierschutzproblem.

Eine ruhige, fein einwirkende Hand kann über ein geeignetes Gebiss sehr differenziert kommunizieren.

Deshalb gefällt mir am Bridleless Riding weniger die Botschaft „Trensen sind schlecht“.

Viel interessanter ist eine andere:

Wie wenig Ausrüstung brauchen wir eigentlich, wenn Pferd und Reiter wirklich gut miteinander kommunizieren?

Bridleless Riding ist eigentlich gar nicht neu

Das Reiten ohne Zaumzeug wurde nicht 2026 erfunden.

Schon lange vorher gab es beeindruckende Demonstrationen.

Berühmt wurden beispielsweise Reining-Vorführungen, Freiheitsdressuren und Showprogramme, bei denen Pferde ohne Kopfstück geritten wurden. Auch einzelne Springreiter haben bereits auf hohem Niveau bridleless gearbeitet.

Neu und bemerkenswert an der British Bridleless Competition war deshalb etwas anderes:

Hier wurde daraus ein eigener regulärer Wettbewerb, bei dem sämtliche Teilnehmer ohne Zaumzeug antraten.

Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen einer Showeinlage und einem Turnierkonzept.

Könnte Bridleless Riding irgendwann im normalen Turniersport ankommen?

Das dürfte die wirklich interessante Frage der nächsten Jahre werden.

Bislang schreiben viele traditionelle Regelwerke genau vor, welche Ausrüstung in einer Prüfung verwendet werden darf oder muss.

Dabei entsteht eine gewisse Ironie:

Ein Pferd kann möglicherweise eine Aufgabe vollkommen kontrolliert ohne Gebiss und sogar ohne Zaumzeug bewältigen – und trotzdem kann genau diese Ausrüstungslosigkeit in einer regulären Prüfung nicht zulässig sein.

Befürworter des Bridleless Riding wünschen sich deshalb mehr Wahlfreiheit.

Nicht mit dem Ziel, Gebisse oder Trensen komplett aus dem Sport zu verbannen, sondern um unterschiedliche funktionierende Ausbildungswege zuzulassen.

Reiten ohne Trense verändert den Blick auf gute Ausbildung

Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung dieser Entwicklung.

Natürlich werden wir nicht in ein paar Jahren sämtliche Dressurpferde mit Halsring im Grand Prix sehen.

Das muss auch überhaupt nicht das Ziel sein.

Aber erfolgreiche Bridleless-Pferde stellen eine ziemlich interessante Frage an die klassische Reiterei:

Wenn ich meinem Pferd die Trense abnehme – wie viel von unserer bisherigen Kommunikation bleibt dann noch übrig?

Ein Pferd, das sich über Sitz und feinste Hilfen regulieren lässt, zuverlässig anhält, wendet, das Tempo verändert und dabei mental beim Reiter bleibt, besitzt eine bemerkenswerte Ausbildung.

Ob man anschließend mit Halsring, gebisslos oder mit einer gut angepassten Trense weiterreitet, ist fast schon die zweite Frage.

Vielleicht liegt genau darin der größte Wert des Bridleless Riding.

Es zeigt ziemlich unbestechlich, ob zwischen Pferd und Reiter tatsächlich Kommunikation entstanden ist – oder ob bisher doch wesentlich mehr am Zügel hing, als man sich selbst eingestehen wollte.

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