Ganze Bahn und Hufschlag

Was heißt eigentlich „ganze Bahn“ – und was ist der Hufschlag?

Wer seine ersten Reitstunden nimmt, hat zunächst schon genug damit zu tun, gleichzeitig auf dem Pferd zu sitzen, die Zügel festzuhalten, die Beine ungefähr dort zu lassen, wo sie hingehören, und sich auch noch zu merken, in welche Richtung man eigentlich unterwegs ist. Und dann ruft die Reitlehrerin plötzlich quer durch die Halle: „Ganze Bahn!“

Prima. Ganze Bahn. Und was genau soll man jetzt tun?

Keine Sorge: Hinter diesem Kommando steckt keine geheimnisvolle Reiterprüfung. „Ganze Bahn“ ist eine der einfachsten Hufschlagfiguren überhaupt. Man reitet dabei schlicht außen herum. Allerdings ordentlich außen herum – und genau daran erkennt man erstaunlich schnell, ob jemand schon verstanden hat, wie eine Reitbahn eigentlich aufgebaut ist.

Was bedeutet „ganze Bahn“ beim Reiten?

Bei der Hufschlagfigur ganze Bahn reitest du einmal außen an der Begrenzung der Reitbahn entlang. In einer klassischen Reithalle oder auf einem Reitplatz bedeutet das: zwei lange Seiten und zwei kurze Seiten.

Eigentlich klingt das kinderleicht. Und grundsätzlich ist es das auch.

Trotzdem sieht die „ganze Bahn“ bei Anfängern gelegentlich eher aus wie eine Rundfahrt um einen sehr großen Kreis. Das Pferd läuft an der langen Seite noch halbwegs geradeaus, dann kommt die Ecke – und plötzlich wird großzügig abgekürzt. Aus dem eigentlich rechteckigen Reitplatz wird Stück für Stück ein Oval.

Das Pferd findet diese Variante meistens ausgezeichnet. Schließlich spart sie Weg.

Die Reitlehrerin eher nicht.

Denn beim Reiten auf der ganzen Bahn geht es nicht nur darum, irgendwie außen herumzukommen. Du lernst dabei bereits etwas sehr Wichtiges: gerade Linien zu reiten und dein Pferd korrekt durch die Ecken zu führen.

Was ist eigentlich der Hufschlag?

Als Hufschlag bezeichnet man zunächst einmal die Linie, auf der das Pferd in der Reitbahn läuft. Besonders häufig ist damit der erste Hufschlag gemeint. Das ist die äußerste Linie entlang der Bande beziehungsweise der Begrenzung des Reitplatzes.

Wenn du also ganze Bahn auf dem ersten Hufschlag reitest, bewegst du dich außen herum.

Dabei klebst du allerdings nicht mit deinem Knie an der Bande. Zwischen Pferd und Begrenzung bleibt etwas Abstand. Schließlich soll dein Pferd von dir geführt werden und nicht die Bande als Navigationssystem benutzen.

Neben dem ersten gibt es auch einen zweiten und dritten Hufschlag. Diese Linien liegen entsprechend weiter im Inneren der Bahn. Wenn deine Reitlehrerin beispielsweise sagt: „Reite auf dem zweiten Hufschlag“, sollst du bewusst etwas Abstand von der Bande halten.

Das ist übrigens schwieriger, als es aussieht. An der Bande kann sich ein Pferd wunderbar orientieren. Nimmt man diese Begrenzung weg, stellt man als Anfänger manchmal überrascht fest, dass das Pferd ganz eigene Vorstellungen davon hat, was eine gerade Linie ist.

Ganze Bahn bedeutet nicht: irgendwie außen herum

Stell dir einen klassischen Reitplatz von oben vor. Er ist rechteckig.

Und dieses Rechteck möchten wir beim Reiten auch tatsächlich wiedererkennen.

Du reitest die lange Seite möglichst gerade, bereitest anschließend die Ecke vor, durchreitest sie und kommst auf die kurze Seite. Danach folgt die nächste Ecke und anschließend wieder eine lange Seite.

Natürlich läuft ein Pferd nicht wie ein Auto mit einem rechtwinkligen 90-Grad-Knick um die Ecke. Die Ecke wird auf einer kleinen gebogenen Linie durchritten. Trotzdem solltest du sie nicht zehn Meter vorher abschneiden.

Sonst entsteht irgendwann genau das berühmte Anfänger-Oval:

Reitplatz: ▭Gerittene Linie: ⬭

Das Pferd hat damit erfolgreich Grundfläche eingespart. Für die Hufschlagfigur gibt es trotzdem keine Bestnote.

Warum sind die Ecken bei „ganze Bahn“ so wichtig?

Die Ecken sind keineswegs nur lästige Hindernisse zwischen zwei geraden Seiten. Du lernst dort bereits, dein Pferd auf eine gebogene Linie vorzubereiten und anschließend wieder geradezurichten.

Ein Pferd läuft nämlich nicht automatisch genau dorthin, wohin du gerade schaust. Du musst ihm mit deinen Hilfen erklären, welchen Weg du möchtest.

Gerade Anfänger neigen dazu, sich stark auf das Lenken mit den Zügeln zu konzentrieren. Dabei spielen auch Sitz und Schenkel eine Rolle. Nach und nach lernst du, dein Pferd so durch die Ecke zu führen, dass es weder nach innen abkürzt noch einfach mit der Schulter irgendwohin driftet.

Am Anfang muss das natürlich noch nicht aussehen wie bei einer Dressurprüfung. Wichtig ist erst einmal, dass du verstehst, wo du hinreiten möchtest.

Rechte Hand und linke Hand – was bedeutet das?

Im Zusammenhang mit der ganzen Bahn wirst du wahrscheinlich ziemlich schnell noch zwei weitere Begriffe hören: rechte Hand und linke Hand.

Das bedeutet nicht, mit welcher Hand du den Zügel besser festhalten kannst.

Reitest du auf der rechten Hand, befindet sich deine rechte Hand beziehungsweise deine rechte Körperseite zur Bahnmitte hin. Reitest du auf der linken Hand, liegt entsprechend deine linke Seite innen.

Noch einfacher kannst du es dir am Anfang so merken: Entscheidend ist die Richtung, in der du die Bahn umrundest.

Später wird das wichtig, weil viele Übungen und Hufschlagfiguren auf beiden Händen geritten werden.

Warum lernt man „ganze Bahn“ gleich am Anfang?

Weil diese scheinbar einfache Hufschlagfigur bereits erstaunlich viele Grundlagen enthält. Du lernst, dein Pferd auf einer vorgegebenen Linie zu führen, geradeaus zu reiten, Ecken vorzubereiten und eine gleichmäßige Richtung einzuhalten.

Außerdem brauchst du die ganze Bahn ständig. Von dort aus beginnen später viele andere Hufschlagfiguren: durch die ganze Bahn wechseln, durch die halbe Bahn wechseln, Zirkel, Volten, Schlangenlinien und vieles mehr.

Die ganze Bahn ist gewissermaßen die Hauptstraße des Reitplatzes. Wenn du dich dort zurechtfindest, können wir anschließend anfangen, abzubiegen.

Und wenn meine ganze Bahn noch ziemlich rund aussieht?

Dann bist du vermutlich einfach Anfänger.

Niemand steigt zum ersten Mal aufs Pferd und durchreitet sofort jede Ecke auf den Zentimeter genau. Gerade Schulpferde wissen außerdem ziemlich genau, an welchen Stellen Reitschüler normalerweise vergessen, dass sie eigentlich bestimmen wollten, wo es langgeht.

Das Entscheidende ist deshalb nicht, dass deine erste ganze Bahn perfekt aussieht. Du solltest verstehen, was du reiten möchtest:

Außen entlang, die langen Seiten gerade, die kurzen Seiten gerade und die Ecken tatsächlich mitnehmen.

Dann wird aus dem anfänglichen Oval irgendwann tatsächlich ein ordentliches Viereck.

Und spätestens dann kann deine Reitlehrerin etwas Neues durch die Halle rufen, von dem du noch nie gehört hast.

Eine Antwort zu „Ganze Bahn und Hufschlag“

  1. Avatar von Gebogene Linien reiten – Alles über Pferde

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