Meine Erfahrungen mit Friesenpferden – warum ich diese Pferderasse bis heute liebe, sie aber nicht jedem empfehlen würde
Wer mich fragt, welche Pferderasse meine Reitschüler optisch am schönsten finde, bekommt von mir bis heute fast immer dieselbe Antwort: den Friesen. Es gibt nur wenige Pferde, die eine so beeindruckende Ausstrahlung besitzen. Ein gut gepflegter Friese zieht Blicke magisch an. Das tiefschwarze Fell glänzt in der Sonne fast blau, die lange Mähne fällt wie ein Vorhang über den Hals und der üppige Schweif bewegt sich bei jedem Schritt mit einer Eleganz, die man kaum beschreiben kann. Dazu kommen der kräftige Körperbau und dieser stolze Gesichtsausdruck, der Friesen oft etwas Erhabenes verleiht. Kein Wunder also, dass viele Menschen schon beim ersten Anblick den Wunsch entwickeln, genau so ein Pferd besitzen zu wollen.
Mir ging es damals nicht anders. Über viele Jahre hatte ich immer wieder mit Friesen zu tun. Einige standen in meiner Reitschule, andere gehörten Privatbesitzern und waren bis in die höheren Dressurklassen ausgebildet. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, sehr unterschiedliche Vertreter dieser Rasse kennenzulernen – vom gemütlichen Schulpferd bis zum hervorragend gymnastizierten Dressurpferd. Rückblickend bin ich darüber sogar froh, denn genau diese Erfahrungen haben meinen Blick auf den Friesen realistischer gemacht.
Wenn ich heute im Internet lese, dass Friesen grundsätzlich perfekte Freizeitpferde seien oder praktisch jedem Reiter Freude bereiten würden, muss ich ehrlich sagen, dass ich das so nicht unterschreiben kann. Nicht, weil ich die Rasse nicht mag – ganz im Gegenteil. Ich schätze Friesen bis heute sehr. Aber ich habe gelernt, dass zwischen der beeindruckenden Optik und dem tatsächlichen Reitgefühl manchmal ein deutlicher Unterschied liegen kann. Genau darüber möchte ich in diesem Erfahrungsbericht sprechen.
In meiner Reitschule waren die Friesen immer die heimlichen Stars
Schon morgens, wenn die ersten Reitschüler auf den Hof kamen, konnte man oft beobachten, welche Pferde besonders viel Aufmerksamkeit bekamen. Die Friesen gehörten fast immer dazu. Viele Reitschüler wollten sie unbedingt putzen, Besucher blieben vor ihren Boxen stehen und fragten nach ihren Namen, und wenn ein Friese geschniegelt und geschniegelt aus der Stallgasse kam, drehten sich selbst Menschen um, die mit Pferden eigentlich gar nichts am Hut hatten.
Ich kann das gut verstehen. Die Reitmädels haben es geliebt, ihre Mähnen einzuflechten. Vor Lehrgängen oder Vorführungen wurde daraus fast schon ein kleines Ritual. Strähne für Strähne entstanden unzählige kleine Zöpfe, bis schließlich der gesamte Mähnenkamm sauber gearbeitet war. Zusammen mit dem langen Schweif und dem gepflegten Behang sahen die Pferde einfach fantastisch aus. Man konnte sich kaum sattsehen.
Damals dachte ich ehrlich gesagt genauso wie viele andere: Wer so schön aussieht, muss sich auch traumhaft reiten lassen.
Heute weiß ich, dass beides nicht zwangsläufig zusammengehört.
Mein Blick auf Friesen änderte sich erst im Sattel
Je länger ich geritten bin, desto weniger wichtig wurde für mich das Aussehen eines Pferdes. Irgendwann interessiert einen schlicht etwas anderes. Wie fühlt sich das Pferd an? Arbeitet es ehrlich mit? Sitzt man bequem? Entwickelt man Vertrauen? Macht das Reiten langfristig Freude?
Genau an diesem Punkt begann ich, Friesen etwas differenzierter zu sehen.
Sie waren niemals böse Pferde. Ich habe keinen Friesen erlebt, der grundlos gefährlich gewesen wäre oder versucht hätte, seinen Reiter loszuwerden. Im Gegenteil: Die meisten waren ausgesprochen freundlich und geduldig. Trotzdem hatte ich immer häufiger das Gefühl, dass sie für den klassischen Reitschulbetrieb nicht unbedingt geschaffen sind.
Vor allem bei Anfängern fiel mir etwas auf, das ich bei anderen Pferderassen deutlich seltener erlebt habe.
Friesen scheinen sehr genau zu merken, wer oben sitzt.
Wenn ein erfahrener Reiter einstieg, arbeiteten viele Pferde ordentlich mit. Die Hilfen wurden angenommen, Übergänge klappten gut und das Pferd lief motiviert vorwärts. Saß dagegen ein Anfänger im Sattel, änderte sich das Bild manchmal erstaunlich schnell. Plötzlich wurde jeder Galopp zur Diskussion, der Trab verlor seinen Schwung und man hatte das Gefühl, das Pferd würde nur noch das absolut Nötigste tun.
Natürlich kann ich nicht in den Kopf eines Pferdes schauen. Aber nach vielen Reitstunden entstand bei mir immer wieder derselbe Eindruck: Einige Friesen waren durchaus bereit mitzuarbeiten – allerdings nur, wenn der Reiter ihnen auch eine klare, sichere Hilfengebung anbieten konnte.
Ich habe irgendwann aufgehört, Friesen im Reitunterricht zu wählen
Das mag für manche überraschend klingen, aber genau das ist irgendwann passiert.
Wenn ich die Wahl hatte, welches Pferd ich in der Reitstunde reiten einsetzen, entschied ich mich immer seltener für einen Friesen. Nicht, weil ich sie nicht mochte, sondern weil mir andere Pferde einfach mehr Freude bereiteten.
Bei vielen Friesen mussten die Reitschüler deutlich mehr arbeiten, um überhaupt einen gleichmäßigen Bewegungsfluss zu bekommen. Besonders der Galopp kostete manchmal erstaunlich viel Überzeugungsarbeit. Man trieb, bereitete den Übergang sorgfältig vor und trotzdem sprang das Pferd entweder gar nicht an oder fiel nach wenigen Sprüngen wieder in den Trab zurück.
Damals dachte ich oft, dass muss doch gehen und fragte mich, warum die Reitschüler das nicht schafften.
Heute sehe ich das etwas entspannter. Friesen bringen einfach körperliche Voraussetzungen mit, die eine gute Ausbildung besonders wichtig machen. Ohne ausreichende Gymnastizierung fällt es vielen schwer, sich sauber auszubalancieren und dauerhaft Last mit der Hinterhand aufzunehmen.
Der Trab war für mich häufig der größte Unterschied
Wenn mich heute jemand fragt, was mir beim Reiten eines Friesen am stärksten in Erinnerung geblieben ist, dann ist es tatsächlich der Trab.
Viele Friesen besitzen einen enorm schwungvollen Bewegungsablauf. Das sieht vom Boden aus wunderschön aus und sorgt dafür, dass sie auf Vorführungen unglaublich elegant wirken. Im Sattel fühlt sich das allerdings manchmal ganz anders an.
Ich habe einige Friesen geritten, deren Trab ausgesprochen schwer auszusitzen war. Man musste den gesamten Körper ständig stabilisieren, die Bewegung aufnehmen und gleichzeitig locker bleiben. Gerade weniger geübte Reiter kamen dabei schnell an ihre Grenzen.
Ich erinnere mich noch gut an Reitstunden, nach denen die Reitschüler deutlich erschöpfter abgestiegen bin als nach derselben Unterrichtseinheit auf einem Warmblut oder Fjordies. Nicht, weil die Stunde anspruchsvoller gewesen wäre, sondern weil der Bewegungsablauf des Pferdes dem Reiter körperlich einfach sehr viel mehr abverlangte.
Auch am Zügel waren manche Friesen anspruchsvoll
Ein weiterer Punkt, den ich bei mehreren Pferden erlebt habe, war das Reiten an den Hilfen.
Natürlich unterscheiden sich Friesen je nach Zuchtlinie erheblich. Moderne Sportfriesen fühlen sich oft ganz anders an als eher barock gezogene Pferde. Trotzdem hatte ich bei einigen Friesen den Eindruck, dass sie deutlich mehr gymnastische Arbeit benötigten, um wirklich losgelassen und korrekt an den Zügel heranzutreten.
Sie machten sich gern fest, trugen den Hals sehr hoch oder kamen ins Laufen, ohne sich dabei wirklich über den Rücken zu bewegen. Für einen erfahrenen Reiter ist das eine lösbare Aufgabe. Für Anfänger dagegen wird das schnell anstrengend.
Genau deshalb sehe ich Friesen heute etwas kritischer als klassische Anfängerpferde. Nicht wegen ihres Wesens, sondern wegen ihrer Bewegungsmechanik und ihrer körperlichen Voraussetzungen.
Dann durfte ich hervorragend ausgebildete Friesen reiten
Zum Glück blieb meine Erfahrung nicht auf Reitschulpferde beschränkt.
Später hatte ich mehrfach Gelegenheit, Friesen zu reiten, die dressurmäßig sehr weit gefördert waren. Teilweise liefen sie auf einem Niveau, das man im normalen Reitschulbetrieb kaum zu sehen bekommt.
Und plötzlich verstand ich, warum manche Menschen von dieser Pferderasse regelrecht schwärmen.
Diese Pferde waren kaum wiederzuerkennen. Der Galopp war weich und bergauf, die Übergänge gelangen mühelos, die Hinterhand arbeitete aktiv unter den Schwerpunkt und der gesamte Bewegungsablauf wirkte deutlich harmonischer. Auch der Trab fühlte sich vollkommen anders an. Noch immer kraftvoll, aber wesentlich besser zu sitzen, weil die Pferde gelernt hatten, ihren Rücken richtig einzusetzen und sich selbst zu tragen.
Das war für mich ein echtes Aha-Erlebnis.
Mir wurde klar, dass viele Eigenschaften, die ich vorher der Rasse zugeschrieben hatte, in Wirklichkeit viel mit Ausbildung und Muskulatur zusammenhängen.
Gute Dressurarbeit verändert den gesamten Friesen
Seit diesen Erfahrungen sehe ich Friesen mit anderen Augen.
Ich glaube, dass kaum eine Pferderasse so deutlich von konsequenter Dressurarbeit profitiert. Ein Friese muss lernen, seinen Körper sinnvoll einzusetzen. Er braucht Kraft in der Hinterhand, einen tragfähigen Rücken und genügend Balance. Entwickelt sich diese Muskulatur über Jahre hinweg, verändert sich das gesamte Reitgefühl.
Plötzlich verschwinden viele Probleme, die bei unausgebildeten Pferden noch deutlich zu spüren waren. Die Übergänge werden leichter, das Pferd findet sein Gleichgewicht und beginnt, den Reiter tatsächlich zu tragen, anstatt sich selbst irgendwie durch die Reitstunde zu kämpfen.
Genau diese Entwicklung durfte ich mehrfach beobachten. Deshalb würde ich heute niemals behaupten, Friesen könnten grundsätzlich schlecht galoppieren oder seien schwierig zu reiten. Vielmehr habe ich gelernt, dass ihre Ausbildung einen besonders großen Einfluss darauf hat, wie sie sich später anfühlen.
Im Gelände gehörten Friesen zu meinen liebsten Begleitern
Interessanterweise war das Bild außerhalb der Reithalle oft ganz anders.
Im Gelände habe ich Friesen immer als ausgesprochen zuverlässige Pferde erlebt. Natürlich erschrickt jedes Pferd einmal, aber ich kann mich kaum an Situationen erinnern, in denen ein Friese draußen ernsthaft die Nerven verloren hätte. Sie wirkten auf mich ruhig, gelassen und ausgesprochen vertrauenswürdig.
Gerade beim Ausreiten machten sie mir deshalb oft mehr Freude als in der Halle. Auf langen Wegen fanden sie ihren Rhythmus leichter, konnten ihren Galopp besser entwickeln und wirkten insgesamt entspannter. Vielleicht lag es daran, dass sie draußen mehr Platz hatten, vielleicht spielte auch der gerade Untergrund eine Rolle. Woran es letztlich lag, kann ich nicht sicher sagen. Fest steht nur, dass ich viele wunderschöne Ausritte auf Friesen erlebt habe und mich draußen jederzeit sicher gefühlt habe.
Würde ich heute wieder einen Friesen kaufen?
Wenn ich nur nach dem Herzen entscheiden müsste, wahrscheinlich ja.
Wenn ich ausschließlich nach dem Reitgefühl entscheiden müsste, würde ich sehr genau hinschauen.
Genau das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich aus all den Jahren mitgenommen habe. Ein Friese ist für mich kein Pferd, das man ausschließlich wegen seines Aussehens kaufen sollte. Diese Rasse verdient es, dass man sich vorher intensiv mit ihren Eigenschaften beschäftigt und möglichst viele unterschiedliche Vertreter kennenlernt.
Wer nur ein paar schöne Fotos gesehen hat, kennt den Friesen noch lange nicht.
Wer dagegen einmal einen gut ausgebildeten Friesen unter einem erfahrenen Reiter erlebt und anschließend selbst reitet, versteht schnell, welches Potenzial in dieser Rasse steckt.
Mein persönliches Fazit
Ich bereue keine einzige Stunde, die ich mit Friesen verbracht habe. Sie haben mich viel über Pferde gelehrt und meinen Blick auf Ausbildung und Gymnastizierung nachhaltig verändert. Gleichzeitig haben sie mir gezeigt, dass Schönheit allein kein Kriterium für die Wahl eines Pferdes sein sollte.
Bis heute gehören Friesen für mich zu den beeindruckendsten Pferderassen überhaupt. Ich bleibe stehen, wenn ich einen schönen Friesen sehe, und freue mich noch immer über ihre imposante Erscheinung. Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung, dass sie sich sehr unterschiedlich reiten können und dass gerade unausgebildete oder wenig trainierte Friesen ihrem Reiter einiges abverlangen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Rasse heute mehr schätze als früher. Nicht, weil ich sie idealisiere, sondern weil ich sie über viele Jahre in ganz unterschiedlichen Situationen erleben durfte. Ich kenne die wunderschöne Seite dieser Pferde genauso wie die Momente, in denen ich nach einer Reitstunde dachte: Heute hätte ich vielleicht doch lieber ein anderes Pferd gewählt. Und genau diese Mischung aus Begeisterung und realistischer Einschätzung macht meine Erfahrungen mit Friesen für mich bis heute so wertvoll.

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