Das Pearl-Gen beim Pferd
Das Pearl-Gen ist die stillste aller Farbaufhellungen bei den Pferdefarben . Ein einzelnes Pearl-Allel verändert am Pferd nichts Sichtbares, es wandert unbemerkt durch die Generationen und taucht erst auf, wenn zwei davon zusammentreffen. Dann entsteht eine Farbe, die auf den ersten Blick wie Champagne aussieht, genetisch aber nichts damit zu tun hat. Und in Kombination mit einem einzelnen Cream-Gen entsteht ein Pferd, das aussieht wie ein Cremello oder Perlino, aber keiner ist.
Genau diese drei Punkte, die Unsichtbarkeit im heterozygoten Zustand, die Verwechslungsgefahr mit Champagne und die Täuschung durch die Kombination mit Cream, machen Pearl zu einem der spannendsten und am häufigsten missverstandenen Themen der Pferdefarbgenetik. Dieser Beitrag erklärt, was hinter dem Gen steckt, wie es aussieht, woher es kommt und woran man es erkennt.
Was das Pearl-Gen ist
Pearl ist ein Verdünnungsgen, also ein Gen, das die Grundfarbe eines Pferdes aufhellt. Grundfarben beim Pferd sind Fuchs, Brauner und Rappe, festgelegt über die beiden Genorte Extension und Agouti. Alles, was danach kommt, verändert diese Grundfarbe nur noch: Cream, Falbe (Dun), Silver, Champagne, Mushroom und eben Pearl. Sechs solcher Verdünnungen sind beim Pferd bislang beschrieben.
Pearl unterscheidet sich von den anderen in einem entscheidenden Punkt: Es wird rezessiv vererbt. Cream, Falbe, Silver und Champagne zeigen sich schon, wenn ein Pferd eine einzige Kopie besitzt. Pearl zeigt sich nicht. Ein Pferd mit einem Pearl-Allel ist ein Fuchs, ein Brauner oder ein Rappe wie jedes andere, es sieht aus wie ein Pferd ohne jede Verdünnung. Erst zwei Kopien machen die Farbe sichtbar.
Das Kürzel für das Allel ist Prl oder prl, wissenschaftlich C hoch prl, weil es zur Allelserie am Cream-Genort gehört. In den USA wurde dieselbe Aufhellung lange „Barlink Factor“ genannt, in Spanien und Portugal „Perla“. Es handelt sich um ein und dieselbe Mutation.
Der Genort: SLC45A2 auf Chromosom 21
Pearl sitzt auf Pferdechromosom 21, im Gen SLC45A2, früher MATP genannt. Dieses Gen kodiert ein Transportprotein in der Membran der Pigmentzellen. Man geht davon aus, dass es Moleküle transportiert, die für den korrekten Aufbau und die Funktion der Melanosomen gebraucht werden, also der kleinen Zellorganellen, in denen das Pigment hergestellt und gespeichert wird. Funktioniert dieses Protein schlechter, wird weniger oder blasseres Pigment eingelagert. Das Fell wird heller, die Haut wird heller, die Augen werden heller.
Dasselbe Gen ist beim Menschen für den okulokutanen Albinismus Typ 4 verantwortlich, bei Hühnern, Wachteln und Medaka-Fischen für Farbvarianten des Gefieders beziehungsweise der Haut. Es ist also ein evolutionär altes und weit verbreitetes Pigmentgen.
Beim Pferd sitzen inzwischen mehrere bekannte Mutationen in diesem einen Gen:
Cream, die klassische Aufhellung, geht auf eine Punktmutation zurück, die 2003 von Mariat und Kollegen beschrieben wurde (Aminosäuretausch Asparaginsäure zu Asparagin an Position 153).
Pearl geht auf eine Punktmutation in Exon 4 zurück: SLC45A2 c.985G>A, Aminosäuretausch Alanin zu Threonin an Position 329. Die Assoziation wurde 2011 von Penedo und Kollegen auf dem Havemeyer-Workshop vorgestellt, der formale Nachweis als ursächliche Mutation folgte 2019 in zwei unabhängigen Arbeiten (Sevane, Sanz und Dunner sowie Holl und Kollegen, beide in Animal Genetics).
Sunshine, ein sehr seltenes weiteres Allel, beschrieben 2019: c.568G>A, Glycin zu Arginin an Position 190.
Snowdrop, ebenfalls 2019 beschrieben, gefunden bei Tinkern/Gypsy Horses: c.305G>A, Arginin zu Glutamin an Position 102.
Diese Reihe ist der Schlüssel zum Verständnis von Pearl. Ein Pferd hat an jedem Genort genau zwei Plätze, einen von der Mutter, einen vom Vater. Cream, Pearl, Sunshine und Snowdrop konkurrieren um dieselben zwei Plätze. Ein Pferd kann also nicht gleichzeitig zwei Cream und zwei Pearl tragen. Es kann Cream und Pearl haben, aber dann hat es von jedem genau eines, und der Platz für ein zweites Cream ist besetzt. Genau daraus ergeben sich alle Besonderheiten, die weiter unten beschrieben werden.
So sieht ein Pferd mit zwei Pearl-Genen aus
Zwei Pearl-Allele (prl/prl) hellen sowohl rotes als auch schwarzes Pigment auf, gleichmäßig über den ganzen Körper und einschließlich Mähne und Schweif. Wie das Ergebnis aussieht, hängt komplett von der Grundfarbe darunter ab.
Fuchs mit doppeltem Pearl wird zu einem blassen, sehr gleichmäßigen Apricot- bis Sandton. Deckhaar, Mähne und Schweif liegen dabei farblich dicht beieinander, das Pferd wirkt „aus einem Guss“, nicht wie ein Palomino mit hellem Langhaar und deutlich dunklerem Körper. Wegen dieses Apricottons wurde das Gen in der Forschungsphase zeitweise „Apricot-Gen“ genannt.
Brauner mit doppeltem Pearl wird ebenfalls sandfarben, behält aber die dunkleren Abzeichen an Beinen, Mähne und Schweif in aufgehellter Form, weil beim Braunen schwarzes Pigment auf die Körperspitzen begrenzt ist.
Rappe mit doppeltem Pearl wird zu einem hellen, oft metallisch oder silbrig wirkenden Grau bis Graubraun. In Spanien heißt diese Variante Isabelo negro.
Dazu kommen die Merkmale, die nicht am Fell hängen: Die Haut ist deutlich heller als bei einem unverdünnten Pferd, häufig rosa bis hellbraun und oft gesprenkelt. Die Augen sind aufgehellt, meist bernsteinfarben, hellbraun oder grünlich. Viele Beschreibungen erwähnen außerdem einen auffälligen Glanz des Fells, dem die Farbe ihren Namen verdankt.
Ein einzelnes Pearl-Gen sieht man nicht
Ein Pferd mit nur einem Pearl-Allel (N/prl) ist phänotypisch nicht von einem Pferd ohne Pearl zu unterscheiden. Der Fuchs bleibt Fuchs, der Rappe bleibt Rappe. Manche Quellen beschreiben bei hellhäutigen Trägern vereinzelte rosa Flecken auf der Haut, ein verlässliches Erkennungsmerkmal ist das nicht.
Das macht Pearl zum reinsten Beispiel für einen Anlagenträger, das die Pferdefarbgenetik zu bieten hat. Das Allel kann über viele Generationen unsichtbar weitergegeben werden. Es fällt niemandem auf, es steht in keinem Papier, und dann fällt aus zwei völlig normal gefärbten Elterntieren plötzlich ein sandfarbenes Fohlen mit hellen Augen. Genau so wurde die Farbe historisch immer wieder entdeckt, und genau so ist sie in Populationen erhalten geblieben, in denen niemand gezielt darauf geachtet hat.
Ein Schimmel kann Pearl übrigens ebenso tragen wie jedes andere Pferd. Das Schimmelgen überlagert jede Grundfarbe und jede Verdünnung, ein Schimmel mit doppeltem Pearl ergraut trotzdem. Sichtbar ist die Farbe dann höchstens im Fohlenalter, bevor der Ausschimmelprozess einsetzt.
Die Besonderheit: Pearl trifft Cream
Hier wird es interessant, und hier entstehen die meisten Missverständnisse.
Ein Pferd mit einem Cream-Allel und einem Pearl-Allel (Cr/prl) wird in der Genetik als compound heterozygot bezeichnet: zwei verschiedene Mutationen an denselben zwei Plätzen. Der Effekt: Dieses Pferd sieht aus wie ein Pferd mit zwei Cream-Allelen. Ein Fuchs mit Cream und Pearl wirkt wie ein Cremello, ein Brauner wie ein Perlino, ein Rappe wie ein Smoky Cream. Fast weißes bis champagnerfarbenes Fell, helle Haut, helle Augen.
In der Fachliteratur heißen solche Pferde „false double dilutes“, also Scheindoppelverdünnte, oder „pseudo double dilutes“. Genau über solche Pferde ist die Mutation überhaupt gefunden worden: Man testete Pferde, die eindeutig wie Doppelcream aussahen, fand aber nur ein einziges Cream-Allel und suchte nach der Erklärung.
Es gibt zwei Punkte, an denen sich diese Pferde von echten Doppelcreams unterscheiden können.
Erstens die Augen. Echte Cremellos, Perlinos und Smoky Creams haben blaue Augen. Cream-Pearl-Pferde haben häufiger grüne, hellbraune oder haselnussfarbene Augen. Verlässlich ist das nicht in jedem Einzelfall, aber es ist der Punkt, der Besitzern am häufigsten zuerst auffällt.
Zweitens, und das ist der eigentlich wichtige Unterschied, die Vererbung. Ein echter Cremello gibt an jedes Fohlen zwingend ein Cream-Allel weiter, jedes Fohlen ist mindestens einfach verdünnt. Ein Cream-Pearl-Pferd gibt in der Hälfte der Fälle das Pearl-Allel weiter, und ein Fohlen, das nur dieses Pearl-Allel erbt, ist optisch völlig unverdünnt. Aus einem Pferd, das wie ein Cremello aussieht, kann also ein ganz normaler Fuchs oder Brauner fallen. Für jeden, der mit Farbpapieren arbeitet oder ein Pferd nach seiner Farbe kauft, ist das der entscheidende Punkt.
Wie sich Pearl weitervererbt
Weil Pearl rezessiv ist, folgt es einem klassischen Aufspaltungsmuster.
Treffen zwei unsichtbare Träger aufeinander (N/prl x N/prl), sind rechnerisch 25 Prozent der Fohlen doppelt Pearl und damit sichtbar aufgehellt, 50 Prozent sind wieder unsichtbare Träger, 25 Prozent haben das Allel gar nicht. Das ist die Konstellation, aus der die überraschenden Fohlen entstehen.
Trifft ein doppeltes Pearl-Pferd auf ein Pferd ohne Pearl (prl/prl x N/N), sind alle Fohlen Träger und alle sehen unverdünnt aus. Das Gen verschwindet für eine Generation vollständig aus dem Blickfeld.
Trifft ein doppeltes Pearl-Pferd auf einen Träger (prl/prl x N/prl), ist die Hälfte der Fohlen doppelt Pearl und sichtbar aufgehellt, die andere Hälfte unsichtbarer Träger.
Zwei doppelte Pearl-Pferde bringen ausschließlich doppelte Pearl-Fohlen, weil kein anderes Allel mehr im Spiel ist.
Kommt Cream dazu, wird die Rechnung vielfältiger. Ein Cream-Pearl-Pferd (Cr/prl) gibt an jedes Fohlen entweder Cream oder Pearl weiter, jeweils mit gleicher Wahrscheinlichkeit. Verpaart mit einem Pferd ohne beides entstehen zur Hälfte einfach cream-verdünnte Fohlen, also Palomino, Buckskin oder Smoky Black, und zur Hälfte optisch unverdünnte Pearl-Träger. Aus einem Pferd, das aussieht wie ein Doppelcream, fällt also die Hälfte der Fohlen ohne jede sichtbare Aufhellung.
Abgrenzung: Pearl, Champagne, Cream, Silver und Falbe
Optisch ist Pearl mit mehreren anderen Aufhellungen verwechselbar. Die Unterschiede im Einzelnen:
Champagne ist die häufigste Verwechslung. Champagne sitzt in einem völlig anderen Gen (SLC36A1) und wird dominant vererbt, eine einzige Kopie genügt. Champagne-Fohlen werden dunkel geboren, mit rosa Haut und blauen Augen, hellen dann auf, und die Augen wechseln zu Bernstein oder Haselnuss. Die Haut wird mit dem Alter zunehmend gesprenkelt, besonders um Augen, Maul und Genitalien. Ein Champagne-Pferd hat also fast immer einen deutlich gesprenkelten Hautbefund und stammt zwingend von einem Elternteil mit Champagne ab. Genau daran scheitert die Verwechslung bei Pearl regelmäßig: Steht ein sandfarbenes Pferd da, dessen Eltern beide unverdünnt sind, kann es kein Champagne sein, weil dominante Gene keine Generation überspringen.
Cream heterozygot erzeugt Palomino, Buckskin und Smoky Black, also Farben mit deutlichem Kontrast zwischen Körper und Langhaar. Doppelcream erzeugt fast weiße Pferde mit blauen Augen. Ein doppeltes Pearl liegt farblich dazwischen und wirkt gedeckter, mit Bernstein- statt Blauaugen.
Silver hellt ausschließlich schwarzes Pigment auf und lässt rotes unberührt. Ein Fuchs kann Silver tragen, ohne dass man es sieht. Silver wirkt vor allem im Langhaar, nicht flächig über den ganzen Körper.
Falbe (Dun) hellt das Deckhaar auf und bringt die Wildzeichnung mit: Aalstrich, oft Zebrastreifen an den Beinen, dunkle Ohrränder. Pearl bringt nichts davon mit. Ein sandfarbenes Pferd ohne Aalstrich ist mit Sicherheit kein Falbe.
Tigerscheckung erzeugt ebenfalls gesprenkelte Haut, aber mit einem anderen Muster: größere, blockige Flecken aus normal pigmentierter und rosa Haut, dazu weiße Lederhaut um das Auge. Die Sprenkelung bei Champagne und Pearl ist feiner.
In der Praxis lässt sich der Unterschied am lebenden Pferd oft nicht sicher entscheiden. Er lässt sich testen, und nur der Test ist eine Aussage.
Die Geschichte: von der Iberischen Halbinsel in die Welt
Alles, was man über die Herkunft des Pearl-Allels weiß, zeigt in Richtung Iberische Halbinsel.
Den ältesten Nachweis liefert eine Arbeit von Wutke und Kollegen aus dem Jahr 2016, veröffentlicht in Scientific Reports. Das Team analysierte 201 Proben alter Pferde-DNA aus verschiedenen Epochen und untersuchte sie auf Farbgene. Das Pearl-Allel fand sich in drei mittelalterlichen Proben: einer iberischen, einer deutschen und einer slowakischen. In 52 vormittelalterlichen Proben tauchte es nicht auf. Diese drei Funde sind bis heute der älteste Nachweis der Mutation.
Bemerkenswert daran ist der deutsche und der slowakische Fund. Das Allel existierte im Mittelalter also auch außerhalb der Iberischen Halbinsel, ist dort aber wieder verschwunden. Die Autoren nennen dafür zwei plausible Gründe: die sehr geringe Häufigkeit des Allels und die Tatsache, dass es im heterozygoten Zustand unsichtbar bleibt. Was man nicht sieht, kann man nicht gezielt erhalten, und was selten ist, verliert sich durch Zufall. Genau das ist mit dem Pearl-Allel in Nord- und Mitteleuropa geschehen.
Auf der Iberischen Halbinsel hielt es sich. Von dort gelangte es mit den spanischen Pferden der Kolonialzeit nach Amerika und wurde Teil des genetischen Fundaments jener Populationen, die auf spanische Pferde zurückgehen: der Mustangs, später der Quarter Horses und Paint Horses und der Gangpferde Südamerikas wie des Peruanischen Pasos.
In der Zuchtgeschichte der Pura Raza Española selbst hatten die verdünnten Farben lange keinen leichten Stand. Über Jahrzehnte galten Schimmel und Braune als das Ideal der Rasse, und die Frage, welche Farben ins Stutbuch gehören, wurde innerhalb der Rasse immer wieder kontrovers diskutiert. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten sind Perla, Isabelo und die cream-verdünnten Farben zu einem eigenen Zuchtzweig mit eigener Käuferschaft geworden.
Barlink Macho Man und der Barlink Factor
In den USA hat das Gen einen eigenen Namen und eine eigene Geschichte.
Der Paint-Hengst Barlink Macho Man wurde 1982 bei der Familie Simmelink im Ort Madras im US-Bundesstaat Oregon geboren. Seine Mutter war die Quarter-Horse-Stute Prize’s Bar Link, Rufname Britches, sein Vater der AQHA-Hengst Tuffy Two Spades. Er wurde einer der erfolgreichsten Halter-Vererber der Rasse und 2017 in die Hall of Fame der American Paint Horse Association aufgenommen.
Auffällig war, dass in seiner Nachkommenschaft immer wieder ungewöhnlich helle Pferde auftauchten, die sich mit den damals bekannten Verdünnungsgenen nicht erklären ließen. Weil sich viele dieser Pferde auf diesen einen Hengst zurückführen ließen, sprach man in der Quarter- und Paint-Horse-Szene vom „Barlink Factor“.
Die Untersuchungen am Veterinary Genetics Laboratory der University of California in Davis identifizierten die Mutation hinter diesem Barlink Factor und zeigten anschließend, dass es exakt dieselbe Mutation ist wie die Perla-Aufhellung der spanischen Pferde. Die naheliegende Erklärung: die spanische Abstammung, die in Quarter Horses und Paints steckt. Seither hat sich international der Name Pearl durchgesetzt, weil er den historisch älteren Ursprung anerkennt.
Bei welchen Rassen Pearl vorkommt
Pearl gilt als eine der seltensten Farbanlagen des Pferdes und ist bislang nur in einer überschaubaren Zahl von Rassen bestätigt.
Sicher belegt ist Pearl bei den iberischen Rassen: Pura Raza Española (Andalusier) und Lusitano. Von dort ausgehend findet es sich bei Rassen mit iberischen Wurzeln: American Quarter Horse, American Paint Horse, Peruanischer Paso, dazu Mustangs mit spanischem Erbe und Kreuzungsprodukte wie der Azteca.
In nord- und osteuropäischen sowie asiatischen Rassen ist Pearl bislang nicht als natürlich vorkommende Anlage nachgewiesen. Wo es in mitteleuropäischen Zuchten auftaucht, geht es in aller Regel auf eingekreuzte iberische Pferde zurück, und da Barockpferde und PRE-Blut in vielen Freizeit- und Barockzuchten stecken, ist genau das der Weg, auf dem das Allel wieder nach Mitteleuropa gelangt.
Wichtig ist die Abgrenzung zu ähnlichen Fällen bei anderen Rassen: Die 2019 bei Tinkern beschriebene Snowdrop-Variante und die bei einer Traber-Kreuzung gefundene Sunshine-Variante sehen ähnlich aus, sind aber andere Mutationen. Ein aufgehelltes Tinkerpferd ist deshalb kein Beleg dafür, dass Pearl bei Tinkern vorkommt.
Namen und Bezeichnungen: perla, isabelo, cream pearl
Rund um Pearl herrscht ein Begriffswirrwarr, das beim Pferdekauf zu echten Missverständnissen führen kann.
In Spanien heißt ein Pferd mit einem Pearl-Allel schlicht Träger, ein Pferd mit zwei Pearl-Allelen wird als Isabelo bezeichnet, teils auch als Perla. Ein Rappe mit doppeltem Pearl heißt Isabelo negro.
Für die Kombination aus Cream und Pearl (Cr/prl) hat sich in Spanien der Begriff Perlino eingebürgert. International bedeutet Perlino aber etwas anderes, nämlich einen Braunen mit zwei Cream-Allelen. Wer eine spanische Anzeige liest, in der ein Perlino angeboten wird, muss also damit rechnen, dass ein Cream-Pearl-Pferd gemeint ist und nicht ein Doppelcream. Genetisch sind das zwei völlig verschiedene Pferde, mit völlig verschiedenem Vererbungsverhalten.
In der englischsprachigen Literatur heißt die Kombination cream pearl, im Deutschen findet man Umschreibungen wie „Palomino mit Pearl“ oder „Buckskin mit Pearl“. Eine offizielle deutsche Farbbezeichnung gibt es dafür bis heute nicht.
Die spanischen Papiere lösen das Problem über den Gencode. Dort steht die komplette Formel im Dokument, zum Beispiel EEAACrPrl. Wer diesen Code lesen kann, weiß genau, welches Pferd vor ihm steht, unabhängig davon, welcher Farbname im Inserat steht.
Sunshine und Snowdrop: die kleinen Geschwister
Die Forschungsarbeiten der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Cream-Genort deutlich vielfältiger ist als lange angenommen.
Sunshine (C hoch sun) wurde 2019 von Holl und Kollegen beschrieben. Gefunden wurde die Variante bei einem Hengst, der aussah wie ein Doppelcream, aber nur ein Cream-Allel besaß und beim Pearl-Test negativ blieb. Es handelte sich um eine Kreuzung aus Traber und Tennessee Walking Horse, also aus zwei Rassen, in denen unerklärte Aufhellungen bis dahin nicht beschrieben waren. Sunshine verhält sich wie Pearl: rezessiv, sichtbar nur homozygot oder in Kombination mit Cream.
Snowdrop (C hoch sno) wurde im selben Jahr bei Tinkern beschrieben. Auslöser war eine Stute, die aussah wie ein Cremello, aber bei allen bekannten Verdünnungs- und Scheckungstests negativ blieb. Auch Snowdrop ist rezessiv und hellt im homozygoten Zustand rotes wie schwarzes Pigment auf, mit einem Ergebnis, das dem Doppelcream ähnelt. Die Eltern der Stute trugen die Variante jeweils einfach, ohne sichtbaren Effekt.
Für die Praxis heißt das: Wenn ein Pferd aussieht wie ein Doppelcream, aber nur ein Cream-Allel trägt, ist Pearl die wahrscheinlichste, aber nicht die einzige mögliche Erklärung. Und es spricht einiges dafür, dass noch nicht alle Varianten dieses Gens gefunden sind.
Gesundheit: was das Pearl-Gen nicht macht
Für Pearl sind bislang keine gesundheitlichen Folgen beschrieben. Es gibt keinen dokumentierten Zusammenhang mit Missbildungen, mit Sehstörungen oder mit einer letalen Wirkung im homozygoten Zustand. Das unterscheidet Pearl deutlich von einigen anderen Farbanlagen, etwa dem Frame-Overo-Gen, dessen homozygote Form beim Fohlen tödlich verläuft, oder dem Leopard-Komplex der Tigerschecken, der mit angeborener Nachtblindheit verknüpft ist.
Die hellere Haut bringt allerdings dieselben praktischen Themen mit sich wie bei jedem hellhäutigen Pferd: unpigmentierte Hautpartien an Nüstern und Augenumgebung sind sonnenempfindlicher, und helle Augen reagieren empfindlicher auf grelles Licht. Das ist kein Defekt des Pearl-Gens, sondern eine Folge fehlender Pigmentierung, die genauso für Schecken mit rosa Nase oder für Cremellos gilt.
Der gelegentlich zu lesende Begriff „Albino“ für stark aufgehellte Pferde ist fachlich falsch. Ein echter Albinismus mit vollständigem Ausfall der Pigmentbildung kommt beim Pferd nicht vor.
Der Gentest
Der Nachweis läuft über eine Haarprobe. Gebraucht werden ausgerissene Mähnen- oder Schweifhaare mit Wurzel, üblicherweise 20 bis 40 Stück. Abgeschnittene Haare nützen nichts, die DNA sitzt in der Wurzel.
Angeboten wird der Test unter anderem vom Veterinary Genetics Laboratory der UC Davis, in Deutschland von Laboklin/Labogen und Generatio sowie von weiteren europäischen Anbietern. Die Kosten für einen einzelnen Farbtest liegen je nach Labor typischerweise im Bereich von etwa 40 bis 60 Euro, jeder weitere Test aus derselben Probe ist meist deutlich günstiger.
Das Ergebnis wird in drei Varianten ausgegeben:
N/N bedeutet, das Pferd trägt kein Pearl-Allel und kann es nicht weitergeben.
N/prl bedeutet, das Pferd trägt ein Pearl-Allel, sieht es aber nicht an, und gibt es an die Hälfte seiner Nachkommen weiter.
prl/prl bedeutet, das Pferd trägt zwei Pearl-Allele, zeigt die Farbe und gibt an jeden Nachkommen ein Pearl-Allel weiter.
Sinnvoll wird der Test erst im Zusammenspiel mit den übrigen Farbtests. Erst die Kombination aus Grundfarbe (Extension und Agouti), Cream und Pearl erklärt, warum ein Pferd so aussieht, wie es aussieht. Ein Pferd, das wie ein Cremello aussieht und bei Cream nur heterozygot getestet wird, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Pearl-Allel auf dem zweiten Platz.
Was das für Käufer bedeutet
Seltene Farben haben einen Markt, und Pearl-Pferde werden in Spanien wie in Deutschland aktiv als Besonderheit beworben. In Anzeigen tauchen Begriffe wie Perla, Isabelo, Doppel-Pearl, PRL-Träger oder Cream-Pearl auf, und der Preis richtet sich häufig nicht nur nach Ausbildung und Abstammung, sondern auch nach der Farbe.
Drei Dinge sind dabei nützlich zu wissen.
Erstens sagt der Farbname allein wenig. Erst der Gencode oder der Laborbefund sagt, welche Allele wirklich vorliegen. Bei Pferden, deren Wert an der Farbe hängt, gehört dieser Nachweis zum Papier dazu.
Zweitens ist „Perlino“ in einer spanischen Anzeige nicht dasselbe wie „Perlino“ in einer deutschen. Der Blick auf den Code klärt das in Sekunden.
Drittens verändert Pearl ausschließlich Farbe. Es hat keinen belegten Einfluss auf Gebäude, Bewegung, Charakter oder Gesundheit. Ein Pearl-PRE ist zuerst ein PRE, mit allem, was diese Rasse ausmacht, und die Farbe kommt danach.
Häufige Fragen zum Pearl-Gen
Ist Pearl dasselbe wie Champagne?
Nein. Beide erzeugen ähnlich aussehende, sandfarbene bis goldene Pferde mit heller Haut und hellen Augen, sitzen aber in völlig verschiedenen Genen. Champagne wird dominant vererbt, eine Kopie reicht, und ein Champagne-Pferd muss immer einen Champagne-Elternteil haben. Pearl wird rezessiv vererbt und kann Generationen überspringen. Sicher unterscheiden lassen sich die beiden nur über den Gentest.
Warum sieht mein Cremello anders aus als andere Cremellos?
Eine mögliche Erklärung ist die Kombination aus einem Cream- und einem Pearl-Allel. Solche Pferde sehen aus wie Doppelcreams, haben aber oft grüne, haselnussfarbene oder hellbraune Augen statt blauer und zeigen teilweise gesprenkelte Haut. Der Farbtest bringt Klarheit, und er ist besonders dann relevant, wenn das Pferd in der Zucht steht, weil das Vererbungsverhalten ein völlig anderes ist.
Kann man Pearl einem Fohlen ansehen?
Ein Fohlen mit zwei Pearl-Allelen ist aufgehellt und fällt entsprechend auf. Ein Fohlen mit nur einem Pearl-Allel sieht aus wie jedes andere Fohlen seiner Grundfarbe, da hilft nur der Test. Und bei einem Fohlen, das später ausschimmelt, verschwindet die Farbe ohnehin unter dem Schimmelgen.
Bei welchen Rassen kommt Pearl vor?
Bestätigt ist Pearl bei Pura Raza Española, Lusitano, American Quarter Horse, American Paint Horse und Peruanischem Paso sowie bei Pferden mit iberischer Abstammung wie Mustangs spanischen Ursprungs und Kreuzungen wie dem Azteca. In nordeuropäischen und asiatischen Rassen ist die Anlage nicht als ursprüngliches Vorkommen belegt.
Kann ein Schimmel Pearl tragen?
Ja. Das Schimmelgen überlagert jede darunterliegende Farbe, verändert sie aber nicht. Ein Schimmel kann ein oder zwei Pearl-Allele tragen und sie unverändert weitergeben. Sichtbar wird die Farbe dann erst wieder bei Nachkommen, die kein Schimmelgen geerbt haben.
Was kostet ein Pearl-Test?
Je nach Labor liegt ein einzelner Farbtest meist zwischen etwa 40 und 60 Euro, weitere Tests aus derselben Haarprobe sind günstiger. Gebraucht werden 20 bis 40 ausgerissene Mähnen- oder Schweifhaare mit Wurzel.
Ist das Pearl-Gen mit Krankheiten verbunden?
Nach heutigem Stand nicht. Es sind keine gesundheitlichen Defekte beschrieben, auch nicht im homozygoten Zustand. Die hellere Haut ist wie bei allen unpigmentierten Hautpartien sonnenempfindlicher, das ist aber keine Erkrankung.
Warum heißt das Gen in den USA Barlink Factor?
Weil sich viele der ersten auffällig aufgehellten Quarter und Paint Horses auf den 1982 geborenen Paint-Hengst Barlink Macho Man zurückführen ließen. Als sich zeigte, dass es sich um dieselbe Mutation handelt, die spanische Züchter seit Langem als Perla kannten, setzte sich international der Name Pearl durch.
Wie schreibt man das Pearl-Allel richtig?
Üblich sind Prl oder prl, wissenschaftlich C hoch prl, weil das Allel zur Serie am Cream-Genort gehört. In Laborbefunden erscheint es meist als N/N, N/prl oder prl/prl. In spanischen Papieren steht es als Teil des kompletten Gencodes, zum Beispiel EEAACrPrl.

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