Fjordpferdecharakter

Was Fjordpferde und Dackel gemeinsam haben – und warum ich offenbar einen bestimmten Typ Tier mag

Es gibt Menschen, die mögen Tiere, die gefallen wollen.

Ich offenbar nicht.

Wenn ich mir meine tierische Laufbahn rückblickend so anschaue, hätte ich das eigentlich früher erkennen können. Ich war viele Jahre vollkommen den Fjordpferden verfallen und bin später beim Dackel gelandet. Zwei Tierarten, bei denen man als Außenstehender zunächst einmal nicht unbedingt auf eine enge Verwandtschaft schließen würde.

Der eine wiegt ein paar hundert Kilogramm, der andere passt notfalls unter den Arm. Der eine trägt eine zweifarbige Stehmähne, der andere lange Schlappohren. Und während ein Fjordpferd einen im ungünstigsten Fall einfach irgendwohin trägt, kann ein Dackel das mangels ausreichender Körpergröße nicht. Dafür kann ein Dackel einen Menschen locker irgendwo hinziehen.

Ansonsten sind die Unterschiede allerdings erstaunlich überschaubar.

Denn wer längere Zeit mit Fjordpferden gearbeitet hat und anschließend einen Dackel bekommt, erlebt irgendwann diesen kleinen Moment der Erkenntnis:

Ach. Den Charakter kenne ich doch. Nur tiefergelegt.

Dackel und Fjord ( Paul und Fjordane )

Fjordpferd und Dackel: Sitz, Platz und Steh sind zunächst einmal Verhandlungssache

Sowohl beim Fjordpferd als auch beim Dackel besteht ein grundlegendes Missverständnis zwischen Mensch und Tier.

Der Mensch glaubt, er habe eine Anweisung gegeben.

Das Tier glaubt, es sei ein Vorschlag eingegangen.

Natürlich kann man Fjordpferde hervorragend ausbilden. Ich habe selbst viele Jahre mit ihnen gearbeitet und sie bis in höhere Lektionen ausgebildet. Sie können ausgesprochen fein reagieren, lernen schnell und sind alles andere als die sturen, schwerfälligen Ponys, für die sie manchmal gehalten werden.

Sie möchten nur gelegentlich wissen, warum.

Der Dackel übrigens auch.

Beim Schäferhund sagt man: „Sitz.“

Der Schäferhund sitzt.

Beim Dackel sagt man: „Sitz.“

Der Dackel schaut.

Man sagt noch einmal: „Sitz.“

Der Dackel schaut jetzt etwas intensiver, weil offenbar noch Informationen fehlen.

Und irgendwann sitzt er möglicherweise. Aber nicht, ohne dass vorher intern geprüft wurde, ob diese Maßnahme notwendig, angemessen und mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

Beim Fjordpferd läuft das ähnlich.

Du gibst eine Hilfe.

Das Fjordpferd nimmt sie zur Kenntnis.

Dann gibt es einen kurzen Moment, in dem man unter dem Sattel förmlich hört, wie eine kleine norwegische Verwaltungskommission zusammentritt.

Antrag auf Seitengang eingegangen. Wird geprüft.

Fjord und Dackel – die große Liebe

Fjordi und ich ❤️
Paul und ich

Beide sind nicht stur. Sie denken nur selbst

„Der ist aber stur.“

Diesen Satz hören sowohl Dackel- als auch Fjordpferdebesitzer erstaunlich häufig.

Und ich halte ihn bei beiden für ziemlich ungerecht.

Denn Sturheit würde bedeuten, dass ein Tier etwas einfach aus Prinzip nicht macht. Viel häufiger passiert etwas anderes: Es denkt selbstständig.

Und dafür gibt es bei beiden einen ziemlich guten historischen Grund.

Ein Fjordpferd musste zuverlässig arbeiten, sich in schwierigem Gelände bewegen und mit Menschen kooperieren, ohne dabei bei jeder Kleinigkeit vollkommen hilflos auf eine Anweisung zu warten.

Beim Dackel wurde diese Selbstständigkeit noch konsequenter gezüchtet. Ein Hund, der unter der Erde einem wehrhaften Tier gegenübersteht, kann schließlich schlecht kurz herauskommen und fragen:

„Daniela, wie möchtest du jetzt strategisch weiter vorgehen?“

Er muss Entscheidungen treffen.

Und genau diese Eigenschaft verschwindet natürlich nicht plötzlich, nur weil der moderne Dackel heute statt im Bau auf einem Cordsofa liegt.

Das Problem ist lediglich: Selbstständiges Denken finden Menschen bei Tieren immer dann großartig, wenn das Ergebnis zufällig mit ihrem eigenen Denken übereinstimmt.

Fjord und Dackel haben viel gemeinsam 😊

Beide haben ein erstaunlich gesundes Selbstbewusstsein

Ein Fjordpferd hat normalerweise keine Ahnung davon, dass es auf manchen Reitplätzen als Pony betrachtet wird.

Es betritt die Welt mit dem Selbstverständnis eines sehr bedeutenden Pferdes.

Der Dackel ebenfalls.

Dass andere Hunde längere Beine besitzen, hält er vermutlich für eine anatomische Kuriosität ohne besondere Bedeutung.

Ich habe selten Tierarten erlebt, bei denen Körpergröße und Selbstbild derart wenig miteinander zu tun haben.

Der Dackel wiegt vielleicht neun Kilogramm und begegnet einem großen Hund mit der inneren Haltung:

„Ach, der Neue.“

Das Fjordpferd steht zwischen großen Warmblütern und denkt ungefähr dasselbe.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich beide so mag. Sie brauchen keinen großen Auftritt. Sie sind vollkommen überzeugt davon, dass sie sowieso wichtig sind.

Löcher graben? Können beide

Beim Dackel überrascht das niemanden.

Man besitzt schließlich einen Hund, dessen gesamter Körperbau darauf hinweist, dass die Evolution beziehungsweise Zucht irgendwann beschlossen hat: Wir brauchen etwas Langgezogenes mit Schaufeln vorne dran.

Ein Dackel gräbt nicht einfach.

Er beginnt ein Tiefbauprojekt.

Er steckt den Kopf ins Loch, arbeitet sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit vor und ist nach kurzer Zeit nur noch anhand eines hektisch wackelnden Hinterteils zu lokalisieren.

Fjordpferde graben ebenfalls.

Natürlich nicht, um Dachse zu suchen.

Sie graben beispielsweise, weil irgendwo unter einer 40 Zentimeter tiefen Schneeschicht möglicherweise noch ein einzelner Grashalm existiert. Oder weil der Boden interessant riecht. Oder weil sie entschieden haben, dass genau an dieser Stelle eine archäologische Untersuchung notwendig ist.

Und ein Fjordpferd besitzt für solche Arbeiten erheblich größeres Gerät.

Wo der Dackel nach fünf Minuten ein ordentliches Loch geschaffen hat, hinterlässt der Fjord unter günstigen Bedingungen eine Geländeformation, die auf Google Maps eingetragen werden könnte.

Essen ist keine Nebensache

Auch hier gibt es eine gewisse charakterliche Nähe.

Ein Fjordpferd betrachtet Futter nicht als reine Energieversorgung.

Es ist ein Lebensinhalt.

Der Dackel ebenfalls.

Beide verfügen außerdem über ein bemerkenswertes Talent, den Eindruck zu vermitteln, sie seien seit Tagen nicht ernährt worden.

Ein Fjordpferd kann auf einer Weide stehen, auf der das Gras bis zum Bauch reicht, und trotzdem am Zaun erscheinen, sobald irgendwo ein Eimer klappert.

Der Dackel kann gerade gefrühstückt haben und fünf Minuten später in der Küche stehen, als wäre die Versorgungslage im Haushalt vollständig zusammengebrochen.

Und beide haben Menschen hervorragend dressiert.

Wir reden uns ein, wir würden sie erziehen.

Dabei reicht beim Fjord das Geräusch eines Futtereimers und beim Dackel ein bestimmter Blick, und schon beginnt der Mensch hektisch nach essbaren Gegenständen zu suchen.

Wer hier eigentlich wen trainiert, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.

Ich habe allerdings einen Verdacht.

Intelligenz zeigt sich nicht immer durch Gehorsam

Das finde ich bei beiden besonders spannend.

Menschen verwechseln Intelligenz bei Tieren erstaunlich gerne mit Gehorsam.

Ein Tier bekommt eine Aufgabe, führt sie sofort aus – kluges Tier.

Ein anderes Tier bekommt dieselbe Aufgabe, schaut sich die Situation an, findet einen kürzeren Weg und macht etwas anderes – stures Tier.

Dabei könnte man auch zu einem völlig anderen Ergebnis kommen.

Fjordpferde lernen sehr schnell. Und Dackel lernen ebenfalls sehr schnell.

Leider lernen beide auch Dinge, die man ihnen überhaupt nicht beibringen wollte.

Ein Fjordpferd braucht nicht viele Wiederholungen, um herauszufinden, wie ein Tor funktioniert.

Ein Dackel braucht nicht viele Wiederholungen, um herauszufinden, welcher Schrank Futter enthält.

Und beide speichern besonders zuverlässig Informationen, von denen der Mensch gehofft hatte, sie seien nicht bemerkt worden.

Du hast das Fjordpferd einmal an einer bestimmten Stelle am Wegrand Gras fressen lassen?

Wunderbar.

Dieser Ort ist jetzt Futterstelle.

Für immer.

Du hast dem Dackel einmal beim Frühstück ein winziges Stück Käse gegeben?

Herzlichen Glückwunsch.

Du hast soeben eine Tradition gegründet.

Druck erzeugt bei beiden hauptsächlich Gegendruck

Vielleicht war das für mich der größte gemeinsame Nenner.

Mit Fjordpferden kann man natürlich versuchen, über Kraft zu arbeiten.

Das ist nur eine ziemlich schlechte Idee.

Nicht zuletzt deshalb, weil das Fjordpferd normalerweise mehr davon besitzt.

Wer sich mit einem 450-Kilo-Norweger auf eine Diskussion darüber einlässt, wer stärker ist, hat die Diskussion bereits verloren.

Beim Dackel ist der Gewichtsunterschied für den Menschen günstiger, das Prinzip bleibt aber ähnlich.

Druck macht beide nicht automatisch kooperativer.

Man bekommt viel weiter, wenn das Tier verstanden hat, was man möchte, wenn die Aufgabe sinnvoll aufgebaut wurde und wenn Zusammenarbeit sich lohnt.

Das heißt nicht, dass Fjordpferde oder Dackel keine Regeln brauchen. Im Gegenteil.

Gerade selbstständige Tiere brauchen ausgesprochen klare Regeln.

Aber klare Regeln sind etwas anderes als ständiger Druck.

Vielleicht mochte ich deshalb die Ausbildung von Fjordpferden immer so gerne. Man kann sich nicht dauerhaft durchmogeln. Wenn etwas nicht funktioniert, muss man irgendwann darüber nachdenken, ob das Pferd tatsächlich das Problem ist.

Dackel besitzen dasselbe pädagogische Talent.

Humor sollte man bei beiden besitzen

Ein Fjordpferd kann einen hervorragend erden.

Im übertragenen und gelegentlich auch im wörtlichen Sinne.

Man kann eine Trainingseinheit minutiös geplant haben und mit einem sehr konkreten Ziel auf den Platz gehen. Das Fjordpferd hat ebenfalls einen Plan.

Es ist nur möglicherweise ein anderer.

Dackel sind darin mindestens genauso talentiert.

Man kann Hundebetten kaufen, Decken verteilen, Trainingspläne schreiben und pädagogisch wertvolle Beschäftigungsmöglichkeiten vorbereiten.

Der Dackel entscheidet anschließend, dass heute ein leerer Pappkarton und das Ausräumen des Papierkorbs deutlich mehr Potenzial besitzen.

Wer mit solchen Tieren zusammenlebt, kann sich natürlich permanent darüber ärgern.

Oder man entwickelt Humor.

Ich empfehle Variante zwei.

Sie ist auf Dauer wesentlich nervenschonender.

Beide wollen ernst genommen werden

Das ist vielleicht der Punkt, der mir am wichtigsten ist.

Ein Fjordpferd ist kein niedliches blondes Pony, das irgendwie alles mitmacht.

Und ein Dackel ist kein lustiger kleiner Wursthund, dessen Eigenwilligkeit einfach eine putzige Marotte ist.

Beide sind hochgradig charaktervolle, intelligente und ursprünglich für echte Aufgaben gezüchtete Tiere.

Beim Fjordpferd war es die jahrhundertelange Arbeit als vielseitiges Gebrauchs-, Landwirtschafts- und Transportpferd unter teilweise schwierigen Bedingungen.

Beim Dackel war es die Jagd und insbesondere die selbstständige Arbeit am und unter der Erde.

Das prägt.

Und wer diese Tiere ausschließlich danach beurteilt, wie bereitwillig sie menschliche Wünsche erfüllen, übersieht meiner Meinung nach genau das, was sie so interessant macht.

Vom Fjordpferd zum Dackel war es für mich eigentlich gar kein so großer Schritt

Früher waren es bei mir die Fjordpferde.

Ich habe mit ihnen gearbeitet, sie ausgebildet und irgendwann ziemlich genau verstanden, was mich an diesen Pferden so begeistert: Sie sind robust, klug, selbstbewusst und häufig herrlich unkompliziert – solange man „unkompliziert“ nicht mit „macht willenlos alles, was ich sage“ verwechselt.

Später kamen die Dackel.

Und eigentlich hätte ich sofort merken müssen, dass ich wieder beim gleichen Typ Tier gelandet war.

Nur in einer praktischeren Verpackungsgröße.

Wieder ein Tier mit einer ziemlich klaren Meinung.

Wieder eines, das Regeln durchaus akzeptiert, aber gerne vorher die Geschäftsbedingungen liest.

Wieder eines, das enorm viel lernen kann, solange man nicht davon ausgeht, dass Gehorsam der einzige Beweis für Intelligenz ist.

Und wieder eines, bei dem man irgendwann feststellt, dass gerade diese kleinen Diskussionen einen großen Teil seines Charmes ausmachen.

Fjordpferd oder Dackel – wer ist sturer?

Diese Frage kann ich nach vielen Jahren Erfahrung ziemlich eindeutig beantworten:

Der Mensch.

Denn Fjordpferd und Dackel ändern ihre Strategie erstaunlich schnell, wenn sie feststellen, dass eine andere besser funktioniert.

Wir Menschen dagegen probieren gerne 17-mal dasselbe, werden zunehmend lauter und wundern uns anschließend, warum das Tier uns ansieht, als wären wir intellektuell heute nicht ganz auf der Höhe.

Vielleicht habe ich gerade deshalb so viel von beiden gelernt.

Ein gutes Fjordpferd zwingt einen dazu, klar zu werden.

Ein Dackel auch.

Man muss wissen, was man eigentlich möchte, konsequent bleiben, vernünftig erklären und gelegentlich akzeptieren, dass die Gegenseite ebenfalls eine Meinung besitzt.

Und wenn gar nichts mehr hilft, kann man immer noch gemeinsam ein Loch graben.

Nur beim Fjordpferd würde ich vorher etwas weiter zurücktreten.

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Das Fjordpferd – Rassekunde und Geschichte

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