Dressurreiten
Kaum eine Reitweise wird so oft missverstanden wie das Dressurreiten. Die einen sehen darin die hohe Schule der Reitkunst, die anderen ein Pferd, das mit eingerolltem Hals und schäumendem Maul durchs Viereck gedrückt wird. Beides gibt es. Und genau deshalb lohnt es sich, dieses Thema einmal von Grund auf anzuschauen: Was Dressur ursprünglich war, was sie dem Pferdekörper bringt, wo sie im Sport aus dem Ruder gelaufen ist, woran Du tierschutzwidriges Reiten erkennst, wie auf Turnieren kontrolliert wird und wie pferdefreundliche Dressurarbeit heute aussieht.
Was Dressurreiten wirklich bedeutet
Dressurreiten ist Gymnastik für das Pferd. Das ist der ganze Kern. Ein Pferd, das geritten werden soll, muss dafür körperlich vorbereitet werden, und die Übungen der Dressur sind das Werkzeug dafür. Sie kräftigen die Rückenmuskulatur, bringen die Hinterbeine unter den Schwerpunkt, gleichen die Seitenungleichheit aus und verbessern das Gleichgewicht.
Mit Kunststücken hat das nichts zu tun. Eine Piaffe ist kein Trick, sondern die höchste Form der Versammlung, bei der das Pferd sein Gewicht auf die Hinterhand verlagert und auf der Stelle trabt. Ein Schulterherein ist keine Showeinlage, sondern eine gezielte Dehn- und Kräftigungsübung für die innere Hinterhand. Und eine Volte ist schlicht ein Kreis mit sechs, acht oder zehn Metern Durchmesser, auf dem das Pferd lernt, sich gleichmäßig zu biegen.
Der zweite wichtige Punkt: Dressur ist keine Disziplin unter vielen, sondern die Grundlage aller anderen. Ein Springpferd, das eine enge Wendung im Stechen galoppieren soll, braucht Balance und Durchlässigkeit. Ein Wanderreitpferd, das acht Stunden am Tag trägt, braucht einen tragfähigen Rücken. Ein Westernpferd, das einen Spin zeigt, braucht eine belastbare Hinterhand. Alles davon entsteht durch dressurmäßige Arbeit, ganz gleich, wie der Sattel aussieht.
Woher das Wort Dressur kommt
Der Begriff führt fast alle in die Irre, die ihn zum ersten Mal hören. „Dressur“ klingt nach Zirkus, nach Dompteur, nach Löwe und brennendem Reifen. Der Ursprung ist ein anderer.
Das Wort kommt über das französische „dresser“ ins Deutsche, und „dresser“ bedeutet aufrichten, aufstellen, in die richtige Form bringen. Dahinter steht das lateinische „directus“, also gerade. Im Französischen heißt die Reitdisziplin bis heute „dressage“, im Englischen spricht man von „schooling“ oder „training“. Sprachlich geht es also um das Geraderichten und Aufrichten eines Pferdes. Genau das ist auch die Sache selbst.
Erst später hat sich die deutsche Bedeutung verschoben. Im 18. Jahrhundert wurde „dressieren“ vor allem in der Jägersprache für das Abrichten von Jagdhunden verwendet, und von dort wanderte der Beiklang des Abrichtens in den Alltagssprachgebrauch. Das Missverständnis, das viele Menschen beim Wort Dressurreiten haben, ist also ein reines Sprachproblem. Die Sache dahinter ist Turnen, nicht Abrichten.
Warum Pferde überhaupt gymnastiziert werden müssen
Ein Pferd ist nicht dafür gebaut, einen Menschen zu tragen. Das klingt hart, ist aber die anatomische Ausgangslage, und wer sie versteht, versteht auch, wofür Dressur gut ist.
Der Pferderücken funktioniert wie eine Bogensehnenkonstruktion. Die Wirbelsäule bildet den Bogen, die Bauchmuskulatur und die Halsmuskulatur bilden die Sehne. Senkt das Pferd den Hals nach vorne abwärts und spannt die Bauchmuskulatur an, wölbt sich der Rücken auf. Hebt es den Hals hoch und lässt den Bauch hängen, sinkt der Rücken durch. Ein durchhängender Rücken trägt schlecht, und die Dornfortsätze der Brustwirbel rücken dabei näher zusammen. Genau dort entstehen die Probleme, die Tierärzte als Kissing Spines beschreiben.
Dazu kommt die natürliche Schiefe. Fast jedes Pferd ist von Natur aus auf einer Seite hohler und auf der anderen fester, es tritt mit einem Hinterbein eher unter den Schwerpunkt und mit dem anderen eher daneben. Unter dem Reiter verstärkt sich das, weil das Gewicht die Balance zusätzlich stört. Ohne Gegenarbeit belastet ein schiefes Pferd seine Gliedmaßen ungleich, und ungleiche Belastung über Jahre führt zu Verschleiß.
Der dritte Punkt ist die Verteilung des Gewichts. Ein unausgebildetes Pferd trägt etwa 60 Prozent seines Gewichts auf der Vorhand. Der Reiter kommt obendrauf. Die Hinterhand hat von Natur aus vor allem Schubkraft, sie schiebt nach vorne. Tragkraft, also das Aufnehmen von Last, muss erst entwickelt werden. Das ist der eigentliche Sinn der Versammlung: Die Hinterbeine treten weiter unter den Körper, die Hanken beugen sich stärker, das Gewicht wandert nach hinten und die Vorhand wird frei.
Dressurreiten als Krankengymnastik für das Pferd
Wer einmal in einer Physiotherapie war, erkennt die Parallelen sofort. Dort wird die tiefe Rumpfmuskulatur aktiviert, es wird symmetrisch gearbeitet, es gibt Wiederholungen in kleinen Dosen, und der Aufbau geht vom Leichten zum Schweren. Genau so ist die klassische Dressurausbildung angelegt.
Das lässt sich inzwischen auch messen. Eine Untersuchung von Stubbs und Clayton aus dem Jahr 2011 zeigte, dass gezielte Mobilisationsübungen den Querschnitt des Musculus multifidus vergrößern. Dieser Muskel liegt direkt an der Wirbelsäule, stabilisiert die einzelnen Wirbel gegeneinander und verkümmert bei Rückenschmerzen, beim Menschen genauso wie beim Pferd. Acht Pferde arbeiteten drei Monate lang fünf Tage die Woche mit solchen Übungen, ohne geritten zu werden, und der Muskelquerschnitt nahm zu, auch die Seitenunterschiede glichen sich an.
Ähnliches gilt für Stangenarbeit. Messungen der Muskelaktivität per Elektromyografie zeigten, dass Pferde beim Traben über Bodenstangen die tiefe Rückenmuskulatur deutlich stärker aktivieren als beim normalen Traben. Genau deshalb arbeiten Rehabilitationskliniken nach Rückenoperationen mit Stangen, Cavaletti und Führübungen auf gebogenen Linien. Das ist Dressurarbeit, nur unter anderem Namen.
Die gymnastizierende Wirkung ist also kein Marketingversprechen der Reiterverbände, sondern in Teilen wissenschaftlich belegt. Wichtig ist dabei die Bedingung: Sie stellt sich bei korrekter Arbeit ein. Die Übung allein macht es nicht, die Ausführung entscheidet.
Die Skala der Ausbildung
Die Skala der Ausbildung ist der rote Faden der deutschen Reitlehre und gilt für alle Disziplinen. Sie besteht aus sechs Punkten, die aufeinander aufbauen und gleichzeitig ineinandergreifen.
Takt bedeutet Gleichmaß. Schritt im Viertakt, Trab im Zweitakt, Galopp im Dreitakt, dazu gleichmäßig lange Tritte und gleichmäßiges Tempo. Takt ist die Grundlage von allem, denn ein Pferd, das taktunrein geht, kann sich nicht lösen und nicht tragen.
Losgelassenheit bedeutet, dass die Muskulatur an- und wieder abspannen kann und das Pferd innerlich ruhig ist. Erkennbar ist sie an einem schwingenden Rücken, einem pendelnden Schweif, gleichmäßigem Abschnauben und einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Ein losgelassenes Pferd lässt sich in die Dehnungshaltung fallen, wenn Du den Zügel aus der Hand kauen lässt.
Anlehnung bedeutet eine weiche, gleichbleibende Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd sucht dabei die Hand, es wird nicht von ihr eingefangen. Sobald die Hand zieht und das Pferd gegenhält, liegt eine Störung vor.
Schwung bedeutet, dass der Impuls aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken nach vorne durchkommt. Schwung entsteht im Trab und im Galopp, im Schritt gibt es ihn nicht, weil dem Schritt die Schwebephase fehlt.
Geraderichtung bedeutet, dass die Hinterbeine in die Spur der Vorderbeine treten und beide Körperhälften gleich gut arbeiten. Hier setzt die Arbeit gegen die natürliche Schiefe an, vor allem über Seitengänge.
Versammlung bedeutet, dass das Pferd mehr Last auf die Hinterhand nimmt, die Hanken stärker beugt und sich dadurch aufrichtet. Diese Aufrichtung kommt von hinten. Ein Hals, der von vorne über die Zügel hochgestellt wird, sieht nur aus wie Versammlung.
Über allem steht die Durchlässigkeit, also die Bereitschaft und Fähigkeit des Pferdes, die Hilfen ohne Widerstand durch den ganzen Körper durchzulassen. Die Ausbildung durchläuft dabei drei Phasen: Gewöhnung, Entwicklung der Schubkraft und Entwicklung der Tragkraft. Diese Phasen überlappen sich, die Reihenfolge der Skala bleibt aber bestehen. Tragkraft ohne Takt und Losgelassenheit lässt sich nicht erarbeiten.
Die Lektionen und was sie im Körper bewirken
Lektionen sind keine Prüfungsaufgaben, sondern Werkzeuge. Jede hat eine körperliche Wirkung.
Übergänge zwischen den Gangarten und innerhalb einer Gangart sind die wirksamste Gymnastik überhaupt. Jeder Übergang verlangt, dass die Hinterbeine untertreten und die Rückenmuskulatur arbeitet. Zwanzig gut gerittene Übergänge bringen mehr als vierzig Minuten Runden drehen.
Volten und Zirkel biegen das Pferd und belasten das innere Hinterbein stärker. Je kleiner der Radius, desto größer die Anforderung. Acht Meter Durchmesser sind für ein Pferd in der Grundausbildung schon viel.
Schenkelweichen ist die erste seitwärtstreibende Übung. Das Pferd bleibt fast gerade und tritt seitwärts vorwärts. Es lockert die Hüfte und schult den Gehorsam am Schenkel.
Schulterherein gilt als die wichtigste Übung der klassischen Reiterei, und das seit François Robichon de la Guérinière sie 1733 in seinem Werk „École de Cavalerie“ beschrieb. Das Pferd geht auf drei Hufschlägen, die Vorhand ist nach innen gestellt, das innere Hinterbein tritt unter den Schwerpunkt und nimmt Last auf. Geraderichtung und Versammlung entstehen hier.
Travers und Renvers arbeiten spiegelbildlich dazu und verlangen mehr Biegung in der Hinterhand.
Traversalen sind Seitwärtsbewegungen auf diagonalen Linien und verbinden Biegung, Versammlung und Schwung.
Kurzkehrtwendung, Hinterhandwendung und später die Pirouette im Galopp schulen das Drehen um die Hinterhand bei maximaler Lastaufnahme.
Fliegende Galoppwechsel verlangen Balance und Durchlässigkeit im Sprung, Serienwechsel dazu noch Rhythmusgefühl.
Piaffe und Passage sind die höchste Form der Versammlung. In der Piaffe trabt das Pferd nahezu auf der Stelle, in der Passage in stark verlangsamtem, schwebendem Trab.
Und dann gibt es noch die Lektion, die viele unterschätzen: Zügel aus der Hand kauen lassen. Das Pferd streckt Hals und Nase nach vorne abwärts, der Rücken wölbt sich auf, die Oberlinie dehnt sich. Sie ist die Kontrolle darüber, ob alles davor richtig war. Ein Pferd, das sich dabei nicht nach vorne abwärts dehnen mag, arbeitet mit Spannung.
Von Xenophon bis heute
Die Geschichte der Dressur ist älter als jedes Regelwerk. Der griechische Feldherr Xenophon schrieb um 370 vor Christus die erste erhaltene Abhandlung über die Ausbildung von Pferden. Schon er schrieb, dass ein Pferd mit Verständnis und ohne Zwang ausgebildet werden soll und dass man niemals im Zorn mit ihm arbeiten darf. Seine Begründung war praktisch: Ein gezwungenes Pferd zeigt sich nie in seiner schönsten Form.
Im Mittelalter ging vieles davon verloren. Für das Turnier des Rittertums reichte ein Pferd, das zuverlässig geradeaus auf den Gegner zulief. Feinheit war nicht gefragt.
Im 16. Jahrhundert kehrte die Reitkunst als Kunstform zurück, ausgehend von Neapel. Federico Grisone veröffentlichte 1550 sein Werk über die Reiterei, das große Verbreitung fand und in seinen Zwangsmethoden bis heute umstritten ist. Antoine de Pluvinel in Frankreich arbeitete bereits deutlich pferdefreundlicher.
Der eigentliche Wendepunkt kam mit Guérinière im 18. Jahrhundert. Er stellte das einzelne Pferd in den Mittelpunkt, arbeitete vom Leichten zum Schweren und beschrieb das Schulterherein. Seine Grundsätze werden bis heute in der Spanischen Hofreitschule in Wien geritten und stehen in jedem modernen Ausbildungsbuch.
Im 19. Jahrhundert formulierte Gustav Steinbrecht in seinem „Gymnasium des Pferdes“ den Satz, der seither über jeder Reitbahn stehen könnte: Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade. Aus der Kavallerie stammt die Heeresdienstvorschrift H.Dv.12 von 1937, eine mehrfach überarbeitete Sammlung der Reitinstruktionen ab 1882. Auf ihr fußt die deutsche Reitlehre bis heute.
Bis hierher ging es durchgehend um ein Ziel: ein Pferd, das über viele Jahre gesund unter dem Reiter arbeitet.
Wie aus der Reitkunst ein Turniersport wurde
Der Sport ist deutlich jünger als die Kunst. 1873 fand in Pressburg das erste Preisreiten für Einzelreiter statt, veranstaltet von einer Gesellschaft zur Prämierung gut ausgebildeter Campagne-Pferde. Es ging also anfangs um den Nachweis brauchbarer Gebrauchspferde. Der Vergleich unter Offizieren war der Ursprung, und deshalb stammt auch das Regelwerk aus militärischen Anforderungen.
Seit 1912 gibt es olympische Einzelmedaillen im Dressurreiten, seit 1928 Mannschaftsmedaillen. Bis in die 1970er Jahre gehörte ein Gehorsamssprung zur Dressurprüfung, das Pferd musste also mitten in der Aufgabe über ein kleines Hindernis springen. Die erste Weltmeisterschaft fand 1966 in Bern statt, im Para-Dressursport gibt es olympische Wettbewerbe seit 1996.
Über Jahrzehnte blieb der Sport ein Nischenthema. Das änderte sich mit mehreren Entwicklungen gleichzeitig. Die Zucht brachte Pferde mit immer spektakulärerer Bewegung hervor. Fernsehen und später Video-Streaming machten die großen Turniere sichtbar. Und mit der Sichtbarkeit kam das Geld: Preisgelder, Sponsoren, vor allem aber ein internationaler Handel, in dem junge Pferde mit hohen sechsstelligen und siebenstelligen Summen gehandelt werden.
Damit verschob sich etwas Grundsätzliches. Eine Ausbildung, die auf Jahre angelegt ist, passt schlecht zu einem Markt, der schnelle Ergebnisse belohnt. Wenn ein Vierjähriger ein Bundeschampionat gewinnen soll, ein Sechsjähriger schon Verstärkungen zeigen soll und ein Achtjähriger im Grand Prix laufen soll, gerät die Reihenfolge der Ausbildungsskala unter Druck. Wer schnell sein will, nimmt Abkürzungen. Und eine dieser Abkürzungen hat einen Namen bekommen: Rollkur.
Dass dieser Weg zu weit gegangen ist, hat der Sport selbst über lange Zeit hingenommen. Kritik daran gab es schon ab den 1990er Jahren, breit diskutiert wurde sie erst, als Videos und später Smartphones jedem Zuschauer am Abreiteplatz eine Kamera in die Hand gaben.
Die Dressurklassen im Überblick
In Deutschland ist der Turniersport in Klassen gegliedert, die den Schwierigkeitsgrad abbilden.
Führzügelklasse und Reiterwettbewerbe sind der Einstieg für Kinder und Anfänger.
Klasse E steht für einfach. Gefordert werden Schritt, Trab, Galopp, einfache Hufschlagfiguren und Übergänge.
Klasse A steht für Anfänger. Es kommen Trabverstärkungen hinzu, einfache Wechsel und kniffeligere Übergänge
Klasse L steht für leicht. Hier tauchen versammelte Gangarten auf und Aussengalopp
Klasse M steht für mittel. fliegende Wechsel und Traversalen und Schulterherein kommen zum Teil dazu, sowie Verstärkungen
Klasse S steht für schwer und ist die höchste nationale Klasse, mit ( in der höchsten Klasse )Piaffe, Passage, ganzen Pirouetten und Einerwechseln in den höchsten Aufgaben.
International folgen darauf Prix St. Georges, Intermédiaire I und II sowie der Grand Prix, der auch bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften geritten wird.
Wichtig zum Verständnis: Die Hufschlagfiguren selbst sind in allen Klassen dieselben. Eine Volte bleibt eine Volte. Schwerer wird eine Aufgabe durch die Lektionen, die auf den Figuren verlangt werden, und durch den Grad der geforderten Versammlung.
Ist Dressurreiten Tierquälerei?
Das ist die Frage, die die meisten Menschen wirklich beschäftigt, und sie verdient eine ehrliche Antwort statt einer Verteidigungsrede.
Die Disziplin an sich ist keine Tierquälerei. Gymnastische Arbeit, die einem Pferd hilft, Last zu tragen und im Gleichgewicht zu bleiben, dient seiner Gesundheit. Ein Pferd, das korrekt gearbeitet wird, bleibt länger reitbar und hat weniger Rückenprobleme.
Bestimmte Praktiken innerhalb des Dressursports sind dagegen tierschutzwidrig, und einige davon waren über Jahre verbreitet. Das ist der Punkt, an dem viele Verbände lange geschwiegen haben und an dem heute gehandelt wird.
Rechtlich ist die Lage in Deutschland eindeutig formuliert. Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes sagt, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Paragraf 3 verbietet es, einem Tier Leistungen abzuverlangen, denen es offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen. Ausgelegt wird das unter anderem durch die Leitlinien „Tierschutz im Pferdesport“, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Oktober 2020 neu herausgegeben hat und die die Fassung von 1992 ablösen. Diese Leitlinien sind kein Gesetz, werden aber von Gerichten und Amtstierärzten als sogenanntes antizipiertes Sachverständigengutachten herangezogen. Neu aufgenommen wurden dabei unter anderem Regelungen zum Mindestalter beim Ausbildungsbeginn, das bei 30 Lebensmonaten liegt, sowie ein Verbot der sogenannten Rollkur.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: Dressurreiten ist nicht per se Tierquälerei, und gleichzeitig gibt es im Dressursport dokumentierte Fälle von Tierquälerei. Wer eines von beiden weglässt, erzählt nur die halbe Geschichte.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Seit rund zwanzig Jahren wird zu diesem Thema geforscht, und 2024 erschien in der Fachzeitschrift Scientific Reports eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, die den Stand zusammenfasst. Uta König von Borstel, Kathrin Kienapfel, Andrew McLean, Cristina Wilkins und Paul McGreevy werteten dafür 58 Studien aus.
Die zentralen Ergebnisse:
Von 36 Studien, die Aussagen zum Wohlbefinden treffen, kamen 75 Prozent zu dem Schluss, dass das Reiten mit der Nasenlinie hinter der Senkrechten das Wohlbefinden beeinträchtigt. Nur eine einzige Studie sah mögliche Vorteile.
Faktoren wie Ausbildungsstand des Pferdes, Gewöhnung an die Haltung, Dauer oder Art, wie die Haltung erreicht wurde, änderten daran nichts Nachweisbares. Ein gut ausgebildetes Pferd in Profihand zeigte also nicht weniger Belastungsanzeichen als ein ungeübtes.
Bei der Frage nach Leistungsvorteilen war das Bild uneinheitlich: Rund ein Viertel der Studien fand Vorteile, rund ein Viertel Nachteile, und 44 Prozent fanden keinen Effekt.
Die Verbreitung ist hoch. Über verschiedene Untersuchungen hinweg wurden rund zwei Drittel der Pferde im Dressurkontext mit der Nasenlinie hinter der Senkrechten geritten. Im Springsport lagen die Werte deutlich niedriger.
Bei den einzelnen Befunden wird es konkret. Röntgenmessungen an 35 Pferden ergaben für den Rachendurchmesser rund 28,5 Millimeter in gebeugter Kopf-Hals-Haltung gegenüber rund 51,3 Millimeter in neutraler und rund 55,6 Millimeter in gestreckter Haltung. Ein verengter Rachen behindert den Luftstrom. Untersuchungen an Präparaten zeigten in starker Beugung die höchsten Drücke seitlich am Schleimbeutel über dem ersten Halswirbel und die stärkste Dehnung des Nackenbandes. Messungen der Zügelkraft ergaben: Je stärker das Genick gebeugt war, desto höher die Zugkraft am Zügel. Und Verhaltensbeobachtungen zeigten wiederholt mehr Schweifschlagen, mehr auffälliges Maul- und Kopfverhalten, stärkere Schreckreaktionen und weniger Entspannungsverhalten.
Ein Detail daran ist besonders aufschlussreich. Bei einem Großteil dieser Beobachtungen waren die Nasenriemen nicht kontrolliert, und in der Praxis sind viele Nasenriemen zu eng verschnallt. Ein enger Nasenriemen unterdrückt genau die Maulbewegungen, an denen Unbehagen sichtbar würde. Die gemessenen Werte sind also eher zu niedrig als zu hoch.
Dazu kommt eine Beobachtung, die den Sport in den Kern trifft. Mehrere Untersuchungen fanden, dass die Kopf-Hals-Haltung hinter der Senkrechten in hohen Klassen mit besseren Noten einherging, obwohl die Regelwerke die Stirn-Nasenlinie an oder vor der Senkrechten verlangen. Eine Arbeit verglich die Haltung von Spitzenpferden bei Olympia 1992 und 2008 und fand: Je weiter hinter der Senkrechten, desto höher die Bewertung. Eine Untersuchung von 49 Ritten im Grand Prix Spécial beim CHIO Aachen 2018 fand mehr Kopf-Hals-Positionen hinter der Senkrechten im Abreiten als in der Prüfung, und Maul- sowie Schweifverhalten hatten keinen erkennbaren Einfluss auf die Richternoten.
Zur Fairness gehört auch, dass diese Arbeiten diskutiert werden. Fachlich wird eingewandt, dass die sichtbare Nasenlinie nicht identisch ist mit dem Winkel im Genick, der biomechanisch entscheidend ist. Das stimmt. Die Nasenlinie ist dafür von außen sichtbar und reproduzierbar messbar, während der Genickwinkel im Alltag kaum zuverlässig zu beurteilen ist. Sie ist damit ein brauchbarer, wenn auch nicht perfekter Anhaltspunkt für Regelwerke und für das Auge am Bahnrand.
Noch eine Zahl aus einem anderen Forschungsfeld gehört hierher. Untersuchungen zu Verletzungen im Maulbereich bei Turnierpferden fanden in mehreren Ländern hohe Werte. In einer dänischen Untersuchung schwankte der Anteil betroffener Pferde je nach Trainer zwischen 0 und 80 Prozent. Das ist die vielleicht wichtigste Zahl des ganzen Themas, denn sie zeigt: Es liegt an der Hand, die den Zügel hält, nicht an der Disziplin.
Was bedeutet Rollkur beim Pferd?
Rollkur bezeichnet eine Kopf-Hals-Haltung, bei der der Hals des Pferdes so stark nach unten und hinten gebeugt wird, dass die Nase weit hinter die Senkrechte kommt. Im Extremfall berührt das Maul die Brust. Der Fachbegriff dafür lautet Hyperflexion.
Aufgekommen ist die Methode im Spitzensport der 1990er Jahre, wo sie als Trainingsmittel für mehr Nachgiebigkeit und mehr Ausdruck in der Bewegung eingesetzt wurde. Diskutiert wurde sie in Fachkreisen schon damals. In die breite Öffentlichkeit kam sie 2009, als Videoaufnahmen von einem Abreiteplatz zeigten, wie die Zunge eines Pferdes in dieser Haltung blau anlief. Danach ging es nicht mehr um eine Fachdebatte.
Die Fédération Equestre Internationale reagierte im Februar 2010 mit einer Rundtischkonferenz im Sitz des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne. Vorgelegt wurde dort unter anderem eine Petition mit rund 41.000 Unterschriften. Das Ergebnis: Hyperflexion wurde neu definiert als Beugung des Halses, die durch aggressive Krafteinwirkung erreicht wird, und in dieser Form für nicht akzeptabel erklärt. Zugleich wurde die Technik „Low, Deep and Round“, also tief, lang und rund, für zulässig erklärt, solange sie ohne übermäßige Krafteinwirkung erreicht wird. Am Regelwerk selbst wurde nichts geändert.
Im Mai 2010 folgten neue Anweisungen für Stewards. Darin steht unter anderem, dass eine festgehaltene Kopf-Hals-Haltung ohne Veränderung nicht länger als etwa zehn Minuten gezeigt werden soll und dass Stewards einschreiten, wenn die Dehnung durch grobes oder aggressives Reiten erreicht wird oder wenn das Pferd allgemeine Anzeichen von Stress oder Erschöpfung zeigt.
Genau hier setzt die Kritik an, und sie ist berechtigt. Die Unterscheidung zwischen unzulässiger Rollkur und zulässigem LDR liegt nicht in der Haltung, sondern in der Kraft, mit der sie erreicht wurde. Von außen sieht beides gleich aus. Wer will beurteilen, ob ein Reiter „aggressiv“ oder „harmonisch“ eingewirkt hat? Dazu kommt, dass das Wort Hyperflexion im FEI-Dressurreglement selbst überhaupt nicht vorkommt. In den Richtlinien für die Bewertung ist festgehalten, dass ein zu enges Pferd Punktabzug bekommen soll, ein Verbot im Regelbuch steht dort nicht. Im Stewardhandbuch findet sich ein einziger Satz dazu, der langes, tiefes und rundes Reiten für zulässig erklärt, solange es weder übermäßig noch andauernd geschieht.
In Deutschland ist die Lage deutlicher. Die Leitlinien des Bundesministeriums von 2020 nennen ein Verbot der Rollkur ausdrücklich. Für Behörden und Gerichte ist das die Auslegungsgrundlage.
Warum die Haltung problematisch ist, lässt sich in vier Punkten zusammenfassen. Der Rachen verengt sich, die Atmung wird schwerer. Das Nackenband wird stark gedehnt und der Druck auf den Schleimbeutel am ersten Halswirbel steigt. Das Sichtfeld nach vorne ist eingeschränkt, denn ein Pferd mit senkrecht nach unten zeigender Nase sieht den Boden vor sich kaum. Und die Zügelkraft, die nötig ist, um die Haltung zu erzeugen, wirkt dauerhaft auf Zunge und Laden.
Woran erkennt man tierschutzwidriges Dressurreiten?
Das ist die praktisch wichtigste Frage, und sie lässt sich beantworten. Du brauchst dafür keine Ausbildung zum Richter, sondern nur ein paar Punkte, auf die Du achtest. Die deutsche Reiterliche Vereinigung hat dafür einen Kriterienkatalog für den Vorbereitungsplatz erstellt, der in drei Stufen unterteilt: pferdegerecht, auffällig und nicht pferdegerecht.
Kopf und Hals. Beim korrekt gerittenen Pferd ist das Genick der höchste Punkt und die Stirn-Nasenlinie steht an oder leicht vor der Senkrechten. Auffällig wird es, wenn die Nase dauerhaft hinter die Senkrechte kommt. Ein deutliches Warnzeichen ist der sogenannte falsche Knick: Der höchste Punkt liegt dann nicht im Genick, sondern etwa am dritten oder vierten Halswirbel, der Hals knickt in der Mitte ab. Das zeigt, dass der Hals von vorne über den Zügel geformt wurde.
Das Maul. Ein zufriedenes Pferd kaut leise auf dem Gebiss, der Schaum ist weiß und locker. Auffällig sind ein aufgerissenes Maul, eine heraushängende Zunge, eine bläulich verfärbte Zunge, dicke Schaumklumpen oder rötlich verfärbter Schaum. Blut im Maulwinkel oder an den Laden ist ein klares Zeichen von Verletzung.
Der Schweif. Ein gelöstes Pferd trägt den Schweif ruhig pendelnd. Heftiges, peitschendes Schlagen bei jedem Tritt gehört zu den am besten untersuchten Anzeichen von Unbehagen.
Die Ohren. Angelegte oder starr nach hinten gerichtete Ohren über längere Zeit gehören ebenfalls dazu. Ein aufmerksames Pferd spielt mit den Ohren.
Die Augen. Sichtbares Weiß im Auge, ein starrer Blick, angespannte Nüstern und ein verspanntes Maul bilden zusammen das Bild eines Pferdes unter Druck.
Der Takt. Ständige oder wiederkehrende Takt- und Balancestörungen gelten im Kriterienkatalog als sofort handlungsbedürftig. Achte auch auf das Verhältnis zwischen Vorder- und Hinterbeinen: Wenn das Vorderbein hoch geworfen wird, während das Hinterbein zurückbleibt, stimmt die Balance nicht. In der Verstärkung erkennst Du das daran, dass die Vorderhufe deutlich vor den Auftrittspunkt zeigen und die Hinterhand hinterherschleppt.
Die Atmung. Regelmäßiges Abschnauben ist ein gutes Zeichen. Röchelnde oder stark hörbare Atemgeräusche über längere Zeit gehören zum Gegenteil.
Die Flanken. Kahle Stellen, Striemen oder offene Hautstellen im Bereich der Sporen stehen für zu harte Einwirkung. Blut an dieser Stelle ist ein klarer Befund.
Die Gerte. Gelegentliches Touchieren ist erlaubt. Wiederholte Schläge in Serie sind es nicht.
Die Ausrüstung. Ein zu enger Nasenriemen ist das häufigste Problem und zugleich das am einfachsten zu prüfende. Zwischen Nasenriemen und Nasenbein sollen zwei Finger passen. Schlaufzügel, die dauerhaft auf Zug liegen, sind ein weiteres Warnzeichen, ebenso eine Kandare mit ständig angenommenem Kandarenzügel.
Die Dauer und der Aufbau. Pferdegerechtes Arbeiten hat Pausen. Es gibt Schrittphasen am langen Zügel, es gibt Wechsel zwischen Dehnung und Aufrichtung, und der Reiter gibt zwischendurch nach. Wenn ein Pferd zwanzig Minuten lang in derselben engen Haltung gehalten wird, ohne dass die Zügel je nachgeben, ist das unabhängig von der Einzelheit kein gutes Training.
Ein Hinweis zum Einordnen: Ein Pferd, das sich für zwei Tritte hinter die Senkrechte verkriecht, ist kein Fall für den Tierschutz. Entscheidend ist das Gesamtbild und vor allem die Dauer. Die Summe aus enger Haltung, Anzeichen von Unbehagen und fehlender Pause macht den Unterschied.
Wie wird auf Turnieren kontrolliert?
Die Kontrolle findet auf drei Ebenen statt, und sie ist in den letzten Jahren deutlich schärfer geworden.
Am Vorbereitungsplatz. In Deutschland liegt die Aufsicht bei den Richtern, international bei den Stewards. Grundlage ist in Deutschland der Kriterienkatalog Vorbereitungsplatz mit seinen drei Stufen. Zeigt sich ein Reiter „auffällig“, folgt eine Verlaufskontrolle und gegebenenfalls eine Ansprache. Bei „nicht pferdegerechtem“ Reiten besteht sofortiger Handlungsbedarf. Die Stufen reichen vom klärenden Gespräch über die Ermahnung und die Verwarnung mit gelber Karte bis zum Ausschluss von der Prüfung mit roter Karte. Bemerkenswert ist, dass die deutschen Empfehlungen bewusst keine Zeitangabe enthalten. Stoppuhr und Schablone taugen nach Auffassung der FN am Vorbereitungsplatz nicht zur Bewertung, beurteilt wird der Gesamteindruck.
Bei der Ausrüstungskontrolle. Seit dem 1. Mai 2025 gilt auf FEI-Turnieren ein einheitliches Messgerät für Nasenriemen. Der Messkeil ist an seiner dicksten Stelle rund 1,7 Zentimeter stark und wird zwischen Nasenriemen und Nasenbein von oben nach unten durchgezogen. Lässt er sich ohne Kraftaufwand durchziehen, ist der Nasenriemen in Ordnung. Andernfalls muss nachgebessert werden, und ohne Nachbesserung gibt es keinen Start. Verpflichtend sind stichprobenartige oder gezielte Kontrollen vor und nach dem Ritt, nicht die Prüfung jedes einzelnen Pferdes. Vorausgegangen war eine Testphase mit 600 Kontrollen über mehrere Disziplinen hinweg. Vorreiter waren Dänemark, die Niederlande und die Schweiz, die schon länger mit Messgeräten arbeiten. Die International Society for Equitation Science hatte bereits vor über zehn Jahren ein solches Gerät entwickelt.
Nach dem Ritt. In der Dressur gilt die Blutregel, und sie ist streng. Wird bei der Kontrolle nach dem Ritt frisches Blut im Maul, im Bereich des Mauls oder im Bereich der Sporeneinwirkung festgestellt, führt das zur Disqualifikation, unabhängig von der Ursache. Zum 1. Januar 2026 wurde die Regel für die Dressur sogar noch erweitert: Vermutet der Richter bei C frisches Blut irgendwo am Pferd, von der Ankunft am Viereck bis zum Ende der Aufgabe, muss er abläuten und prüfen lassen. Außerdem kann der Vorsitzende der Ground Jury seit 2025 jederzeit während eines Ritts abläuten, wenn ein Paar der gestellten Aufgabe erkennbar nicht gewachsen ist.
Im Springsport ging die FEI im November 2025 den umgekehrten Weg und lockerte die Blutregel: Blut, das auf reiterliche Einwirkung zurückgeht, führt dort nicht mehr in jedem Fall zum Ausschluss, sondern kann eine aktenkundige Verwarnung nach sich ziehen. Bei zwei Verwarnungen innerhalb von zwölf Monaten folgen Geldstrafe und einmonatige Sperre. Wie häufig das greift, zeigt eine Zahl der FEI: Zwischen dem Inkrafttreten am 1. Januar 2026 und Anfang September 2026 wurden 282 solcher Verwarnungen ausgesprochen, in 13 Fällen kam es zu einer Sperre. Die deutsche FN hat diese Lockerung kritisiert. Für die Dressur blieb die Nulltoleranz bestehen, und viele europäische Verbände wollen das auch so halten.
Seit 2026 arbeitet bei der FEI zusätzlich eine „Horse Condition Task Force“, die sich erstmals am 29. Juni 2026 in Lausanne traf. Sie soll die unterschiedlichen Regeln der Disziplinen vergleichen, Lücken finden und Vorschläge für eine einheitlichere Handhabung machen. Eine Einigung gibt es bislang nicht.
Und die ehrliche Grenze dieser Kontrollen: Sie greifen auf dem Turnier. Was zu Hause im Stall passiert, sieht kein Steward. Fast alle großen Fälle der letzten Jahre kamen nicht durch Kontrollen ans Licht, sondern durch Videos.
Gab es schon Ausschlüsse und Sperren?
Ja, und in den letzten Jahren deutlich mehr als früher.
Weltmeisterschaften in Aachen, 11. August 2026. Im Grand Prix wurden zwei Reiterinnen nach ihren Prüfungen aufgrund der Blutregel disqualifiziert: Rotem Jale Ibrahimzade aus der Türkei mit Hexagon’s Double Dutch und Wendi Williamson aus Neuseeland mit Don Vito MH. Bei dem einen Pferd war ein kleiner Blutpunkt im Maul festgestellt worden, bei dem anderen hatte sich der Wallach nach Angaben aus dem Lager auf die Lippe gebissen. Beide Fälle zeigen, wie weit die Nulltoleranzregel reicht, und sie sind der Grund, warum über sie gerade neu diskutiert wird.
Andreas Helgstrand. Der dänische Dressurreiter wurde im November 2022 und im Januar 2023 bei Wettkämpfen disqualifiziert, weil sein Pferd Wendy aus dem Maul blutete. Im November 2023 strahlte der dänische Sender TV2 in der Reihe „Operation X“ eine zweiteilige Dokumentation über seinen Betrieb aus, aufgenommen mit versteckter Kamera durch eine Journalistin, die als Pferdepflegerin arbeitete. Zu sehen waren unter anderem grobe Reiterei und durch Sporen, Gerten und Gebisse verletzte Pferde, deren Wunden vor Kunden abgedeckt wurden. Helgstrand hatte gerichtlich versucht, die Ausstrahlung zu verhindern. Der dänische Reitverband schloss ihn aus dem Nationalteam aus, verlängerte den Ausschluss bis zum 31. Dezember 2024 und schaltete die eigene Disziplinarkommission ein. Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2024 war damit ausgeschlossen.
Charlotte Dujardin. Die dreimalige Olympiasiegerin aus Großbritannien wurde am 23. Juli 2024 vorläufig suspendiert, wenige Tage vor den Spielen in Paris, an denen sie daraufhin nicht teilnahm. Grundlage war ein rund vier Jahre altes Video aus einer Trainingseinheit in einem Privatstall, das zeigt, wie sie ein Pferd mehr als 24 Mal in einer Minute mit einer langen Peitsche schlägt. Am 5. Dezember 2024 verhängte die FEI eine Sperre von einem Jahr und eine Geldstrafe von 10.000 Schweizer Franken. Dujardin räumte das Fehlverhalten ein.
César Parra. Der US-Dressurreiter war seit dem 2. Februar 2024 vorläufig suspendiert, nachdem Videos und Fotos aufgetaucht waren, die Pferde zeigten, die unter dem Sattel und an der Longe eng ausgebunden mit Stricken und Gerte bearbeitet wurden. Am 6. August 2025 sprach das FEI-Tribunal die bis dahin längste Sperre der Verbandsgeschichte aus: 15 Jahre, dazu 15.000 Schweizer Franken Geldstrafe und 10.000 Franken Verfahrenskosten. Die Sperre läuft bis zum 1. Februar 2039 und umfasst auch ein Verbot, FEI-registrierte Reiter oder Pferde zu trainieren. Der Vorwurf lautete, Parra habe über mehrere Jahre hinweg wiederholt und vorsätzlich die meisten oder alle Pferde in seiner Obhut schweren Misshandlungen ausgesetzt.
Dazu kommen die Verwarnungen im Alltag: gelbe und rote Karten auf nationalen Turnieren, Disqualifikationen wegen Blut, Startverbote wegen zu eng verschnallter Nasenriemen. Die FEI gibt an, dass in den Jahren 2024 und 2025 deutlich weniger als ein Prozent der Starterpaare von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen wurden.
Kritik an der Strafpraxis gibt es ebenfalls, und sie ist Teil des Bildes. Dass ein Reiter nach dokumentierten, über Jahre laufenden Misshandlungen mit 15 Jahren davonkommt und nicht lebenslang gesperrt wird, wird in Fachmedien als zu milde bewertet.
Was sich im Moment ändert
Der Sport steht unter einem Druck, den es in dieser Form noch nicht gab. In der Debatte wird dafür der Begriff „social licence to operate“ verwendet, also die stillschweigende Zustimmung der Gesellschaft, eine Tätigkeit auszuüben. Zirkusse mit Wildtieren haben diese Zustimmung weitgehend verloren, Zoos haben sie über Bildung und Artenschutz behalten. Der Pferdesport weiß inzwischen, dass er sie verlieren kann.
Entsprechend viel bewegt sich gerade.
Die FEI hat eine Kommission für Ethik und Wohlergehen des Pferdes eingesetzt und einen Aktionsplan zur Pferdewohl-Strategie veröffentlicht. Das Nasenriemen-Messgerät gilt seit Mai 2025. Die Blutregel in der Dressur wurde zum Jahresbeginn 2026 verschärft. Seit dem 1. Januar 2026 dürfen Grand Prix, Spécial und Kür auf Turnieren der Kategorie CDI3* und CDIO3* wahlweise auf Trense oder auf Kandare geritten werden, ein Testlauf, über den seit Jahren gestritten wurde. Für die vollständige Überarbeitung des Dressurreglements im Jahr 2026 wird zusätzlich erwogen, die Kandare bei Junioren-Turnieren und Junioren-Meisterschaften nicht mehr zuzulassen. Schweden hat den Nasenriemen bei einfach gebissenen Trensen bereits 2025 freigestellt.
In Deutschland hat die FN den LPO-Ausrüstungskatalog zum 1. Januar 2026 überarbeitet, mit dem erklärten Ziel, das Tierwohl zu stärken und sich an internationale Standards anzugleichen. Eine Regel darin fasst den ganzen Gedanken zusammen: Das Ausdrucksverhalten des Pferdes muss beurteilt werden können. Alles, was das Gesicht des Pferdes verdeckt, steht damit unter Vorbehalt.
Im Februar 2026 veranstaltete die FN einen Jungpferdegipfel, bei dem Vertreter aus Zucht, Sport, Ausbildung, Tiermedizin und Richterwesen die Prüfungsabläufe für junge Pferde auf den Prüfstand stellten. Erste Maßnahmen sollen bei den Bundeschampionaten 2026 greifen, unter anderem mit deutlichen Anpassungen für Drei- und Vierjährige. Parallel wurde die FN mit dem Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei verschmolzen und tritt seit 2026 unter der Klammer „Pferdesport Deutschland“ auf, mit den ausgerufenen Werten Pferdewohl, Wissen und Fairness.
Ob das reicht, wird sich zeigen. Bemerkenswert ist die Richtung: Fast alle diese Schritte gehen auf öffentlichen Druck zurück, nicht auf Initiativen aus dem Sport heraus. Das wird dem Sport auch vorgehalten.
Geht Dressurreiten auch pferdefreundlich?
Ja, und zwar ohne Abstriche beim Anspruch. Die Grundsätze dafür sind älter als jedes Problem, das der Turniersport heute hat.
Halte die Reihenfolge der Ausbildungsskala ein. Takt vor Losgelassenheit, Losgelassenheit vor Anlehnung, und Tragkraft ganz am Schluss. Wer die Versammlung vorzieht, weil sie in der Prüfung gefragt ist, baut auf Sand.
Arbeite mit Pausen. Schrittpausen am langen Zügel nach jeder anspruchsvollen Phase geben der Muskulatur Zeit. Eine Trainingseinheit von 20 bis 40 Minuten konzentrierter Arbeit bringt mehr als eine Stunde Dauerbetrieb.
Lass Dein Pferd sich dehnen. Zügel aus der Hand kauen lassen, vorwärts abwärts, mehrmals in jeder Einheit. Das entlastet den langen Rückenmuskel und zeigt Dir gleichzeitig, ob Dein Pferd wirklich locker ist.
Prüfe den Nasenriemen. Zwei Finger zwischen Nasenriemen und Nasenbein, flach aufgelegt auf dem Nasenrücken, nicht seitlich. Wenn Du magst, nimm einen Messkeil. Ein lockerer Nasenriemen kostet nichts und nimmt viel Druck heraus.
Achte auf die Zügelkraft. Je enger das Genick gebeugt wird, desto mehr Kraft liegt am Zügel. Wenn Dein Arm nach zehn Minuten müde wird, hält Dein Pferd dagegen, und dann stimmt etwas nicht.
Wechsle den Ort. Bahnfiguren lassen sich auf dem Feldweg reiten, Übergänge im Gelände, Seitengänge auf der Wiese. Die Wirkung ist dieselbe, und die Abwechslung tut beiden gut.
Nimm die Bodenarbeit dazu. Longieren am Kappzaum ohne Hilfszügel, Handarbeit, Stangenarbeit, Cavaletti. Der Trainingsreiz auf die Rückenmuskulatur ist messbar, und Dein Pferd trägt dabei kein Reitergewicht.
Such Dir einen Trainer, der erklärt, was eine Übung bewirkt. Wer nur Anweisungen gibt, ohne den Zweck zu nennen, hilft Dir auf Dauer wenig.
Lass regelmäßig den Sattel kontrollieren. Ein drückender Sattel erzeugt genau die Spannung, gegen die Du die ganze Zeit anarbeitest.
Und denk an das Leben außerhalb der Reitbahn. Ein Pferd mit täglichem Weidegang, Sozialkontakt und freier Bewegung geht anders in die Arbeit als eines, das 23 Stunden in der Box steht. Kein Trainingsprogramm gleicht das aus.
Dressurreiten für Freizeitpferde
Für den größten Teil der Pferde in Deutschland ist Dressur kein Sport, sondern Gesundheitsvorsorge. Und dafür braucht es weder ein Viereck noch ein weißes Halstuch.
Jedes Pferd kann dressurmäßig gearbeitet werden, unabhängig von Rasse und Alter. Ein Haflinger wird keinen Grand Prix gehen, aber er profitiert genauso von Übergängen, Seitengängen und Dehnungshaltung wie ein Hannoveraner. Ein Kaltblut, ein Isländer, ein Freiberger, ein Tinker: Alle tragen Reitergewicht, und alle brauchen dafür einen tragfähigen Rücken.
Das gilt besonders für ältere Pferde. Gezielte, dosierte Gymnastik erhält Beweglichkeit und Muskulatur und ist oft das, was den Unterschied zwischen einem steifen und einem beweglichen Zwanzigjährigen ausmacht.
Nach den Leitlinien Tierschutz im Pferdesport soll die zielgerichtete Ausbildung zum vorgesehenen Nutzungszweck frühestens im Alter von 30 Lebensmonaten beginnen, orientiert am Entwicklungsstand des einzelnen Pferdes. Wer sich daran hält, hat später mehr davon.
Häufige Fragen zum Dressurreiten
Ist Dressurreiten Tierquälerei?
Die Disziplin an sich ist es nicht. Gymnastische Arbeit hilft dem Pferd, Reitergewicht gesund zu tragen. Einzelne Praktiken im Dressursport erfüllen dagegen den Tatbestand, etwa dauerhafte Hyperflexion, zu eng verschnallte Nasenriemen, übermäßiger Sporen- oder Gerteneinsatz. Entscheidend ist immer die Ausführung, nicht die Disziplin.
Was ist die Rollkur beim Pferd?
Eine Kopf-Hals-Haltung, bei der der Hals so stark gebeugt wird, dass die Nase weit hinter die Senkrechte kommt, im Extremfall bis zur Brust. Der Fachbegriff lautet Hyperflexion. In dieser Haltung ist der Rachen verengt, das Nackenband stark gedehnt und das Sichtfeld nach vorne eingeschränkt.
Ist die Rollkur verboten?
In Deutschland nennen die Leitlinien „Tierschutz im Pferdesport“ des Bundesministeriums von 2020 ein Verbot der Rollkur ausdrücklich. Diese Leitlinien werden von Behörden und Gerichten als Auslegungshilfe zum Tierschutzgesetz herangezogen. International hat die FEI 2010 Hyperflexion als Beugung durch aggressive Krafteinwirkung definiert und für nicht akzeptabel erklärt, gleichzeitig aber die tiefe, runde Haltung ohne übermäßige Krafteinwirkung erlaubt. Ein Verbot im FEI-Regelbuch gibt es bis heute nicht.
Woran erkenne ich, dass ein Pferd unter dem Reiten leidet?
An mehreren Anzeichen gleichzeitig: Nase dauerhaft hinter der Senkrechten, Knick im Hals statt im Genick, aufgerissenes oder blockiertes Maul, heraushängende oder verfärbte Zunge, heftiges Schweifschlagen, angelegte Ohren, sichtbares Augenweiß, Taktstörungen, Striemen im Sporenbereich. Einzelne Momente sagen wenig aus. Das Gesamtbild über mehrere Minuten sagt viel.
Wie eng darf ein Nasenriemen sein?
Zwischen Nasenriemen und Nasenbein sollen zwei Finger passen, flach auf dem Nasenrücken gemessen. Auf FEI-Turnieren wird das seit dem 1. Mai 2025 mit einem einheitlichen Messkeil kontrolliert, der an der dicksten Stelle rund 1,7 Zentimeter misst. Lässt er sich nicht ohne Kraftaufwand durchziehen, muss nachgebessert werden.
Was passiert, wenn ein Pferd auf dem Turnier blutet?
In der Dressur führt frisches Blut im Maul, im Bereich des Mauls oder im Bereich der Sporeneinwirkung zur Disqualifikation, unabhängig von der Ursache. Seit Januar 2026 muss der Richter bei C abläuten und prüfen lassen, sobald er frisches Blut irgendwo am Pferd vermutet. Im Springsport gilt seit 2026 ein abgestuftes System mit aktenkundigen Verwarnungen.
Wurden schon Dressurreiter gesperrt?
Ja. Charlotte Dujardin wurde im Dezember 2024 für ein Jahr gesperrt und zu 10.000 Schweizer Franken Geldstrafe verurteilt, nachdem ein Video sie beim wiederholten Schlagen eines Pferdes zeigte. César Parra erhielt im August 2025 eine Sperre von 15 Jahren, die bis Februar 2039 läuft, dazu 15.000 Franken Strafe. Andreas Helgstrand wurde vom dänischen Verband aus dem Nationalteam ausgeschlossen. Dazu kommen laufend Disqualifikationen, zuletzt zwei bei der WM in Aachen im August 2026.
Ist Dressurreiten gesund für das Pferd?
Korrekt ausgeführt ja. Gezielte Gymnastik kräftigt die tiefe Rückenmuskulatur, das ist unter anderem für den Musculus multifidus wissenschaftlich belegt. Sie gleicht die natürliche Schiefe aus und verlagert Gewicht von der Vorhand auf die Hinterhand. Dauerhaftes Reiten hinter der Senkrechten wirkt in die andere Richtung, dazu gibt es eine Meta-Analyse aus 58 Studien, die überwiegend Beeinträchtigungen des Wohlbefindens findet.
Braucht mein Freizeitpferd Dressur?
Jedes Pferd, das geritten wird, braucht die körperliche Vorbereitung darauf. Ob Du das Dressur nennst oder Gymnastizieren, spielt keine Rolle. Übergänge, Volten, Seitengänge und Dehnungshaltung wirken auf dem Feldweg genauso wie im Viereck.
Muss man auf Kandare reiten?
Auf nationalen Turnieren gibt es je nach Klasse Vorgaben, im Grand Prix war die Kandare international lange Pflicht. Seit dem 1. Januar 2026 dürfen Grand Prix, Spécial und Kür auf Turnieren bis CDI3* und CDIO3* wahlweise auf Trense geritten werden. Zu Hause entscheidest Du ohnehin selbst, und ein gut ausgebildetes Pferd zeigt seine Lektionen auch auf Trense.
Ab welchem Alter darf ein Pferd dressurmäßig gearbeitet werden?
Nach den Leitlinien Tierschutz im Pferdesport soll die zielgerichtete Ausbildung frühestens mit 30 Lebensmonaten beginnen, orientiert am Entwicklungsstand des einzelnen Pferdes. Bodenarbeit und Gewöhnung an Halfter, Führen und Hufe geben sind davon unberührt.
Welche Rassen eignen sich für Dressur?
Für den Spitzensport sind es fast ausschließlich Warmblüter mit entsprechendem Bewegungspotenzial. Für die gymnastizierende Arbeit eignet sich jede Rasse. Barockpferde wie Lusitano, PRE und Friese sind für Versammlung sogar besonders veranlagt, tun sich in den starken Gangarten aber schwerer. Ponys, Kaltblüter und Gangpferde profitieren genauso von der Arbeit, auch wenn sie damit keine Prüfung gewinnen.

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