Mondblindheit bei Tigerschecken

Tigerschecken und periodische Augenentzündung: was hinter der Mondblindheit steckt

Tigerschecken sind auffällig, und genau das macht sie beliebt. Appaloosa, Knabstrupper und Tigernoriker fallen auf jedem Turnierplatz und auf jeder Koppel auf.

Selbst in der Warmblutzucht hat der Tigerschecke schon Einzug gehalten.

Dieselbe Genveränderung, die für die Punkte und den weißen Mantel sorgt, bringt allerdings ein deutlich erhöhtes Risiko für eine der ältesten und folgenschwersten Augenkrankheiten des Pferdes mit: die periodische Augenentzündung, in der Fachsprache equine rezidivierende Uveitis, abgekürzt ERU, im Volksmund Mondblindheit.

Das Besondere daran: Bei Tigerschecken verläuft diese Krankheit anders als bei anderen Pferden. Sie tut kaum weh, sie zeigt kaum sichtbare Schübe, und sie wird deshalb regelmäßig erst entdeckt, wenn das Auge bereits schwer geschädigt ist. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Forschung inzwischen weiß, welche Zahlen dahinterstehen, woran Du eine beginnende Entzündung erkennst und welche Behandlungen bei Tigerschecken tatsächlich greifen.

Was die periodische Augenentzündung beim Pferd ist

Die ERU ist eine Entzündung der mittleren Augenhaut, der sogenannten Uvea. Dazu gehören Regenbogenhaut (Iris), Ziliarkörper und Aderhaut, also die gut durchbluteten Strukturen im Inneren des Auges. Die Entzündung greift im Verlauf auf Linse, Glaskörper und Netzhaut über und hinterlässt bei jedem Schub Schäden, die dauerhaft bleiben.

Beschrieben wurde die Krankheit schon im vierten Jahrhundert von Vegetius. Er hielt die wiederkehrenden Schübe für eine Folge der Mondphasen, daher stammt der Name Mondblindheit. Der Zusammenhang mit dem Mond hat sich als falsch erwiesen, der Name ist geblieben.

Bis heute ist die ERU weltweit die häufigste Ursache für Erblindung beim Pferd. Die Angaben zur Verbreitung schwanken je nach Region erheblich. Für die USA werden je nach Untersuchung zwei bis fünfundzwanzig Prozent der Pferdepopulation genannt, für Westeuropa liegen die Schätzungen bei etwa sieben bis zehn Prozent, in einzelnen Studien bei drei bis fünfzehn Prozent. In Gegenden mit regelmäßigen Überschwemmungen wurden Werte bis siebzig Prozent berichtet. Großbritannien fällt aus dem Rahmen: Dort liegt die Schätzung bei unter einem Prozent, in einer neueren Erhebung sogar bei 0,3 Prozent. Fachleute führen diesen Unterschied auf die Zusammensetzung der Pferdepopulation und auf die vorkommenden Leptospiren-Stämme zurück.

Die wirtschaftliche Bedeutung ist entsprechend groß. Für den US-Pferdemarkt wurden die jährlichen Kosten durch Leistungsverlust und Tierarztkosten auf hundert bis zweihundertfünfzig Millionen Dollar geschätzt.

Warum ausgerechnet Tigerschecken betroffen sind

Verantwortlich für die Tigerscheckung ist eine Genveränderung mit dem Kürzel LP, das für leopard complex spotting allele steht. Dahinter steckt der Einbau eines retroviralen Abschnitts in ein Intron des Gens TRPM1. Dieses Gen baut einen Kalziumkanal, der in zwei Geweben gebraucht wird: in den Pigmentzellen der Haut und in den ON-Bipolarzellen der Netzhaut.

Genau darin liegt der Kern des Problems. Ein einziges Gen steuert zwei völlig verschiedene Dinge. Es erzeugt die Farbe, für die die Rassen gezüchtet werden, und es greift gleichzeitig in die Signalverarbeitung der Netzhaut ein. Fachleute nennen so etwas Pleiotropie: eine Genveränderung mit mehreren Wirkungen. Die Farbe und das Augenrisiko lassen sich deshalb genetisch nicht voneinander trennen.

LP wird unvollständig dominant vererbt. Ein Pferd kann also keine Kopie tragen (N/N, einfarbig), eine Kopie (N/LP) oder zwei Kopien (LP/LP). Pferde mit zwei Kopien zeigen typischerweise sehr viel Weiß und nur noch wenige Pigmentflecken, dazu gehören die Weißgeborenen und die Wenigtiger. Ein zweites Gen, PATN1, sitzt im Gen RFWD3 und wirkt als Verstärker: Es entscheidet mit, wie viel weiße Fläche entsteht.

Messungen an Netzhautgewebe zeigen, wie stark der Einbau das Gen ausbremst. Bei Pferden ohne LP liegt die TRPM1-Aktivität bei eins, bei mischerbigen Pferden noch bei etwa 0,31 und bei reinerbigen Tigerschecken bei 0,0005. Praktisch fällt das Gen in der Netzhaut also komplett aus, sobald zwei Kopien vorhanden sind.

Betroffen sind alle Rassen, die den Tigerschecken-Komplex führen. Dazu zählen Appaloosa, Knabstrupper, Tigernoriker, Pony of the Americas, getigerte Deutsche Reitponys, getigerte Miniaturpferde und weitere Zuchten mit dieser Farbe. Wie stark solche Linien in einer Population vertreten sind, zeigt die Zuchtstatistik der Arbeitsgemeinschaft der Norikerzüchter Österreichs für 2020: 395 eingetragene Tigerstuten, 24 eingetragene Tigerhengste aus den Linien Elmar und Vulkan, dazu 418 Belegungen pro Tigerhengst.

Die Zahlen: wie stark das Risiko wirklich steigt

Der Verdacht besteht seit Jahrzehnten, die Belege sind neueren Datums. Die wichtigsten Untersuchungen stammen aus einer Zusammenarbeit der University of California in Davis mit der University of Saskatchewan in Kanada und mit europäischen Tierärzten.

Den Anfang machte 1995 eine Auswertung von 372 Fällen durch Ann Dwyer. Appaloosas erkrankten darin rund achtmal häufiger an der schleichenden Form der ERU als Pferde anderer Rassen und erblindeten etwa viermal häufiger.

Eine elfjährige Verlaufsstudie derselben Autorin an 160 Pferden zeigt, wie unterschiedlich die Aussichten je nach Rasse und Leptospiren-Status ausfallen. Insgesamt erblindeten 56 Prozent der Pferde auf einem oder beiden Augen. Bei Appaloosas mit positivem Leptospiren-Titer verlor jedes einzelne Pferd auf mindestens einem Auge das Sehvermögen, die Hälfte erblindete vollständig. Bei Appaloosas mit negativem Titer waren es 72 Prozent mit Sehverlust und 29 Prozent mit vollständiger Erblindung. Pferde anderer Rassen mit positivem Titer kamen auf 51 Prozent Sehverlust und 17 Prozent vollständige Erblindung, Pferde anderer Rassen mit negativem Titer auf 34 und 6 Prozent.

Wie sehr die Klinikstatistiken von Tigerschecken geprägt sind, zeigt eine Auswertung des Western College of Veterinary Medicine in Kanada: 62,5 Prozent aller dort gestellten ERU-Diagnosen entfielen auf Appaloosas.

2020 folgten zwei Arbeiten, die den Gentest direkt einbezogen. Lynne Sandmeyer und Kollegen untersuchten 145 Appaloosas im Westen Kanadas augenärztlich und bestimmten bei allen den LP-Genotyp. Bei 20 Pferden, also 14 Prozent, bestätigte sich eine ERU. Reinerbige Tigerschecken (LP/LP) hatten gegenüber Pferden ohne LP ein 19,4-fach erhöhtes Risiko und zeigten außerdem häufiger schwere Augenschäden als mischerbige Pferde. Das Risiko stieg pro Lebensjahr um den Faktor 1,15, und je älter die Pferde bei der Diagnose waren, desto weiter war die Erkrankung fortgeschritten. Auffällig war zudem die Verwandtschaft: Ein betroffenes Pferd war Vater oder Großvater von neun weiteren betroffenen Pferden.

Die zweite Arbeit von 2020 unter Leitung von Hannah Rockwell wertete 98 Appaloosas aus und beschrieb einen additiven Effekt. Das Risiko steigt mit der Zahl der LP-Kopien, also LP/LP über N/LP über N/N. Pferde, die zusätzlich zwei Kopien von PATN1 trugen, schienen noch stärker gefährdet zu sein.

2022 kam der Knabstrupper an die Reihe. Nicole Kingsley und ein internationales Team untersuchten 116 Knabstrupper in Dänemark, Schweden und weiteren Ländern. Die Häufigkeit der schleichenden Uveitis lag in dieser Stichprobe bei 20,7 Prozent, also bei jedem fünften Pferd. Reinerbige Tigerschecken hatten gegenüber echt einfarbigen Pferden ein 7,64-fach erhöhtes Risiko. Das Alter wirkte sich massiv aus: Die Gruppe der 16- bis 20-Jährigen lag um das 13,4-Fache über der jüngsten Altersgruppe. Auch hier waren erkrankte Pferde untereinander enger verwandt als die gesunden Vergleichspferde.

Wie stark die Vererbung wiegt und was 2025 dazukam

Eine Arbeit von 2022 hat erstmals berechnet, wie viel von der schleichenden Uveitis beim Appaloosa auf die Gene entfällt. Die Erblichkeit liegt demnach zwischen 0,68 und 1,0. Das ist außergewöhnlich hoch. Zum Vergleich: Bei den meisten komplexen Krankheiten liegen solche Werte deutlich niedriger. Das LP-Gen allein erklärt davon 16 bis 33 Prozent. Der Rest verteilt sich auf weitere, bis dahin unbekannte Genorte.

Im Oktober 2025 erschien dazu die bislang jüngste Untersuchung, eine genomweite Suche an zunächst 96 und später 157 Appaloosas. Nachdem die Forscher den LP-Genotyp herausgerechnet hatten, blieb ein 9,7 Kilobasen langer Abschnitt auf dem X-Chromosom übrig, der statistisch klar mit der Krankheit zusammenhing. In dieser Region liegen die Gene CDKL5, RS1 und PPEF-1. Interessant ist vor allem RS1: Das zugehörige Eiweiß Retinoschisin hält die Netzhautschichten zusammen, und Versuche an Mäusen zeigen, dass ohne dieses Eiweiß auch der TRPM1-Kanal falsch in der Zellmembran sitzt. Damit gibt es zumindest einen denkbaren Bezug zwischen beiden Genorten.

Rechnerisch erklärt der Abschnitt auf dem X-Chromosom rund fünf Prozent der Unterschiede zwischen kranken und gesunden Pferden. Zusammen mit LP, Alter und Geschlecht kommt das Modell auf 83 Prozent. Für die Praxis gilt allerdings der ausdrückliche Hinweis der Autoren: Für diesen Genort gibt es bislang keinen diagnostischen Test, und die Ergebnisse müssen an einer unabhängigen Gruppe bestätigt werden. Verlässlich einsetzbar ist derzeit einzig der LP-Test.

Eine weitere Spur führt zum Immunsystem. Beim deutschen Warmblut ist die ERU seit Langem mit dem Gewebemerkmal ELA-A9 verknüpft, das dem menschlichen HLA-System entspricht. Beim Menschen hängt die akute vordere Uveitis eng mit HLA-B27 zusammen. Beim Appaloosa fanden sich anfangs ebenfalls Hinweise auf diesen Bereich, die sich in späteren Untersuchungen mit dichteren Markersätzen allerdings nicht bestätigen ließen.

Die Tigerscheckenuveitis ist eine eigene Krankheitsform

Für die Praxis ist dieser Abschnitt der wichtigste. Die ERU tritt in verschiedenen Formen auf, und Tigerschecken bekommen überwiegend eine davon.

Die klassische Form verläuft in Schüben. Das Pferd kneift das Auge zu, tränt, meidet Licht, das Lid schwillt an, die Bindehaut ist gerötet, die Pupille eng. Zwischen den Schüben wirkt das Auge ruhig. Diese Form ist schmerzhaft, sie fällt auf, und sie wird deshalb meist rechtzeitig bemerkt. Betroffen sind vor allem Warmblüter und Isländer.

Die schleichende Form, im Englischen insidious uveitis, in Deutschland auch Tigerscheckenuveitis genannt, verläuft völlig anders. Die Entzündung schwelt dauerhaft auf niedrigem Niveau. Sichtbare Schübe bleiben aus, das Pferd zeigt kaum Schmerz, und die Zerstörung läuft trotzdem weiter. Betroffen sind vor allem Tigerschecken, daneben Isländer und Kaltblüter. Sie tritt außerdem häufiger beidseitig auf.

Wie sich das in einer großen Klinikstatistik niederschlägt, hat Alessandra Baumgart in ihrer Dissertation an der Klinik für Pferde der LMU München untersucht und 2014 gemeinsam mit Hartmut Gerhards veröffentlicht. Ausgewertet wurden die Daten von 2263 Pferden mit Uveitis. Die Ergebnisse für Appaloosas, Knabstrupper und andere Tigerschecken:

Sie wurden mit durchschnittlich 11,1 bis 12,2 Jahren vorgestellt und damit deutlich später als Pferde anderer Rassen und Farben. Der Grund liegt in der schleichenden Form, die eben keine schmerzhaften Schübe erzeugt und daher spät auffällt. Entsprechend häufig fanden sich bei der Erstuntersuchung bereits Zeichen einer langen Krankheitsgeschichte: hintere Verklebungen zwischen Iris und Linse, Linsenverlagerungen, ausgedehnte Linsentrübung, geschrumpfte Augäpfel. Jeweils über 60 Prozent dieser Pferde waren bei der Vorstellung auf einem oder beiden Augen bereits blind. Bei Pferden anderer Rassen und Farben lag dieser Anteil deutlich niedriger.

Ein zweiter Befund derselben Arbeit ist für die Behandlung entscheidend. Über 55 Prozent der Tigerschecken zeigten einen negativen Leptospirentest, gegenüber 16 Prozent bei den übrigen Pferden. Bei der klassischen ERU gilt in Deutschland die Bakteriengattung Leptospira als Hauptursache, die Klinik für Pferde der LMU München gibt dafür über 95 Prozent der Fälle an. Die Erreger werden vor allem über den Harn von Mäusen und Ratten verbreitet, überleben lange in feuchtem Boden und stehendem Wasser und gelangen über Schleimhäute und kleine Verletzungen in den Blutkreislauf und von dort ins Auge.

Bei der Tigerscheckenuveitis fehlt dieser Erregerbezug in der Mehrzahl der Fälle. Sie gilt daher als eine überwiegend fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers gegen eigenes Netzhautgewebe. In München wurden dazu mehrere Autoantigene beschrieben, unter anderem das S-Antigen und das interphotorezeptorische Retinoid-bindende Protein. Genau daraus folgt, dass eine Behandlung, die auf die Entfernung von Erregern zielt, bei Tigerschecken anders wirkt als bei einem Warmblut mit klassischer ERU.

Woran Du eine beginnende Entzündung erkennst

Weil die schleichende Form so wenig zeigt, lohnt sich ein geübter Blick. Der einfachste Test funktioniert mit Bordmitteln.

Geh mit dem Pferd in einen abgedunkelten Stallgang und nimm eine Taschenlampe, die Handylampe oder ein Otoskop. Halte die Lichtquelle neben Deinen eigenen Kopf, parallel zu Deiner Blickrichtung, und leuchte aus ein bis zwei Metern Entfernung in beide Augen. Du siehst dann den Fundusreflex, also das zurückgeworfene Licht vom Augenhintergrund, ähnlich dem roten Blitzlichteffekt beim Menschen.

Wenn beide Augen einen gleich starken Reflex aus gleich großen Pupillen zeigen, ist das ein gutes Zeichen. Auffällig wird es in diesen Fällen:

Eine Pupille ist kleiner als die andere, das spricht für eine entzündungsbedingte Engstellung. Eine Pupille ist größer, das kann auf einseitige Erblindung hindeuten. Eine Pupille ist verformt, dann liegen vermutlich Verklebungen zwischen Iris und Linse vor. Der Reflex erscheint dunkelgelb bis orange statt hell, dann schwimmen Entzündungsprodukte im Kammerwasser oder im Glaskörper. Der Reflex ist undeutlich oder erloschen, das deutet auf getrübte Medien hin, etwa eine Hornhauttrübung oder eine Linsentrübung.

Bei Tigerschecken lohnt zusätzlich der Blick aus der Nähe. Zwei Hinweise treten hier besonders oft auf: eine insgesamt dunkler wirkende Regenbogenhaut und feine weiße Wölkchen am Rand der Pupille. Diese Wölkchen sind Ablagerungen, die sich unter dem Mikroskop als Amyloid nachweisen lassen.

Klassische akute Zeichen bleiben natürlich ebenfalls verdächtig: vermehrter Tränenfluss, Lichtscheu, Zukneifen des Lids, gerötete Bindehaut. Bei Tigerschecken sind sie eben nur selten der erste Hinweis.

Fortgeschrittene Veränderungen erkennt auch ein Laie: eine sichtbar getrübte Linse, ein verformter oder verkleinerter Augapfel, eine dauerhaft enge und starre Pupille. Diese Befunde bedeuten, dass bereits erhebliche Schäden entstanden sind.

Empfohlen wird deshalb bei gefährdeten Rassen eine jährliche Augenuntersuchung ab dem dritten Lebensjahr, bei reinerbigen Tigerschecken gern häufiger und beim Augenspezialisten. Der Grund dafür ist einfach: Jeder Entzündungsschub verursacht Schmerzen und irreversible Schäden, und jedes Wiederauftreten erhöht das Risiko für Erblindung, Sekundärglaukom, Linsentrübung, Linsenverlagerung, Netzhautablösung und Schrumpfauge.

Nachtblindheit: die zweite Augenkrankheit hinter dem LP-Gen

Das LP-Gen bringt eine zweite Besonderheit mit, die regelmäßig mit der Mondblindheit verwechselt wird. Reinerbige Tigerschecken (LP/LP) sind nachtblind. Der Fachbegriff lautet kongenitale stationäre Nachtblindheit, abgekürzt CSNB.

Kongenital heißt angeboren, stationär heißt gleichbleibend. Diese Pferde kommen also mit der Einschränkung zur Welt, und sie verschlechtert sich im Leben nicht weiter. Ursache ist der Ausfall des TRPM1-Kanals in der Netzhaut, wodurch die Signalweitergabe von den Stäbchen zu den nachgeschalteten Zellen bei schwachem Licht unterbrochen ist. Mischerbige Pferde produzieren genug funktionsfähiges Eiweiß und sehen bei Dämmerung normal.

Wichtig ist die Abgrenzung: CSNB verursacht keine Entzündung und keine Schmerzen, das Auge sieht von außen unauffällig aus, und bei Tageslicht sieht das Pferd gut. Beim Menschen sind Veränderungen im selben Gen ebenfalls als Ursache einer angeborenen Nachtblindheit bekannt, oft zusammen mit Kurzsichtigkeit und Schielen. Ganz ähnliche Befunde wurden auch bei Pferden beschrieben.

Für den Umgang bedeutet das: In dunklen Hallen, bei Nachtweide, beim Verladen im Dunkeln oder beim Ausritt in der Dämmerung braucht ein LP/LP-Pferd Zeit, ruhige Ansprache und gleichbleibende Wege. Ein Pferd, das im Dunkeln zögert oder scheut, ist deshalb häufig einfach nachtblind. Ein Pferd, das im Hellen unsicher wird, gehört dagegen zeitnah zum Augenarzt, denn dann steht eher die Uveitis im Raum.

Behandlung: warum bei Tigerschecken anderes greift

Im akuten Schub geht es zuerst darum, die Entzündung zu dämpfen und Verklebungen zu vermeiden. Üblich sind entzündungshemmende Augentropfen und Salben, weitstellende Mittel für die Pupille sowie entzündungshemmende Medikamente zum Eingeben oder Spritzen. Das lindert den einzelnen Schub. Den weiteren Verlauf beeinflusst es nur begrenzt.

Für die langfristige Kontrolle stehen mehrere Verfahren zur Verfügung, und hier trennen sich die Wege je nach Krankheitsform.

Die Pars-plana-Vitrektomie ist in Deutschland das etablierte Verfahren. Dabei wird der entzündlich veränderte Glaskörper zerkleinert, abgesaugt und ersetzt. In München wurde die Methode ab den frühen 1990er-Jahren aufgebaut, allein 2012 führte die dortige Klinik 150 solcher Eingriffe durch. Bei der leptospirenassoziierten Form sind die Ergebnisse gut. In verschiedenen Studien blieben zwischen 73,6 und 100 Prozent der operierten Augen anschließend schubfrei.

Für Tigerschecken sieht das Bild anders aus. Eine Dissertation der Tierärztlichen Hochschule Hannover wertete 246 vitrektomierte Augen aus. Insgesamt blieben 182 Augen, also 74 Prozent, ohne neue Schübe. Bei Warmblütern lag die Schubfreiheit bei 88 Prozent. Knabstrupper dagegen zeigten signifikant häufiger erneute Schübe als alle anderen Rassen, ebenso Pferde mit anderen Fellfarben als Fuchs, Braun, Rappe und Dunkelbraun. Das passt zur Erklärung aus München: Wenn die Entzündung nicht von Leptospiren im Auge ausgeht, entfernt die Operation zwar die Glaskörpertrübung, die Ursache bleibt aber bestehen.

Das suprachoroidale Ciclosporin-A-Implantat verfolgt einen anderen Ansatz. Ciclosporin A dämpft die Immunreaktion. Als Implantat unter die Aderhaut eingesetzt, gibt es den Wirkstoff über bis zu drei Jahre gleichmäßig ab und erreicht hohe Konzentrationen im Glaskörper. Genau das passt zur Tigerscheckenuveitis, bei der eine Dauerentzündung ohne äußere Zeichen läuft und eine konservative Behandlung deshalb kaum steuerbar ist. Baumgart und Gerhards haben in ihrer Arbeit ausdrücklich auf die Zulassungsfrage in Deutschland hingewiesen, dazu auf Beschränkungen für Reit- und Rennsportveranstaltungen bei behandelten Pferden. Wie die Verfügbarkeit aktuell aussieht, klärst Du am besten direkt mit einer Augenklinik.

Die intravitreale Gentamicin-Injektion ist ein minimalinvasives Verfahren. Dabei werden vier Milligramm des Wirkstoffs am stehenden, sedierten Pferd in den Glaskörper gespritzt. An der Vetmeduni Wien ist das seit Jahren das Mittel der ersten Wahl, angegeben werden rund 80 Prozent Schubfreiheit bei geringem Komplikationsrisiko. Vitrektomie und Ciclosporin-Implantat kommen dort zum Einsatz, wenn das Auge darauf nicht anspricht. In der Fachwelt wird das Verfahren durchaus kontrovers diskutiert.

Ein Punkt wird häufig übersehen: Ein bereits blindes, geschrumpftes Auge im Endstadium bleibt eine Schmerzquelle, weil die chronische Entzündung darin weiterläuft. Wenn kein Spezialist erreichbar ist oder die Kosten den Rahmen sprengen, verschafft die Entfernung des Auges dem Pferd echte Erleichterung. Das klingt hart, es beendet aber einen Dauerschmerz.

Eine Heilung der Tigerscheckenuveitis gibt es bislang nicht. Ziel jeder Behandlung ist es, die Entzündung zu bremsen, solange noch Sehvermögen vorhanden ist. Deshalb entscheidet der Zeitpunkt über das Ergebnis, und deshalb sind Vorsorgeuntersuchungen bei diesen Rassen so wertvoll.

Was die Krankheit für Pferd und Besitzer bedeutet

Die Folgen gehen über das Auge hinaus. In den ausgewerteten Studien konnte der überwiegende Teil der betroffenen Pferde die vorherige Nutzung nicht wieder aufnehmen, genannt werden über 60 Prozent. In einzelnen Untersuchungen wurden zwischen 15 und 53 Prozent der erfassten Pferde direkt wegen der ERU eingeschläfert.

Auch finanziell schlägt die Erkrankung zu Buche. Für die USA werden pro Fall 1.000 bis 3.000 Dollar für Diagnostik und 3.000 bis 5.000 Dollar für die Behandlung angegeben. Auf deutsche Verhältnisse lassen sich diese Zahlen nur grob übertragen, die Größenordnung zeigt aber, worauf sich ein Besitzer einstellen sollte.

Gleichzeitig lohnt der nüchterne Blick: Viele einseitig erblindete Pferde bleiben nutzbar und lebensfroh. Sie brauchen gleichbleibende Abläufe, feste Plätze für Trog und Tränke, ein verlässliches Beipferd und Menschen, die sie ansprechen, bevor sie sie anfassen. Auch vollständig blinde Pferde leben in vertrauter Umgebung oft erstaunlich sicher, sofern die Haltung darauf abgestimmt ist und das Auge selbst schmerzfrei bleibt.

Gentest und Vorsorge

Der LP-Test ist als reguläre Untersuchung verfügbar, unter anderem beim Veterinary Genetics Laboratory der University of California in Davis, das die Forschung dazu maßgeblich betrieben hat, und bei europäischen Labors, die Farbgentests für Pferde anbieten. Gebraucht werden in der Regel ausgezupfte Mähnenhaare mit Wurzeln. Das Ergebnis nennt den Genotyp als N/N, N/LP oder LP/LP. Der PATN1-Test ist ebenfalls erhältlich.

Der Nutzen liegt weniger in der Farbe als in der Einordnung des Risikos. Die Studien empfehlen den Test ausdrücklich als Werkzeug für das Gesundheitsmanagement: Ein Pferd mit dem Ergebnis LP/LP gehört regelmäßig zum Augenspezialisten, ganz gleich wie unauffällig es wirkt. Für viele Besitzer ist die Zahl auf dem Testergebnis genau der Anstoß, der die jährliche Kontrolle überhaupt in Gang bringt.

Beim Pferdekauf lohnt es, das Thema anzusprechen. Eine Kaufuntersuchung mit gründlicher Augenuntersuchung, idealerweise mit Weitstellung der Pupille und im abgedunkelten Raum, kostet wenig im Verhältnis zu dem, was sie aufdecken kann. Fragen nach dem LP-Status, nach früheren Augenbehandlungen und nach Augenerkrankungen bei Verwandten gehören bei diesen Rassen dazu. Die Untersuchungen haben mehrfach gezeigt, dass betroffene Pferde untereinander enger verwandt sind als gesunde.

Für die klassische, leptospirenbedingte Form spielt außerdem das Umfeld eine Rolle. Nagerbekämpfung im Futterlager, Futter in geschlossenen Behältern, Verzicht auf stehende Gewässer als Tränke und Vorsicht mit regelmäßig überschwemmten Weiden senken die Erregerlast. Für die Tigerscheckenuveitis selbst greift dieser Hebel nur begrenzt, für die Stallhygiene insgesamt lohnt er sich trotzdem.

Was das für die Zucht bedeutet

Das Thema ist unbequem, weil Farbe und Risiko am selben Gen hängen. Reinerbige Tigerschecken tragen das höchste Risiko, und genau sie sind für die Farbvererbung besonders interessant, weil sie ausschließlich getigerten Nachwuchs bringen. Weißgeborene und Wenigtiger gehören in aller Regel in diese Gruppe.

Die Forschungsgruppen formulieren ihre Schlussfolgerung zurückhaltend: Der LP-Test taugt zur Risikoeinschätzung, und das Wissen um weitere beteiligte Genorte könnte künftig zu besseren Modellen führen. Gleichzeitig zeigen alle Arbeiten, dass auch mischerbige Pferde erkranken. Eine Verpaarung, die reinerbige Nachkommen vermeidet, verringert das Risiko also, sie beseitigt es nicht.

Dazu kommt ein Punkt, der in den Studien immer wieder auftaucht: Die Verwandtschaftsgrade innerhalb der betroffenen Gruppen sind hoch, und die Zuchtbasis mancher dieser Rassen ist schmal. Beim Knabstrupper etwa besteht die Rasse nur aus wenigen hundert Zuchttieren, viele alte Blutlinien sind verschwunden. Damit werden Fragen nach genetischer Vielfalt und nach dem Risiko für Augenerkrankungen zu ein und derselben Frage.

Der aktuelle Stand in Kurzform

Die Genveränderung LP im Gen TRPM1 erzeugt die Tigerscheckung und erhöht zugleich das Risiko für die schleichende Form der periodischen Augenentzündung. Reinerbige Pferde tragen das höchste Risiko, mischerbige ein erhöhtes. Beim Appaloosa wurde ein 19,4-fach erhöhtes Risiko für reinerbige Tiere ermittelt, beim Knabstrupper ein 7,64-faches, und die Häufigkeit in untersuchten Beständen lag bei 14 beziehungsweise 20,7 Prozent. Die Erblichkeit ist mit 0,68 bis 1,0 sehr hoch, LP erklärt davon 16 bis 33 Prozent, seit 2025 ist ein weiterer Abschnitt auf dem X-Chromosom im Gespräch.

Die Krankheit verläuft bei Tigerschecken schmerzarm und oft beidseitig, meist ohne Leptospirenbeteiligung, und sie wird im Schnitt erst mit elf bis zwölf Jahren erkannt, wenn über 60 Prozent der Pferde bereits auf einem oder beiden Augen blind sind. Die Vitrektomie hilft bei dieser Form weniger zuverlässig als bei der klassischen ERU. Der einzige wirklich wirksame Hebel liegt in der Früherkennung: Gentest, jährliche Augenuntersuchung ab drei Jahren und ein geschulter Blick beim täglichen Umgang.

Häufige Fragen

Bekommt jeder Tigerschecke Mondblindheit?

Nein. Die untersuchten Bestände zeigen Häufigkeiten von 14 Prozent beim Appaloosa und 20,7 Prozent beim Knabstrupper. Die große Mehrheit bleibt also gesund. Das Risiko liegt allerdings um ein Vielfaches über dem einfarbiger Pferde, und es steigt mit jedem Lebensjahr.

Sind einfarbige Appaloosas und Knabstrupper ebenfalls gefährdet?

Entscheidend ist der Genotyp, nicht das Aussehen. Ein Pferd ohne LP-Kopie gilt als echt einfarbig und trägt das erhöhte Risiko nicht. Ein Pferd kann jedoch fast einfarbig wirken und trotzdem eine LP-Kopie besitzen, etwa mit nur wenig Weiß über der Kruppe, gestreiften Hufen, gefleckter Haut oder sichtbarem weißem Augapfelrand. Klarheit bringt der Gentest.

Ab welchem Alter tritt die Erkrankung auf?

Sie kann jederzeit beginnen, die Häufigkeit steigt aber deutlich mit dem Alter. Beim Knabstrupper lag die Gruppe der 16- bis 20-Jährigen um das 13,4-Fache über der jüngsten Gruppe, beim Appaloosa steigt das Risiko pro Lebensjahr um den Faktor 1,15. Kontrolluntersuchungen werden trotzdem ab dem dritten Lebensjahr empfohlen, weil die schleichende Form still beginnt.

Kann man die periodische Augenentzündung heilen?

Bei der leptospirenassoziierten Form gilt die Vitrektomie als sehr wirksam, mit Schubfreiheit zwischen 73,6 und 100 Prozent in verschiedenen Studien. Für die Tigerscheckenuveitis existiert bislang keine Heilung. Hier geht es darum, die Dauerentzündung zu bremsen und das vorhandene Sehvermögen zu erhalten.

Ist ein Tigerschecke mit einem blinden Auge noch reitbar?

Häufig ja. Viele einseitig blinde Pferde arbeiten weiter, brauchen dafür allerdings ruhige Ansprache, verlässliche Abläufe und einen Reiter, der ihre eingeschränkte Seite mitdenkt. Wichtig bleibt, dass das blinde Auge schmerzfrei ist, denn eine weiterlaufende Entzündung tut auch dann weh, wenn ohnehin kein Sehvermögen mehr vorhanden ist.

Ist Nachtblindheit dasselbe wie Mondblindheit?

Nein, das sind zwei verschiedene Dinge, die nur denselben genetischen Auslöser teilen. Die kongenitale stationäre Nachtblindheit betrifft reinerbige Tigerschecken von Geburt an, bleibt gleich, tut nicht weh und zeigt sich ausschließlich bei schwachem Licht. Die periodische Augenentzündung ist eine fortschreitende Entzündung, die das Auge zerstört.

Woran erkenne ich beim Pferdekauf ein Risiko?

Lass die Augen im Rahmen der Kaufuntersuchung gründlich prüfen, am besten in abgedunkelter Umgebung und mit weitgestellter Pupille. Frag nach dem LP-Genotyp, nach früheren Augenbehandlungen und nach Augenerkrankungen in der Verwandtschaft. Bei einem reinerbigen Tigerschecken lohnt zusätzlich die Untersuchung durch einen Augenspezialisten, weil die frühen Zeichen der schleichenden Form leicht übersehen werden.

Welche Rassen sind neben Appaloosa und Knabstrupper betroffen?

Alle Rassen, die den Tigerschecken-Komplex führen. Dazu gehören der Tigernoriker, das Pony of the Americas, getigerte Deutsche Reitponys und getigerte Miniaturpferde. Unabhängig davon zeigen auch deutsche Warmblüter, Isländer und Kaltblüter erhöhte Zahlen, dort allerdings über andere Mechanismen: beim Warmblut über das Gewebemerkmal ELA-A9 und meist als klassische, leptospirenassoziierte Form.

Eine Antwort zu „Mondblindheit bei Tigerschecken“

  1. Avatar von Pferde mit Punkten – Alles über Pferde

    […] Mehr über die verschiedenen Zeichnungen und ihre Entstehung erfährst du auf unserer Seite über Tigerschecken und Tigerschecken als Sportpferde. Tigerschecken leiden oft an periodischer Augenentzündung […]

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