Welchen Charakter haben Pferde?
Wer behauptet, Pferde hätten alle ungefähr denselben Charakter, hat vermutlich noch nie versucht, fünf verschiedene Pferde davon zu überzeugen, an derselben blauen Regentonne vorbeizugehen.
Pferd Nummer eins läuft vorbei.
Pferd Nummer zwei bleibt stehen und untersucht die Tonne.
Pferd Nummer drei findet, dass Regentonnen grundsätzlich verdächtig sind.
Pferd Nummer vier erschrickt erst, stellt anschließend fest, dass nichts passiert, und vergisst die Angelegenheit.
Und Pferd Nummer fünf läuft seit acht Jahren täglich an genau dieser Tonne vorbei, ist aber heute zu dem Ergebnis gekommen, dass sie irgendetwas im Schilde führt.
Das ist nicht einfach nur eine lustige Eigenart von Pferden. Tatsächlich beschäftigt sich die Verhaltensforschung seit Jahren mit der Persönlichkeit und dem Temperament von Pferden, und inzwischen wissen wir ziemlich sicher: Pferde besitzen individuelle Persönlichkeitseigenschaften, die sich teilweise über längere Zeit und in unterschiedlichen Situationen wiederfinden lassen.
Ein Pferd ist also nicht einfach nur „ein Fluchttier“.
Es ist ein Individuum.
Und genau deshalb können zwei Pferde dieselbe Situation vollkommen unterschiedlich beurteilen.
Haben Pferde wirklich einen eigenen Charakter?
Ja.
Wissenschaftlich spricht man allerdings häufig von Persönlichkeit und Temperament, und die Begriffe werden selbst in der Forschung nicht immer völlig einheitlich verwendet.
Eine sinnvolle Unterscheidung lautet:
Temperament bezeichnet eher grundlegende, teilweise angeborene Eigenschaften des Nervensystems, beispielsweise wie stark ein Pferd auf neue oder beängstigende Reize reagiert.
Charakter beziehungsweise Persönlichkeit umfasst darüber hinaus Eigenschaften, die sich im Laufe des Lebens unter dem Einfluss von Erfahrungen, Lernen, Haltung und Umgang entwickeln.
Eine große systematische Übersichtsarbeit über die Persönlichkeit von Pferden kommt zu einem entsprechend differenzierten Ergebnis: Persönlichkeit hat eine genetische Grundlage, wird aber gleichzeitig durch Umwelt und Erfahrungen verändert. (ScienceDirect)
Damit haben wir bereits einen wichtigen Punkt:
Ein Pferd kommt nicht als vollkommen unbeschriebenes Blatt zur Welt.
Aber auf diesem Blatt wird anschließend ziemlich viel herumgeschrieben.
Welche Charaktereigenschaften können Pferde haben?
Das ist wissenschaftlich interessanter, als einfach eine Liste mit „treu, sensibel und lieb“ anzulegen.
Forscher haben versucht, Persönlichkeit bei Pferden systematisch zu erfassen und dabei unterschiedliche Modelle entwickelt.
Eine Untersuchung mit 1.223 Pferden identifizierte beispielsweise sechs Persönlichkeitsbereiche:
Dominanz, Ängstlichkeit, Erregbarkeit, Schutzverhalten, Sozialverhalten und Neugier. (ScienceDirect)
Eine andere Untersuchung mit Pferdebesitzern, Trainern und Stallpersonal fand drei größere Persönlichkeitsdimensionen, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit menschlichen Persönlichkeitsmerkmalen hatten. Dazu gehörten Bereiche, die grob mit Verträglichkeit, Extraversion und Emotionalität vergleichbar sind. (ScienceDirect)
Und wieder ein anderes Modell unterscheidet gleich acht Bereiche.
Beim Temperament:
Energie, Ängstlichkeit, Sensibilität und Anpassungsfähigkeit.
Beim Charakter:
Nachgiebigkeit, Aggressivität, Kontaktbereitschaft gegenüber Menschen und Selbstständigkeit. (ScienceDirect)
Es gibt also nicht den einen wissenschaftlichen „Pferde-Persönlichkeitstest“, der am Ende ausspuckt:
Ihr Wallach ist zu 67 Prozent introvertiert und sollte beruflich etwas mit Buchhaltung machen.
Aber verschiedene Untersuchungen kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass Pferde stabile individuelle Unterschiede im Verhalten zeigen.
Manche Pferde sind tatsächlich mutiger als andere
Das klingt zunächst banal, ist aber wissenschaftlich ausgesprochen wichtig.
Wenn Pferd A vor einem unbekannten Gegenstand erschrickt und Pferd B nicht, könnte das schließlich Zufall sein.
Interessant wird es erst, wenn Pferd A auch in anderen unbekannten Situationen stärker reagiert und dieses Verhalten zu verschiedenen Zeitpunkten erneut zeigt.
Genau solche Zusammenhänge wurden gefunden.
Experimentelle Untersuchungen mit neuen Gegenständen, ungewohnten Situationen und verschiedenen Verhaltenstests zeigten große individuelle Unterschiede zwischen Pferden. Bestimmte Reaktionsweisen passten außerdem zu Einschätzungen von Menschen, die diese Pferde aus dem täglichen Umgang kannten. (PubMed)
Noch interessanter: Bestimmte Persönlichkeitstests zu Ängstlichkeit und Berührungsempfindlichkeit erwiesen sich über unterschiedliche Situationen und Zeiträume hinweg als relativ stabil. (ScienceDirect)
Das bedeutet:
Das Pferd, das häufiger vorsichtig reagiert, „stellt sich“ nicht zwangsläufig an.
Es kann tatsächlich ein grundsätzlich reaktiveres Temperament besitzen.
Ist ein ängstliches Pferd ein schwieriges Pferd?
Nicht unbedingt.
Und hier wird aus Charakterkunde plötzlich sehr praktische Pferdeausbildung.
Eine Studie mit Springpferden fand beispielsweise, dass stärker ängstliche Pferde zwar als schwieriger zu reiten beurteilt wurden, gleichzeitig aber im Wettbewerb bessere Leistungen erzielen konnten. (ScienceDirect)
Das ist ein schönes Beispiel dafür, weshalb Begriffe wie „guter Charakter“ und „schlechter Charakter“ häufig zu grob sind.
Eine hohe Reaktivität kann im gemütlichen Geländeausritt lästig sein.
In einer sportlichen Situation kann dieselbe hohe Reaktionsbereitschaft unter bestimmten Voraussetzungen ausgesprochen nützlich sein.
Ein sensibles Pferd kann auf winzige Hilfen reagieren und dadurch wunderbar fein zu reiten sein.
Dasselbe sensible Pferd kann einen groben oder hektischen Reiter wiederum für eine ausgesprochen schlechte Erfindung halten.
Eigenschaften sind deshalb selten isoliert gut oder schlecht.
Entscheidend ist, zu welchem Menschen, welcher Aufgabe und welcher Umgebung sie passen.
Sind manche Pferderassen charakterlich anders?
Ja, zumindest teilweise.
Und damit betreten wir ein Gebiet, auf dem Pferdemenschen seit Jahrhunderten mit großer Überzeugung Dinge sagen wie:
„Typisch Araber.“
„Typisch Haflinger.“
„Typisch Vollblut.“
„Das ist halt ein Fjord.“
Interessanterweise ist die Idee eines gewissen rassetypischen Temperaments wissenschaftlich nicht völlig aus der Luft gegriffen.
In der bereits erwähnten Untersuchung mit 1.223 Pferden aus acht Rassen fanden Forscher tatsächlich Unterschiede zwischen den Rassen, besonders hinsichtlich Ängstlichkeit und Erregbarkeit. (ScienceDirect)
Eine weitere Untersuchung mit 847 Pferden fand ebenfalls Unterschiede. Dort wurden beispielsweise Araber und Vollblüter im Durchschnitt als nervöser eingeordnet als Quarter Horses und bestimmte Kaltblüter. (ScienceDirect)
Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht:
Jeder Araber ist nervös und jedes Kaltblut gelassen.
Denn innerhalb einer Rasse gibt es erhebliche individuelle Unterschiede.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 betont genau diesen Punkt: Selbst Pferde derselben Rasse, die unter ähnlichen Bedingungen leben, können sich deutlich in ihrer Persönlichkeit unterscheiden. (ScienceDirect)
Rasse kann also eine gewisse statistische Tendenz bedeuten.
Das einzelne Pferd hat diese Statistik allerdings nicht gelesen.
Wird der Charakter eines Pferdes vererbt?
Zum Teil.
Die Forschung findet sowohl Hinweise auf eine genetische Grundlage bestimmter Persönlichkeitseigenschaften als auch deutliche Einflüsse von Umwelt und Erfahrungen. (ScienceDirect)
Das ist für die Pferdezucht ausgesprochen wichtig.
Denn wir züchten schließlich nicht nur Beine, Rücken, Hälse und möglichst spektakuläre Bewegungen.
Seit Jahrhunderten werden Pferde auch nach Verhalten selektiert.
Ein Kriegspferd benötigte andere Eigenschaften als ein Zugpferd, ein Rennpferd andere als ein Arbeitspferd und ein modernes Freizeitpferd wiederum andere als ein hochsensibles Sportpferd.
Dass Verhalten für die Zucht eine große Rolle spielt, ist deshalb keineswegs neu. Neu ist eher der Versuch, solche Eigenschaften objektiv messbar zu machen.
Wie stark prägt die Aufzucht den Charakter?
Sehr wahrscheinlich erheblich, allerdings sollte man hier nicht in die andere Richtung übertreiben und jedes spätere Verhalten auf die ersten Lebensmonate zurückführen.
Persönlichkeit entsteht aus einem Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, früher Entwicklung, Sozialkontakten, Haltung, Lernerfahrungen, Training und individuellen Erlebnissen. Die Forschung betrachtet Pferdepersönlichkeit deshalb ausdrücklich als genetisch mitbedingt, aber durch Umwelt und Erfahrung veränderbar. (ScienceDirect)
Ein von Natur aus eher vorsichtiges Jungpferd kann lernen, neue Situationen ruhig zu untersuchen.
Es wird dadurch aber nicht zwingend zu demselben Pferdetyp wie ein Artgenosse, der bereits als Fohlen neugierig in jeden herumstehenden Eimer hineinklettert.
Training verändert Verhalten.
Es löscht Persönlichkeit nicht einfach aus.
Haben Hengste, Wallache und Stuten unterschiedliche Charaktere?
Hier sollte man mit den üblichen Stallweisheiten vorsichtig sein.
Natürlich können Sexualhormone Verhalten beeinflussen, besonders beim Hengst. Daraus lässt sich aber nicht die schöne einfache Gleichung bauen:
Stute = zickig, Wallach = unkompliziert, Hengst = dominant.
Solche Etiketten vermischen Geschlecht, hormonelle Einflüsse, Haltung, Ausbildung, Erwartungen des Menschen und individuelle Persönlichkeit.
Gerade bei Stuten wird normales Abwehr- oder Kommunikationsverhalten erstaunlich schnell als „zickig“ bezeichnet, während ein Wallach mit identischem Verhalten möglicherweise schlicht „charakterstark“ ist.
Pferdepsychologie kann gelegentlich erstaunlich viel über Menschen verraten.
Ist ein dominantes Pferd charakterstark?
Nicht automatisch.
„Dominant“ gehört zu den wahrscheinlich am großzügigsten verwendeten Begriffen der Pferdewelt.
Ein Pferd zieht am Strick: dominant.
Es läuft beim Führen voraus: dominant.
Es möchte nicht in den Anhänger: dominant.
Es nimmt einem anderen Pferd das Heu weg: endlich wirklich ein Verhalten, bei dem soziale Rangbeziehungen tatsächlich interessant werden.
Dominanz beschreibt ursprünglich eine Beziehung zwischen Individuen, besonders im Zusammenhang mit dem Zugang zu begrenzten Ressourcen.
Sie ist keine universelle Erklärung für jedes unerwünschte Verhalten gegenüber Menschen.
Ein Pferd kann beim Futter gegenüber Artgenossen sehr durchsetzungsfähig sein und gleichzeitig im Umgang mit Menschen ausgesprochen kooperativ.
Und ein Pferd, das Angst vor dem Pferdeanhänger hat, versucht nicht zwangsläufig, die Weltherrschaft zu übernehmen.
Möglicherweise findet es einfach den Pferdeanhänger beängstigend.
Das ist weniger dramatisch, aber meistens die nützlichere Erklärung.
Sind Pferde stur?
Auch „stur“ ist häufig eher eine menschliche Interpretation als eine brauchbare Verhaltensbeschreibung.
Wenn ein Pferd etwas nicht tut, kann es dafür vollkommen unterschiedliche Gründe geben:
Es hat die Aufgabe nicht verstanden, körperliche Beschwerden, Angst, schlechte Erfahrungen, fehlende Motivation oder schlicht gelernt, dass Nichtstun bisher ziemlich erfolgreich war.
Natürlich unterscheiden sich Pferde auch darin, wie ausdauernd sie eigene Strategien verfolgen.
Aber bevor wir einem Pferd Charakterfehler bescheinigen, lohnt sich eine viel bessere Frage:
Warum lohnt sich dieses Verhalten für das Pferd gerade?
Damit lässt sich meistens wesentlich mehr anfangen als mit „Der ist eben stur“.
Sind Pferde soziale Tiere?
Sehr.
Pferde entwickelten sich als sozial lebende Herdentiere, und Beziehungen zu Artgenossen gehören zu ihren grundlegenden Bedürfnissen.
Dabei bestehen Pferdegruppen nicht einfach aus einer militärischen Rangordnung, in der oben der Chef steht und darunter alle brav durchnummeriert sind.
Pferde bilden individuelle Beziehungen, bevorzugte Partnerschaften und unterschiedliche soziale Bindungen.
Ein Pferd kann ausgesprochen kontaktfreudig sein, ein anderes unabhängiger. Genau Sozialität beziehungsweise Kontaktbereitschaft taucht deshalb auch in wissenschaftlichen Persönlichkeitsmodellen immer wieder als eigene Dimension auf. (ScienceDirect)
Können Pferde neugierig sein?
Und wie.
Neugier beziehungsweise inquisitiveness gehört ebenfalls zu den Eigenschaften, die in Pferdepersönlichkeitstests erfasst werden. (ScienceDirect)
Dabei ist Neugier nicht einfach das Gegenteil von Angst.
Ein Pferd kann einen Gegenstand gleichzeitig bedenklich und interessant finden.
Genau deshalb sieht man manchmal diese herrliche Mischung aus vorgestrecktem Hals, aufgeblasenen Nüstern und Füßen, die vorsichtshalber schon einmal die Kündigung eingereicht haben.
Das Pferd möchte wissen, was dort liegt.
Nur bitte möglichst, ohne dafür zu sterben.
Kann sich der Charakter eines Pferdes verändern?
Ja, aber Persönlichkeit ist nicht beliebig formbar.
Erfahrungen und Lernen verändern Verhalten, und damit können sich auch Persönlichkeitseigenschaften beziehungsweise deren sichtbarer Ausdruck verändern. Gleichzeitig zeigen Studien, dass bestimmte individuelle Unterschiede über Situationen und Zeiträume hinweg relativ stabil bleiben können. (ScienceDirect)
Ein unsicheres Pferd kann durch gute Erfahrungen wesentlich selbstbewusster werden.
Ein hektisches Pferd kann lernen, sich besser zu regulieren.
Ein menschenfernes Pferd kann Vertrauen entwickeln.
Aber aus einem hochreaktiven, sensiblen Pferd muss deshalb kein gemütlicher Typ werden, der beim vorbeifahrenden Mähdrescher kurz ein Auge öffnet und anschließend weiterfrisst.
Das sollte auch gar nicht das Ziel sein.
Gute Ausbildung verändert nicht die Persönlichkeit eines Pferdes so lange, bis jedes Pferd gleich ist.
Sie hilft einem Pferd, mit seiner Persönlichkeit gut durchs Leben zu kommen.
Was ist ein guter Charakter beim Pferd?
Das hängt erstaunlich stark davon ab, wen man fragt.
In einer Untersuchung wurden Reiter danach gefragt, welche Eigenschaften sie sich bei einem Pferd wünschen.
Das bevorzugte Pferd sollte unter anderem energisch, wenig ängstlich, sensibel und anpassungsfähig sein, wenig aggressiv reagieren, Kontakt zum Menschen suchen und gleichzeitig eine gewisse Selbstständigkeit besitzen. Interessanterweise unterschieden sich diese Wünsche zwischen verschiedenen reiterlichen Disziplinen und Erfahrungsstufen weniger stark als erwartet. (ScienceDirect)
Im Grunde wünschen wir uns also ein Pferd, das aufmerksam und sensibel ist, aber bitte nicht zu sensibel, Energie besitzt, diese aber nur verwendet, wenn wir sie gerade bestellt haben, selbstständig denkt, dabei aber möglichst zu denselben Ergebnissen kommt wie wir.
Mit anderen Worten:
Wir haben recht konkrete Vorstellungen davon, was ein Pferd unter einem guten Charakter zu verstehen hat.
Ob die Pferde dieselben Vorstellungen von einem guten Reiter haben, wurde leider nicht gefragt.
Der Charakter eines Pferdes ist mehr als „lieb“ oder „schwierig“
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der Forschung über Pferdepersönlichkeit.
Pferde unterscheiden sich tatsächlich in Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Erregbarkeit, Sozialität, Neugier, Sensibilität, Aktivität und Anpassungsfähigkeit. Einige Unterschiede haben genetische Grundlagen, andere werden durch Erfahrungen geprägt, und vieles entsteht aus dem Zusammenspiel von beidem. (ScienceDirect)
Deshalb gibt es nicht den einen typischen Pferdecharakter.
Es gibt vorsichtige Pferde und neugierige, unabhängige und kontaktfreudige, sensible und robuste, schnell erregbare und ausgesprochen gelassene.
Und manchmal gibt es ein Pferd, das 364 Tage im Jahr völlig vernünftig ist und am 365. Tag feststellt, dass auf dem Reitplatz seit gestern ein neuer Blumentopf steht.
Auch eine stabile Persönlichkeit muss schließlich irgendwo ihre Grenzen haben.

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