Pferde Besonderheiten

Pferde Besonderheiten: Was Pferde wirklich außergewöhnlich macht

Wer lange mit Pferden zu tun hat, hält vieles irgendwann für vollkommen normal, was biologisch betrachtet ziemlich bemerkenswert ist. Ein Pferd kann dösend auf seinen vier Beinen stehen, mit fast 360 Grad Rundumsicht gleichzeitig den Reiter, das Hallentor und vermutlich auch die verdächtig aussehende Plastiktüte hinter der Bande im Auge behalten, über Stunden kleine Mengen faserreicher Nahrung verdauen und wenige Sekunden später mit enormer Geschwindigkeit davonlaufen.

Und genau darin liegt der Schlüssel zu fast allen Besonderheiten des Pferdes: Das Pferd ist kein gewöhnliches großes Säugetier, das zufällig vier lange Beine bekommen hat, sondern das Ergebnis einer sehr weitgehenden Spezialisierung auf ein Leben als sozialer, ausdauernder Pflanzenfresser und Fluchttier.

Viele anatomische und physiologische Eigenheiten, die uns heute bei Haltung, Fütterung und Ausbildung gelegentlich Schwierigkeiten bereiten, waren unter natürlichen Bedingungen ausgesprochen sinnvoll.

Das Pferd ist ein hoch spezialisiertes Lauf- und Fluchttier

Die Evolution des Pferdes hat einen Körper hervorgebracht, der erstaunlich konsequent auf effiziente Fortbewegung ausgelegt ist.

Das erkennt man schon an den Beinen. Das heutige Pferd läuft anatomisch betrachtet auf einem einzigen stark entwickelten Zeh pro Gliedmaße, nämlich dem dritten Zeh. Die übrigen Zehen seiner mehrzehigen Vorfahren wurden im Laufe der Evolution weitgehend zurückgebildet; Überreste davon finden wir unter anderem in den Griffelbeinen.

Der Huf entspricht also nicht einfach einem besonders großen menschlichen Fuß. Er umschließt das Endglied eines einzelnen Zehs.

Das klingt zunächst nach einer anatomischen Kuriosität, hat aber einen funktionellen Hintergrund: Masse weit unten am Bein kostet bei schneller Bewegung Energie. Die langen, relativ schlanken distalen Gliedmaßen des Pferdes sind Teil eines Systems, das schnelle und zugleich erstaunlich energieeffiziente Fortbewegung ermöglicht.

Sehnen und Bänder übernehmen dabei weit mehr als eine reine Haltefunktion. Teile des Bewegungsapparates können elastische Energie aufnehmen und wieder abgeben. Besonders der Fesselträger gehört zu diesem hoch spezialisierten System und trägt dazu bei, das Fesselgelenk unter Belastung zu stabilisieren und Bewegungsenergie elastisch zu speichern. (DOI)

Pferde können ihre Beine gewissermaßen feststellen

Eine der bekanntesten Besonderheiten von Pferden hängt unmittelbar damit zusammen.

Pferde können im Stehen ruhen und bestimmte Schlafstadien erreichen, ohne dabei permanent mit erheblicher Muskelkraft ihren mehrere hundert Kilogramm schweren Körper aufrecht halten zu müssen.

Möglich wird das durch den sogenannten Stehapparat, ein komplexes Zusammenspiel aus Knochen, Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskulatur. Vor allem die Hintergliedmaße besitzt einen faszinierenden Mechanismus, bei dem unter anderem Kniescheibe, Kniegelenk und Sprunggelenk funktionell miteinander gekoppelt werden. Dadurch kann das Pferd lange stehen und dabei den muskulären Energieaufwand deutlich reduzieren. (PubMed Central (PMC))

Ganz ohne Muskelaktivität funktioniert das allerdings nicht. Die frühere Vorstellung einer vollständig passiven mechanischen Verriegelung ist zu einfach. Untersuchungen zeigen, dass insbesondere an der Hintergliedmaße auch aktive muskuläre Stabilisierung beteiligt ist. (PubMed Central (PMC))

Das berühmte Bild vom Pferd, das einfach seine Beine „abschließt“, ist also hübsch, anatomisch aber etwas grob.

Pferde schlafen im Stehen, aber nicht ausschließlich

Dass Pferde im Stehen schlafen können, führt zu einem der hartnäckigsten Missverständnisse über Pferde.

Pferde müssen sich durchaus hinlegen.

Sie können im Stehen dösen und bestimmte Schlafstadien durchlaufen. Für ausreichenden REM-Schlaf ist jedoch normalerweise eine liegende Position notwendig, weil während dieser Schlafphase der Muskeltonus stark abnimmt.

Deshalb ist es keineswegs belanglos, wenn ein Pferd sich über längere Zeit nicht hinlegt.

Fehlende Sicherheit, Schmerzen, ungeeignete Liegeflächen, Störungen in der Gruppe oder eine problematische Haltungsumgebung können dazu führen, dass Pferde zu wenig Liegeschlaf bekommen. Chronischer Schlafmangel kann schließlich so ausgeprägt werden, dass Pferde kurzzeitig einknicken oder scheinbar plötzlich zusammenbrechen.

Schlaf ist deshalb mittlerweile auch ein ernstzunehmendes Thema der Pferdewohlforschung und keineswegs nur eine nette Randnotiz über Pferdeverhalten. (PubMed Central (PMC))

Das Pferd sieht die Welt völlig anders als wir

Auch die Augen verraten sehr viel darüber, für welches Leben ein Pferd gebaut wurde.

Die Augen liegen weit seitlich am Kopf. Dadurch besitzt das Pferd ein außerordentlich großes Gesichtsfeld und kann einen erheblichen Teil seiner Umgebung überblicken, ohne den Kopf bewegen zu müssen.

Das ist für ein Beutetier ausgesprochen praktisch.

Während ein Raubtier von einem stärker nach vorne gerichteten binokularen Gesichtsfeld profitiert, weil es Entfernungen beim gezielten Zugriff auf Beute präzise einschätzen muss, ist für ein Fluchttier eine andere Frage mindestens genauso wichtig:

Kommt irgendwo etwas auf mich zu?

Pferde besitzen deshalb große seitliche monokulare Sehbereiche sowie einen kleineren Bereich binokularen Sehens. Gleichzeitig entstehen kleine Bereiche unmittelbar vor und hinter dem Pferd, die es nicht direkt sehen kann. (Merck Veterinary Manual)

Das erklärt auch manches Verhalten, das Menschen vorschnell als Ungehorsam interpretieren. Ein Gegenstand kann für ein Pferd je nach Kopfhaltung, Entfernung und Blickwinkel anders wahrgenommen werden, als wir das mit unserem menschlichen Sehvermögen erwarten.

Hinzu kommt eine hervorragende Wahrnehmung von Bewegung. Für ein Tier, dessen Vorfahren Raubtiere möglichst früh erkennen mussten, war eine kleine Bewegung am Horizont möglicherweise wichtiger als das gestochen scharfe Lesen einer imaginären Pferdezeitung.

Pferde sehen auch Farben, aber nicht wie Menschen

Pferde leben keineswegs in einer Schwarz-Weiß-Welt.

Ihr Farbsehen unterscheidet sich jedoch vom menschlichen Farbsehen. Vereinfacht gesprochen verfügen Pferde über ein dichromatisches Farbsystem, während der Mensch normalerweise trichromatisch sieht.

Dadurch können Pferde insbesondere bestimmte Rot- und Grüntöne wesentlich schlechter voneinander unterscheiden als wir.

Für Hindernisgestaltung, Bodenmarkierungen und den Umgang mit starken Kontrasten kann diese Besonderheit durchaus praktische Bedeutung haben.

Pferdeohren sind kleine Richtantennen

Die Ohren eines Pferdes sind erstaunlich beweglich und können weitgehend unabhängig voneinander ausgerichtet werden.

Damit dienen sie gleich mehreren Aufgaben.

Das Pferd kann Geräuschquellen lokalisieren, unterschiedliche Bereiche seiner Umgebung akustisch überwachen und gleichzeitig über die Stellung seiner Ohren soziale Informationen vermitteln. (Merck Veterinary Manual)

Wer Pferde beobachtet, sollte deshalb nicht nur fragen, ob die Ohren „vorne“ oder „hinten“ sind. Entscheidend ist das gesamte Ausdrucksverhalten aus Ohrenstellung, Augen, Nüstern, Maul, Kopfhaltung, Muskelspannung, Schweif und Körperposition.

Das Pferd kommuniziert nicht mit einzelnen Signal-Lämpchen. Es kommuniziert mit seinem gesamten Körper.

Eine weitere Besonderheit: Pferde atmen durch die Nase

Menschen können bei großer Anstrengung einfach den Mund öffnen und kräftig weiteratmen.

Das Pferd hat diese Möglichkeit unter normalen anatomischen Verhältnissen nicht.

Pferde sind obligate Nasenatmer. Aufgrund der besonderen Lage von weichem Gaumen und Kehlkopf besteht normalerweise keine offene Atemverbindung zwischen Maul und Luftröhre, wie wir Menschen sie besitzen. Die Atemluft nimmt deshalb den Weg über die Nüstern und Nasengänge. (PubMed Central (PMC))

Das macht verständlich, weshalb Erkrankungen und funktionelle Probleme der oberen Atemwege bei Sportpferden erhebliche Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit haben können.

Ein Pferd im Galopp kann eben nicht irgendwann beschließen: „Die Nase reicht mir gerade nicht, ich nehme zusätzlich den Mund.“

Pferde besitzen einen erstaunlich kleinen Magen

Bei einem Tier von 500 oder 600 Kilogramm könnte man einen entsprechend imposanten Magen erwarten.

Den bekommt man allerdings nicht.

Der Pferdemagen ist im Verhältnis zur Körpergröße vergleichsweise klein und gehört zu einem Verdauungssystem, das auf die kontinuierliche Aufnahme vieler kleiner Portionen ausgelegt ist.

Das entspricht der ursprünglichen Ernährungsstrategie des Pferdes: faserreiche, vergleichsweise energiearme Nahrung wird über viele Stunden aufgenommen, während sich das Tier langsam fortbewegt.

Eine aktuelle Meta-Analyse zu den Aktivitätsbudgets von Pferden fand entsprechend deutliche Unterschiede zwischen Haltungsformen: Frei lebende beziehungsweise unter naturnäheren Bedingungen gehaltene Pferde verbrachten erheblich mehr Zeit mit Futteraufnahme als aufgestallte Pferde. (ScienceDirect)

Das ist einer der Gründe, weshalb die Übertragung menschlicher Mahlzeitenlogik auf Pferde so problematisch ist.

Frühstück um sieben, Mittagessen um zwölf und Abendbrot um sechs klingt für uns vollkommen normal.

Der Verdauungstrakt des Pferdes hat diesen Stundenplan allerdings nie unterschrieben.

Das Pferd verdaut Pflanzenfasern mit Milliarden kleiner Mitarbeiter

Pferde sind Pflanzenfresser, aber keine Wiederkäuer.

Stattdessen gehören sie zu den Enddarmfermentierern.

Der enzymatische erste Teil der Verdauung findet in Magen und Dünndarm statt. Die mikrobielle Verarbeitung schwer verdaulicher Pflanzenfasern erfolgt anschließend vor allem im Blind- und Dickdarm.

Dort lebt eine hochkomplexe Gemeinschaft von Mikroorganismen, die Pflanzenbestandteile fermentiert, welche das Pferd mit seinen eigenen Verdauungsenzymen nicht ausreichend aufschließen könnte. Dabei entstehen unter anderem flüchtige Fettsäuren, die dem Pferd als wichtige Energiequelle dienen.

Der Blinddarm eines Pferdes ist deshalb kein bedeutungsloser kleiner Appendix wie beim Menschen, sondern ein gewaltiger Gärraum.

Das Pferd trägt gewissermaßen eine biologische Fermentationsanlage im Bauch mit sich herum. (Veterinärmedizin Calgary)

Und genau deshalb können abrupte Futterwechsel problematisch sein: Man verändert nicht einfach nur das Essen des Pferdes, sondern die Lebensbedingungen eines ganzen mikrobiellen Ökosystems.

Pferde können praktisch nicht erbrechen

Eine der medizinisch bedeutsamsten anatomischen Besonderheiten des Pferdes ist seine extreme Schwierigkeit beziehungsweise unter normalen Bedingungen fehlende Fähigkeit zu erbrechen.

Der Übergang zwischen Speiseröhre und Magen ist anatomisch so konstruiert, dass ein Rückfluss von Mageninhalt stark verhindert wird. Dazu tragen unter anderem der kräftige Verschluss im Bereich der Kardia und die Eintrittsrichtung der Speiseröhre bei. Veterinäranatomische Literatur beschreibt Erbrechen beim Pferd deshalb als normalerweise nicht möglich beziehungsweise als extrem seltenes pathologisches Ereignis. (PubMed Central (PMC))

Das ist medizinisch enorm wichtig.

Wenn sich der Magen beispielsweise bei einer schweren Kolik stark füllt, kann das Pferd den Druck nicht einfach durch Erbrechen reduzieren.

Eine anatomische Besonderheit, die zunächst nach unnützem Quizwissen klingt, kann im Ernstfall also lebensentscheidend werden.

Pferde sind auf beinahe kontinuierliches Kauen eingerichtet

Auch das Gebiss erzählt die Geschichte des ursprünglichen Lebensraumes.

Pferdezähne sind an den starken Abrieb angepasst, der durch langandauerndes Zerkleinern strukturreicher pflanzlicher Nahrung entsteht. Die Backenzähne besitzen sehr hohe Zahnkronen, von denen über Jahre hinweg immer weitere Bereiche in die Mundhöhle nachgeschoben werden, während die Kauflächen abgerieben werden.

Deshalb ist der Satz, Pferdezähne würden „lebenslang wachsen“, nicht ganz korrekt.

Sie werden über lange Zeit aus dem Zahnfach nachgeschoben beziehungsweise eruptieren weiter, während ihre Kauflächen gleichzeitig verschleißen.

Diese Konstruktion funktioniert hervorragend, solange Abrieb und Zahnentwicklung einigermaßen zusammenpassen. Unter heutigen Haltungs- und Fütterungsbedingungen entstehen allerdings häufig scharfe Kanten, Haken und andere Zahnprobleme, weshalb regelmäßige Zahnkontrollen wichtig sind.

Das Pferd ist nicht für zwei Stunden Bewegung am Tag gebaut

Ein weiterer grundlegender Denkfehler entsteht, wenn wir Bewegung mit Training verwechseln.

Ein Pferd benötigt Bewegung nicht nur, damit es Muskeln bekommt oder im Sport leistungsfähig bleibt. Bewegung gehört zu seinem biologischen Grundprogramm.

Unter naturnahen Bedingungen sind Futteraufnahme und langsame Fortbewegung eng miteinander verbunden. Pferde verbringen große Teile des Tages damit, kleine Mengen Nahrung aufzunehmen und sich dabei immer wieder weiterzubewegen. (Pferdesport Deutschland)

Eine Stunde Dressurarbeit kann deshalb zehn oder zwölf Stunden bewegungsarme Haltung nicht biologisch ausgleichen.

Training ist Training.

Bewegung ist ein Grundbedürfnis.

Diese Unterscheidung ist für moderne Pferdehaltung ausgesprochen wichtig.

Pferde brauchen andere Pferde

Ebenso grundlegend ist das Sozialverhalten.

Pferde sind keine Tiere, die zufällig ganz gerne Gesellschaft haben. Sie sind eine hochgradig soziale Tierart, deren Verhalten sich über Millionen Jahre innerhalb stabiler Sozialverbände entwickelt hat.

In solchen Gruppen wird gemeinsam gefressen, geruht, gewandert, gespielt, Körperpflege betrieben und die Umgebung überwacht. Viele Aktivitäten werden synchron ausgeführt.

Die Gruppe bedeutet dabei nicht nur Gesellschaft, sondern Sicherheit. (IGN)

Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten stützen entsprechend die Annahme, dass Sozialkontakt, freie Bewegung und Zugang zu Raufutter grundlegende Bedürfnisse des Pferdes darstellen. Werden mehrere dieser Bedürfnisse eingeschränkt, steigt das Risiko für Stressreaktionen, Verhaltensstörungen und Beeinträchtigungen des Wohlbefindens. (PubMed Central (PMC))

Ein Mensch kann dabei eine sehr wichtige Bezugsperson für ein Pferd werden.

Er wird dadurch trotzdem kein Pferd.

Auch wenn er ausgesprochen überzeugend wiehert.

Pferde kommunizieren unglaublich fein

Innerhalb einer funktionierenden Pferdegruppe muss nicht permanent gekämpft werden.

Im Gegenteil: Körperliche Auseinandersetzungen wären für ein Fluchttier teuer und riskant. Verletzungen können schließlich die Fluchtfähigkeit beeinträchtigen.

Pferde besitzen deshalb ein fein abgestuftes Kommunikationssystem, mit dem sie Annäherung, Distanz, Unsicherheit, Drohung, Entspannung und soziale Bindung ausdrücken können.

Viele Signale sind so klein, dass Menschen sie leicht übersehen.

Eine veränderte Muskelspannung, ein leicht gedrehter Kopf, ein Ohr, das sich einem anderen Pferd zuwendet, eine Veränderung der Distanz oder eine kurze Gewichtsverlagerung können innerhalb der Pferdekommunikation bereits relevant sein.

Das ist einer der Gründe, weshalb vermeintlich „plötzliche“ Reaktionen von Pferden bei genauer Videoanalyse häufig gar nicht so plötzlich erscheinen. Der Mensch hat lediglich die vorhergehenden Signale nicht wahrgenommen.

Pferde sind Fluchttiere, aber keine kopflosen Angstmaschinen

Die Bezeichnung Fluchttier wird manchmal so verwendet, als würde ein Pferd evolutionär hauptsächlich aus vier Beinen und einem großen roten Panikknopf bestehen.

So einfach ist es natürlich nicht.

Eine Flucht kostet Energie und kann selbst Verletzungen verursachen. Ein Pferd profitiert deshalb davon, Gefahren möglichst früh zu erkennen, einzuschätzen und angemessen darauf zu reagieren.

Dafür besitzt es leistungsfähige Sinnesorgane, ein ausgeprägtes Lernvermögen und ein hoch entwickeltes Sozialverhalten.

Auch die wissenschaftliche Forschung zur Pferdekognition zeigt inzwischen deutlich, dass Pferde keineswegs ausschließlich reflexgesteuerte Tiere sind. Sie können lernen, Erfahrungen speichern, zwischen Situationen unterscheiden und Informationen aus ihrer sozialen Umwelt nutzen. Gleichzeitig gibt es gerade bei der Pferdekognition noch zahlreiche offene Forschungsfragen. (PubMed)

Ein scheuendes Pferd ist deshalb nicht automatisch dumm.

Und ein Pferd, das nicht scheut, ist nicht automatisch mutig.

Entscheidend sind Wahrnehmung, Erfahrung, Lernhistorie, Situation und individuelles Temperament.

Pferde schwitzen ausgesprochen effektiv

Für ein großes Lauftier entsteht bei körperlicher Arbeit ein erhebliches Problem: Wärme.

Muskelarbeit produziert große Mengen davon, und ein leistungsfähiges Tier muss diese Wärme wieder loswerden.

Pferde besitzen deshalb ein leistungsfähiges System zur Thermoregulation und können große Mengen Schweiß produzieren. Die Verdunstung des Schweißes auf der Haut entzieht dem Körper Wärme.

Das erklärt gleichzeitig, weshalb stark schwitzende Pferde nicht nur Wasser verlieren. Mit dem Schweiß gehen auch Elektrolyte verloren, was insbesondere bei längerer intensiver Belastung, großer Hitze oder Ausdauersport berücksichtigt werden muss.

Die enorme sportliche Leistungsfähigkeit des Pferdes ist also nur möglich, weil Atmung, Herz-Kreislauf-System, Bewegungsapparat und Thermoregulation gemeinsam ein hoch spezialisiertes System bilden.

Die eigentliche Besonderheit des Pferdes ist das Zusammenspiel all dieser Eigenschaften

Man könnte noch lange einzelne Besonderheiten von Pferden sammeln: ihre großen Augen, ihre beweglichen Ohren, ihr ungewöhnliches Verdauungssystem, den Stehapparat, ihre Hufe, ihre Zähne oder ihre Fähigkeit zu enormer sportlicher Leistung.

Interessanter wird es jedoch, wenn man diese Eigenschaften nicht isoliert betrachtet.

Denn plötzlich ergibt alles ein erstaunlich geschlossenes Bild.

Das Pferd muss früh erkennen können, was um es herum geschieht, also besitzt es ein enormes Gesichtsfeld, bewegliche Ohren und sensible Sinnesorgane.

Es muss im Ernstfall schnell fliehen können, also besitzt es lange, hoch spezialisierte Gliedmaßen und einen Bewegungsapparat, der elastische Energie nutzen kann.

Es lebt von faserreicher Pflanzenkost, also verbringt es viele Stunden mit Fressen und besitzt einen riesigen mikrobiell besiedelten Gärraum im Hinterdarm.

Es muss trotz seiner Größe regelmäßig ruhen, ohne dabei ständig schutzlos am Boden zu liegen, also ermöglicht ihm sein Stehapparat Ruhephasen im Stehen.

Und weil ein einzelnes Pferd während des Fressens und Ruhens nicht gleichzeitig jeden Winkel seiner Umgebung überwachen kann, lebt es in sozialen Gruppen, in denen Sicherheit, Bewegung, Fressen und Ruhen miteinander verflochten sind.

Genau das ist vielleicht die größte Besonderheit des Pferdes:

Fast nichts an diesem Tier ist zufällig.

Sein Körper, seine Sinne, seine Verdauung und sein Verhalten erzählen dieselbe evolutionäre Geschichte. Und je besser wir diese Geschichte verstehen, desto verständlicher wird auch, warum manches, was für den Menschen in der Pferdehaltung praktisch erscheint, für das Pferd biologisch überhaupt nicht praktisch sein muss.

Wer ein Pferd verstehen möchte, sollte deshalb nicht zuerst fragen, wie man ein bestimmtes Verhalten abstellt.

Oft ist die wesentlich interessantere Frage:

Warum ergibt dieses Verhalten für ein Pferd eigentlich vollkommen Sinn?

2 Antworten zu „Pferde Besonderheiten“

  1. Avatar von Emotionale Intelligenz bei Pferden – Alles über Pferde

    […] Hier mehr über Pferdeverhalten und Die Besonderheiten bei Pferden […]

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  2. Avatar von Welchen Charakter haben Pferde? – Alles über Pferde

    […] behauptet, Pferde hätten alle ungefähr denselben Charakter, hat vermutlich noch nie versucht, fünf verschiedene Pferde davon zu überzeugen, an derselben […]

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