Emotionale Intelligenz bei Pferden

Welche emotionale Intelligenz haben Pferde?

Wer länger mit Pferden zu tun hat, kennt diese etwas unheimlichen Momente: Du gehst zum Stall, sagst kein Wort, verhältst dich deiner Meinung nach vollkommen normal und dein Pferd betrachtet dich trotzdem, als hätte es die schlechte Nachricht bereits gelesen, bevor du selbst sie ausgesprochen hast.

Und tatsächlich ist die Vorstellung, Pferde könnten menschliche Gefühle wahrnehmen, inzwischen weit mehr als romantische Pferdemädchen-Poesie. Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass Pferde menschliche Emotionen anhand verschiedener Signale unterscheiden, mehrere Sinneseindrücke miteinander verknüpfen und ihr eigenes Verhalten darauf abstimmen können. Sie achten dabei nicht nur darauf, wie wir aussehen oder wie wir uns bewegen. Sie reagieren auf Gesichtsausdrücke, Stimmen und sogar auf Gerüche, die sich abhängig von unserem emotionalen Zustand verändern.

Trotzdem muss man mit dem Begriff emotionale Intelligenz beim Pferd etwas vorsichtig umgehen, denn er stammt ursprünglich aus der Humanpsychologie und lässt sich nicht einfach mitsamt Definition und Fragebogen über den Zaun auf die Pferdekoppel werfen.

Was wir inzwischen ziemlich sicher sagen können, ist viel interessanter:

Pferde verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Verarbeitung emotionaler Informationen. Und einige davon reichen weit über das hinaus, was Menschen ihnen früher zugetraut haben.

Was bedeutet emotionale Intelligenz beim Pferd überhaupt?

Beim Menschen beschreibt emotionale Intelligenz unter anderem die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu unterscheiden und angemessen darauf zu reagieren.

Bei Pferden untersucht die Wissenschaft deshalb eher einzelne Fähigkeiten aus diesem großen Paket, beispielsweise:

  • Können Pferde unterschiedliche Emotionen erkennen?
  • Unterscheiden sie positive und negative emotionale Signale?
  • Können sie Informationen aus Gesicht und Stimme miteinander verbinden?
  • Erinnern sie sich an emotionale Erfahrungen?
  • Verändert die Stimmung eines Menschen ihr eigenes Verhalten?
  • Können Emotionen zwischen Mensch und Pferd gewissermaßen „überspringen“?

Und gerade bei diesen Fragen wird es spannend.

Pferde erkennen menschliche Gefühle nicht nur an unserem Gesicht

Ein Pferd sieht durchaus, ob ein Mensch freundlich oder ärgerlich schaut. Noch interessanter ist jedoch, dass es offenbar nicht einfach nur ein bestimmtes Gesichtsmuster auswendig erkennt.

In Experimenten wurden Pferden beispielsweise menschliche Gesichter mit unterschiedlichen emotionalen Ausdrücken gezeigt und gleichzeitig menschliche Lautäußerungen vorgespielt. Passten Gesicht und Stimme emotional nicht zusammen, beschäftigten sich die Pferde auffällig stärker mit dieser widersprüchlichen Kombination.

Das spricht dafür, dass sie Informationen aus unterschiedlichen Sinneskanälen zu einer emotionalen Kategorie zusammenführen können.

Ein fröhliches Gesicht plus fröhliche Stimme ergibt für das Pferd gewissermaßen ein stimmiges Gesamtbild. Ein fröhliches Gesicht mit einer wütenden Stimme dagegen enthält einen Widerspruch.

Und den bemerkt das Pferd.

Untersuchungen zeigten dieses sogenannte cross-modale Erkennen von Emotionen zunächst unter anderem für Freude und Ärger. Spätere Untersuchungen fanden entsprechende Fähigkeiten auch bei Freude und Traurigkeit. (PubMed Central (PMC))

Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte schließlich Freude und Angst. Auch hier reagierten Pferde unterschiedlich darauf, ob menschlicher Gesichtsausdruck und Stimme emotional zusammenpassten oder nicht. (ScienceDirect)

Damit wird aus dem gern etwas schwammigen Satz „Pferde spüren unsere Gefühle“ etwas wesentlich Konkreteres:

Pferde sammeln emotionale Informationen über mehrere Sinne und setzen sie miteinander in Beziehung.

Pferde können sogar riechen, ob ein Mensch Angst hat

Und jetzt wird die Sache beinahe ein wenig unfair.

Denn selbst wenn wir uns vornehmen, beim Pferd ganz besonders souverän aufzutreten, können wir möglicherweise unsere Schultern entspannen, freundlich gucken und uns innerlich dreimal sagen, dass dieser Traktor überhaupt nicht gefährlich ist, während unser Körper längst eine kleine chemische Pressemitteilung mit dem Betreff „ICH FINDE DEN TRAKTOR SEHR WOHL GEFÄHRLICH“ verschickt.

Forscher sammelten dafür Körpergeruch von Menschen, die entweder einen angstauslösenden Film oder einen fröhlichen Film angesehen hatten. Anschließend bekamen Pferde diese Geruchsproben präsentiert.

Die Pferde konnten die Gerüche aus Angst- und Freudensituationen voneinander unterscheiden. (Nature)

Das bedeutet noch nicht, dass ein Pferd an deinem Pullover schnuppert und denkt: Daniela hat Angststufe sieben.

Aber menschliche emotionale Zustände verändern offenbar unseren Körpergeruch so, dass Pferde diese Unterschiede wahrnehmen können.

Und mittlerweile wissen wir sogar noch mehr.

Eine neuere Untersuchung mit 43 Pferden zeigte, dass menschlicher Angstgeruch das Verhalten und die Physiologie der Pferde tatsächlich beeinflussen kann. Nach Kontakt mit Geruchsproben aus Angstsituationen reagierten Pferde unter anderem stärker auf plötzlich auftretende Reize und suchten weniger Kontakt zum Menschen als bei Gerüchen aus freudigen Situationen oder neutralen Kontrollproben. (PubMed Central (PMC))

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Das Pferd stellt also möglicherweise nicht lediglich fest:

Dieser Mensch riecht anders.

Der emotionale Geruch des Menschen kann seinen eigenen Zustand beeinflussen.

Können Pferde unsere Angst spüren?

Der alte Reitlehrersatz „Das Pferd merkt, wenn du Angst hast“ war damit vermutlich wesentlich weniger esoterisch, als er manchmal klang.

Nur die Erklärung „weil es deinen Herzschlag hört“ greift viel zu kurz.

Ein Pferd bekommt gleichzeitig eine ganze Sammlung von Informationen geliefert: Körperhaltung, Muskelspannung, Bewegungsmuster, Stimme, Gesichtsausdruck und offenbar auch Geruch.

Das Entscheidende ist deshalb wahrscheinlich nicht ein geheimnisvoller sechster Pferdesinn.

Es sind fünf ausgesprochen gut funktionierende Sinne plus ein Gehirn, das hervorragend darin ist, soziale und emotionale Informationen auszuwerten.

Und für ein Flucht- und Herdentier ergibt das evolutionär ausgesprochen viel Sinn.

Wenn ein anderes Lebewesen in deiner unmittelbaren Umgebung plötzlich Angst hat, ist die Information „Warum?“ zunächst weniger wichtig als die Information „Offenbar gibt es einen Grund, aufmerksamer zu werden.“

Emotionale Ansteckung: Übertragen sich unsere Gefühle auf Pferde?

Hier kommen wir zu einem Begriff, der für die Forschung inzwischen besonders interessant geworden ist: emotional contagion, auf Deutsch meist emotionale Ansteckung.

Gemeint ist vereinfacht gesagt, dass der emotionale Zustand eines Individuums den Zustand eines anderen beeinflusst.

Eine Untersuchung mit 45 Pferden konfrontierte die Tiere mit Videos von Menschen, die Angst, Freude oder einen neutralen emotionalen Zustand ausdrückten. Dabei wurden sowohl Verhalten als auch körperliche Reaktionen untersucht.

Die Pferde reagierten auf die emotionalen Situationen tatsächlich unterschiedlich. Bei Angst zeigten sich unter anderem Veränderungen der Herzfrequenz, der Augentemperatur, der Aufmerksamkeit und bestimmter Gesichtsausdrücke. (PubMed Central (PMC))

Eine große wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur emotionalen Ansteckung zwischen Pferd und Mensch wertete inzwischen mehr als hundert einschlägige Studien aus. Besonders häufig wurden Veränderungen der Körpersprache untersucht, daneben Herzfrequenz, Herzratenvariabilität, Gesichtsausdruck und weitere physiologische Parameter. Die Autoren kommen allerdings auch zu einem wichtigen Ergebnis: Das Phänomen ist spannend, aber die Forschungsmethoden sind bislang noch nicht einheitlich genug, um jede populäre Behauptung über die emotionale Verbindung zwischen Mensch und Pferd einfach abzunicken. (ScienceDirect)

Und genau diese Einschränkung ist wichtig.

Sind Pferde empathisch?

Hier würde ich deutlich vorsichtiger formulieren als viele Pferdeseiten.

Es gibt gute Hinweise darauf, dass Pferde Emotionen anderer wahrnehmen, unterscheiden und darauf reagieren können.

Das ist wissenschaftlich etwas anderes als der Nachweis menschlich verstandener Empathie.

Wenn dein Pferd zu dir kommt, während du traurig bist, kann das eine wunderbare und sehr reale soziale Interaktion sein. Wir können daraus aber nicht automatisch schließen, dass das Pferd über deine Lebenssituation nachgedacht, deine Trauerursache verstanden und beschlossen hat, dich emotional zu trösten.

Zwischen

„Das Pferd erkennt meinen emotionalen Zustand“

und

„Das Pferd versteht, warum ich traurig bin und möchte mich trösten“

liegt wissenschaftlich ein ziemlich großer Graben.

Man muss Pferde gar nicht vermenschlichen, damit ihre tatsächlichen Fähigkeiten beeindruckend sind.

Im Gegenteil. Sie werden interessanter, sobald wir aufhören, ihnen menschliche Gedanken in den Kopf zu schreiben.

Pferde besitzen ein ausgesprochen feines soziales Wahrnehmungssystem

Pferde sind Herdentiere. Für sie ist es enorm wichtig, den Zustand anderer Gruppenmitglieder schnell einzuschätzen.

Ist ein anderes Pferd entspannt?

Aufmerksam?

Aggressiv?

Unsicher?

Bereit zu fliehen?

Soziale Informationen entscheiden innerhalb einer Herde darüber, ob ein Pferd sich nähert, Abstand hält, folgt, ausweicht, ruht oder flieht.

Im Laufe der Domestikation kam noch ein ausgesprochen merkwürdiges Wesen hinzu, mit dem Pferde seit Jahrtausenden eng zusammenleben: der Mensch.

Und offenbar haben Pferde gelernt, auch uns ziemlich genau zu lesen.

Studien zeigen inzwischen, dass sie menschliche emotionale Signale über Sehen, Hören und Riechen wahrnehmen können. (MDPI)

Wir reden also nicht über einen einzelnen Trick, sondern über ein erstaunlich komplexes System sozialer Wahrnehmung.

Kennt mein eigenes Pferd meine Gefühle besser als ein fremdes Pferd?

Vertrautheit spielt durchaus eine Rolle.

Eine Studie untersuchte beispielsweise, wie Pferde auf emotionale Gesichtsausdrücke in Kombination mit Stimmen reagierten. Besonders interessant waren die Reaktionen, wenn die Stimme zum eigenen Betreuer gehörte.

Wenn die emotionale Information von Gesicht und Stimme nicht zusammenpasste, reagierten Pferde bei vertrauten Menschen besonders deutlich auf diesen Widerspruch. (PubMed Central (PMC))

Das passt sehr gut zu dem, was erfahrene Pferdemenschen im Alltag beobachten: Pferde lernen einzelne Menschen.

Sie lernen Bewegungsabläufe, Stimmen, Verhalten, Gewohnheiten und wahrscheinlich eine ganze Menge kleiner Signale, von denen wir selbst überhaupt nicht wissen, dass wir sie aussenden.

Deshalb kann ein Pferd auf zwei Menschen vollkommen unterschiedlich reagieren, obwohl beide überzeugt sind, exakt dasselbe zu tun.

Das Pferd hat schließlich niemand darüber informiert, dass es ausschließlich auf unsere offiziellen Hilfen achten soll.

Ist ein Pferd emotional intelligenter als ein Mensch?

Das lässt sich nicht seriös vergleichen.

Ein Mensch kann Gefühle sprachlich benennen, über Ursachen nachdenken, seine Reaktionen reflektieren und komplizierte soziale Situationen analysieren.

Ein Pferd besitzt andere Fähigkeiten.

Es lebt sehr viel stärker in einer Welt aus Körperhaltung, Bewegung, Geruch, Geräuschen und unmittelbaren sozialen Signalen.

Deshalb wäre die bessere Frage nicht:

Wer ist emotional intelligenter?

Sondern:

Wer bemerkt welche emotionalen Informationen?

Und dabei könnte es durchaus vorkommen, dass dein Pferd Veränderungen an dir wahrnimmt, die du selbst noch gar nicht bewusst registriert hast.

Nicht weil es heimlich Psychologie studiert.

Sondern weil genaues Beobachten für Pferde seit Millionen von Jahren ein ziemlich nützliches Geschäftsmodell ist.

Was bedeutet das für den Umgang und das Training?

Vor allem bedeutet es, dass wir beim Pferd nicht nur mit dem kommunizieren, was wir absichtlich tun.

Wir kommunizieren ständig.

Wenn ein Mensch innerlich angespannt ist, gleichzeitig aber versucht, äußerlich besonders ruhig zu wirken, bekommt das Pferd möglicherweise widersprüchliche Informationen. Genau solche Widersprüche zwischen verschiedenen emotionalen Signalen können Pferde offenbar wahrnehmen.

Das erklärt auch, weshalb „Tu einfach so, als hättest du keine Angst“ beim Reiten nur begrenzt hilfreich ist.

Besser ist es, tatsächlich den eigenen Erregungszustand herunterzufahren: ruhig atmen, Bewegungen kontrollieren, Situationen überschaubar gestalten und dem Pferd Zeit geben, Informationen zu verarbeiten.

Nicht, weil das Pferd deine Seele lesen kann.

Sondern weil du mit deinem gesamten Körper Teil seiner Umwelt bist.

Haben Pferde Gefühle wie Menschen?

Pferde erleben positive und negative emotionale Zustände, doch wir sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass diese subjektiv genauso erlebt werden wie beim Menschen.

In der modernen Verhaltensforschung versucht man deshalb, Emotionen nicht aus einem einzigen Signal abzuleiten. Ein angelegtes Ohr, ein erhöhter Puls oder eine bestimmte Kopfhaltung allein erzählt noch keine vollständige Geschichte.

Wissenschaftliche Untersuchungen kombinieren deshalb zunehmend Verhalten, Gesichtsausdruck und physiologische Messwerte, beispielsweise Herzfrequenz oder Herzratenvariabilität. Auch eine große Übersichtsarbeit über emotionale Indikatoren bei Pferden empfiehlt ausdrücklich, mehrere Merkmale gemeinsam zu betrachten. (ScienceDirect)

Das ist übrigens auch für den Pferdealltag eine ausgesprochen vernünftige Regel:

Beobachte nie nur ein Körperteil. Beobachte das ganze Pferd und die Situation, in der sein Verhalten auftritt.

Wie emotional intelligent sind Pferde nun wirklich?

Wenn wir unter emotionaler Intelligenz verstehen, dass ein Lebewesen emotionale Informationen wahrnehmen, unterscheiden und für sein eigenes Verhalten nutzen kann, besitzen Pferde erstaunlich ausgeprägte Fähigkeiten.

Sie können menschliche emotionale Gesichtsausdrücke unterscheiden, emotionale Informationen aus Gesicht und Stimme miteinander verbinden, Freude, Ärger, Traurigkeit und Angst differenzieren und sogar Geruchsinformationen aus unterschiedlichen emotionalen Zuständen des Menschen wahrnehmen. Einige dieser Signale verändern wiederum messbar das Verhalten und die körperliche Reaktion des Pferdes. (PubMed)

Ob wir all das Empathie, emotionale Intelligenz, soziale Kognition oder hoch entwickelte emotionale Wahrnehmung nennen, ist letztlich auch eine Frage der Definition.

Eines können wir inzwischen aber ziemlich sicher aus dem Reich der Pferdeweisheiten herausnehmen und in die Wissenschaft stellen:

Pferde nehmen erheblich mehr von unserem emotionalen Zustand wahr, als wir ihnen lange zugetraut haben.

Und möglicherweise ist das die schönste Erkenntnis daran: Wir müssen Pferden weder Gedankenlesen noch übersinnliche Fähigkeiten andichten.

Ihre wirklichen Fähigkeiten sind schon erstaunlich genug.

Hier mehr über Pferdeverhalten und Die Besonderheiten bei Pferden

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