FjordPferde Krankheiten

Fjordpferd Krankheiten – wie gesund ist der Norweger wirklich?

Das Fjordpferd gilt als robust, genügsam und gesund, und ganz falsch ist dieses Bild tatsächlich nicht. Der Norweger gehört zu den alten, ursprünglichen Pferderassen, wurde über lange Zeit unter ziemlich handfesten Bedingungen gehalten und musste dabei vor allem eines sein: gebrauchstüchtig. Trotzdem bedeutet „robust“ natürlich nicht „unkaputtbar“, auch wenn manche Fjordpferde diesen Eindruck durchaus überzeugend vermitteln, während sie bei norddeutschem Schmuddelwetter zufrieden auf der Weide stehen und der Warmblüter nebenan bereits nach seiner zweiten Decke verlangt.

Wer allerdings nach typischen Krankheiten beim Fjordpferd sucht, stößt schnell auf ein Problem: Im deutschsprachigen Internet findet man erstaunlich wenig rassespezifische Informationen. Meist steht dort sinngemäß, dass der Norweger gesund, langlebig und leichtfuttrig sei und zu Übergewicht neige. Das ist nicht falsch, beantwortet aber die interessantere Frage nicht: Welche gesundheitlichen Probleme spielen beim Fjordpferd tatsächlich eine Rolle, welche werden sogar züchterisch berücksichtigt und für welche vermeintlich typischen Krankheiten fehlen uns bislang schlicht die Belege?

Genau deshalb lohnt sich ein Blick dorthin, wo man sich seit sehr viel längerer Zeit intensiv mit dieser Rasse beschäftigt: nach Norwegen und in die internationale Fjordpferdezucht.

Ist das Fjordpferd eine besonders gesunde Pferderasse?

Grundsätzlich spricht einiges dafür. Das norwegische Fjordpferd wurde nicht als hochspezialisiertes Sportpferd gezüchtet, sondern über Generationen als vielseitiges Arbeits- und Gebrauchspferd. Gesundheit, Belastbarkeit, Fruchtbarkeit und Funktionalität waren deshalb keine hübschen Extras, sondern ziemlich wesentliche Voraussetzungen dafür, dass ein Pferd überhaupt sinnvoll eingesetzt werden konnte.

Auch die heutige norwegische Zucht verfolgt ausdrücklich das Ziel, das Fjordpferd als gesundes und funktionales Pferd zu erhalten. Gleichzeitig soll die genetische Vielfalt der vergleichsweise kleinen Population bewahrt werden.

Das ist wichtig, denn bei einer alten Rasse mit begrenztem Genpool muss man zwei Dinge gleichzeitig im Auge behalten: Man möchte gesundheitlich problematische Tiere möglichst nicht zur Zucht einsetzen, darf aber andererseits den Genpool auch nicht immer weiter verengen. Genau deshalb lohnt es sich beim Fjordpferd, nicht nur einzelne Krankheiten anzuschauen, sondern auch Zucht, Abstammung und genetische Vielfalt.

Welche Krankheiten sind beim Fjordpferd wirklich typisch?

Hier müssen wir bereits ein wenig aufräumen, denn eine lange Liste von eindeutig nachgewiesenen rassetypischen Fjordpferd-Krankheiten gibt es nach dem derzeitigen Forschungsstand nicht.

Das ist zunächst einmal eine ziemlich gute Nachricht.

Es gibt aber gesundheitliche Probleme, die in der norwegischen Fjordpferdezucht ausdrücklich berücksichtigt werden, Erkrankungen, die aufgrund der typischen Haltung und des Stoffwechsels leichtfuttriger Pferde besonders relevant sind, und einzelne genetische Erkrankungen beziehungsweise Fehlbildungen, die bei Fjordpferden wissenschaftlich beschrieben wurden.

Das sind drei völlig verschiedene Dinge.

Wenn irgendwann einmal bei vier Fjordpferden dieselbe seltene Erkrankung beschrieben wurde, bedeutet das nämlich noch lange nicht, dass jeder Norweger dafür besonders gefährdet ist. Und wenn viele Fjordpferde zu dick werden, bedeutet das ebenfalls nicht automatisch, dass Übergewicht eine genetische Erkrankung dieser Rasse ist.

Gerade bei Gesundheitsinformationen lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen.

Sommerekzem spielt in der Fjordpferdezucht eine besondere Rolle

Interessant wird es beim Sommerekzem des Fjordpferdes, denn hier haben wir tatsächlich einen klaren Bezug zur norwegischen Zucht.

Sommerekzem beziehungsweise Sweet Itch wird überwiegend durch eine allergische Reaktion auf den Speichel bestimmter stechender Insekten, insbesondere Gnitzen der Gattung Culicoides, ausgelöst. Betroffene Pferde leiden unter starkem Juckreiz, scheuern häufig Mähne und Schweif und können erhebliche Hautveränderungen entwickeln.

Bei Fjordpferden ist das Thema nicht einfach nur deshalb interessant, weil auch ein Norweger Sommerekzem bekommen kann. In der aktuellen norwegischen Zuchtordnung wird Sweet Itch ausdrücklich als gesundheitlicher Befund berücksichtigt, der zum Ausschluss von der Zuchtzulassung führen kann.

Das sollte man allerdings nicht falsch herum interpretieren. Daraus folgt nicht automatisch, dass jedes Fjordpferd besonders ekzemgefährdet wäre. Es zeigt vielmehr, dass die norwegische Zucht dieses Gesundheitsproblem ernst nimmt und eine Weitergabe entsprechender Veranlagungen möglichst vermeiden möchte.

Für Fjordpferdehalter ist das vor allem beim Pferdekauf interessant. Bei einem Pferd mit auffällig abgescheuerter Mähne und Schweifrübe lohnt es sich durchaus, genauer nachzufragen, statt sich mit der Erklärung zufriedenzugeben, der Norweger habe sich vermutlich irgendwo am Zaun gekratzt.

Patellaprobleme und die Kniescheibe

Auch bestimmte Probleme im Bereich des Kniegelenks finden sich in den norwegischen Zuchtvorgaben.

Besonders relevant ist die Fixation der Kniescheibe, umgangssprachlich häufig als „Hängenbleiben der Kniescheibe“ bezeichnet. Dabei kann sich die Patella zeitweise nicht normal lösen, sodass das Hinterbein charakteristisch gestreckt bleibt oder das Pferd auffällig läuft.

Eine gelegentliche Patellafixation kann grundsätzlich bei unterschiedlichen Pferderassen auftreten und insbesondere junge Pferde betreffen. Sie ist also keineswegs eine exklusive Fjordpferd-Krankheit.

Dass entsprechende Befunde in der norwegischen Fjordpferdezucht dennoch berücksichtigt werden, zeigt wiederum, wie stark dort auf funktionelle Gesundheit geachtet wird.

Für Besitzer bedeutet das nicht, dass sie bei jedem merkwürdigen Schritt ihres Fjordpferdes sofort dessen Stammbaum verbrennen müssen. Ein wiederholt auftretendes Problem sollte allerdings tierärztlich abgeklärt werden.

Gebissfehlstellungen werden ebenfalls berücksichtigt

Auch deutliche Abweichungen des Gebisses wie Überbiss oder Unterbiss spielen in der Zuchtselektion eine Rolle.

Das klingt zunächst weniger spektakulär als eine große Stoffwechselerkrankung, kann für das Pferd aber durchaus relevant sein. Ein fehlerhafter Kieferschluss kann dazu führen, dass sich die Zähne ungleichmäßig abnutzen, scharfe Kanten oder Haken entstehen und das Pferd sein Futter schlechter zerkleinern kann.

Gerade bei älteren Pferden können daraus irgendwann handfeste Fütterungsprobleme entstehen.

Ein korrektes Gebiss ist deshalb keineswegs nur eine Schönheitsfrage.

Kryptorchismus und weitere zuchtrelevante Befunde

Bei Hengsten wird außerdem auf Kryptorchismus geachtet. Dabei befindet sich ein oder befinden sich beide Hoden nicht vollständig im Hodensack. Auch erhebliche Unterschiede in Größe oder Konsistenz der Hoden sowie bestimmte Hernien gehören zu den Befunden, die bei der Zuchtbeurteilung eine Rolle spielen können.

Hinzu kommen bestimmte Fehlstellungen und funktionelle Auffälligkeiten des Bewegungsapparates.

Auch hier gilt: Das sind nicht automatisch „typische Fjordpferd-Krankheiten“. Vielmehr handelt es sich um gesundheitliche beziehungsweise anatomische Befunde, die die norwegische Zucht ausdrücklich kontrolliert, damit entsprechende Probleme nicht unnötig in der Population verbreitet werden.

Und genau dieser Unterschied geht bei vielen Rassebeschreibungen leider verloren.

Übergewicht ist wahrscheinlich das häufigste Gesundheitsproblem im Alltag

Wenn wir weg von seltenen Erbkrankheiten und Zuchtbefunden und hin zum ganz normalen Fjordpferdeleben gehen, wartet allerdings ein sehr viel banalerer Gegner:

zu viel Futter.

Das Fjordpferd gehört zu den leichtfuttrigen Pferderassen. Ein Norweger benötigt nicht automatisch große Mengen energiereichen Futters, nur weil er kompakt gebaut ist und arbeitet. Gerade auf unseren vergleichsweise nährstoffreichen Weiden kann aus dem vermeintlich „kräftigen Fjordtyp“ erstaunlich schnell ein Pferd werden, dessen Rippen nur noch theoretisch existieren.

Und Übergewicht ist beim Pferd keineswegs nur ein kosmetisches Problem.

Es belastet Gelenke und Bewegungsapparat und kann mit Stoffwechselstörungen wie einer Insulindysregulation beziehungsweise dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) zusammenhängen. Besonders problematisch ist dabei das erhöhte Risiko für Hufrehe.

Allerdings müssen wir auch hier wissenschaftlich sauber bleiben: Dass Fjordpferde häufig als leichtfuttrige „Easy Keeper“ gelten und entsprechend sorgfältig gefüttert werden sollten, bedeutet nicht automatisch, dass EMS als genetisch bewiesene Fjordpferd-Krankheit bezeichnet werden darf.

Das ist ein Unterschied, den man sich ruhig merken darf.

EMS und Hufrehe beim Fjordpferd

EMS ist keine Krankheit, die ausschließlich Fjordpferde betrifft. Besonders aufmerksam sollte man jedoch bei Pferden sein, die sehr leicht zunehmen, ausgeprägte Fettdepots entwickeln und trotz vermeintlich überschaubarer Fütterung kaum Gewicht verlieren.

Typische Fettpolster können beispielsweise am Mähnenkamm, an der Schweifrübe oder im Bereich der Schulter auftreten. Ob tatsächlich eine Insulindysregulation vorliegt, lässt sich allerdings nicht durch einen prüfenden Blick über den Weidezaun feststellen, sondern gehört in die tierärztliche Diagnostik.

Besonders ernst wird die Sache wegen des Zusammenhangs zwischen Insulindysregulation und Hufrehe.

Deshalb ist beim Fjordpferd ein vernünftiges Gewichtsmanagement wesentlich sinnvoller, als erst zu reagieren, wenn der Norweger aussieht wie ein sehr hübsches beigefarbenes Sofa auf vier Beinen.

Gibt es Erbkrankheiten beim Fjordpferd?

Ja, bei Fjordpferden wurden auch seltene erbliche Erkrankungen wissenschaftlich beschrieben.

Ein besonders interessantes historisches Beispiel ist eine Veröffentlichung aus Norwegen aus dem Jahr 1982. Darin wurden vier Fjordpferdefohlen mit einer erblichen letalen Arthrogryposis beschrieben. Die Fohlen waren väterliche Halbschwestern und stammten vom selben Hengst ab.

Arthrogryposis bezeichnet angeborene Gelenkversteifungen beziehungsweise Fehlstellungen. Bei den beschriebenen Fohlen traten teilweise zusätzlich andere Fehlbildungen wie Polydaktylie, Veränderungen des Oberkiefers und Gaumenspalten auf.

Die Forscher gingen aufgrund der familiären Häufung von einem erblichen Hintergrund aus.

Das ist wissenschaftlich ausgesprochen interessant, aber gleichzeitig ein wunderbares Beispiel dafür, wie vorsichtig man mit dem Begriff Erbkrankheit beim Fjordpferd umgehen muss. Vier dokumentierte Fälle aus einer bestimmten Abstammungslinie vor mehreren Jahrzehnten machen daraus keine Erkrankung, vor der heutige Fjordpferdehalter ständig Angst haben müssten.

Sie zeigen jedoch, dass genetische Erkrankungen auch in dieser alten und insgesamt robusten Rasse vorkommen können.

Genetische Vielfalt ist für die Gesundheit der Rasse wichtig

Beim Fjordpferd gibt es noch einen gesundheitlichen Aspekt, den man am einzelnen Pferd überhaupt nicht sehen kann: die genetische Vielfalt der gesamten Population.

Das Fjordpferd ist international verbreitet, stammt aber aus einer vergleichsweise kleinen Zuchtpopulation. Untersuchungen der norwegischen sowie anderer Fjordpferdepopulationen beschäftigen sich deshalb seit Jahren mit Inzucht, genetischer Diversität und der Frage, wie stark einzelne Hengste beziehungsweise Blutlinien die heutige Population geprägt haben.

Das bedeutet nicht, dass das Fjordpferd akut „kaputtgezüchtet“ wäre. Es bedeutet vielmehr, dass Zuchtverbände bei einer zahlenmäßig begrenzten Rasse sorgfältig darauf achten müssen, nicht immer wieder dieselben besonders beliebten Linien einzusetzen.

Denn eine Rasse kann äußerlich wunderbar vielfältig aussehen und trotzdem genetisch zunehmend enger werden.

Dazu gibt es beim Fjordpferd inzwischen erstaunlich interessante Forschung, weshalb wir diesem Thema einen eigenen Beitrag widmen.

Wie alt werden Fjordpferde?

Fjordpferde haben den Ruf, vergleichsweise langlebig zu sein, und viele Norweger bleiben tatsächlich bis ins höhere Alter erstaunlich fit. Eine seriöse feste Lebenserwartung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten, denn Haltung, Gewicht, Zahnstatus, Bewegung, Vorerkrankungen und medizinische Versorgung spielen mindestens ebenso große Rollen wie die Rasse.

Gerade beim älteren Fjordpferd kann sich die vermeintliche Genügsamkeit sogar als kleiner Nachteil erweisen. Wer jahrzehntelang gewohnt war, dass sein Norweger praktisch schon vom Anblick einer grünen Wiese zunimmt, übersieht möglicherweise, wenn sich Stoffwechsel, Zähne oder Verdauung im Alter verändern und das Pferd plötzlich eine andere Fütterung benötigt.

„Der braucht nichts“ ist eben keine medizinische Diagnose.

Worauf sollte ich beim Kauf eines Fjordpferdes achten?

Wer ein Fjordpferd kaufen möchte, sollte sich deshalb nicht allein von der grundsätzlich guten Robustheit der Rasse beruhigen lassen.

Interessant sind der Ernährungszustand, die Hufe, Haut und Mähne, der Bewegungsablauf und natürlich Zähne beziehungsweise Kieferstellung. Bei einem Pferd mit Sommerekzem sollte man nach Verlauf und bisherigem Management fragen. Bei Zuchtpferden lohnt zusätzlich ein genauer Blick auf Abstammung und Zuchtbewertung.

Und wie bei jedem Pferdekauf gilt: Eine vernünftige Ankaufsuntersuchung ist meistens günstiger als die spätere Erkenntnis, dass der ausgesprochen günstige Norweger lediglich deshalb so ausgesprochen günstig war.

Fazit: Robust bedeutet nicht frei von Krankheiten

Das norwegische Fjordpferd ist grundsätzlich eine robuste Pferderasse, und wir haben keinen guten Grund, daraus plötzlich einen wandelnden veterinärmedizinischen Problemfall zu machen.

Gerade das macht die Beschäftigung mit seiner Gesundheit aber interessant.

Bei einigen gesundheitlichen Befunden wie Sommerekzem, Patellaproblemen, bestimmten Gebiss- und Geschlechtsorganbefunden greift die norwegische Zucht gezielt ein. Seltene genetische Erkrankungen wurden wissenschaftlich dokumentiert, ohne deshalb automatisch als weit verbreitete Fjordpferd-Krankheiten gelten zu können. Im normalen Pferdealltag dürften dagegen Übergewicht, ein unpassendes Fütterungsmanagement und die damit verbundenen Stoffwechselprobleme für viele Fjordpferde wesentlich relevanter sein.

Das vielleicht wichtigste Gesundheitsprogramm für einen Norweger ist deshalb erstaunlich unspektakulär: passendes Gewicht, ausreichend Bewegung, vernünftige Fütterung, regelmäßige Zahn- und Hufkontrollen und ein Besitzer, der „robust“ nicht mit „braucht keine Aufmerksamkeit“ verwechselt.

Quellen und weiterführende Fachinformationen

Für diesen Beitrag wurden unter anderem die aktuelle norwegische Zuchtordnung des Norges Fjordhestlag, Veröffentlichungen von NordGen zur genetischen Forschung am Fjordpferd sowie wissenschaftliche veterinärmedizinische Literatur zu erblichen Befunden beim Fjordpferd herangezogen.

7 Antworten zu „FjordPferde Krankheiten“

  1. Avatar von EMS beim Norweger – Alles über Pferde

    […] Fjordpferd und EMS werden erstaunlich häufig in einem Atemzug genannt, und auf den ersten Blick klingt das […]

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  2. Avatar von Sommerekzem beim Fjordpferd – warum es sogar in der norwegischen Zucht eine Rolle spielt – Alles über Pferde

    […] Sommerekzem beim Fjordpferd ist eines dieser Themen, bei denen man ein bisschen genauer hinschauen muss. Denn natürlich […]

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  3. Avatar von Genetik Fjordpferd – Alles über Pferde

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