Trageerschöpfung beim Pferd

Trageerschöpfung beim Pferd: Symptome, Ursachen und der Weg zurück zur Tragkraft

Ein abgesunkener Rücken, ein hervorstehender Widerrist, wenig Muskulatur hinter dem Schulterblatt und ein Pferd, das seinen Brustkorb scheinbar zwischen den Vorderbeinen hängen lässt: In sozialen Medien dauert es bei solchen Bildern inzwischen häufig nur wenige Minuten, bis jemand die Diagnose stellt: Trageerschöpfung.

Nur gibt es dabei ein Problem.

Trageerschöpfung ist keine tiermedizinische Diagnose.

Der Begriff beschreibt vielmehr ein bestimmtes Erscheinungsbild beziehungsweise eine funktionelle Problematik des Bewegungsapparates, bei der ein Pferd seinen Rumpf nicht ausreichend stabilisiert und sich seine gesamte Körperhaltung und Bewegungsorganisation ungünstig verändern kann. Dabei können Rumpftragemuskulatur, Bauchmuskulatur, Rücken, Hals, Hinterhand und fasziale Strukturen miteinander interagieren.

Und genau deshalb ist das Thema wesentlich komplexer als ein vermeintlich durchhängender Pferderücken.

Ein Pferd kann aufgrund mangelnden Trainings noch wenig Tragkraft besitzen, ohne krank zu sein. Ein anderes Pferd kann aufgrund von Schmerzen eine Schonhaltung entwickeln, die äußerlich ähnlich aussieht. Bei einem älteren Pferd kann Muskelabbau eine Rolle spielen, bei einem Pferd nach längerer Boxenruhe die fehlende Belastbarkeit und bei einem anderen möglicherweise ein orthopädisches Problem.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht einfach: Hat mein Pferd Trageerschöpfung?

Viel hilfreicher ist die Frage:

Warum kann mein Pferd seinen Körper momentan nicht so stabilisieren und bewegen, wie es das eigentlich können sollte?

Was ist Trageerschöpfung beim Pferd?

Der Begriff Trageerschöpfung wurde im deutschsprachigen Raum geprägt und hat sich innerhalb der Pferdephysiotherapie und anschließend unter Pferdebesitzern stark verbreitet. Gemeint ist damit vereinfacht ein Zustand, bei dem das Pferd seinen Rumpf nicht mehr ausreichend funktionell stabilisieren kann und dadurch ungünstige Haltungs- und Bewegungsmuster entwickelt.

Dabei darf man sich Tragkraft nicht so vorstellen, als müsse ausschließlich der Rücken stark genug sein, um einen Reiter wie ein Brett zu tragen. Tatsächlich funktioniert der Pferdekörper vollkommen anders.

Der Rumpf des Pferdes befindet sich zwischen Vorder- und Hintergliedmaßen. Besonders interessant ist die Konstruktion im Bereich der Vorhand, denn Pferde besitzen kein Schlüsselbein. Zwischen Vordergliedmaßen und Brustkorb gibt es deshalb keine knöcherne Verbindung, wie wir sie beispielsweise beim Menschen zwischen Arm beziehungsweise Schulterblatt und Brustkorb kennen.

Stattdessen wird der Brustkorb durch Muskeln und andere Weichteilstrukturen zwischen den Vordergliedmaßen stabilisiert. Häufig wird dafür der anschauliche Begriff thorakale Muskelschlinge oder Thoracic Sling verwendet.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Musculus serratus ventralis. Gemeinsam mit weiteren Muskeln des Schultergürtels und der Rumpfmuskulatur ermöglicht er eine dynamische Stabilisierung des Brustkorbs.

Das Pferd hängt also nicht einfach passiv zwischen seinen Vorderbeinen. In Bewegung muss dieses System permanent Kräfte aufnehmen, abfedern und weiterleiten.

Genau hier beginnt das eigentliche Verständnis von Tragfähigkeit.

Ein Pferd trägt nicht einfach mit seinem Rücken

Einer der hartnäckigsten Irrtümer besteht darin, den Rücken als eine Art Brücke zu betrachten, auf die wir einen Sattel legen und anschließend einen Reiter setzen. Entsprechend wird bei einem vermeintlich schwachen Rücken gerne versucht, möglichst viel Rückenmuskulatur aufzubauen.

So einfach funktioniert das nicht.

Die Fähigkeit eines Pferdes, seinen eigenen Körper und zusätzlich einen Reiter zu stabilisieren, entsteht durch das Zusammenspiel zahlreicher Strukturen. Bauchmuskulatur, tiefe stabilisierende Muskulatur, Rumpfträger, Halsmuskulatur, Rücken, Becken und Hinterhand müssen koordiniert zusammenarbeiten.

Der lange Rückenmuskel, der Musculus longissimus dorsi, spielt beispielsweise eine wichtige Rolle bei Bewegung und Stabilisierung der Wirbelsäule. Ihn einfach als den Muskel zu bezeichnen, der den Reiter trägt, wäre biomechanisch jedoch viel zu kurz gegriffen.

Ein tragfähiger Pferderücken entsteht nicht dadurch, dass oben möglichst viel Muskelmasse liegt. Entscheidend ist, wie das gesamte System arbeitet.

Und genau hier gibt es eine interessante Verbindung zum tensegralen Training beim Pferd: Auch dort wird der Körper nicht als Sammlung voneinander unabhängiger Einzelteile betrachtet, sondern als zusammenhängendes System, in dem Veränderungen der Spannung und Bewegung einer Region Auswirkungen auf andere Bereiche haben können.

Was passiert bei einer sogenannten Trageerschöpfung?

Wenn ein Pferd seinen Rumpf nicht ausreichend stabilisiert, kann sich seine Körperhaltung verändern. Besonders auffällig kann ein Absinken des Brustkorbs zwischen den Schulterblättern werden. Dadurch erscheint der Widerrist teilweise stärker hervorgehoben, während die Muskulatur dahinter schwach oder eingefallen wirken kann.

Diese Veränderung betrifft jedoch nicht ausschließlich die Vorhand.

Der Pferdekörper versucht ständig, sein Gleichgewicht zu erhalten. Kann eine Region ihre Aufgabe nicht ausreichend erfüllen, müssen andere Bereiche kompensieren. Das Pferd verändert möglicherweise seine Halsposition, spannt Teile der Rückenmuskulatur stärker an, verändert die Stellung des Beckens oder benutzt seine Hinterhand anders.

Damit entsteht nach und nach ein Bewegungsmuster, das sich durch den gesamten Körper ziehen kann.

Genau deshalb gefällt mir die Bezeichnung „Trageerschöpfung“ nur eingeschränkt. Sie vermittelt den Eindruck, eine bestimmte Muskelgruppe sei schlicht müde geworden. Tatsächlich kann hinter dem sichtbaren Erscheinungsbild ein wesentlich komplexerer Prozess stecken.

Trageerschöpfung oder einfach ein untrainiertes Pferd?

Diese Unterscheidung ist enorm wichtig.

Ein junges Pferd, das gerade angeritten wird, besitzt selbstverständlich noch nicht dieselbe Kraft, Koordination und Belastbarkeit wie ein über Jahre sinnvoll aufgebautes Reitpferd. Auch ein Pferd nach längerer Trainingspause kann deutlich Muskulatur verlieren.

Das bedeutet noch nicht automatisch, dass dieses Pferd an einer pathologischen „Trageerschöpfung“ leidet.

Training verändert den Körper. Wird ein Pferd regelmäßig und sinnvoll belastet, passen sich Muskulatur, Sehnen, Knochen, Stoffwechsel und neuromuskuläre Koordination an die Anforderungen an. Nach längerer Pause gehen Teile dieser Anpassungen wieder zurück.

Das ist zunächst normale Trainingsphysiologie.

Problematischer wird es, wenn ein Pferd dauerhaft Bewegungsmuster entwickelt, bei denen bestimmte Strukturen überlastet und andere unzureichend eingesetzt werden, oder wenn Schmerzen verhindern, dass es seinen Körper physiologisch benutzen kann.

Deshalb sollte man nicht jedes wenig bemuskelte Pferd sofort zum Patienten erklären.

Woran erkennt man eine mögliche Trageerschöpfung?

Es gibt kein einzelnes Merkmal, anhand dessen sich eine Trageerschöpfung sicher diagnostizieren ließe. Vielmehr kann ein Zusammenspiel verschiedener Veränderungen auffallen.

Typisch beschrieben werden beispielsweise ein abgesunkener Brustkorb zwischen den Schulterblättern, ein stärker hervortretender Widerrist, wenig Muskulatur im Bereich hinter dem Schulterblatt, eine schwache Oberlinie oder eine auffällige Unterhalsmuskulatur.

Auch die Bauchlinie kann sich verändern. Manche Pferde wirken, als würde der Bauch nach unten hängen, obwohl sie keineswegs übergewichtig sind.

Entscheidender als ein einzelnes Standfoto ist jedoch die Bewegung.

Ein Pferd mit eingeschränkter Rumpfstabilität kann beispielsweise Schwierigkeiten haben, seinen Brustkorb in Wendungen kontrolliert zwischen den Vordergliedmaßen zu führen. Es fällt möglicherweise auf eine Schulter, bewegt sich stark vorhandlastig, hat Schwierigkeiten mit Übergängen oder zeigt deutliche Unterschiede zwischen beiden Händen.

Auch der Rücken kann unter dem Reiter wenig schwingen oder sich sichtbar wegdrücken.

All diese Beobachtungen können Hinweise liefern. Keine davon beweist für sich allein eine Trageerschöpfung.

Warum ein Foto keine Diagnose erlaubt

Gerade in sozialen Medien wird die Beurteilung der Oberlinie inzwischen beinahe zum Volkssport.

Ein seitliches Foto wird hochgeladen, irgendwo erscheint eine rote Linie entlang des Rückens und kurz darauf steht fest, dass das Pferd trageerschöpft sei.

So funktioniert seriöse Beurteilung nicht.

Körperhaltung verändert sich mit der Position der Gliedmaßen, der Kopf-Hals-Haltung, dem Untergrund und sogar mit dem Moment, in dem das Foto aufgenommen wurde. Zusätzlich unterscheiden sich Pferde erheblich hinsichtlich Exterieur, Alter, Rasse und Bemuskelung.

Ein Vollblüter besitzt eine andere Körperform als ein barocker PRE, ein Fjordpferd eine andere als ein modernes Warmblut und ein 25-jähriges Pferd darf anders aussehen als ein achtjähriges Sportpferd.

Deshalb sollte immer das gesamte Pferd beurteilt werden: im Stand, in Bewegung und idealerweise über einen längeren Zeitraum.

Mögliche Ursachen einer eingeschränkten Tragfähigkeit

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein, und genau deshalb ist „Trageerschöpfung“ als alleinige Erklärung problematisch.

Eine Möglichkeit ist schlicht unzureichende körperliche Vorbereitung. Ein Pferd kann nur die Leistung erbringen, für die sein Körper ausreichend trainiert wurde. Wird Belastung schneller gesteigert als Muskulatur und Koordination sich anpassen können, entsteht Überforderung.

Auch längere Trainingspausen spielen eine Rolle. Nach Verletzungen, Boxenruhe, Trächtigkeit oder längeren Ruhephasen muss Tragfähigkeit schrittweise neu aufgebaut werden.

Daneben kann ungünstiges Training dazu führen, dass ein Pferd dauerhaft bestimmte Bewegungsstrategien benutzt. Ein Pferd, das ständig mit festgehaltenem Rücken, hoher Kopf-Hals-Position oder stark auf der Vorhand läuft, entwickelt andere muskuläre Belastungsmuster als ein Pferd, das seinen Rumpf funktionell stabilisiert und Bewegungsenergie durch den Körper weiterleiten kann.

Ebenso wichtig sind Schmerzen. Orthopädische Probleme, Hufprobleme, Zahnerkrankungen oder ein unpassender Sattel können dazu führen, dass ein Pferd Bewegungen vermeidet und Schonhaltungen entwickelt.

Auch Alter, Erkrankungen, Ernährung und allgemeiner Trainingszustand können Einfluss auf den Muskelaufbau und die Belastbarkeit haben.

Die vermeintlich einfache Diagnose „Trageerschöpfung“ kann deshalb vollkommen unterschiedliche Geschichten verbergen.

Welche Rolle spielt der Sattel?

Eine ziemlich große, aber auch hier sollte man nicht aus jedem Problem automatisch ein Sattelproblem machen.

Ein Sattel verändert die Druckverteilung auf dem Pferderücken und beeinflusst gleichzeitig die Bewegungsmöglichkeiten von Schulter und Rücken. Passt er nicht zur aktuellen Körperform, können Druckstellen und Bewegungseinschränkungen entstehen.

Besonders tückisch ist, dass sich die Passform während eines Trainingsaufbaus verändern kann. Ein Pferd, das nach längerer Pause wieder Muskulatur entwickelt, kann innerhalb weniger Monate eine deutlich andere Rückenform besitzen.

Deshalb gehört bei einem Pferd mit auffälliger Rückenentwicklung oder Problemen unter dem Reiter eine Überprüfung des Sattels zu einer vernünftigen Ursachenanalyse.

Und welche Rolle spielt der Reiter?

Natürlich beeinflusst auch der Reiter die Belastung des Pferdes. Dabei geht es allerdings nicht nur um sein Körpergewicht.

Balance, Beweglichkeit und die Fähigkeit, den Bewegungen des Pferdes zu folgen, spielen eine erhebliche Rolle. Ein ausbalancierter Reiter belastet den Pferderücken anders als ein Reiter, der bei jedem Trabtritt gegen die Bewegung arbeitet oder permanent auf einer Seite sitzt.

Das bedeutet nicht, dass jeder Reiter mit einem trageerschöpft wirkenden Pferd automatisch schlecht geritten ist. Diese Schuldzuweisung hilft weder Pferd noch Mensch.

Viel sinnvoller ist es, auch den Reiter als Teil des biomechanischen Systems zu betrachten und zu fragen, ob Sitz, Sattel, Trainingsintensität und körperliche Voraussetzungen des Pferdes zusammenpassen.

Warum mehr Vorwärts nicht automatisch mehr Tragkraft erzeugt

Wenn ein Pferd wenig Kraft besitzt, hört man häufig den Rat, es müsse einfach aktiver vorwärts gehen und mehr mit der Hinterhand arbeiten.

Mehr Bewegung kann selbstverständlich Training bedeuten. Aber Geschwindigkeit und Tragkraft sind nicht dasselbe.

Ein Pferd kann ausgesprochen energisch vorwärtslaufen und trotzdem überwiegend Schubkraft entwickeln, während es seinen Rumpf nur unzureichend stabilisiert. Im ungünstigsten Fall bewegt es sich lediglich schneller innerhalb seines bestehenden Kompensationsmusters.

Gerade beim Wiederaufbau ist deshalb die Qualität der Bewegung wichtiger als spektakuläres Tempo.

Ein ruhiger, kontrollierter Schritt auf geeignetem Gelände kann für ein schwaches Pferd zunächst wertvoller sein als minutenlanges Traben auf dem Zirkel.

Kann Bodenarbeit bei Trageerschöpfung helfen?

Sehr häufig ja, sofern sie sinnvoll eingesetzt wird.

Der große Vorteil des Trainings vom Boden besteht darin, dass das Pferd zunächst ohne zusätzliches Reitergewicht Kraft, Koordination und Bewegungsqualität entwickeln kann.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Form von Bodenarbeit automatisch gesundheitsfördernd ist. Ein Pferd kann auch an der Longe permanent auf die innere Schulter fallen, den Rücken festhalten und zwanzig Minuten lang sein bestehendes Bewegungsmuster trainieren.

Training macht Bewegungsmuster effizienter.

Leider unterscheidet der Körper dabei nicht zwischen guten und schlechten.

Deshalb sollte Bodenarbeit gezielt darauf ausgerichtet sein, Balance, Rumpfstabilität, Beweglichkeit und Koordination zu verbessern.

Stangenarbeit bei Trageerschöpfung

Richtig eingesetzt kann Stangenarbeit ausgesprochen wertvoll sein. Beim Übertreten von Bodenstangen muss das Pferd seine Gliedmaßen bewusster anheben, Bewegungsabläufe koordinieren und seine Schrittlänge an die Aufgabe anpassen.

Gerade im Schritt lässt sich die Schwierigkeit sehr fein dosieren.

Aber auch hier gilt: Mehr ist nicht automatisch besser. Ein Pferd, das bereits nach wenigen Durchgängen sichtbar seine Haltung verliert, sollte nicht weitere zwanzig Runden absolvieren, nur weil Stangenarbeit grundsätzlich als gesund gilt.

Muskelaufbau entsteht durch angemessene Belastung und anschließende Regeneration. Permanente Überforderung erzeugt keine bessere Tragfähigkeit.

Bergaufgehen als natürliches Krafttraining

Gelände ist eines der wertvollsten Trainingsgeräte überhaupt und kostet erfreulicherweise keine 79 Euro plus Versand.

Beim kontrollierten Bergaufgehen muss das Pferd seine Hinterhand stärker einsetzen und seinen Körper gegen die Schwerkraft bewegen. Gleichzeitig entstehen andere Anforderungen an Balance und Rumpfstabilität als auf vollkommen ebenem Boden.

Für schwache Pferde können bereits leichte Steigungen im Schritt ausreichend sein.

Entscheidend ist wiederum die Dosierung. Ein Pferd, das gerade erst Kraft aufbaut, braucht keine alpinen Expeditionen. Wenige kontrollierte Wiederholungen können vollkommen ausreichen.

Auch bergab muss das Pferd seinen Körper kontrollieren und abbremsen. Dadurch entstehen wiederum andere koordinative Anforderungen.

Wie trainiert man ein trageerschöpftes Pferd wieder auf?

Der erste Schritt ist nicht Training, sondern Ursachenklärung.

Wenn Schmerzen bestehen, müssen sie diagnostiziert und behandelt werden. Hufe, Zähne und Sattel sollten überprüft werden, wenn entsprechende Hinweise bestehen. Erst wenn klar ist, dass das Pferd belastbar ist, ergibt ein gezielter Trainingsaufbau Sinn.

Danach beginnt man dort, wo das Pferd körperlich tatsächlich steht und nicht dort, wo man gerne hätte, dass es bereits wäre.

Bei einem deutlich geschwächten Pferd kann das zunächst überwiegend Schrittarbeit bedeuten. Spaziergänge, leichte Geländearbeit, kontrollierte Bodenarbeit und einzelne koordinative Übungen können miteinander kombiniert werden.

Mit zunehmender Kraft können Stangenarbeit, Übergänge, Seitwärtsbewegungen, Rückwärtsrichten und später Trab- und Galopparbeit hinzukommen.

Die Reihenfolge ist weniger wichtig als ein Grundprinzip:

Das Pferd sollte eine Übung qualitativ bewältigen können, bevor die Belastung erhöht wird.

Wenn mit zunehmender Dauer die Haltung sichtbar schlechter wird, das Pferd auf die Vorhand fällt oder Bewegungen hektisch werden, ist das nicht der Moment, in dem es „noch ein bisschen durchhalten“ muss. Es ist ein Hinweis darauf, dass die aktuelle Belastungsgrenze erreicht sein könnte.

Wann darf ein Pferd wieder geritten werden?

Darauf gibt es keine pauschale Zeitangabe.

Ein Pferd mit leichter Trainingsschwäche kann relativ schnell wieder unter dem Reiter arbeiten. Nach Erkrankung, deutlichem Muskelverlust oder länger bestehenden Bewegungsproblemen kann der Wiederaufbau dagegen Monate benötigen.

Entscheidend ist nicht, ob vier, sechs oder zwölf Wochen vergangen sind, sondern wie sich das Pferd entwickelt.

Kann es seinen Rumpf stabilisieren? Hat sich seine Muskulatur verbessert? Bewegt es sich gleichmäßiger? Kann es eine Trainingseinheit absolvieren, ohne zunehmend in alte Kompensationsmuster zurückzufallen?

Bei deutlich betroffenen Pferden sollte der Wiederaufbau gemeinsam mit Tierarzt, Physiotherapeut und einem biomechanisch versierten Trainer geplant werden.

Wie lange dauert der Muskelaufbau?

Muskelaufbau braucht Zeit, und gerade dieser Punkt wird im Pferdetraining gerne unterschätzt.

Erste Anpassungen an Training können relativ schnell entstehen, weil das Nervensystem lernt, vorhandene Muskulatur besser anzusteuern. Sichtbarer struktureller Muskelaufbau benötigt deutlich länger.

Hinzu kommt, dass nicht nur Muskeln trainiert werden. Auch Sehnen, Bänder, Knochen und andere Gewebe passen sich an Belastung an, teilweise wesentlich langsamer.

Ein Pferd kann deshalb konditionell bereits wieder erstaunlich fit wirken, obwohl sein Bewegungsapparat noch nicht dieselbe Belastbarkeit besitzt.

Das ist einer der Gründe, warum langsamer Trainingsaufbau keine übertriebene Vorsicht, sondern schlicht Trainingsphysiologie ist.

Kann sich eine Trageerschöpfung vollständig zurückbilden?

Das hängt von der Ursache ab.

Bei einem grundsätzlich gesunden Pferd, dessen Problem hauptsächlich durch Trainingsmangel oder ungünstige Bewegungsmuster entstanden ist, kann sich die Körperhaltung durch systematischen Aufbau erheblich verändern.

Bestehen dagegen chronische orthopädische Veränderungen, neurologische Probleme oder altersbedingter Muskelabbau, muss das Trainingsziel individuell angepasst werden.

Nicht jedes Pferd wird am Ende aussehen wie ein anatomisches Lehrbuch.

Und das muss es auch nicht.

Das Ziel sollte nicht das perfekte Instagram-Seitenbild sein, sondern ein Pferd, das sich innerhalb seiner körperlichen Möglichkeiten schmerzfrei, stabil und funktionell bewegen kann.

Trageerschöpfung und tensegrales Training

Hier treffen sich beide Themen besonders interessant.

Das tensegrale Modell betrachtet Muskeln, Faszien, Sehnen, Knochen und Gelenke als miteinander verbundenes Bewegungssystem. Eine eingeschränkte Funktion wird deshalb nicht ausschließlich an der Stelle betrachtet, an der sie sichtbar wird.

Genau das kann auch beim Verständnis einer sogenannten Trageerschöpfung hilfreich sein.

Wenn der Brustkorb absinkt, genügt es nicht zwangsläufig, ausschließlich einen einzelnen Rumpfmuskel kräftigen zu wollen. Entscheidend ist, wie Hinterhand, Becken, Wirbelsäule, Bauchmuskulatur, Rumpfträger, Schulter und Hals gemeinsam arbeiten.

Deshalb können Mobilität, Koordination und Stabilität ebenso wichtig werden wie reiner Muskelaufbau.

Tensegrales Training ist damit nicht automatisch die Therapie einer Trageerschöpfung. Es bietet aber eine interessante Perspektive, um zu verstehen, warum ein Pferd bestimmte Kompensationsmuster entwickelt und weshalb die sichtbare Problemstelle nicht zwangsläufig die ursprüngliche Ursache sein muss.

Trageerschöpfung ist keine Diagnose und schon gar kein Urteil

Genau diesen Punkt halte ich bei der derzeitigen Diskussion für besonders wichtig.

Der Begriff kann hilfreich sein, um bestimmte Veränderungen der Körperhaltung und Tragfähigkeit eines Pferdes zu beschreiben. Problematisch wird er, sobald er wie eine medizinisch eindeutig definierte Erkrankung verwendet wird.

Aktuelle wissenschaftliche Diskussionen gehen sogar noch weiter und kritisieren die Bezeichnung selbst, weil „Erschöpfung“ bereits einen ursächlichen Mechanismus suggeriert, obwohl ähnliche Erscheinungsbilder durch unterschiedliche Prozesse entstehen können.

Deshalb sollten wir den Begriff als das verwenden, was er sinnvollerweise sein kann: eine Beschreibung, die uns auf ein Problem aufmerksam macht und anschließend eine Ursachenanalyse auslöst.

Nicht als Ferndiagnose anhand eines Fotos.

Nicht als Schuldzuweisung an den Reiter.

Und auch nicht als Erklärung für jedes Pferd mit wenig Rückenmuskulatur.

Wenn ein Pferd seine Tragfähigkeit verliert oder gar nicht erst ausreichend entwickeln kann, lautet die entscheidende Aufgabe nicht, möglichst schnell das Etikett „Trageerschöpfung“ daraufzukleben. Wir müssen herausfinden, warum dieses Pferd seinen Körper auf diese Weise benutzt.

Erst danach können wir sinnvoll entscheiden, ob es Behandlung, Rehabilitation, anderes Training, einen neuen Sattel, eine veränderte Hufbearbeitung, mehr Zeit oder schlicht einen vernünftigeren Trainingsaufbau braucht.

Und manchmal braucht es von mehreren Dingen ein bisschen.

Der Pferdekörper ist schließlich kein Muskelaufbauprojekt mit vier Beinen. Er ist ein komplexes Bewegungssystem, in dem Kraft, Balance, Koordination, Beweglichkeit und Gesundheit gemeinsam darüber entscheiden, wie gut ein Pferd sich selbst und irgendwann auch seinen Reiter tragen kann.

Eine Antwort zu „Trageerschöpfung beim Pferd“

  1. Avatar von TensengralesTraining – Alles über Pferde

    […] Interessant ist dazu auch der Beitrag Trageerschöpfung beim Pferd. […]

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