Equikinetic

Equikinetic: Muskelaufbau beim Pferd mit Zeitsystem und blau-gelben Gassen

Ein Pferd, das den Rücken hängen lässt, einen Unterhals schiebt und mit der Hinterhand hinterherschleift, braucht Muskeln. Genau dafür wurde die Equikinetic entwickelt: ein Longierprogramm nach festem Zeitplan, in einer klein abgesteckten Volte aus blauen und gelben Schaumstoffgassen, in dauerhafter Innenstellung, im Wechsel von Arbeit und Pause. Fünfzehn Minuten aktive Arbeit, zwei- bis dreimal die Woche, und danach ein Ruhetag. Dieser Beitrag zeigt Dir, wie die Methode aufgebaut ist, was im Pferdekörper dabei passiert, was Tierärzte und Studien dazu sagen, wo die Kritik ansetzt und wie Du das Training sauber umsetzt.

Was Equikinetic genau ist

Equikinetic ist geführtes Longieren in einer sogenannten Quadratvolte, kombiniert mit Intervalltraining. Das Pferd läuft dabei in einer Bahn aus acht Schaumstoffgassen, die einen Kreis von etwa acht Metern Durchmesser bilden. Es geht durchgehend gestellt und gebogen, also mit der Nase leicht nach innen und dem Körper der Kreislinie angepasst. Der Mensch läuft eine gute Armlänge entfernt auf Höhe der Schulter mit und hält die Stellung über eine kurze Longe am Kappzaum.

Gearbeitet wird nach der Uhr: eine Minute Arbeit, dann 30 bis 45 Sekunden Pause, danach Handwechsel und die nächste Runde. Acht dieser Arbeitsphasen bilden den Einstieg. Geübte Pferde kommen auf bis zu 16 Einheiten von je 90 Sekunden. Verwendet werden Schritt und Trab, der Galopp bleibt draußen, weil ein Mensch auf dieser kleinen Kreislinie im Galopp weder mithalten noch sauber einwirken kann.

Der Name setzt sich aus „equus“ für Pferd und dem griechischen „kinesis“ für Bewegung zusammen. Gemeint ist eine möglichst gleichmäßige Spannung in der Muskulatur über die gesamte Arbeitsphase hinweg. Im Fitnessstudio des Menschen bezeichnet „isokinetisch“ ein Training an Geräten mit gleichbleibender Bewegungsgeschwindigkeit. Auf dem Reitplatz ist das eher ein Bild als eine Messgröße, der Gedanke dahinter bleibt aber schlüssig: gleichmäßige Belastung, klar begrenzte Dauer, geplante Erholung.

Wie die Methode entstanden ist

Hinter der Equikinetic steht Michael Geitner aus dem bayerischen Rechtmehring. Aufgewachsen auf einer Westernranch, arbeitete er als Trainer zunächst mit Problempferden und entwickelte daraus eigene Konzepte rund um Fitness und Gesundheit. 2003 startete er mit der Dual-Aktivierung, einem Programm, bei dem Pferde durch blau-gelbe Gassen geführt oder geritten werden und dabei ständig zwischen Rechts- und Linkswendungen wechseln. Geitner nennt das Gehirnjogging für Pferde, weil beide Körperseiten und beide Augen abwechselnd gefordert werden.

Aus dieser Arbeit wuchs zehn Jahre später die Equikinetic heraus. 2013 stellte Geitner das Intervalltraining an der Longe erstmals der Redaktion des Magazins CAVALLO vor. Die Zeitschrift machte daraufhin die Probe: Mehr als zwanzig Reiter in München und Stuttgart trainierten nach dem Programm, begleitet von tierärztlichen Kontrollen und Gewichtsmessungen. Im Februar 2014 erschien das Ergebnis als Titelthema, mit deutlichen Fortschritten bei den meisten Pferden. Zusammen mit der Trainerin Alexandra Schmid, mit der Geitner seit 2008 zusammenarbeitet, hat er die Methode danach weiter ausgearbeitet und im Buch „Equikinetic: Pferde effektiv longieren“ (Müller Rüschlikon) beschrieben.

Rund um die Kernmethode ist eine ganze Trainingswelt entstanden: Dual-Aktivierung, Equikinetic, EquiClassic-Work als klassische Handarbeit mit longierten Elementen, Longe-Walking an der Doppellonge, das Pausen- und Lernsystem Equiplace sowie Dualini für Kinder. Alle Namen sind markenrechtlich geschützt, die Trainer werden über eine eigene Ausbildung zertifiziert und auf einer Trainerliste geführt.

Warum die Gassen blau und gelb sind

Pferde sehen die Welt anders als wir. Sie besitzen zwei Zapfentypen in der Netzhaut und sind damit Dichromaten, ihnen fehlen die Rezeptoren für langwelliges Licht. Die Folge: Rot erscheint ihnen als dunkler Grauton, Blau und Gelb dagegen können sie gut auseinanderhalten. Wissenschaftler vergleichen die Wahrnehmung mit der eines Menschen mit Rot-Grün-Schwäche. Wiesen und Hallenwände liefern also viel Gelbgrün und Grau, in das sich Stangen in Naturholz oder Weiß eher einfügen.

Geitner ließ diese Frage seinerzeit an der Universität in München aufarbeiten und leitete daraus die blau-gelben Trainingsgassen ab. Für das Pferd hebt sich diese Farbkombination klar vom Boden ab, es erkennt die Begrenzung frühzeitig und richtet sich daran aus. Dass Farbe für Pferde eine praktische Rolle spielt, zeigt auch die Forschung im Rennsport: An der Universität Exeter wurde untersucht, wie Pferde farbige Hindernisse wahrnehmen, mit der Empfehlung, Absprungbretter weiß und Mittelbalken in fluoreszierendem Gelb zu gestalten.

Eine Einordnung gehört dazu. Die Farbwahrnehmung selbst ist gut belegt. Die weitergehende Erklärung, die in vielen Beschreibungen der Dual-Aktivierung auftaucht, wonach die Hirnhälften des Pferdes ihre Informationen nur träge austauschen und intensive Farbreize diesen Austausch verbessern, stammt aus einer Zeit, in der die Forschung zur Lateralität beim Pferd noch am Anfang stand. Für den Trainingsalltag ist die Frage zweitrangig: Die Gassen wirken vor allem deshalb, weil sie dem Pferd eine sichtbare Spur geben. Der Farbwechsel hält zusätzlich die Aufmerksamkeit hoch.

Die Quadratvolte: so baust Du sie auf

Der Aufbau ist der Teil, den Einsteiger am häufigsten ungenau machen, und er entscheidet über die Qualität der ganzen Einheit. Du brauchst acht Gassen, also acht Schaumstoffstangen.

Zuerst markierst Du die Mitte, zum Beispiel mit einem Pylonen. Von dort legst Du vier Stangen als Kreuz aus, nach Norden, Süden, Osten und Westen. An das äußere Ende jeder dieser vier Stangen kommt quer eine weitere Stange. Diese vier Querstangen bilden die Innenkanten der späteren Gassen. Jetzt nimmst Du die vier Kreuzstangen wieder weg und legst sie parallel zu den Querstangen, mit einem Abstand von 80 Zentimetern bis 1,50 Meter. Fertig ist die Quadratvolte: vier Gassen, durch die das Pferd läuft, dazwischen vier offene Ecken.

Für Großpferde liegt der Durchmesser bei etwa acht Metern. Ponys und kleine Pferde bekommen die Volte entsprechend kleiner gelegt, ein Kleinpferd von 1,30 Meter Stockmaß läuft auf sechs bis sieben Metern deutlich runder als auf acht. Die Gassenbreite steuerst Du nach dem, was Du siehst: Schert die Hinterhand nach außen, legst Du die Gassen enger und nimmst Tempo heraus. Driftet das Pferd in den Ecken nach innen oder außen, stellst Du dort zusätzlich Pylonen auf und schließt die Lücke optisch.

Schaumstoff ist hier die richtige Wahl. Tritt ein Pferd auf eine Holzstange, rollt sie weg, im schlimmsten Fall rutscht es aus. Die weichen Balken lassen sich betreten, ohne dass etwas passiert. Wer keine Gassen hat, kommt für den Anfang mit vier Stangen und einer Reihe Pylonen aus, verliert damit aber einen Teil der klaren optischen Begrenzung.

Die Ausrüstung

Die Liste ist kurz, jedes Teil hat einen Grund.

Acht Schaumstoffgassen in Blau und Gelb. Sets mit vier gefüllten Balken von etwa drei Metern Länge liegen im Handel bei rund 150 Euro, für die volle Volte brauchst Du zwei Sets. Wetterfeste Planenbezüge lohnen sich, weil das Material draußen liegen bleibt.

Ein gut sitzender Kappzaum. Er ist das Herzstück, denn die feine Stellung über den Nasenrücken bekommst Du über ein Halfter kaum hin und über eine Trense nur mit Zug aufs Maul. Kappzäume gibt es ab etwa 70 Euro, Ledermodelle mit gepolstertem Nasenteil kosten 120 bis 160 Euro. Wichtig ist die Passform: Das Naseneisen muss auf dem knöchernen Nasenrücken liegen und darf sich beim Zug nicht verdrehen.

Eine kurze Longe. Du läufst nah am Pferd, ein aufgerolltes Neun-Meter-Seil stört dabei nur.

Eine Bogen- oder Touchierpeitsche zum Treiben und Begleiten der Hinterhand.

Ein Intervalltimer. Am einfachsten ist eine Timer-App mit Wiederholfunktion und Signalton, eine Stoppuhr tut es auch. Wer nach Gefühl arbeitet, verlängert die Arbeitsphasen unbemerkt und kürzt die Pausen, damit fällt der Trainingsreiz in sich zusammen.

Hilfszügel bleiben weg. Ausbinder oder ähnliche Konstruktionen erzeugen Gegendruck, das Pferd stemmt sich dagegen, die Muskulatur verspannt und wird schlechter durchblutet. Genau das Gegenteil des Ziels.

Stellung und Biegung: das Maß für innen

Die Innenstellung ist der Kern der ganzen Sache, und sie hat ein klares Maß.

Die minimale Stellung ist erreicht, wenn das äußere Auge des Pferdes auf Höhe des äußeren Buggelenks steht. Die maximale Stellung liegt vor, wenn das äußere Auge auf Höhe des inneren Buggelenks steht. Alles dazwischen ist richtig. Geht der Kopf weiter herum, ist das Pferd überstellt, es verwirft sich im Genick und die Arbeit verliert ihren Wert.

Eine zweite Kontrolle geht übers Ohr: Das innere Ohr sollte Dir während der Arbeitsphase durchgehend zugewandt bleiben. Damit hast Du im Vorbeilaufen einen Anhaltspunkt, ohne ständig auf die Nase zu schauen.

Viele Pferde tun sich am Anfang schwer damit, die Stellung eine ganze Minute zu halten. Der Weg dorthin führt über kurze, feine Impulse an der Longe und eine weiche Hand. Dauerzug führt in ein Tauziehen, bei dem sich das Pferd im Genick festmacht. Lieber gibst Du einen Impuls, lässt nach, gibst wieder einen Impuls. Bleibt die Stellung noch instabil, arbeitest Du erst einmal im Schritt weiter, bis sie sicher steht.

Das Zeitsystem

Das Zeitschema macht aus dem Longieren ein Training mit Plan.

Aufwärmen: 10 bis 15 Minuten Schritt, gern außerhalb der Volte, ohne Stellung, damit Muskulatur und Gelenke auf Betriebstemperatur kommen.

Arbeitsphase: 60 Sekunden auf einer Hand, in Stellung und Biegung, im flotten, gleichmäßigen Takt.

Pause: 30 bis 45 Sekunden. Das Pferd geht Schritt ohne Stellung und Biegung oder steht außerhalb der Quadratvolte. Die Pause ist bewusst so kurz, dass sich der Organismus eben gerade noch nicht vollständig erholt. Genau daraus entsteht der Trainingsreiz.

Handwechsel: Nach der Pause geht es auf der anderen Hand weiter. Im Originalprogramm folgt der Wechsel auf jede Arbeitsphase, manche Trainer wechseln nach jeder zweiten Einheit. Beide Varianten sorgen dafür, dass beide Seiten gleich viel Arbeit bekommen.

Einstieg: acht Arbeitsphasen von je einer Minute. Das ergibt inklusive Pausen etwa zwölf Minuten aktive Zeit, mit Aufwärmen und Auslaufen kommst Du auf eine gute halbe Stunde.

Steigerung: Auf der ersten Stufe bleibst Du zwei bis drei Wochen, bis der Ablauf sitzt. Danach steigerst Du behutsam auf zehn, zwölf und später bis zu 16 Einheiten und verlängerst die Arbeitsphasen auf 90 Sekunden. Wie schnell das geht, entscheidet das Pferd und sonst niemand. Reha- und Seniorenpferde bleiben oft dauerhaft auf der ersten Stufe und im Schritt, und das ist ein vollwertiges Training.

Häufigkeit: zwei- bis dreimal pro Woche mit mindestens einem Ruhetag dazwischen. Einmal pro Woche hält den Stand, mehr als dreimal bringt nichts, weil der Muskel für Wachstum und Umbau rund 48 Stunden braucht. Trainierst Du in diese Erholung hinein, baut die Muskulatur eher ab.

Eine Einheit von Anfang bis Ende

So sieht ein Trainingstag in der Praxis aus.

Du legst die Volte auf, bevor Du das Pferd holst, das dauert beim zweiten Mal keine fünf Minuten mehr. Dann führst Du Dein Pferd im Kappzaum eine Viertelstunde im Schritt, außen um die Volte herum, gern mit ein paar Handwechseln, damit es ankommt und der Rücken locker wird.

Du stellst den Timer auf 60 Sekunden Arbeit und 45 Sekunden Pause, acht Runden. Beim ersten Signal führst Du Dein Pferd in die erste Gasse. Du läufst an seiner Schulter mit, etwa eine Armlänge entfernt, in zügigen, großen Schritten. Deine Schrittlänge überträgt sich auf das Tempo des Pferdes, deshalb bestimmst Du es mit den eigenen Beinen mit. Die Longe hältst Du kurz, die Peitsche zeigt hinter dem Pferd Richtung Hinterhand.

Nach 60 Sekunden piept der Timer. Du nimmst die Stellung heraus, gehst mit dem Pferd aus der Volte, lässt es durchatmen und Schritt gehen. Beim nächsten Signal wechselst Du die Hand und führst es von der anderen Seite in die Gasse.

Nach acht Runden ist Schluss. Zum Ausklang zehn Minuten Schritt am langen Seil, danach ab in den Stall oder auf die Weide. Am nächsten Tag steht ein Spaziergang, Weide oder lockere Bewegung an.

Ein Bild dafür, wie anstrengend das für Dein Pferd ist: Geh in die Hocke, setz mit der Ferse zuerst auf, spann Bauch und Gesäß an, winkle die Arme an und lauf in dieser Haltung zügig eine Minute im Kreis. Danach 30 Sekunden Pause. Und dann noch sieben Mal.

Was im Pferd dabei passiert

Ein Reitpferd braucht Muskulatur, um sich selbst zu bewegen, das Skelett zu stützen und zusätzlich einen Reiter zu tragen. Verkürzte Muskeln, zu wenig Masse oder ein Ungleichgewicht zwischen den Muskelgruppen führen zu Fehlhaltungen, und dauerhafte Fehlbelastung endet häufig in Gelenkverschleiß.

Die Innenstellung auf der Kreislinie fordert die Muskeln, die den Rumpf stabilisieren. Besonders im Blick stehen die Musculi multifidi, kleine, tief liegende Muskeln direkt an der Wirbelsäule. Sie verbinden die Wirbel miteinander und stabilisieren die Wirbelsäule von Segment zu Segment. In der Humanmedizin ist gut untersucht, dass diese Muskelgruppe bei Rückenschmerzen als Erstes verkümmert und sich nach einer schmerzhaften Episode nicht von allein wieder erholt. Beim Pferd sieht es ähnlich aus.

Dazu kommt die Bauchmuskulatur. Sie ist es, die den Rücken aufwölbt, und ohne sie kann das Pferd den Reiter nur mit hängendem Rücken tragen. Tritt das innere Hinterbein unter den Schwerpunkt und nimmt Last auf, arbeiten Bauch, Kruppe und Rücken gemeinsam. Die ständigen Handwechsel sorgen dafür, dass die schwächere Seite genauso viel Arbeit bekommt wie die kräftigere.

Der zweite Wirkweg ist die Geraderichtung. Jedes Pferd kommt mit einer natürlichen Schiefe zur Welt, eine Seite ist hohl, die andere steif. Auf einem gewöhnlichen Longierzirkel gleicht es diese Schiefe aus, indem es auf die innere Schulter fällt, sich in die Kurve legt oder die Hinterhand nach außen schiebt. Die Gassen lassen diese Ausweichwege zu einem großen Teil zu. Die inneren Stangen halten das Pferd davon ab, in den Kreis hineinzufallen, die äußeren begrenzen die Kruppe. Es lernt, sich zwischen den Begrenzungen gerade auf der gebogenen Linie zu bewegen. Damit verringern sich die Scherkräfte, die beim schiefen Laufen auf Bänder und Gelenke wirken.

Der dritte Wirkweg ist der Intervallcharakter. Kurze Belastung, unvollständige Erholung, erneute Belastung: Dieses Prinzip stammt aus der Trainingslehre des Menschen. Es setzt einen starken Reiz, hält den Stoffwechsel auch in den Pausen hoch und trainiert das Herz-Kreislauf-System mit. Der Herzmuskel passt sich an Belastung genauso an wie die Skelettmuskulatur.

Der vierte Punkt ist der Kopf. Eine Minute Stellung halten, Takt halten, in schmalen Gassen laufen und dabei auf den Menschen achten: Das ist Konzentrationsarbeit. Pferde lernen dabei, ihre Aufmerksamkeit über einen definierten Zeitraum zu halten, und viele werden im Alltag ruhiger und aufmerksamer. Deshalb spüren Besitzer nach den ersten Einheiten oft, dass ihr Pferd am Folgetag müder ist, als die reine Bewegungszeit vermuten lässt.

Was Tierärzte und Untersuchungen dazu sagen

Die Equikinetic hat es aus der Freizeitreiterei in die Fachwelt geschafft, was für eine Trainingsmethode aus dem privaten Umfeld ungewöhnlich ist.

Die Wiener Tierärztin Dr. Marion Thurner, Fachtierärztin für Chiropraktik, untersuchte 2015 gemeinsam mit einer Equikinetic-Trainerin die Veränderung der Musculi multifidi. Grundlage war die am College of Veterinary Medicine der Michigan State University veröffentlichte Methode von Narelle Stubbs: Per Ultraschall wird an sechs festgelegten Stellen, am fünften Lendenwirbel sowie am 18., 16., 14., 12. und 10. Brustwirbel, jeweils links und rechts die breiteste Stelle der Muskeln gemessen. In der Humanmedizin diente dieses Vorgehen zu der Zeit dazu, den Erfolg von Reha-Maßnahmen bei chronischen Rückenschmerzen zu bewerten. Nach drei Monaten mit zweimal Equikinetic pro Woche zeigten sich messbare positive Veränderungen. Thurner ordnet ihre Ergebnisse selbst vorsichtig ein, weil es sich um keine Doppelblindstudie handelte und die Auswertung damit auf Erfahrungswerten beruht. Ihr Fazit fällt trotzdem klar aus: Sie empfiehlt die Methode auch Fachkollegen, allerdings erst nach Abklärung der Ursachen und mit passender Begleittherapie.

Aus Sicht der funktionellen Biomechanik argumentiert die Tierärztin Dr. Rohrbach ähnlich. Sie weist darauf hin, dass systematische Trainingskonzepte außerhalb des Leistungssports in der Pferdewelt selten sind und die meisten Pferde nach sehr subjektiven Kriterien trainiert werden, wobei die Einschätzung von Leistungsfähigkeit und Belastung häufig danebenliegt. Ein einfach erlernbares Programm, das die stabilisierende Rumpfmuskulatur, die Herz-Kreislauf-Fitness und die Eigenwahrnehmung des Körpers trainiert, sieht sie als sinnvollen Baustein in Reha-Konzepten.

Michael Geitner selbst argumentiert vor allem mit dem Alter: Aus der Humanforschung ist bekannt, wie stark Krafttraining den Verfall im Alter bremst, und bei Pferden verhält es sich nicht anders. Bei Geriatrie- und Arthrosepatienten kann eine kräftigere stabilisierende Muskulatur den Kreislauf aus Schonung, Schmerz und weiterem Muskelabbau verlangsamen.

Der Test von CAVALLO mit über zwanzig Pferden aus dem Jahr 2013/2014, begleitet von Tierarzt- und Gewichtskontrollen, gehört ebenfalls in diese Reihe. Er war keine kontrollierte Studie, lieferte aber die erste breite Rückmeldung aus der Praxis.

Ehrlich bleibt: Eine große, randomisierte und kontrollierte Studie zur Equikinetic steht bis heute aus. Was vorliegt, sind Messreihen an kleinen Gruppen, Erfahrungsberichte von Tierärzten und Therapeuten sowie das gut belegte Grundlagenwissen aus der Trainingslehre, auf dem die Methode aufbaut. Wer die Equikinetic als „wissenschaftlich bewiesen“ verkauft, geht damit einen Schritt zu weit. Wer sie als sinnvoll aufgebautes, systematisches Trainingskonzept beschreibt, liegt richtig.

Für welche Pferde sich das Training eignet

Die Bandbreite ist groß, und das ist einer der Gründe für die Verbreitung.

Jungpferde bekommen vor dem Anreiten Kraft, Koordination und Gelassenheit, ohne Reitergewicht. Der Ablauf ist berechenbar, das nimmt Druck aus der Ausbildung.

Reha-Pferde profitieren vom geführten, kontrollierten Bewegungsablauf. Nach Sehnenschäden, bei Arthrose oder nach längeren Boxenphasen lässt sich die Belastung über Gangart, Rundenzahl und Voltengröße sehr fein dosieren. Bei jeder Reha gilt: erst mit dem behandelnden Tierarzt sprechen, dann trainieren.

Ältere Pferde halten Beweglichkeit, Muskulatur und Kreislauf in Gang. Rentner laufen oft ausschließlich im Schritt und mit zwei Ruhetagen zwischen den Einheiten.

Pferde mit Trageerschöpfung oder deutlichem Unterhals bekommen genau die Muskulatur angesprochen, die ihnen fehlt.

Freizeitpferde, die zwei- bis dreimal die Woche geritten werden, gewinnen an Balance und Rittigkeit.

Sportpferde nutzen die Einheiten als Ergänzung zum Reiten, vor allem zur gleichmäßigen Belastung beider Seiten.

Kutschpferde und Gangpferde arbeiten ebenso danach. Fahrpferde profitieren besonders, weil sie im Geschirr überwiegend geradeaus laufen und die Biegearbeit im Alltag zu kurz kommt.

Wo die Grenzen liegen

Ein paar Situationen verlangen Zurückhaltung.

Bei akuter Lahmheit, unklarem Rückenschmerz oder frischen Verletzungen gehört die Abklärung an den Anfang. Ein Pferd, das im Genick oder in der Halswirbelsäule Probleme hat, kann eine Minute Dauerstellung als echte Belastung erleben.

Der Boden entscheidet mit. Tiefer, matschiger Untergrund erhöht die Drehbelastung im Knie deutlich, harter Boden schlägt auf Gelenke. Für Voltenarbeit brauchst Du eine tragfähige, ebene Fläche.

Sehr junge Pferde, deren Wachstumsfugen noch offen sind, arbeiten besser im Schritt und mit großzügiger Voltengröße.

Stark übergewichtige Pferde starten ebenfalls im Schritt, mit wenigen Runden, und steigern langsam.

Und schließlich: Wenn Dein Pferd in der Einheit müde wird, sich verwirft, eilig oder träge läuft, stolpert oder bockt, dann beendest Du die Einheit an dieser Stelle. Beim nächsten Mal gehst Du eine Stufe zurück. Weniger fordern ist hier immer die bessere Entscheidung.

Die Kritik an der Methode und was daran dran ist

Ein Beitrag, der nur lobt, hilft niemandem. Diese Einwände hört man regelmäßig, und sie verdienen eine ehrliche Antwort.

Der häufigste Punkt ist die Voltengröße. In der klassischen Longenarbeit gilt als Faustregel ein Zirkel von mindestens 15 bis 16 Metern Durchmesser, weil enge Wendungen die Gelenkrotation und damit die Spannung auf Bänder und Sehnen erhöhen. Genau darauf beruht ja die Lahmheitsuntersuchung auf dem engen Kreis. Acht Meter sind demgegenüber wenig.

Die Gegenargumente der Anwender: Das Pferd läuft geradegerichtet auf der Kreislinie und legt sich eben gerade nicht schief in die Kurve, was einen Teil der Scherkräfte herausnimmt. Es wird geführt statt geschleudert, das Tempo bleibt moderat, es geht nur Schritt und Trab, und die Belastung dauert 60 Sekunden statt zwanzig Minuten am Stück. Beides zusammen ergibt ein anderes Belastungsbild als zwanzig Minuten flotter Trab auf einem zehn Meter großen Kreis. Trotzdem bleibt festzuhalten: Auf einer kleinen Kreislinie wirken höhere Kräfte als auf der Geraden. Deshalb sind Bodenqualität, Tempo, Voltengröße nach Stockmaß und die kurzen Intervalle keine Feinheiten, sondern die Voraussetzungen dafür, dass die Rechnung aufgeht.

Der zweite Einwand betrifft die Eintönigkeit. Aus der Trainingslehre weiß man, dass Muskeln auch neue Reize brauchen. Acht Mal eine Minute dieselbe Volte ist für manche Pferde und viele Menschen auf Dauer öde, zumal am Folgetag Ruhe ansteht. Das Konzept fängt das mit Stufen und später eingelegten Stangen oder Hindernissen in der Volte auf, bleibt in seinem Kern aber gleichförmig. Für viele Anwender ist genau das der Vorteil, weil sie damit die Belastung sauber steuern können. Wer Abwechslung braucht, kombiniert die Equikinetic mit Dual-Aktivierung, Handarbeit, Cavaletti und Ausritten und nutzt sie als einen Baustein von mehreren.

Der dritte Einwand betrifft die Dauerstellung. Eine Minute durchgehend in Innenstellung zu laufen ist für ein untrainiertes Pferd eine Ansage. Ein überstelltes Pferd, das sich im Genick verwirft, trainiert die falschen Dinge. Hier hängt sehr viel an der Ausführung, also am Auge des Menschen, an der weichen Hand und an ehrlicher Selbsteinschätzung.

Der vierte Punkt ist wirtschaftlicher Natur. Methode, Gassen, Kappzaum, Kurse und Trainerausbildung stammen aus einer Hand und sind markenrechtlich geschützt. Das ist legitim, sorgt aber dafür, dass die Grenze zwischen Trainingsinhalt und Produktverkauf für Außenstehende manchmal verschwimmt. Die Inhalte lassen sich lernen, das Buch beschreibt sie vollständig, und mit vier Stangen und ein paar Pylonen kannst Du auch günstig anfangen.

Die typischen Fehler

Diese Punkte kosten am meisten Wirkung.

Dauerzug an der Longe. Das Pferd stemmt sich dagegen, macht sich im Genick fest und läuft mit angespanntem Unterhals. Arbeite mit Impulsen und lass jedes Mal wieder nach.

Zu viel Tempo. Viele Pferde fangen an zu eilen, weil ihnen die Balance fehlt. Sie geraten in Schieflage und belasten Gelenke, Bänder und Sehnen stärker als nötig. Lieber langsam und korrekt.

Überstellen. Sobald das äußere Auge über das innere Buggelenk hinauswandert, verliert die Stellung ihren Wert. Kontrolliere über die Ohrstellung.

Pausen abkürzen. Die 30 bis 45 Sekunden sind Teil des Trainings, nicht die Wartezeit dazwischen.

Ohne Timer arbeiten. Nach Gefühl werden die Arbeitsphasen länger und die Pausen kürzer, das kippt den ganzen Aufbau. Erfahrene Trainer berichten, dass Einheiten ohne Timer messbar schlechter wirken.

Hinter dem Pferd herlaufen. Dein Platz ist an der Schulter, eine gute Armlänge entfernt. Von dort steuerst Du Tempo, Stellung und Richtung.

Zu breite Gassen. Über 1,50 Meter verliert die Begrenzung ihre Wirkung, das Pferd schiebt die Hinterhand wieder heraus.

Zu viele Einheiten pro Woche. Der Muskel wächst in der Pause.

Hilfszügel einschnallen. Sie arbeiten gegen das Ziel.

Woran Du Fortschritt erkennst

Der Blick von außen täuscht, wenn Du Dein Pferd täglich siehst. Diese Anhaltspunkte helfen.

Mach vor dem Start Fotos von beiden Seiten und von hinten, jeweils bei gleichem Licht und in gleicher Haltung, und wiederhole sie alle vier Wochen. Veränderungen am Halsansatz, am Rücken hinter dem Sattel und an der Kruppe siehst Du auf den Bildern viel deutlicher als in der Halle.

Achte auf den Unterhals. Wenn die Muskeln unterhalb des Halses weicher werden und sich der Oberhals füllt, arbeitet Dein Pferd richtig.

Beobachte die Hufspuren. Tritt die Hinterhand weiter in die Spur der Vorderhand oder darüber hinaus, hat die Hinterhand an Kraft gewonnen.

Spür beim Reiten nach: Ein Pferd mit mehr Rumpfstabilität lässt sich leichter stellen, fällt weniger über die äußere Schulter und wird auf der ehemals steifen Seite geschmeidiger.

Und schau, wie Dein Pferd die Einheiten annimmt. Wenn es nach ein paar Wochen entspannt und mit gesenktem Kopf durch die Gassen geht statt hektisch, ist das ein Fortschritt, den kein Maßband misst.

Eine solide Grundfitness erreichst Du in zwei bis drei Monaten bei zwei bis drei Einheiten pro Woche. Den erreichten Stand hältst Du danach mit einer Einheit alle sieben bis zehn Tage.

Equikinetic im Vergleich zu anderen Trainingsformen

Die Dual-Aktivierung ist die ältere Schwester. Dort geht es um ständige Rechts-links-Wechsel durch die Gassen, an der Hand oder geritten, mit Aufmerksamkeit und Koordination als Ziel. Die Equikinetic nimmt daraus die Gassen und die Farben, setzt aber auf eine feste Volte, Dauerstellung und ein Zeitsystem.

EquiClassic-Work verbindet klassische Handarbeit mit longierten Elementen aus Dual-Aktivierung und Equikinetic und führt in Richtung Lektionen. Longe-Walking ist Dual-Aktivierung an der Doppellonge, oft als Zusatztraining bei Reha-Pferden und vor dem Anreiten. Equiplace ist ein Pausen- und Lernsystem, das die Zusammenarbeit mit dem Pferd im Blick hat.

Der klassische Longenkurs arbeitet ebenfalls am Kappzaum, mit Stellung und Biegung, allerdings auf größerem Zirkel und ohne Zeitraster. Er zielt stärker auf die feine Ausbildung der Hilfen, die Equikinetic stärker auf den Trainingsreiz.

Cavaletti-Arbeit trainiert Takt, Gelenkbeugung und Koordination und ist eine gute Ergänzung, weil sie andere Reize setzt.

Führanlage und Wassertretbecken bewegen das Pferd ebenfalls kontrolliert, allerdings ohne Stellung und Biegung und damit ohne die gezielte Arbeit an der Schiefe.

Am sinnvollsten läuft das alles nebeneinander: zwei Equikinetic-Einheiten pro Woche, dazwischen Reiten, Gelände, Cavaletti und Ruhetage.

Kurse, Trainer und Bücher

Die Methode lässt sich aus Buch und Videos erarbeiten, ein Kurs beschleunigt den Einstieg aber deutlich, weil jemand von außen auf Stellung, Tempo und Deine eigene Position schaut. Über die offizielle Trainerliste findest Du zertifizierte Trainer, die Kurse in Reitställen anbieten. Geitner selbst unterrichtet auf seiner Anlage in Rechtmehring und auf Veranstaltungen, dazu gibt es eine gestufte Trainerausbildung vom Basistrainer bis zu höheren Stufen. Als Buch ist „Equikinetic: Pferde effektiv longieren“ von Michael Geitner und Alexandra Schmid die Grundlage, ergänzt um Trainingspläne und Videomaterial.

Rechne für einen Tageskurs mit Gruppenunterricht mit einem mittleren zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Betrag, je nach Anbieter und Umfang. Wer sich eine Anschaffung sparen will, fragt im Stall nach: In vielen Ställen liegen inzwischen Gassen, die gemeinschaftlich genutzt werden.

Häufige Fragen

Wie oft soll ich Equikinetic machen?

Zwei- bis dreimal pro Woche mit mindestens einem Ruhetag dazwischen. Einmal pro Woche hält den erreichten Stand. Mehr als dreimal bringt keinen zusätzlichen Nutzen, weil die Muskulatur rund 48 Stunden Erholung braucht.

Wie lange dauert es, bis man etwas sieht?

Viele Besitzer sehen nach vier bis sechs Wochen erste Veränderungen an Hals und Rücken. Eine solide Grundfitness stellt sich bei regelmäßigem Training nach zwei bis drei Monaten ein.

Wird auch galoppiert?

Gearbeitet wird im Schritt und im Trab. Der Galopp bleibt außen vor, weil Du auf der kleinen Volte mitlaufen und dabei die Stellung halten musst.

Geht das auch ohne Gassen?

Für den Einstieg kannst Du die Volte mit vier Stangen und Pylonen abstecken. Die farbigen Schaumstoffgassen geben dem Pferd allerdings die klarste Begrenzung und sind trittsicher, falls es einmal danebentritt.

Brauche ich unbedingt einen Kappzaum?

Für die feine Dauerstellung ist er das passende Werkzeug. Über ein Halfter bekommst Du die Stellung kaum sauber hin, über eine Trense wirkst Du dauerhaft aufs Maul ein. Wichtiger als die Marke ist der Sitz.

Eignet sich das Training für Ponys?

Ja, die Volte wird entsprechend kleiner gelegt. Ein Pony mit 1,30 Meter Stockmaß läuft auf sechs bis sieben Metern rund, ein Großpferd braucht die vollen acht.

Ist Equikinetic für Reha-Pferde geeignet?

Sie wird von vielen Tierärzten und Therapeuten als Aufbautraining eingesetzt, etwa nach Sehnenschäden, bei Arthrose oder bei Pferden mit Stoffwechselerkrankungen. Voraussetzung ist, dass Dein Pferd schmerzfrei laufen kann, und die Abstimmung mit dem behandelnden Tierarzt.

Kann man Equikinetic auch reiten?

Das Programm ist als Bodenarbeit ohne Reitergewicht angelegt, genau darin liegt sein Wert für Pferde mit schwacher Muskulatur. Geritten wird in den blau-gelben Gassen im Rahmen der Dual-Aktivierung, mit anderer Zielsetzung.

Was kostet die Ausrüstung?

Ein Set aus vier gefüllten Schaumstoffgassen liegt bei etwa 150 Euro, für die volle Quadratvolte brauchst Du acht Stück. Dazu kommen Kappzaum, kurze Longe und Peitsche. Den Timer ersetzt eine kostenlose App auf dem Handy.

Wie erkenne ich, dass mein Pferd überfordert ist?

Es fußt schlechter, verwirft sich im Genick, wird eilig oder träge, stolpert oder bockt. Dann beendest Du die Einheit und wählst beim nächsten Mal eine niedrigere Stufe.

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