Reitstunde erwachsene Anfänger

Wie läuft eine Reitstunde für Erwachsene Anfänger ab?

Wenn du als Erwachsener mit dem Reiten anfängst, wirst du wahrscheinlich nicht gleich am ersten Tag zusammen mit fünf anderen Reitern durch die Halle traben. In einer guten Reitschule beginnt deine Ausbildung normalerweise etwas ruhiger. Als kompletter Anfänger bekommst du zunächst Einzelunterricht, häufig an der Longe. Dabei läuft das Pferd an einer langen Leine um die Reitlehrerin herum, sodass sie zunächst einen großen Teil der Kontrolle über das Pferd übernimmt und du dich auf dich selbst konzentrieren kannst.

Du lernst deinen Sitz kennen, gewöhnst dich an die Bewegungen des Pferdes und erfährst nach und nach, was Begriffe wie Schenkelhilfe, Zügelhilfe und Gewichtshilfe eigentlich bedeuten. Vereinfacht gesagt lernst du zunächst einmal, oben zu bleiben, dich mit dem Pferd zu bewegen und irgendwann auch selbst zu lenken, anzuhalten und wieder loszureiten. Das klingt überschaubar. Auf einem lebenden Pferd sind allerdings schon diese vermeintlich einfachen Dinge erstaunlich viele Aufgaben gleichzeitig.

Der Unterricht an der Longe ist ein eigenes Thema. Deshalb soll es hier vor allem um den nächsten Schritt gehen: Was passiert, wenn du als erwachsener Anfänger zum ersten Mal an einer normalen Reitstunde teilnimmst?

Die erste Gruppenreitstunde ist für viele Erwachsene ziemlich aufregend

Ich habe selbst viele Jahre als Reitlehrerin gearbeitet und kann dir eines versprechen: Wenn du vor deiner ersten richtigen Reitstunde nervös bist, befindest du dich in sehr guter Gesellschaft.

Ich hatte erwachsene Reitanfänger, die vor ihrer ersten Gruppenreitstunde ausgesprochen aufgeregt waren. An der Longe hatten sie bereits einiges gelernt. Sie konnten sitzen, antraben, wieder durchparieren, erste Hilfen geben und ihr Pferd ein Stück weit selbstständig beeinflussen. Und trotzdem fühlte sich die erste Reitstunde plötzlich wieder an wie Tag eins.

Das ist überhaupt nicht erstaunlich.

An der Longe konntest du dich hauptsächlich auf dich selbst konzentrieren. Jetzt sitzt du auf deinem Pferd und um dich herum passiert plötzlich eine ganze Menge. Andere Pferde laufen vor und hinter dir, die Reitlehrerin gibt Anweisungen, irgendwo wird angetrabt und dann hörst du vielleicht zum ersten Mal Sätze wie „Durch die ganze Bahn wechseln!“, während du innerlich noch damit beschäftigt bist, deinen rechten Steigbügel wiederzufinden.

Willkommen in der Gruppenreitstunde.

Als Anfänger reitest du häufig zunächst in einer Abteilung

In vielen klassischen Reitschulen werden Anfänger zunächst in einer sogenannten Abteilung unterrichtet. Das bedeutet, dass mehrere Reiter mit ihren Pferden hintereinander auf derselben Linie durch die Reitbahn reiten.

Vorne befindet sich der sogenannte Têtenreiter oder Abteilungsführer. Die anderen Reiter folgen mit einem gewissen Abstand. Für einen Anfänger hat dieses System einen großen Vorteil: Du musst noch nicht gleichzeitig entscheiden, wohin du reitest, welche Bahnfigur als Nächstes sinnvoll wäre und wie du dabei allen anderen Pferden ausweichst.

Du kannst dich zunächst darauf konzentrieren, die Dinge umzusetzen, die du vorher gelernt hast.

Dein Pferd soll im gewünschten Tempo gehen, du versuchst vernünftig zu sitzen, gibst deine Hilfen und lernst allmählich, dein Pferd tatsächlich selbst zu reiten.

Wobei „selbst“ am Anfang durchaus ein dehnbarer Begriff sein kann.

Ein erfahrenes Schulpferd weiß nämlich häufig sehr genau, dass eine Abteilung eine Art Pferde-Polonaise ist. Das Pferd vor ihm biegt rechts ab, also biegt es ebenfalls rechts ab. Die anderen traben an, also könnte jetzt vermutlich Trab auf dem Stundenplan stehen.

Das ist für einen Anfänger keineswegs schlecht. Im Gegenteil: Ein erfahrenes Schulpferd kann dir in dieser Phase enorm viel Sicherheit geben.

Dein erstes Schulpferd sollte seinen Beruf kennen

Eine verantwortungsvolle Reitlehrerin wird dir für deine ersten Gruppenreitstunden normalerweise kein Pferd geben, bei dem jeder kleine Reiterfehler sofort eine große Reaktion auslöst.

Du brauchst jetzt ein Pferd, das Anfänger kennt.

Eines, das nicht gleich eine persönliche Krise bekommt, wenn dir ein Zügel durch die Finger rutscht. Das weiter Schritt geht, wenn du kurz einen Steigbügel verlierst. Das nicht beleidigt die Zusammenarbeit einstellt, weil deine Schenkelhilfe noch ungefähr so präzise ist wie eine Wettervorhersage für nächsten April.

Natürlich sollst du lernen, korrekt einzuwirken. Aber genau dafür bist du schließlich in der Reitstunde.

Du kannst es noch nicht.

Ein gutes Schulpferd unterscheidet erstaunlich zuverlässig zwischen einer klaren Hilfe und dem allgemeinen körperlichen Durcheinander eines Anfängers. Diese Gelassenheit ist einer der Gründe, weshalb gute Schulpferde für eine Reitschule so wertvoll sind.

Was passiert in einer normalen Reitstunde?

Eine klassische Gruppenreitstunde dauert häufig etwa 45 bis 60 Minuten. Wie sie genau aufgebaut wird, hängt natürlich von der Reitschule, dem Ausbildungsstand der Gruppe und den Pferden ab.

Zu Beginn wird normalerweise im Schritt geritten. Diese Phase dient nicht nur dazu, dass die Pferde warm werden. Auch du kannst dich sortieren, deine Bügel überprüfen, dich an dein Pferd gewöhnen und erst einmal wieder herausfinden, wo sich heute Arme, Beine und Becken befinden.

Danach beginnt die eigentliche Arbeitsphase.

Als Anfänger wirst du zunächst einfache Aufgaben bekommen. Du reitest Schritt und Trab, übst Übergänge zwischen den Gangarten und lernst verschiedene Bahnfiguren kennen. Nach und nach kommt der Galopp hinzu. Gleichzeitig wird dein Sitz weiter geschult und deine Reitlehrerin korrigiert deine Hilfengebung.

Das Entscheidende dabei ist: In einer guten Anfängerreitstunde wird nicht erwartet, dass du alles gleichzeitig perfekt kannst.

Reiten besteht aus unglaublich vielen Bewegungsabläufen, die später selbstverständlich erscheinen. Am Anfang musst du über fast jeden einzelnen davon nachdenken.

„Durchparieren zum Schritt!“ – und plötzlich sind alle Wörter weg

Auch die Sprache einer Reitstunde ist zunächst gewöhnungsbedürftig.

Eine Reitlehrerin sagt beispielsweise nicht unbedingt: „Mach dein Pferd jetzt bitte langsamer und geh vom Trab in den Schritt.“

Sie sagt: „Durchparieren zum Schritt.“

Statt „Reite einmal schräg auf die andere Seite der Halle“ heißt es möglicherweise: „Durch die ganze Bahn wechseln.“

Und wenn du gebeten wirst, „auf dem Zirkel“ zu reiten, sollst du nicht anfangen, dein Pferd irgendwie kreisförmig durch die Halle zu navigieren, sondern eine ganz bestimmte Bahnfigur reiten.

Du lernst also nicht nur reiten. Du lernst nebenbei eine neue Sprache.

Mach dir deshalb keinen Kopf, wenn du in deinen ersten Reitstunden eine Anweisung hörst und für zwei Sekunden überhaupt keine Ahnung hast, was damit gemeint war. Genau dafür ist die Reitlehrerin da.

Es ist völlig normal, wenn in der ersten Reitstunde etwas schiefgeht

Dir rutscht ein Zügel aus der Hand.

Du verlierst einen Steigbügel.

Beim Leichttraben stehst du plötzlich im falschen Moment auf.

Dein Pferd bleibt stehen, obwohl alle anderen weiterreiten.

Oder alle anderen Pferde traben an und deines hat offenbar beschlossen, dass es heute eher im Bereich gemütliches Wandern tätig sein möchte.

Das alles gehört dazu.

Als Reitlehrerin bin ich bei sehr unsicheren erwachsenen Anfängern manchmal noch eine ganze Weile neben dem Pferd hergegangen. Nicht, weil diese Menschen „schlecht“ geritten wären, sondern weil zwischen einer Longenstunde und einer Gruppenreitstunde ein großer Unterschied liegt.

Manchmal reicht schon das Wissen: Da ist jemand direkt neben mir.

Nach einigen Runden wird die Anspannung geringer. Irgendwann geht die Reitlehrerin nicht mehr unmittelbar daneben, sondern ein paar Meter entfernt. Und irgendwann stellst du fest, dass du gerade schon mehrere Runden geritten bist, ohne darüber nachzudenken.

Genau so entsteht Sicherheit.

Du musst in deiner ersten Reitstunde niemandem etwas beweisen

Gerade erwachsene Anfänger machen sich häufig selbst unnötig viel Druck. Sie möchten verstehen, was sie tun, möchten niemanden aufhalten und möglichst keinen Fehler machen.

Kinder sind da gelegentlich beneidenswert pragmatisch. Steigbügel verloren? Wieder einsammeln. Pferd steht? Wieder antreiben. Weiter geht’s.

Als Erwachsener beginnt dagegen schnell die innere Analyseabteilung ihre Arbeit.

Dabei bist du zum Lernen dort.

Niemand erwartet von einem Anfänger einen perfekten Sitz, unsichtbare Hilfen oder eine Dressurprüfung. Eine gute erste Gruppenreitstunde hat ein wesentlich bescheideneres Ziel: Du sollst anfangen, das Gelernte selbstständig auf deinem Pferd umzusetzen und dabei immer weniger Hilfe von außen benötigen.

Wenn du nach der Stunde absteigst und denkst: Das war ganz schön viel, aber ich möchte nächste Woche wiederkommen, dann war deine erste richtige Reitstunde ziemlich erfolgreich.

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