Westernreitabzeichen: Welche gibt es und welches brauche ich?
Wer mit dem Westernreiten beginnt und irgendwann zum ersten Mal über ein Westernreitabzeichen stolpert, könnte durchaus den Eindruck bekommen, man müsse zunächst mehrere Jahre lang Abzeichen sammeln, bevor man sich überhaupt mit Pferd auf einen Turnierplatz wagen darf. Ganz so kompliziert ist es zum Glück nicht, denn die Westernreitabzeichen sind in erster Linie ein Ausbildungs- und Prüfungssystem, mit dem Reiter ihre Kenntnisse und Fähigkeiten Schritt für Schritt erweitern und überprüfen können. Sie sind also keineswegs alle zwingende Eintrittskarten in den Turniersport.
Die Westernreitabzeichen, kurz WRA, gehören zum Ausbildungssystem der Ersten Westernreiter Union Deutschland, kurz EWU, und sind in die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung eingebunden. Die aktuelle APO 2026 unterscheidet zwischen Abzeichen für die Grundlagen und weiterführenden Leistungsabzeichen. Die EWU selbst betont ausdrücklich, dass das Abzeichensystem vorrangig der Überprüfung der Ausbildung dient und nicht ausschließlich für Turnierreiter gedacht ist.
Welche Westernreitabzeichen gibt es?
Das System beginnt nicht beim schwierigsten Sliding Stop, sondern ausgesprochen bodenständig beim sicheren Umgang mit dem Pferd. Die WRA 10 bis 6 vermitteln und überprüfen Grundlagen und können unabhängig voneinander sowie auch mehrfach abgelegt werden. Erst danach beginnt mit dem WRA 5 der Bereich der aufeinander aufbauenden Leistungsabzeichen.
WRA 10 – Umgang mit dem Pferd und Bodenarbeit
Das Westernreitabzeichen 10 ist ein echtes Einsteigerabzeichen. Hier geht es noch nicht darum, besonders eindrucksvoll durch eine Reining-Pattern zu rauschen, sondern zunächst darum, ob ein Mensch mit einem Pferd vernünftig und sicher umgehen kann.
Geprüft werden praktische Aufgaben beim Führen sowie theoretische Grundlagen zu Pferdeverhalten, Pflege, Haltung, Tierschutz und Unfallverhütung.
Damit eignet sich das WRA 10 auch für Menschen, die reiterlich noch ganz am Anfang stehen oder zunächst ihre Kenntnisse am Boden verbessern möchten.
WRA 9 – Trail an der Hand
Beim Westernreitabzeichen 9 wird es bereits etwas westernspezifischer. Das Pferd wird an der Hand durch einen Trail geführt, der verschiedene Bodenhindernisse enthält. Gleichzeitig gehören Pferdeverhalten, Haltung, Gesundheit, Fütterung, Sicherheit, Transport und Grundlagen des Trails zum theoretischen Wissen.
Interessant ist die Kombination aus WRA 10 und WRA 9: Wer beide Abzeichen besitzt, erfüllt damit nach der aktuellen APO die entsprechende Voraussetzung des Pferdeführerscheins Umgang.
Das kann später wichtig werden, denn ab dem WRA 5 wird ein entsprechender Nachweis über den sicheren Umgang mit dem Pferd verlangt.
WRA 8 – Western Horsemanship
Mit dem Westernreitabzeichen 8 sitzt der Prüfling im Sattel. Schwerpunkt ist Western Horsemanship, also genau die Disziplin, bei der insbesondere Sitz, Hilfengebung, Kontrolle und harmonische Vorstellung des Pferdes beurteilt werden.
Geritten wird eine einfache Western-Horsemanship-Aufgabe auf ungefähr LK-5-/LK-4-Niveau sowie eine Gruppenaufgabe im Schritt und Trab, wobei auch Galopp verlangt werden kann. Hinzu kommen theoretische Kenntnisse über Hilfengebung, Ausrüstung, Bahnfiguren, Bahnregeln, Pferdepflege, Tierschutz und Unfallverhütung. Der vorgeschriebene Vorbereitungslehrgang umfasst mindestens 16 Lerneinheiten.
Für einen Westernreiter, der bereits sicher in den Grundgangarten unterwegs ist und erstmals eine strukturierte reiterliche Prüfung ablegen möchte, ist das WRA 8 deshalb ein ausgesprochen sinnvoller Einstieg.
WRA 7 – Trailreiten
Beim WRA 7 rückt der Trail stärker in den Mittelpunkt. In der praktischen Prüfung wird eine Kombination aus Western Horsemanship und Trail geritten, wobei vier Trailhindernisse enthalten sind. Außerdem gehört das Reiten innerhalb einer kleinen Gruppe zur Prüfung.
Auch hier liegen die Anforderungen ungefähr im Bereich der unteren EWU-Leistungsklassen und ein Reithelm ist vorgeschrieben.
Das WRA 7 ist damit interessant für Reiter, denen Stangen, Tore und Trailhindernisse ohnehin deutlich mehr Freude bereiten als das hundertste möglichst kreisrunde Zirkelchen.
WRA 6 – Ranch Riding
Das Westernreitabzeichen 6 ist nach dem aktuellen Merkblatt der EWU auf Ranch Riding beziehungsweise Ranch Trail ausgerichtet. Geritten wird eine kombinierte Aufgabe mit Schritt und Trab, gegebenenfalls auch Galopp, wiederum ungefähr auf dem Niveau der Leistungsklassen 5 und 4. Daneben werden grundlegende Kenntnisse über Westernreitlehre, Pferd, Ausrüstung, Tierschutz und Sicherheit verlangt.
Gerade für Freizeitreiter ist dieses Abzeichen interessant, weil Ranch Riding weniger danach fragt, ob ein Pferd möglichst dekorativ aussieht, sondern ob es sich kontrolliert, durchlässig und zweckmäßig reiten lässt.
Ab WRA 5 wird es ernsthafter: die Leistungsabzeichen
Mit dem WRA 5 beginnt nach der aktuellen APO der Bereich der weiterführenden Westernreitabzeichen. Ab hier gelten deshalb zusätzliche Voraussetzungen. Unter anderem ist eine EWU-Mitgliedschaft erforderlich und der Teilnehmer benötigt den Pferdeführerschein Umgang oder einen anerkannten Ersatz dafür, beispielsweise WRA 10 und WRA 9 zusammen.
WRA 5 – Leistungsabzeichen Gelände
Das WRA 5 verbindet Westernreiten mit sicherem Reiten außerhalb des Platzes. Die praktische Prüfung besteht aus einer kombinierten Horsemanship- und Trailprüfung, dem Reiten in der Gruppe in allen drei Grundgangarten und einem Geländeritt mit verschiedenen Aufgaben.
Auch theoretisch geht es deutlich weiter: Neben Westernreitlehre und Pferdekunde gehören unter anderem das Verhalten im Straßenverkehr, gesetzliche Vorschriften für das Reiten im Gelände, die Planung von Geländeritten, Versorgung des Pferdes nach dem Ritt, Tierschutz und Unfallverhütung dazu.
Der Vorbereitungslehrgang umfasst mindestens 24 Lerneinheiten und die Geländeprüfung muss tatsächlich im Gelände stattfinden. Man kann also nicht bei norddeutschem Dauerregen kurzerhand drei Pylonen in die Reithalle stellen und erklären, das sei heute die Prärie.
WRA 4 – das weiterführende Westernreitabzeichen
Beim Westernreitabzeichen 4 werden Western Horsemanship und Trail als Einzelaufgaben geritten. Zusätzlich folgt eine Gruppenprüfung in allen drei Grundgangarten, einschließlich Leichttraben, sowie eine mündliche Theorieprüfung.
Beurteilt werden nicht nur das Absolvieren der Aufgaben, sondern insbesondere Sitz und Einwirkung des Reiters. Der Vorbereitungslehrgang umfasst mindestens 24 Lerneinheiten.
Das WRA 4 ist damit bereits eine wesentlich umfassendere Überprüfung der reiterlichen Ausbildung als die Einstiegsabzeichen.
WRA 3 – hier wird das Abzeichen auch für Turnierreiter interessant
Das Westernreitabzeichen 3 verlangt Trail, Western Horsemanship und einen Geländeteil sowie eine schriftliche und mündliche Theorieprüfung. Die Anforderungen sind entsprechend höher und der Teilnehmer muss grundsätzlich zuvor das WRA 4 erworben haben. Alternativ können bestimmte Turniererfolge in der EWU anerkannt werden.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem das Westernreitabzeichen tatsächlich unmittelbare Auswirkungen auf den Turniersport haben kann:
Inhaber des WRA 3 können sich bei der EWU in die Leistungsklasse 3 einstufen lassen.
Man muss sich also nicht zwingend ausschließlich über jahrelang gesammelte Leistungspunkte bis dorthin hocharbeiten.
WRA 2 – Westernreiten auf hohem Niveau
Für das Westernreitabzeichen 2 muss man mindestens ein Jahr im Besitz des WRA 3 sein. Die Anforderungen liegen auf entsprechend hohem sportlichem Niveau.
Hier geht es nicht mehr um die Frage, ob man weiß, an welchem Ende man ein Pferd aufhalftert. Verlangt werden fortgeschrittene reiterliche Leistungen und umfangreiche Kenntnisse der Westernreitlehre und des EWU-Regelwerks.
Auch dieses Abzeichen kann Auswirkungen auf die Einstufung im Turniersport haben: Wer das WRA 2 besitzt, kann sich innerhalb von zwölf Monaten nach dem Ablegen einmalig in die EWU-Leistungsklasse 2 einstufen lassen.
Und was sind WRA Gold und WRA Platin?
Gold und Platin funktionieren anders als die normalen Westernreitabzeichen. Hier besucht man nicht einfach einen Lehrgang, übt fleißig und legt anschließend eine Prüfung ab.
Diese Auszeichnungen werden aufgrund herausragender Turniererfolge vergeben. Das WRA Platin bildet inzwischen die höchste Stufe des EWU-Abzeichensystems und setzt entsprechend außergewöhnliche sportliche Erfolge voraus.
Damit befinden wir uns endgültig weit entfernt von „Ich würde gern einmal ausprobieren, wie Trail funktioniert“.
Brauche ich ein Westernreitabzeichen, um auf einem Westernturnier zu starten?
Nein, grundsätzlich nicht.
Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Antworten für Einsteiger. Bei der EWU ist die Leistungsklasse 5 ausdrücklich als Einstieg in den Turniersport vorgesehen. Teilnehmer der LK 5 müssen nicht einmal Mitglied der EWU sein und auch das Pferd muss noch nicht als EWU-Turnierpferd registriert sein. Reiter und Pferd müssen allerdings für die Turnierteilnahme im Meldesystem erfasst werden.
Man kann also Turnierluft schnuppern, ohne vorher eine komplette Sammlung von Westernreitabzeichen an die Stallwand genagelt zu haben.
Die EWU unterscheidet fünf Leistungsklassen. LK 5 bildet den Einstieg, anschließend führt der sportliche Weg über LK 4 und LK 3 bis zu LK 2 und LK 1. Aufstiege erfolgen grundsätzlich über entsprechende Turniererfolge beziehungsweise Leistungspunkte, wobei bestimmte höhere Westernreitabzeichen eine direkte Einstufung ermöglichen können.
Auch bei den Turnierkategorien gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. E- beziehungsweise D-Turniere, teilweise als „Play Days“ bezeichnet, richten sich besonders an Einsteiger der LK 5 und 4. Auf C-Turnieren werden alle Leistungsklassen angeboten, B-Turniere sind Landesmeisterschaften und A/Q-Turniere können der Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft dienen.
Welches Westernreitabzeichen ist für Anfänger sinnvoll?
Wer gerade erst mit dem Westernreiten beginnt, muss keineswegs bei WRA 10 anfangen und anschließend brav jedes Abzeichen bis WRA 2 durcharbeiten. Genau das ist bei den unteren Abzeichen auch gar nicht vorgesehen, denn WRA 10 bis 6 dürfen in beliebiger Reihenfolge abgelegt werden.
Wer noch wenig Erfahrung im Umgang mit Pferden besitzt, ist mit WRA 10 und 9 gut aufgehoben. Wer dagegen seit Jahren Pferde hält, sicher reitet und lediglich neu ins Westernreiten einsteigt, dürfte sich eher für WRA 8, 7 oder 6 interessieren.
Und wer gezielt in die weiterführende Ausbildung beziehungsweise den leistungsorientierten Westernsport möchte, für den werden WRA 5, WRA 4, WRA 3 und schließlich WRA 2 interessant.
Westernreitabzeichen im schnellen Überblick
Abzeichen
Schwerpunkt
Einordnung
WRA 10
Umgang & Bodenarbeit
Einstieg
WRA 9
Trail an der Hand
Einstieg
WRA 8
Western Horsemanship
gerittener Einstieg
WRA 7
Trail
gerittener Einstieg
WRA 6
Ranch Riding/Ranch Trail
gerittener Einstieg
WRA 5
Gelände
Leistungsabzeichen
WRA 4
Horsemanship & Trail
Leistungsabzeichen
WRA 3
Trail, Horsemanship & Gelände
fortgeschritten; Einstufung LK 3 möglich
WRA 2
gehobener Westernsport
Einstufung LK 2 möglich
Gold/Platin
Turniererfolge
besondere Auszeichnung
Sind Westernreitabzeichen also überhaupt sinnvoll?
Ja, aber nicht unbedingt aus dem Grund, den viele zunächst vermuten. Ein Reitabzeichen macht niemanden automatisch zu einem guten Reiter und ein hervorragender Westernreiter wird nicht plötzlich schlechter, nur weil ihm irgendein Metallabzeichen im Schrank fehlt.
Der eigentliche Wert liegt in der systematischen Ausbildung. Für ein Abzeichen muss man sich mit Dingen beschäftigen, die im normalen Reitalltag gerne einmal unter den Tisch fallen: Sitz und Einwirkung, Ausrüstung, Pferdehaltung, Gesundheit, Tierschutz, Sicherheit, Regelkunde und je nach Stufe Trail, Horsemanship, Ranch Riding oder Geländereiten.
Gerade deshalb können die unteren Westernreitabzeichen auch für reine Freizeitreiter sinnvoll sein. Man bekommt ein konkretes Ausbildungsziel, arbeitet einige Tage intensiv an bestimmten Themen und erhält anschließend eine unabhängige Rückmeldung darüber, wo man reiterlich tatsächlich steht.
Wer dagegen ausschließlich ein WRA machen möchte, weil er glaubt, ohne Abzeichen niemals auf einem Westernturnier starten zu dürfen, kann sich den Prüfungstermin zunächst sparen: Für den Einstieg in die EWU-Leistungsklasse 5 ist kein Westernreitabzeichen vorgeschrieben.
Das Westernreitabzeichen ist also weniger ein Führerschein fürs Westernpferd als ein Ausbildungssystem mit verschiedenen Ausfahrten: Man kann ein paar Grundlagenabzeichen mitnehmen, sich gezielt in Trail, Horsemanship oder Ranch Riding weiterbilden oder den Weg bis in die höheren Leistungsabzeichen verfolgen. Und spätestens beim WRA 3 und WRA 2 bekommt die Sache auch für ambitionierte Turnierreiter einen ganz handfesten Nutzen.

Hinterlasse einen Kommentar