Was mögen Pferde nicht?
Wenn man Pferde fragt, was sie nicht mögen, bekommt man leider keine sauber nummerierte Liste zurück. Man bekommt eher ein angelegtes Ohr, einen Schritt zur Seite, einen festen Hals, einen Blick Richtung Ausgang oder gelegentlich die sehr deutliche Mitteilung, dass der Mensch mit seiner aktuellen Idee gern alleine weitermachen darf.
Trotzdem lässt sich die Frage „Was mögen Pferde nicht?“ erstaunlich gut beantworten, wenn man sie nicht als Sammlung kleiner Abneigungen versteht, sondern aus Sicht des Pferdes betrachtet.
Denn Pferde mögen vor allem Dinge nicht, die Angst, Schmerz, Kontrollverlust, soziale Unsicherheit oder die Einschränkung grundlegender Bedürfnisse verursachen. Genau darin liegt auch der Unterschied zwischen einem Pferd, das einen bestimmten Gegenstand zufällig nicht leiden kann, und Bedingungen, die Pferde grundsätzlich belasten können.
Die wissenschaftliche Literatur ist dabei ziemlich eindeutig: Sozialkontakt zu anderen Pferden, freie Bewegung und Zugang zu Raufutter gehören zu den grundlegenden Bedürfnissen des Pferdes. Werden mehrere davon eingeschränkt, treten häufiger Stressreaktionen, stereotype Verhaltensweisen und andere Hinweise auf beeinträchtigtes Wohlbefinden auf. (PubMed Central (PMC))
Kurz gesagt:
Pferde mögen vieles nicht, was für Menschen im Stall erstaunlich praktisch ist.
Und damit beginnt unser Problem.
1. Pferde mögen keine soziale Isolation
Wenn ein Mensch nach einem anstrengenden Tag sagt: „Ich möchte jetzt einfach mal meine Ruhe haben“, kann das ausgesprochen angenehm sein.
Beim Pferd ist dauerhafte Ruhe vor Artgenossen dagegen kein Wellnessprogramm.
Pferde sind hochsoziale Tiere. Sie leben natürlicherweise in Gruppen, bilden Beziehungen, suchen bestimmte Partner bevorzugt auf, pflegen sich gegenseitig und orientieren sich aneinander.
Entsprechend deutlich können sie auf soziale Isolation reagieren. Fehlender Kontakt zu Artgenossen gilt als bedeutender Stressfaktor und wurde mit erhöhten Stressparametern sowie Verhaltensweisen wie Weben, Koppen oder Boxenlaufen in Verbindung gebracht. (PubMed Central (PMC))
Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd rund um die Uhr mitten in einer zwanzigköpfigen Herde stehen muss.
Aber ein Pferd dauerhaft so zu halten, dass es keinen angemessenen Kontakt zu Artgenossen hat, widerspricht einem seiner zentralen sozialen Bedürfnisse.
Interessanterweise scheint selbst eingeschränkter Kontakt wertvoll zu sein. Pferde zeigen eine hohe Motivation, wenigstens Sicht-, Kopf- oder Nasenkontakt zu anderen Pferden herstellen zu können. (PubMed Central (PMC))
Ein Mensch ersetzt diesen Kontakt übrigens nicht vollständig.
Auch dann nicht, wenn er sein Pferd wirklich sehr liebt und ihm dreimal am Tag erzählt, dass es das Beste auf der ganzen Welt ist.
2. Pferde mögen es nicht, dauerhaft eingesperrt zu sein
Pferde sind Bewegungstiere.
Das klingt zunächst nach einer jener Aussagen, bei denen man denkt: Nun ja, ein Tier mit vier langen Beinen dürfte gelegentlich die Absicht haben, sie zu benutzen.
Tatsächlich gehört freie Bewegung jedoch zu den grundlegenden Bedürfnissen des Pferdes. In einer Literaturauswertung über 38 Studien gehörte die Einschränkung von Bewegung neben mangelndem Sozialkontakt und eingeschränktem Raufutterzugang zu den Faktoren, die mit negativen Verhaltens- und Stressreaktionen verbunden waren. (PubMed Central (PMC))
Dabei ist „Bewegung“ nicht dasselbe wie eine Stunde Training.
Ein Pferd, das 23 Stunden in der Box steht und anschließend 60 Minuten geritten wird, durfte zwar arbeiten, aber noch lange nicht ausreichend selbstbestimmt seinen natürlichen Bewegungsbedarf ausleben.
Pferde bewegen sich freiwillig aus vielen Gründen:
Sie gehen zum Futter.
Zum Wasser.
Zu anderen Pferden.
Zum Ruheplatz.
Zum Schatten.
Und manchmal gehen sie offenbar auch einfach irgendwohin, weil dort ein anderes Pferd hingegangen ist und man keinesfalls riskieren möchte, eine wichtige Pferdebesprechung zu verpassen.
Freie Bewegung bedeutet deshalb nicht lediglich Sport, sondern Wahlmöglichkeiten.
3. Pferde mögen lange Fresspausen nicht
Hier wird aus „nicht mögen“ ziemlich schnell „nicht gut vertragen“.
Das Verdauungssystem des Pferdes ist darauf ausgelegt, über lange Teile des Tages kleine Mengen rohfaserreicher Nahrung aufzunehmen. Entsprechend gehört der Zugang zu Raufutter wie Gras, Heu oder geeigneten rohfaserreichen Futtermitteln zu den zentralen Grundbedürfnissen des Pferdes. (PubMed Central (PMC))
Sehr lange Fresspausen sind deshalb nicht einfach langweilig.
Sie können sowohl Verhalten als auch Gesundheit beeinträchtigen.
Ein Pferd versteht unseren menschlichen Speiseplan schließlich nicht. Es denkt nicht:
Das Abendessen gibt es um 18 Uhr, ich könnte bis dahin schon einmal ein Sudoku machen.
Fressen ist für Pferde Beschäftigung, Verdauungsnotwendigkeit und ein großer Teil ihres natürlichen Tagesablaufs gleichzeitig.
Wer Pferde hält, sollte deshalb nicht nur fragen:
Wie viel bekommt mein Pferd?
Sondern auch:
Wie lange steht es ohne etwas Fressbares da?
4. Pferde mögen Angst nicht
Pferde sind Fluchttiere. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie besonders gern Angst haben.
Im Gegenteil.
Fluchtverhalten existiert gerade deshalb, weil Angst beziehungsweise die Wahrnehmung einer möglichen Gefahr ein biologisch ausgesprochen ernstzunehmender Zustand ist.
Neue Gegenstände, unbekannte Geräusche, plötzlich auftauchende Bewegungen oder ungewohnte Situationen können deshalb eine starke Reaktion hervorrufen.
Und genau hier entsteht im Umgang mit Pferden häufig ein Missverständnis.
Das Pferd sieht die flatternde Plane.
Das Pferd bleibt stehen.
Der Mensch denkt:
„Da ist doch gar nichts.“
Das Pferd denkt sinngemäß:
„Das werden wir vermutlich in ungefähr zwölf Sekunden wissen.“
Aus Sicht des Pferdes ist Vorsicht keine Charakterschwäche, sondern eine ziemlich erfolgreiche Überlebensstrategie.
Forschung zu Angst und Training zeigt deshalb auch, dass Pferde durch angemessene Gewöhnung lernen können, mit neuen Situationen besser umzugehen. Werden sie dagegen Situationen ausgesetzt, die starke Angst hervorrufen und mit aggressiven Trainingsmethoden kombiniert werden, kann das negative Auswirkungen auf Wohlbefinden und Mensch-Pferd-Beziehung haben. (PubMed Central (PMC))
5. Pferde mögen keinen unvorhersehbaren Druck
Pferdetraining arbeitet sehr häufig mit Druck.
Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch automatisch problematisch. Ein Schenkeldruck, ein Zug am Strick oder ein Zügelkontakt können Signale sein, auf die ein Pferd durch Lernen reagieren kann.
Problematisch wird es, wenn Druck unverständlich, widersprüchlich, dauerhaft oder nicht kontrollierbar wird.
Denn Lernen funktioniert nur dann sauber, wenn das Pferd erkennen kann:
Welches Verhalten führte dazu, dass der Druck verschwand?
Wenn der Druck hingegen unabhängig von seiner Reaktion bestehen bleibt oder vollkommen unvorhersehbar eingesetzt wird, entsteht keine klare Lerninformation.
Dann entsteht möglicherweise nur Stress.
Eine große Übersichtsarbeit über Mensch-Pferd-Interaktionen zeigt, dass unangemessener Umgang und negative Erfahrungen mit Menschen mit stärkerer Angst, Vermeidung und aggressivem Verhalten verbunden sein können. (PubMed Central (PMC))
Das Pferd lernt also immer.
Die unangenehme Nachricht für uns lautet:
Es lernt nicht unbedingt das, was wir ihm beibringen wollten.
6. Pferde mögen Strafe für Angst nicht
Ein Pferd erschrickt.
Der Mensch wird ärgerlich.
Das Pferd bekommt zusätzlichen Druck.
Damit haben wir aus einem gruseligen Gegenstand nun möglicherweise einen gruseligen Gegenstand plus einen gruseligen Menschen gemacht.
Eine bemerkenswert effiziente Methode, ein kleines Problem etwas größer zu gestalten.
Wissenschaftliche Übersichten zur Pferdehaltung und tierärztlichen Behandlung weisen ausdrücklich darauf hin, dass Bestrafung bei Angstreaktionen problematisch ist. Sie kann das Wohlbefinden beeinträchtigen und Flucht- oder Abwehrverhalten verstärken. (PubMed Central (PMC))
Das bedeutet nicht, dass ein Mensch gefährliches Verhalten einfach akzeptieren muss.
Natürlich braucht ein Pferd Grenzen und verständliche Regeln.
Aber Angst ist zunächst eine Emotion und keine Ungezogenheit.
Das sollte man unterscheiden können.
7. Pferde mögen Schmerz nicht, auch wenn sie ihn manchmal erstaunlich schlecht zeigen
Das klingt selbstverständlich.
Das Problem ist nur, dass Menschen Schmerzen beim Pferd häufig später erkennen, als sie glauben.
Pferde gehören zu den Beutetieren und können Schmerzen relativ subtil zeigen. Untersuchungen haben charakteristische Veränderungen des Gesichtsausdrucks beschrieben, darunter Veränderungen an Ohren, Augen, Nüstern, Lippen und Gesichtsmuskulatur. (PubMed Central (PMC))
Andere Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass Schmerzen und Unwohlsein beim Pferd von Menschen durchaus unterschätzt werden können. (PubMed Central (PMC))
Das ist besonders wichtig, wenn ein Pferd plötzlich etwas „nicht mehr mag“, das vorher problemlos funktioniert hat.
Plötzlich nicht mehr satteln lassen.
Nicht mehr angallopieren wollen.
Beim Putzen ausweichen.
Beim Aufsteigen weggehen.
Den Kopf beim Trensen hochreißen.
Beim Gurten schnappen.
Natürlich kann Verhalten gelernt sein.
Aber eine plötzliche Verhaltensänderung verdient immer zunächst die Frage:
Tut dem Pferd etwas weh?
Nicht:
Wie setze ich mich jetzt besser durch?
8. Pferde mögen schlecht sitzende oder schmerzhafte Ausrüstung nicht
Ein Sattel, Zaumzeug oder Gebiss besitzt für ein Pferd keinen besonderen kulturellen Wert.
Es weiß nicht, dass der Sattel 3.400 Euro gekostet hat.
Es weiß lediglich, wie sich das Ding anfühlt.
Ausrüstung kann Druck auf empfindliche Strukturen ausüben, und schlecht angepasste oder übermäßig enge Ausrüstung kann das Wohlbefinden beeinträchtigen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zum gerittenen Pferd nennt unter anderem Ausrüstung und bestimmte Reitweisen als mögliche Risikofaktoren für Schmerzen, Stress und biomechanische Probleme. (ScienceDirect)
Auch im Maul können gebissbedingte Verletzungen und Schmerzen entstehen. Die Forschung beschreibt dabei Verhaltensänderungen an Maul, Kopf, Hals und Gesicht, die mit oralen Schmerzen zusammenhängen können. (PubMed Central (PMC))
Darum ist ein Pferd, das gegen die Hand geht, das Maul aufsperrt oder den Kopf schlägt, nicht automatisch frech.
Das Verhalten erzählt zunächst nur:
Hier stimmt etwas für dieses Pferd gerade nicht.
Die Ursache muss man herausfinden.
9. Pferde mögen es nicht, wenn ihre Signale ständig ignoriert werden
Pferde beginnen Kommunikation häufig ziemlich leise.
Ein Muskel spannt sich an.
Der Kopf hebt sich.
Das Pferd dreht den Kopf weg.
Die Ohren verändern ihre Stellung.
Der Schweif bewegt sich.
Der Blick wird fester.
Es weicht aus.
Und wenn all diese Signale regelmäßig keinerlei Wirkung haben, muss das Pferd möglicherweise deutlicher werden.
Dann kommt plötzlich:
Schnappen.
Treten.
Steigen.
Losreißen.
Und der Mensch sagt:
„Das kam völlig aus dem Nichts.“
Sehr häufig kam es nicht aus dem Nichts.
Wir haben nur den Anfang der Unterhaltung verpasst.
Gerade Stress, Angst und Schmerzen werden von Pferdehaltern nicht immer zuverlässig erkannt. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu möglichst angstarmen tierärztlichen Maßnahmen beschreibt ausdrücklich, dass Anzeichen negativer emotionaler Zustände von Menschen häufig schlecht erkannt werden. (PubMed Central (PMC))
Ein wirklich guter Pferdemensch zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass sein Pferd niemals Nein sagt.
Sondern dadurch, dass er das erste leise Nein überhaupt bemerkt.
10. Pferde mögen keine dauernde Unruhe in ihrer sozialen Gruppe
Pferde brauchen nicht einfach irgendwelche Pferde.
Sie bilden Beziehungen.
Und deshalb ist eine Herde, deren Mitglieder ständig ausgetauscht werden, sozial etwas völlig anderes als eine stabile Gruppe.
Häufig wechselnde Gruppenzusammensetzungen können die Möglichkeit einschränken, stabile Beziehungen und Rangverhältnisse aufzubauen, und wurden mit mehr aggressiven sozialen Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht. (PubMed Central (PMC))
Ein gelegentlicher Pferdewechsel ist im echten Stallleben natürlich nicht vermeidbar.
Aber eine einigermaßen stabile soziale Umgebung hat für Pferde einen Wert, den Menschen gern unterschätzen.
Wir sehen fünf Pferde auf einer Koppel.
Das Pferd sieht möglicherweise:
seinen besten Freund,
den nervigen Nachbarn,
das Pferd, dem man besser aus dem Weg geht,
und den Kollegen, mit dem man immer gemeinsam am Tor herumsteht und auf Dinge wartet, die nie passieren.
Soziale Beziehungen sind individueller, als eine bloße Herdenzählung vermuten lässt.
11. Pferde mögen keinen Schlafplatz, auf dem sie sich nicht sicher fühlen
Pferde können im Stehen dösen und bestimmte Schlafstadien erreichen.
Für vollständigen REM-Schlaf müssen sie sich jedoch hinlegen.
Und genau das tun Pferde nur, wenn sie sich ausreichend sicher und körperlich dazu in der Lage fühlen.
Eine wissenschaftliche Übersicht beschreibt Schlaf deshalb inzwischen ausdrücklich als relevantes Thema des Pferdewohls. (PubMed Central (PMC))
Bei erwachsenen Pferden können bereits relativ kurze Liegezeiten wichtig sein, um ausreichend REM-Schlaf zu erreichen. Fehlt die Möglichkeit dazu dauerhaft, kann Schlafmangel entstehen. (PubMed Central (PMC))
Dabei können nicht nur Unsicherheit und soziale Probleme eine Rolle spielen. Auch ungeeignete Liegeflächen wurden mit Schlafproblemen in Verbindung gebracht. (PubMed Central (PMC))
Das Pferd braucht also nicht nur irgendeine Ecke, in die theoretisch ein Pferdekörper hineinpasst.
Es braucht einen Ort, an dem es sich tatsächlich hinlegen möchte.
12. Pferde mögen Hunger, Durst, Hitze und schlechten Transport ebenfalls nicht
Beim Transport kommen mehrere Dinge zusammen, die Pferde als belastend erleben können.
Eine umfangreiche wissenschaftliche Bewertung zum Pferdetransport nennt unter anderem:
Stress durch Handling,
Hitze,
Verletzungen,
Isolation und Trennung,
Bewegungseinschränkung,
Hunger,
Durst,
Probleme beim Ruhen
und sensorische Überforderung. (PubMed Central (PMC))
Das erklärt auch, warum manche Pferde einen Anhänger nicht grundsätzlich „hassen“.
Sie haben möglicherweise gelernt, dass Anhängerfahren mit einer Reihe unangenehmer Erfahrungen verbunden ist.
Ein Pferd, das nicht einsteigen möchte, denkt deshalb nicht:
Heute möchte ich mal schauen, ob Daniela wirklich einen Termin hat.
Möglicherweise erwartet es schlicht etwas Unangenehmes.
13. Welche Gerüche mögen Pferde nicht?
Diese Frage wird bei Google erstaunlich häufig direkt an die größere Frage angehängt.
Und hier wird im Internet gern wild behauptet.
Knoblauch.
Essig.
Rauch.
Blut.
Zitrone.
Raubtiergeruch.
Parfüm.
Und vermutlich irgendwo auch der Duft einer Steuererklärung.
Die wissenschaftliche Datenlage dazu ist wesentlich dünner als solche Listen vermuten lassen.
Pferde besitzen selbstverständlich einen gut entwickelten Geruchssinn und nutzen Gerüche zur Wahrnehmung ihrer Umwelt. Daraus folgt aber nicht, dass es eine verlässliche allgemeingültige Liste von fünf oder zehn Gerüchen gibt, die alle Pferde hassen.
Geruchsvorlieben können außerdem individuell und durch Erfahrungen geprägt sein.
Ein Pferd kann deshalb einen bestimmten Geruch meiden, ohne dass daraus ein allgemeines Naturgesetz für Equiden wird.
Bei Rauch oder aggressiven chemischen Dämpfen kommt zudem nicht nur eine mögliche Geruchsabneigung ins Spiel, sondern schlicht eine Reizung der Atemwege.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
14. Mögen Pferde laute Geräusche nicht?
Auch das lässt sich nicht pauschal beantworten.
Pferde können sich an Geräusche gewöhnen.
Ein Polizeipferd kann in einer Umgebung ruhig bleiben, bei der ein unerfahrenes Freizeitpferd längst die Postleitzahl gewechselt hätte.
Das zeigt:
Nicht nur die Lautstärke entscheidet, sondern Vorhersagbarkeit, Erfahrung und Gewöhnung.
Ein plötzlich auftretendes, unbekanntes Geräusch kann wesentlich stärker erschrecken als ein dauerhaftes Geräusch, das ein Pferd gut kennt.
Deshalb ist die Aussage „Pferde mögen keinen Lärm“ etwas zu simpel.
Sie mögen vor allem plötzliche, unvorhersehbare und möglicherweise bedrohliche Reize nicht besonders gern.
Und darin unterscheiden sie sich eigentlich gar nicht so sehr von uns.
Nur dass wir bei einer umfallenden Mülltonne meistens nicht sofort einen 600-Kilo-Körper in Galopp versetzen können.
15. Pferde mögen nicht überall angefasst werden
Auch Pferde haben individuelle Vorlieben bei Berührungen.
Viele genießen Kratzen oder Kraulen an bestimmten Bereichen, beispielsweise am Widerrist oder Hals. Andere mögen Berührungen an Kopf, Ohren, Bauch oder Beinen weniger gern.
Das kann Persönlichkeit sein.
Es kann Gewöhnung sein.
Es kann schlechte Erfahrung sein.
Und es kann Schmerz sein.
Deshalb ist ein Pferd, das beispielsweise plötzlich beim Putzen einer bestimmten Körperstelle ausweicht, nicht einfach „kitzelig“, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Gerade eine neue oder deutlich veränderte Berührungsempfindlichkeit sollte Anlass sein, genauer hinzusehen.
Was Pferde wirklich nicht mögen
Wenn man all diese Punkte zusammennimmt, entsteht keine kuriose Liste aus Blauspray, Spritzen, Regenschirmen und flatternden Plastiktüten.
Es entsteht etwas viel Grundsätzlicheres.
Pferde mögen Situationen nicht, in denen sie über längere Zeit Angst, Schmerz, Hunger, soziale Isolation oder Kontrollverlust erleben.
Sie brauchen ausreichend Raufutter, Bewegung, Ruhe, Schlaf und Kontakt zu anderen Pferden. Genau diese Bereiche tauchen in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder als entscheidend für Pferdewohl auf. (PubMed Central (PMC))
Und daneben besitzt jedes Pferd natürlich seine ganz persönliche Sammlung kleiner Abneigungen.
Der eine hasst Wasser am Kopf.
Der nächste findet Schermaschinen empörend.
Einer möchte bitte keinesfalls an den Ohren angefasst werden.
Und irgendwo steht garantiert ein Pferd, das seit zwölf Jahren vollkommen gelassen durch Straßenverkehr, Turnierplätze und Gewitter läuft, aber eines Morgens vor einem leicht anders abgestellten Schubkarren steht und zu dem endgültigen Schluss kommt:
Heute endet es hier.
Das macht Pferde nicht irrational.
Es erinnert uns nur daran, dass wir ihre Welt immer aus der Perspektive eines Menschen betrachten, während sie dieselbe Situation mit der Wahrnehmung, Erfahrung und Biologie eines Pferdes beurteilen.
Und genau deshalb ist die bessere Frage manchmal gar nicht:
„Warum mag mein Pferd das nicht?“
Sondern:
„Was erlebt mein Pferd gerade, das ich noch nicht verstanden habe?“
Hier noch mehr zum Pferdeverhalten

Hinterlasse einen Kommentar