Wenn Pferdeträume zerplatzen

Das C&A-Palomino: Wie ein buntes Pferd eine ganze Generation über Pferdefarben täuschte

Es gibt Dinge aus der Kindheit, die verschwinden irgendwann aus dem Alltag und bleiben trotzdem erstaunlich deutlich im Gedächtnis. Man erinnert sich an den Geruch im Freibad, an bestimmte Süßigkeiten, an die erste eigene Kassette – und wenn man in den 1970er- oder 1980er-Jahren ein pferdeverrücktes Kind war, vielleicht auch an ein ziemlich merkwürdig gefärbtes Pferd, das bei C&A stand.

Ich jedenfalls erinnere mich sehr genau daran.

Dieses Pferd war für mich der eigentliche Grund, warum sich ein Besuch bei C&A lohnte. Dass meine Mutter dort nebenbei Hosen, Pullover oder andere aus Erwachsenensicht offenbar dringend benötigte Dinge kaufen wollte, musste ich eben hinnehmen. Für mich begann der interessante Teil des Einkaufs erst dort, wo das elektrische Palomino-Pferd stand.

Dafür wurde sogar Taschengeld gespart. Andere Kinder investierten ihres möglicherweise in Süßigkeiten oder Spielzeug, während ich schon frühzeitig einen erheblichen Teil meines verfügbaren Kapitals in Pferde steckte. Rückblickend betrachtet war das vermutlich sogar die finanziell vernünftigste Phase meines gesamten Pferdelebens, denn später wurden Pferde bekanntlich erheblich teurer.

Das wichtigste Pferd meiner Kindheit stand bei C&A

Wer dieses Pferd noch erlebt hat, wird sich vermutlich sofort erinnern. Es handelte sich um einen großen elektrischen Reitautomaten mit Westernsattel, auf den man sich setzen durfte, nachdem man eine Münze eingeworfen hatte. Anschließend bewegte sich das Pferd eine Weile, ohne seinen Standort auch nur um einen Zentimeter zu verändern.

Für ein pferdeverrücktes Kind war dieser technische Mangel vollkommen unerheblich. In meiner Vorstellung stand ich schließlich nicht mitten in einem Kaufhaus, sondern ritt wahrscheinlich irgendwo durch Wyoming, und der Westernsattel lieferte dafür mehr als genug Beweismaterial.

C&A führte seine Kinderbekleidungsmarke Palomino bereits 1972 ein. Zu dem Konzept gehörte das auffällige Pferd als Maskottchen, das nicht nur auf Kleidungsstücken auftauchte, sondern in Form großer elektrischer Reitautomaten in zahlreichen Filialen stand. Erhaltene Exemplare zeigen, dass diese Pferde durchaus imposante Ausmaße hatten. Ein Automat konnte ungefähr 1,80 Meter lang und einen Meter hoch sein und rund 150 Kilogramm wiegen. Es gab unterschiedliche Ausführungen, und eine Fahrt dauerte ungefähr 45 bis 60 Sekunden.

Eine knappe Minute Pferdeglück war damals offenbar zu einem Preis erhältlich, den man noch mit Taschengeld finanzieren konnte.

Vor allem aber gab es für mich als Kind keinerlei Anlass, an der Bezeichnung dieses Pferdes zu zweifeln. Die Kinderkleidung hieß Palomino, das Pferd gehörte zu Palomino und folglich war dieses Pferd selbstverständlich ebenfalls ein Palomino. C&A war schließlich ein großes Unternehmen, und große Unternehmen würden doch wohl wissen, wie ein Palomino aussieht.

Zumindest könnte man das meinen.

Liebe ehemalige C&A-Marketingabteilung: Wir müssen reden

Da saßen vermutlich mehrere Menschen um einen Tisch und entwickelten eine neue Kinderbekleidungsmarke. Irgendjemand schlug den Namen Palomino vor, und das war zunächst einmal gar keine schlechte Idee. Der Name klang nach Pferden, Abenteuer, Western und Freiheit und eignete sich damit hervorragend für eine Kindermarke.

Irgendwann wird auch das pferdeverrückteste Kind erwachsen, lernt etwas über Pferderassen und Fellfarben und beschäftigt sich vielleicht sogar mit Farbgenetik. Bei mir führte dieser Bildungsprozess allerdings irgendwann zu einer Erkenntnis, die rückblickend einen erheblichen Teil meiner Kindheit infrage stellte:

Das C&A-Palomino war überhaupt kein Palomino.

Nicht einmal mit sehr viel Fantasie hätte man aus diesem Pferd einen machen können. Ein echter Palomino besitzt eine durch das Cream-Gen aufgehellte Fuchsgrundfarbe und zeigt deshalb typischerweise einen goldenen bis cremefarbenen Körper mit deutlich hellerem Langhaar. Das Pferd meiner Kindheit besaß dagegen einen schwarzen Körper, auf dem sich große rote, grüne, blaue und weiße Flächen verteilten.

Wenn man unbedingt einen Begriff aus der Pferdewelt dafür finden wollte, lag ein Pinto zumindest optisch erheblich näher als ein Palomino. Ganz korrekt wäre allerdings auch das nicht gewesen, denn rote, grüne und blaue Flecken gehören selbst bei Pintos eher nicht zum üblichen Farbspektrum.

Im Grunde sah das C&A-Pferd aus, als hätte man einen schwarzen Pinto zusammen mit einem gut gefüllten Malkasten unbeaufsichtigt gelassen.

Hat bei C&A eigentlich niemand Pferde gekannt?

Je länger man darüber nachdenkt, desto lustiger wird die Vorstellung von der Besprechung, in der dieses Pferd irgendwann Anfang der 1970er-Jahre entstanden sein muss.

Anschließend musste natürlich ein passendes Maskottchen her.

Und irgendwo zwischen dieser Entscheidung und dem fertigen Produkt entstand dann ein schwarzes Pferd mit roten, grünen, blauen und weißen Flecken.

Offenbar erhob in diesem gesamten Entwicklungsprozess niemand ernsthaft Einspruch. Zumindest wurde das Pferd am Ende genauso produziert und in die Filialen gestellt.

Ich stelle mir gern vor, dass es vielleicht doch einen Pferdemenschen in dieser Besprechung gab, der irgendwann vorsichtig die Hand hob und darauf hinwies, dass ein Palomino eigentlich goldfarben sein müsste. Wahrscheinlich schaute ihn daraufhin jemand aus der Marketingabteilung freundlich an und erklärte ihm, dass Gold leider nicht ins Farbkonzept passe.

Ob diese Besprechung jemals stattgefunden hat, wissen wir natürlich nicht. Sicher ist nur, dass C&A 1972 offenbar eine ausgezeichnete Marketingidee hatte und ein Mitarbeiter mit Kenntnissen in Pferdefarbgenetik dem Projekt zusätzlich nicht geschadet hätte.

Das Verrückteste daran: Die bunten Flecken waren vollkommen beabsichtigt

Man könnte C&A nun zugutehalten, dass vielleicht bei der Produktion irgendetwas schiefgelaufen war. Möglicherweise hatte jemand die falschen Farbtöpfe geliefert, und am Ende stand da eben dieses merkwürdige Tier.

So war es aber nicht.

Die Farben waren Bestandteil eines durchdachten Marketingkonzeptes und hatten sogar jeweils eine eigene Bedeutung. Rot sollte für Abenteuerlust und Erlebnishunger stehen, Blau symbolisierte robuste Qualität und Waschbarkeit, während Grün für günstige Preise stand.

Das Pferd war also keineswegs versehentlich bunt geworden. C&A wusste sehr genau, warum es rote, blaue und grüne Flecken hatte; lediglich die Frage, weshalb ein Pferd namens Palomino eigentlich goldfarben sein sollte, scheint bei der Entwicklung eine eher untergeordnete Rolle gespielt zu haben.

Aus Marketingsicht war das Konzept offensichtlich hervorragend. Aus Sicht der Pferdefarbgenetik bestand dagegen noch ein wenig Optimierungspotenzial.

Und wir Kinder hatten keine Chance

Heute wäre die Sache vermutlich innerhalb von drei Minuten aufgeflogen. Ein Kind würde das Smartphone seiner Eltern nehmen, nach „Palomino Pferd“ suchen und feststellen, dass die Bilder im Internet verdächtig wenig Ähnlichkeit mit dem schwarzen, bunt gefleckten Tier vor ihm haben.

Diese Möglichkeit hatten wir nicht.

Es gab kein Smartphone, kein Google und keine schnelle Bildersuche. Dafür gab es C&A, und wenn ein großes Kaufhaus eine Kinderbekleidungsmarke Palomino nannte und ein riesiges Pferd dazu aufstellte, bestand für ein sechsjähriges Kind keinerlei vernünftiger Anlass, an dieser Information zu zweifeln.

Also saßen wir auf dem schwarz-rot-grün-blau-weißen Tier, warfen unser mühsam gespartes Taschengeld in den Automaten und lernten ganz nebenbei eine vollkommen falsche Lektion über Pferdefarben.

C&A sagte Palomino, also war das ein Palomino. Damit war die Angelegenheit für uns erledigt.

Offenbar hat C&A eine ganze Generation von Pferdekindern erwischt

Besonders schön finde ich heute, wie viele Erwachsene sich noch an dieses Pferd erinnern. Sobald irgendwo ein altes Bild davon auftaucht, werden Menschen, die inzwischen längst eigene Kinder oder sogar Enkel haben, innerhalb weniger Sekunden wieder fünf Jahre alt.

Dann kommen die Erinnerungen zurück: Bei uns stand das auch. Meine Oma hat mir immer Geld dafür gegeben. Ich durfte nach dem Einkaufen darauf reiten. Ich habe dieses Pferd geliebt.

Genau diese Reaktion habe ich selbst erlebt, als ich früher schon einmal über das Palomino-Pferd geschrieben hatte. Plötzlich meldeten sich zahlreiche Leserinnen, die praktisch dieselbe Geschichte erzählten.

Offenbar bestand ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Kindheit in den 70er- und 80er-Jahren aus Erwachsenen, die bei C&A Kleidung kaufen wollten, und Kindern, denen diese Kleidung vollkommen egal war, solange am Ende noch genügend Kleingeld für das Pferd übrig blieb.

Vielleicht war genau das die eigentliche Genialität der Marketingabteilung. Die Eltern kamen wegen der Kleidung, während die Kinder freiwillig mitkamen, weil irgendwo zwischen Hosen und Pullovern ein Pferd auf sie wartete.

Für mich war C&A jedenfalls kein Bekleidungsgeschäft

Welche Kleidungsstücke ich damals bei C&A bekommen habe, weiß ich heute nicht mehr. Vermutlich waren es Hosen, Pullover und andere praktische Sachen, die meine Mutter wesentlich interessanter fand als ich.

An das Pferd erinnere ich mich dagegen bis heute.

Ich erinnere mich an den Westernsattel, an die Münzen und an das Gefühl, endlich oben zu sitzen. Und ich weiß noch, wie wichtig dieses Pferd für mich war, obwohl es objektiv betrachtet nichts anderes tat, als ungefähr eine Minute lang an derselben Stelle herumzuwackeln.

Vielleicht hat dieses vollkommen falsch benannte und vollkommen falsch gefärbte Automatenpferd sogar einen kleinen Anteil daran, dass Pferde später einen so großen Platz in meinem Leben eingenommen haben.

Falls das stimmt, müsste ich C&A eigentlich dankbar sein.

Ein korrekt beschrifteter Pinto hätte es allerdings auch getan.

Und irgendwann war mein Pferd weg

Dann kam der Tag, an dem das Palomino-Pferd verschwand.

Als Erwachsener könnte man das heute sachlich erklären. Einzelhandelskonzepte verändern sich, Filialen werden modernisiert, alte Automaten passen irgendwann nicht mehr in das Erscheinungsbild eines Geschäfts und werden deshalb entfernt.

Als Kind sieht man die Sache erheblich weniger differenziert.

Mein Pferd war weg.

Und ich habe darüber tatsächlich bitterlich geweint.

Damit hatte C&A für mich einen wesentlichen Teil seiner Daseinsberechtigung verloren. Warum sollte man schließlich noch freiwillig in ein Bekleidungsgeschäft gehen, wenn dort nur noch Bekleidung verkauft wurde?

Jahre später folgte der zweite Schicksalsschlag

Dass mein Pferd verschwunden war, war schlimm genug. Die zweite große Enttäuschung folgte allerdings erst wesentlich später, als ich längst wusste, wie ein echter Palomino aussieht.

Plötzlich begriff ich, dass sämtliche Ritte meiner Kindheit auf einer farbgenetischen Mogelpackung stattgefunden hatten.

All das gesparte Taschengeld, all die imaginären Ausritte durch die Prärie und all die Liebe zu meinem vermeintlichen Palomino – und die ganze Zeit hatte ich auf einem schwarzbunten Fantasiepinto gesessen.

So etwas sollte ein Unternehmen seinen ehemaligen Kunden eigentlich irgendwann offiziell mitteilen.

Ich hätte mir zumindest eine kleine Pressekonferenz vorstellen können, bei der C&A sich an die Kinder der 70er- und 80er-Jahre wendet und erklärt, dass man ihnen nach mehreren Jahrzehnten leider etwas gestehen müsse.

Das Pferd war kein Palomino.

Wir hätten es verkraftet.

Irgendwann.

War es wenigstens ein Pinto?

Wenn wir es fachlich ganz genau nehmen, kommen wir leider zum nächsten Problem, denn auch die Bezeichnung Pinto rettet C&A nicht vollständig.

Pinto bezeichnet Pferde mit einer Scheckzeichnung aus weißen und pigmentierten Fellbereichen. Ein schwarzes Pferd mit weißen Flecken könnte also durchaus in diese Richtung gehen. Bei Rot, Grün und Blau wird es genetisch allerdings schwierig.

Bis heute ist jedenfalls kein Pferdegen bekannt, das zuverlässig grüne oder leuchtend blaue Fellflächen produziert.

Damit war C&A der modernen Pferdefarbgenetik möglicherweise Jahrzehnte voraus.

Vielleicht sollten wir deshalb gar nicht länger versuchen, das Pferd in bekannte Farbsysteme einzuordnen. Es handelte sich offensichtlich um eine eigenständige Farbe, die man wissenschaftlich als schwarzbunten C&A-Pinto mit Rot-, Grün- und Blauverdünnung bezeichnen könnte.

Der Genotyp ist unbekannt und vermutlich inzwischen ausgestorben.

Und Palomino ist übrigens auch keine Pferderasse

Als wäre die Geschichte nicht schon verwirrend genug, findet man im Zusammenhang mit historischen Beschreibungen der Marke teilweise sogar die Erklärung, Palomino sei eine kleine beziehungsweise robuste Pferderasse.

Auch das stimmt nicht.

Ein Palomino ist keine eigenständige Pferderasse, sondern in erster Linie eine Farbbezeichnung. Die klassische Palominofarbe entsteht bei einem genetischen Fuchs durch eine einfache Cream-Aufhellung. Deshalb können Pferde ganz unterschiedlicher Rassen Palominos sein.

Man muss C&A allerdings zugutehalten, dass das Unternehmen Kleidung verkaufen wollte und nie behauptet hat, eine Ausbildungsstätte für Pferdegenetik zu betreiben.

Und Kleidung konnten sie offensichtlich besser.

Ich würde mich heute trotzdem sofort wieder draufsetzen

Nach all diesen Enthüllungen müsste man eigentlich beleidigt sein.

Mein geliebtes Palomino-Pferd hatte mich über seine Farbe getäuscht, mein Taschengeld verschlungen und mich trotz unzähliger Ritte niemals auch nur einen einzigen Meter durch die Prärie getragen.

Trotzdem weiß ich ziemlich genau, was passieren würde, wenn morgen irgendwo eines dieser alten C&A-Pferde vor mir stünde und der Münzautomat noch funktionieren würde.

Ich würde Geld hineinwerfen und mich draufsetzen.

Ohne zu zögern.

Ob dabei zwanzig Menschen zuschauen, wäre mir vollkommen egal, denn manche Dinge aus der Kindheit sind größer als die Würde eines erwachsenen Menschen.

Das C&A-Palomino gehört eindeutig dazu.

Danke, du vollkommen falscher Palomino

Heute weiß ich, dass ein echter Palomino goldenes Fell und helles Langhaar besitzt. Ich kenne das Cream-Gen, weiß etwas über Fuchsgrundfarben und Farbvererbung und kann deshalb mit ziemlicher Sicherheit feststellen, dass mein geliebtes C&A-Pferd weder genetisch noch optisch jemals die geringste Chance hatte, als Palomino durchzugehen.

Eigentlich war es nicht einmal ein vernünftiger Pinto.

Es war schwarz, weiß, rot, grün und blau, fraß zuverlässig mein Taschengeld, bewegte sich keinen Zentimeter vom Fleck und verschwand irgendwann einfach aus meinem Leben.

Und trotzdem war es eines der großartigsten Pferde meiner Kindheit.

Vielleicht hat dieses vollkommen falsche Palomino mich sogar ein kleines bisschen reitsüchtig gemacht.

Wenn das so ist, kann ich C&A den jahrzehntelangen Betrug in Sachen Pferdefarbgenetik am Ende doch verzeihen.

Mein Palomino war ein Pinto. Und ich hätte ihn für kein echtes goldenes Pferd der Welt eingetauscht.

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