Ursula Bruns

Ursula Bruns: Wie Dick und Dalli, der Immenhof und „Freizeit im Sattel“ das Reiten veränderten

Wer heute sein Pferd in einem Offenstall hält, mit einem Islandpferd durch den Wald reitet, als erwachsener Anfänger noch einmal Reitunterricht nimmt oder sich ganz bewusst gegen den Turniersport entscheidet, empfindet daran kaum noch etwas Revolutionäres. Freizeitreiten gehört längst zum normalen Bild der deutschen Pferdewelt. Viele Pferde werden weder für den Leistungssport noch für die Zucht gehalten. Sie sind Freizeitpartner, Familienmitglieder und für ihre Besitzer oft der wichtigste Ausgleich zum Alltag.

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sah diese Welt jedoch vollkommen anders aus. Das Reiten war stark von militärischen Traditionen, landwirtschaftlicher Arbeit, gesellschaftlichen Privilegien und dem aufkommenden Turniersport geprägt. Wer reiten lernen wollte, traf häufig auf ehemalige Kavalleristen, strenge Kommandos und eine Ausbildung, in der Gehorsam, Haltung und Disziplin einen hohen Stellenwert hatten. Das galt für den Reiter ebenso wie für das Pferd.

In diese Pferdewelt trat eine Frau, die sich weder besonders bereitwillig unterordnete noch akzeptierte, dass es beim Reiten nur einen richtigen Weg geben sollte. Ursula Bruns war Schriftstellerin, Verlegerin, Reitlehrerin, Pferdefachfrau und eine der einflussreichsten Wegbereiterinnen des Freizeitreitens in Deutschland. Vielen Menschen ist ihr Name heute kaum noch bekannt. Ihre bekanntesten Figuren dagegen kennt fast jeder: Dick und Dalli, die beiden Mädchen aus dem Buch, das später zur Vorlage für die Immenhof-Filme wurde.

Doch Ursula Bruns auf „Dick und Dalli und die Ponys“ zu reduzieren, würde ihrer Bedeutung nicht gerecht. Die Immenhof-Geschichte war nur der Anfang. Aus einem Jugendbuch über zwei eigenwillige Mädchen und ihre Ponys entwickelte sich ein ganzes Lebenswerk. Bruns machte Islandpferde in Deutschland bekannt, setzte sich für robuste Pferderassen, Offenstallhaltung und das Reiten im Gelände ein, gründete die Zeitschrift „Freizeit im Sattel“ und entwickelte einen Reitunterricht, der sich ausdrücklich an erwachsene Anfänger und Wiedereinsteiger richtete.

Sie stellte damit vieles infrage, was in der traditionellen Reiterei als selbstverständlich galt. Ein Pferd musste ihrer Auffassung nach kein großes Warmblut sein. Ein Reiter musste keine Turnierambitionen haben. Ein Pferd musste nicht den größten Teil seines Lebens einzeln in einer Box verbringen. Und ein Erwachsener musste sich beim Reitenlernen nicht anschreien lassen, bis er entweder irgendwie im Sattel saß oder für immer die Lust verlor.

Diese Gedanken erscheinen heute vernünftig. Damals waren sie eine Provokation.

Reiten zwischen Militär, Landwirtschaft und gesellschaftlichem Privileg

Um zu verstehen, weshalb Ursula Bruns so viel verändern konnte, muss man sich zunächst die deutsche Pferdewelt ihrer Jugend und der frühen Nachkriegszeit ansehen. Bruns wurde am 1. September 1922 in Bocholt geboren. Sie wuchs damit in einer Zeit auf, in der Pferde noch überall zum Alltag gehörten, allerdings in einer vollkommen anderen Rolle als heute.

Auf dem Land arbeiteten Pferde vor Pflug, Egge und Wagen. In den Städten zogen sie Fuhrwerke, lieferten Waren aus oder wurden im Personenverkehr eingesetzt. Bei Militär und Polizei spielten sie weiterhin eine wichtige Rolle. Daneben gab es den Reitsport, doch dieser war gesellschaftlich deutlich stärker abgegrenzt als heute. Reiten war eng mit Offizierskreisen, Gutshöfen, wohlhabenden Familien und traditionellen Reitvereinen verbunden.

Die ersten Islandpferde kamen durch Ursula Bruns nach Deutschland

Das Pferd war Arbeitskraft, Transportmittel, militärischer Partner oder Sportgerät. Die Vorstellung, ein durchschnittlich verdienender Mensch könne sich ein robustes Kleinpferd halten, um am Wochenende gemütlich durch Wald und Feld zu reiten, war noch nicht Teil einer breiten Alltagskultur.

Auch die Reitausbildung war von diesem Hintergrund geprägt. Die deutsche Reitlehre hatte große fachliche Stärken hervorgebracht, insbesondere in der systematischen Gymnastizierung und Ausbildung des Pferdes. Gleichzeitig war der praktische Unterricht vielerorts von militärischem Ton und klaren Hierarchien bestimmt. Der Reitlehrer gab Kommandos, der Reiter führte sie aus und das Pferd hatte zu funktionieren.

Für junge Männer, die körperlich geschult und an Befehl und Gehorsam gewöhnt waren, mochte dieses System funktionieren. Für ängstliche Kinder, unsichere Frauen oder erwachsene Anfänger, die einfach reiten lernen wollten, war es häufig wenig geeignet. Auf individuelle Lernwege, körperliche Voraussetzungen oder Angst wurde kaum Rücksicht genommen. Wer nicht mithalten konnte, galt schnell als ungeschickt oder ungeeignet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Bedeutung des Pferdes rasant. Landwirtschaft und Transport wurden zunehmend motorisiert. Traktoren ersetzten Arbeitspferde, Lastwagen ersetzten Fuhrwerke und die Kavallerie hatte militärisch ihre Bedeutung verloren. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwand das Pferd aus vielen Bereichen, in denen es zuvor unentbehrlich gewesen war.

Damit hätte es zu einem Relikt vergangener Zeiten werden können. Stattdessen erhielt es nach und nach eine neue Aufgabe. Das Pferd wurde zum Freizeitpartner.

Dieser Wandel geschah allerdings nicht von selbst. Es mussten neue Gründe gefunden werden, Pferde zu halten. Gleichzeitig brauchte es Pferderassen, Haltungssysteme und Reitweisen, die zu den Lebensbedingungen normaler Privatleute passten. Ein Stadtmensch konnte weder einen eigenen Gutshof betreiben noch mehrere Stallangestellte beschäftigen. Er brauchte ein bezahlbares, gesundes und möglichst unkompliziertes Pferd. Er brauchte erreichbare Reitmöglichkeiten und einen Unterricht, der nicht voraussetzte, dass man bereits als Kind in einer traditionellen Reiterfamilie aufgewachsen war.

Genau an dieser Stelle begann die Bedeutung von Ursula Bruns.

Eine Frau, die das freie Leben mit Pferden suchte

Ursula Bruns war nach eigenen Aussagen schon als Kind von Pferden fasziniert. Dabei interessierte sie offenbar weniger die gesellschaftliche Eleganz, die damals mit dem Reiten verbunden war. Sie suchte vielmehr das freie Leben mit Pferden, die Bewegung draußen und eine Form des Umgangs, die nicht allein von Drill und Leistung bestimmt wurde.

Zunächst schlug sie jedoch einen anderen Weg ein. Nach dem Besuch des Lyzeums absolvierte sie eine Lehre in der elterlichen Drogerie. Diese Tätigkeit entsprach ihr offensichtlich nicht. Sie ließ sich zur Reitlehrerin ausbilden und studierte nach dem Zweiten Weltkrieg in Bonn Kunstgeschichte und Germanistik. Außerdem arbeitete sie als Übersetzerin und begann, Jugendbücher zu schreiben.

Diese Verbindung aus Pferdeerfahrung, Sprachgefühl und großer Vorstellungskraft sollte entscheidend werden. Ursula Bruns war keine reine Pferdefachfrau, die später zufällig auch Bücher veröffentlichte. Sie verstand, wie stark Geschichten das Denken von Menschen verändern können. Ein Sachbuch erreicht Leser, die sich bereits für ein Thema interessieren. Ein Roman oder ein Film kann dagegen ein Lebensgefühl vermitteln, lange bevor der Zuschauer überhaupt weiß, dass er sich für eine bestimmte Form der Pferdehaltung oder des Reitens begeistert.

Bruns schrieb nicht über Pferde als unerreichbaren Luxus. Ihre Pferdewelt war lebendig, praktisch und manchmal chaotisch. Die Mädchen in ihren Geschichten warteten nicht darauf, dass ein erfahrener Mann ihnen erklärte, was zu tun war. Sie packten selbst an, trafen Entscheidungen und übernahmen Verantwortung.

Damit war bereits die Grundidee ihres späteren Lebenswerks angelegt: Pferde sollten nicht nur einer sportlichen oder gesellschaftlichen Elite gehören. Das Leben mit Pferden sollte für mehr Menschen möglich werden.

Warum ausgerechnet Ponys?

Heute gelten Ponys ganz selbstverständlich als Reitpferde für Kinder, Jugendliche und leichte Erwachsene. In der frühen Nachkriegszeit war ihr Ruf jedoch keineswegs so eindeutig. Viele traditionelle Reiter betrachteten kleine Pferde nicht als vollwertige Reitpferde. Ponys galten als Kinderbelustigung, Zirkustiere, Zugtiere oder als exotisches Hobby wohlhabender Menschen.

Für Ursula Bruns lag gerade in diesen Tieren eine große Chance.

Ponys und robuste Kleinpferde benötigten meist weniger Futter als große Warmblüter, waren häufig genügsamer und konnten unter passenden Bedingungen viel Zeit draußen verbringen. Sie waren trittsicher, widerstandsfähig und vielseitig. Vor allem aber passten sie zu einer Pferdehaltung, die nicht mehr auf große Güter, militärische Anlagen oder traditionelle Herrenreiter zugeschnitten war.

Bruns beschäftigte sich früh mit Islandpferden, die in Deutschland damals noch kaum bekannt waren. Die kleinen, robusten Pferde aus Island verkörperten vieles, was sie suchte. Sie waren keine verkleinerten Turnierpferde, sondern eine eigenständige Rasse mit besonderen Gangarten, großer Geländesicherheit und einer jahrhundertealten Tradition als vielseitige Reit- und Arbeitspferde.

Das Islandpferd stellte zugleich gewohnte Vorstellungen infrage. Es war klein, aber kein Kinderpony. Es konnte Erwachsene tragen, lange Strecken zurücklegen und sich auch in schwierigem Gelände sicher bewegen. Mit Tölt und Rennpass brachte es zudem Gangarten mit, die in der klassischen deutschen Reitausbildung kaum eine Rolle spielten.

Für die traditionelle Pferdewelt war das zunächst fremd. Für die entstehende Freizeitreiterei war es nahezu ideal.

Ursula Bruns erkannte, dass nicht jeder Reiter ein großes Sportpferd benötigte. Wer vor allem ausreiten, Natur erleben und eine enge Beziehung zu seinem Pferd aufbauen wollte, brauchte möglicherweise einen ganz anderen Pferdetyp. Diese Erkenntnis klingt simpel, veränderte aber langfristig den deutschen Pferdemarkt.

Islandpferde, Haflinger, Fjordpferde und andere robuste Rassen wurden später zu typischen Pferden der Freizeitreiterszene. Sie ermöglichten vielen Menschen überhaupt erst den Einstieg in die private Pferdehaltung. Nicht immer lief diese Entwicklung pferdegerecht ab. Robustheit wurde gelegentlich mit Anspruchslosigkeit verwechselt, und manches Pony musste mit zu wenig Fachwissen, zu viel Gewicht oder unpassender Ausrüstung zurechtkommen. Dennoch war die grundsätzliche Idee richtig: Ein gutes Freizeitpferd musste nicht wie ein klassisches Turnierpferd aussehen.

„Dick und Dalli und die Ponies“ – ein Jugendbuch mit weitreichenden Folgen

Um 1950 schrieb Ursula Bruns innerhalb weniger Monate die Geschichte, die ihr Leben verändern sollte. 1952 erschien „Dick und Dalli und die Ponies“. Das Buch wurde zu einem außergewöhnlichen Erfolg, erreichte zahlreiche Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Drei Jahre später diente es als Grundlage für den ersten Immenhof-Film.

Das Buch erzählt von den Schwestern Dick und Dalli, die bei ihrer Großmutter auf einem Ponyhof leben. Schon der Untertitel machte deutlich, dass Bruns keine stillen, wohlerzogenen Mädchenfiguren geschaffen hatte: Es ging um „zwei handfeste Mädchen und einen Jungen, aus dem auch noch etwas wurde“.

Dick und Dalli waren keine dekorativen Reiterinnen, die hübsch auf einem gesattelten Pony saßen. Sie gehörten zum Betrieb des Hofes. Sie kannten die Tiere, arbeiteten mit und betrachteten die Ponys nicht als Spielzeug. Der Hof war wirtschaftlich keineswegs sorgenfrei, und die Pferdewelt wurde nicht ausschließlich aus der Perspektive wohlhabender Besitzer erzählt.

Natürlich war auch das Buch eine unterhaltsame und romantische Geschichte. Es war kein politisches Manifest für eine neue Pferdehaltung. Dennoch transportierte es Gedanken, die später zentral für das Freizeitreiten wurden.

Ponys erschienen als vollwertige Persönlichkeiten. Mädchen handelten selbstständig. Das Leben mit Pferden bedeutete Arbeit, Verantwortung und Freiheit. Reiten fand nicht ausschließlich auf einem Reitplatz unter Aufsicht statt, sondern draußen in der Landschaft und mitten im Alltag.

Damit traf Ursula Bruns einen Nerv. Nach Krieg, Zerstörung und Entbehrung sehnten sich viele Menschen nach Geborgenheit, Natur und einem überschaubaren Leben. Der Ponyhof bot dafür die perfekte Projektionsfläche. Hier schien die Welt noch in Ordnung zu sein, ohne vollkommen langweilig zu werden. Es gab Sorgen und Konflikte, doch sie konnten mit Mut, Zusammenhalt und Einfallsreichtum bewältigt werden.

Für Kinder und Jugendliche war diese Welt besonders anziehend. Ein Pony versprach Unabhängigkeit. Es war groß genug, um mit ihm Abenteuer zu erleben, aber klein genug, um nicht wie ein unnahbares Statussymbol der Erwachsenenwelt zu wirken.

Ursula Bruns hatte damit mehr geschaffen als eine erfolgreiche Pferdegeschichte. Sie hatte ein Bild entworfen, in dem ein anderes Leben mit Pferden möglich war.

Wenige Jahre später sollte dieses Bild auf der Kinoleinwand eine Wirkung entfalten, die das Buch allein kaum hätte erreichen können. Aus Dick und Dalli wurden die Mädels vom Immenhof. Aus einer literarischen Ponygeschichte wurde einer der bekanntesten deutschen Pferdemythen des 20. Jahrhunderts.

Die fröhlichen Kinder vom Immenhof, immer ein Stück heile Welt

Als der Immenhof zum Sehnsuchtsort einer ganzen Generation wurde

Als am 13. Oktober 1955 „Die Mädels vom Immenhof“ in die deutschen Kinos kam, ahnte vermutlich niemand, dass daraus einer der erfolgreichsten Pferdefilme der deutschen Filmgeschichte werden würde. Das Publikum war begeistert. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich der Film zu einem Kassenerfolg, dem mit „Hochzeit auf Immenhof“ (1956) und „Ferien auf Immenhof“ (1957) zwei weitere Filme folgten. Gemeinsam prägten sie das Bild vom deutschen Ponyhof über Jahrzehnte hinweg.

Interessanterweise orientierten sich die Filme zwar an Ursula Bruns’ Roman, erzählten die Geschichte aber nicht eins zu eins nach. Figuren wurden verändert, Handlungsstränge erweitert und manche Charaktere völlig neu erfunden. Trotzdem blieb das Grundgefühl erhalten. Im Mittelpunkt standen zwei lebensfrohe Mädchen, ein idyllischer Gutshof, viele Ponys und eine Landschaft, die wie geschaffen schien, um den Alltag hinter sich zu lassen.

Genau dieses Lebensgefühl machte den eigentlichen Erfolg der Filme aus.

Während viele Heimatfilme der fünfziger Jahre eine heile Welt präsentierten, in der die Erwachsenen alle Probleme lösten, gehörte der Immenhof den Kindern und Jugendlichen. Dick und Dalli waren selbstständig, manchmal frech, gelegentlich unvernünftig und immer voller Ideen. Sie warteten nicht darauf, dass jemand ihre Abenteuer organisierte. Das Leben spielte sich draußen ab – zwischen Weiden, Ställen, Seen und Wäldern.

Gerade diese Freiheit wirkte auf viele Zuschauer ungeheuer modern.

Heute erscheint es selbstverständlich, dass Kinder reiten lernen, Ponys versorgen und Verantwortung übernehmen. In den fünfziger Jahren war das keineswegs alltäglich. Die meisten Kinder lebten in Städten oder Dörfern ohne eigene Pferde. Der Immenhof wurde deshalb zu einem Sehnsuchtsort. Wer den Film sah, wollte nicht nur einmal auf einem Pony sitzen. Man wollte dort leben.

Gut Rothensande wurde zum echten Immenhof

Für die Außenaufnahmen suchte die Filmgesellschaft einen Gutshof, der genau dieses Lebensgefühl ausstrahlte. Fündig wurde sie am Gut Rothensande, das malerisch oberhalb des Kellersees bei Bad Malente liegt.

Mit seinen alten Wirtschaftsgebäuden, den weitläufigen Wiesen und der direkten Lage am Wasser schien der Hof wie geschaffen für die Geschichte. Im Film erhielt er den Namen Immenhof – ein Name, der bald berühmter wurde als der eigentliche Gutshof selbst.

Viele Zuschauer glaubten später sogar, der Immenhof sei ein realer Ponyhof gewesen. Tatsächlich handelte es sich um einen landwirtschaftlichen Gutsbetrieb. Zahlreiche Innenaufnahmen entstanden außerdem in Filmstudios, sodass der Filmhof eine Mischung aus realen Gebäuden und Kulissen war.

Auch die Umgebung spielte eine wichtige Rolle. Gedreht wurde nicht nur auf Gut Rothensande selbst, sondern an verschiedenen Orten der Holsteinischen Schweiz. Der Kellersee, die hügelige Landschaft, Alleen, Feldwege und kleine Ortschaften verliehen den Filmen ihren unverwechselbaren Charakter.

Bis heute pilgern Fans an diese Orte. Viele erkennen Wege, Brücken oder Uferabschnitte wieder, obwohl sich die Landschaft in den vergangenen siebzig Jahren natürlich verändert hat.

Der eigentliche Star neben den Schauspielern war jedoch die Landschaft selbst. Sie zeigte eine ländliche Welt, die weder rau noch spektakulär wirkte. Statt hoher Berge oder dramatischer Küsten genügten sanfte Hügel, alte Bäume, Wiesen und glitzernde Seen. Gerade diese norddeutsche Gelassenheit verlieh den Filmen ihren besonderen Charme.

Warum gerade Mädchen den Immenhof liebten

Aus heutiger Sicht fällt noch etwas anderes auf. Die eigentlichen Helden der Geschichte waren keine Cowboys, Offiziere oder berühmten Turnierreiter, sondern zwei Mädchen.

In den fünfziger Jahren war das keineswegs selbstverständlich. Zwar gab es auch damals erfolgreiche Reiterinnen, doch viele Sportarten galten weiterhin als männlich geprägt. Mädchen wurden häufig eher als Zuschauerinnen oder Helferinnen dargestellt.

Dick und Dalli passten nicht in dieses Bild.

Sie ritten selbstverständlich, kümmerten sich um ihre Ponys, trafen Entscheidungen und lösten Probleme eigenständig. Natürlich wirkten sie freundlich und lebenslustig, aber sie waren keineswegs passive Figuren. Viele Mädchen sahen sich zum ersten Mal selbst als Hauptpersonen einer Pferdegeschichte.

Dieser Einfluss wird häufig unterschätzt. Für unzählige spätere Reiterinnen begann die Pferdeleidenschaft nicht im Reitstall, sondern vor dem Fernseher oder im Kino.

Dass der Reitsport heute überwiegend von Frauen geprägt wird, hat viele Ursachen. Die Immenhof-Filme allein haben diesen Wandel sicher nicht ausgelöst. Sie gehörten aber zu den kulturellen Vorbildern, die zeigten, dass Pferde keine reine Männerdomäne sein mussten.

Der Traum vom eigenen Pony

Mindestens ebenso bedeutsam war die Rolle der Ponys.

In der traditionellen deutschen Reiterei galten große Warmblüter lange als das eigentliche Reitpferd. Wer etwas auf sich hielt, ritt ein stattliches Sportpferd. Ponys wurden häufig belächelt.

Der Immenhof stellte diese Vorstellung auf den Kopf.

Die Ponys waren keine Notlösung und kein Spielzeug. Sie waren klug, zuverlässig, mutig und hatten einen ganz eigenen Charakter. Zwischen Mensch und Pony entstand eine enge Beziehung, die oft wichtiger erschien als sportliche Erfolge.

Diese Botschaft traf genau den Zeitgeist der kommenden Jahrzehnte.

In den sechziger und siebziger Jahren entstanden überall Ponyhöfe, Reitschulen und kleine private Pferdehaltungen. Eltern, die selbst nie geritten waren, ermöglichten ihren Kindern Reitunterricht. Ponyreiten wurde zu einem festen Bestandteil vieler Ferienlager und Reiterhöfe.

Natürlich kann man diese Entwicklung nicht allein auf die Immenhof-Filme zurückführen. Gleichzeitig sorgten steigender Wohlstand, kürzere Arbeitszeiten und mehr Freizeit dafür, dass immer mehr Menschen überhaupt Zeit für Hobbys hatten.

Doch die Filme lieferten das Bild dazu.

Sie machten deutlich, wie ein Leben mit Ponys aussehen könnte.

Mehr als romantische Pferdefilme

Wer die Immenhof-Filme heute noch einmal aufmerksam anschaut, entdeckt erstaunlich viele Themen, die später typisch für das Freizeitreiten wurden.

Die Pferde sind nicht bloß Sportgeräte. Sie gehören zum täglichen Leben.

Es wird ausgeritten, nicht ausschließlich auf dem Reitplatz trainiert.

Die Landschaft ist kein Hintergrund, sondern Teil des Reiterlebnisses.

Kinder übernehmen Verantwortung.

Freundschaft zwischen Mensch und Pferd steht häufig über Ehrgeiz und Wettbewerb.

All das klingt heute selbstverständlich. Mitte der fünfziger Jahre unterschied sich dieses Bild jedoch deutlich von der klassischen Reitkultur vieler Vereine.

Genau deshalb wirkten die Filme weit über ihre eigentliche Handlung hinaus. Sie vermittelten ein neues Verständnis vom Reiten. Nicht der Sieg im Turnier stand im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Leben mit den Pferden.

Ursula Bruns hatte diesen Gedanken bereits in ihrem Roman angelegt. Die Filme machten ihn millionenfach sichtbar.

Ein Mythos, der bis heute lebt

Nach der ursprünglichen Trilogie entstanden in den siebziger Jahren noch zwei weitere Immenhof-Filme. Jahrzehnte später folgten Neuverfilmungen und Fernsehproduktionen. Keine davon erreichte allerdings den Kultstatus der ersten drei Filme.

Das liegt vermutlich daran, dass sie in einer ganz anderen Zeit entstanden. Die ursprünglichen Immenhof-Filme trafen genau den Moment, in dem Deutschland begann, das Pferd neu zu entdecken.

Als die ersten Filme ins Kino kamen, existierte die moderne Freizeitreiterei praktisch noch nicht. Viele Entwicklungen, die heute selbstverständlich erscheinen, standen erst am Anfang.

Ursula Bruns beließ es deshalb nicht bei ihren Büchern und Filmen. Sie wollte nicht nur Geschichten erzählen, sondern auch die Realität verändern.

Während Millionen Kinder noch vom Immenhof träumten, arbeitete sie bereits daran, dass Menschen tatsächlich so mit Pferden leben konnten, wie sie es sich vorgestellt hatte. Dafür brauchte es jedoch weit mehr als romantische Filme. Es brauchte neue Pferderassen, neue Haltungsformen, eine andere Reitausbildung und vor allem Menschen, die bereit waren, alte Gewohnheiten zu hinterfragen.

Genau damit begann Ursula Bruns Ende der fünfziger Jahre – zunächst mit einer kleinen Zeitschrift, die den unscheinbaren Namen „Pony Post“ trug und später unter dem Titel „Freizeit im Sattel“ zur wichtigsten Stimme der deutschen Freizeitreiterbewegung werden sollte.

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