W20 Gen beim Fuchs

W20 beim Pferd: Das Gen hinter auffallend viel Weiß?

Hochweiße Beine, eine breite Laterne, unregelmäßige weiße Flecken am Bauch und trotzdem kein Pferd, das auf den ersten Blick wie ein klassischer Schecke aussieht: Gerade bei modernen Warmblütern und Dressurpferden fallen immer wieder Pferde mit ausgesprochen spektakulären weißen Abzeichen auf.

In Diskussionen über solche Pferde fällt inzwischen häufig ein Begriff: W20.

W20 wird gerne als „Weiß-Verstärker-Gen“ bezeichnet. Diese Beschreibung ist durchaus hilfreich, wenn man verstehen möchte, was man am Pferd sieht. Genetisch ist sie allerdings etwas vereinfacht. W20 ist eine Variante des KIT-Gens und wird wissenschaftlich den sogenannten Dominant-White-Varianten zugerechnet.

Das Spannende an W20 ist dabei weniger ein bestimmtes, eindeutig wiedererkennbares Scheckungsmuster. Vielmehr kann W20 die Menge des sichtbaren Weiß beeinflussen und insbesondere im Zusammenspiel mit weiterer Farbgenetik zu ausgesprochen auffälligen Pferden führen.

Was ist W20 überhaupt?

W20 bezeichnet eine bestimmte Mutation im KIT-Gen. Das KIT-Gen spielt bei der Entwicklung und Verteilung der Melanozyten eine wichtige Rolle. Melanozyten sind diejenigen Zellen, die Pigmente produzieren.

Fehlen in bestimmten Hautbereichen Melanozyten, entstehen dort unpigmentierte Haut und weiße Haare.

Vom KIT-Gen kennt man beim Pferd inzwischen zahlreiche Varianten, die mit Weißzeichnungen verbunden sind. Dazu gehören verschiedene Dominant-White-Varianten ebenso wie andere bekannte Muster aus dem KIT-Komplex.

W20 nimmt innerhalb dieser Gruppe eine interessante Stellung ein. Nach Angaben des Veterinary Genetics Laboratory der University of California, Davis, hat W20 wahrscheinlich einen geringeren Einfluss auf die Funktion des KIT-Proteins als zahlreiche andere Dominant-White-Mutationen. Entsprechend kann auch seine sichtbare Wirkung erheblich dezenter ausfallen. (Veterinary Genetics Laboratory)

Ein W20-Pferd muss deshalb keineswegs spektakulär gescheckt aussehen.

Genau das macht die Sache so interessant.

Warum wird W20 als „Weiß-Verstärker“ bezeichnet?

Die Bezeichnung beschreibt vor allem eine häufig beobachtete Wirkung.

Ein Pferd kann genetisch N/W20 oder W20/W20 sein und äußerlich zunächst lediglich deutliche weiße Abzeichen zeigen. Das Veterinary Genetics Laboratory beschreibt für beide Genotypen weiße Gesichts- und Beinabzeichen; bei manchen Pferden kommt zusätzlich eine unterschiedlich starke Weißscheckung hinzu. Besonders stark weiß gezeichnete W20-Pferde tragen vermutlich zusätzliche Varianten anderer Pigmentgene. (Veterinary Genetics Laboratory)

Damit kommt der eigentliche „Verstärker-Effekt“ ins Spiel.

Trifft W20 auf eine genetische Grundlage, die ohnehin viel Weiß hervorbringt, kann die Gesamtzeichnung wesentlich stärker ausfallen. Aus ohnehin hohen weißen Beinabzeichen können extrem ausgedehnte weiße Bereiche werden. Eine breite Blesse kann sich zu einer gewaltigen Laterne entwickeln. Zusätzlich können unregelmäßige weiße Bereiche an Unterbauch und Körper auftreten.

Das Bild wirkt dann schnell wie:

„Da ist doch irgendwo ein Schecke drin.“

Das muss aber keineswegs der Fall sein.

Hochweiße Beine, Laterne und Bauchflecken

Typische Erscheinungen, die bei Pferden mit ausgeprägter Weißzeichnung vorkommen können, sind unter anderem sehr hoch reichende weiße Beine, großflächige Gesichtsabzeichen und weiße Flecken an der Bauchunterseite.

Gerade die sogenannten Belly Spots, also Bauchflecken, sorgen häufig für Verwirrung. Sie passen zwar zu verschiedenen Formen genetisch bedingter Weißzeichnung, sind aber kein genetischer Fingerabdruck von W20.

Auch andere Varianten können entsprechende Zeichnungen verursachen.

Sabino 1 beispielsweise kann Weiß an Beinen, Gesicht und Bauch sowie eingestreute weiße Haare hervorrufen. Splashed White kann ebenfalls mit breiter Gesichtszeichnung, hohen weißen Beinen und Weiß am Bauch einhergehen. (Veterinary Genetics Laboratory)

Deshalb lässt sich anhand eines Fotos nicht zuverlässig feststellen:

„Dieses Pferd hat W20.“

Man kann einen Verdacht äußern. Sicherheit bringt letztlich nur ein Gentest.

W20 ist nicht dasselbe wie Tobiano

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zur klassischen Plattenscheckung.

Ein Tobiano besitzt eine entsprechende Tobiano-Variante. Typisch sind größere klar abgegrenzte weiße Körperflächen, wobei das Weiß charakteristischerweise die Rückenlinie überschreiten kann. (Veterinary Genetics Laboratory)

W20 ist genetisch etwas anderes.

Ein Pferd wird also nicht dadurch zum Tobiano, dass es W20 trägt und ausgesprochen viel Weiß besitzt. Ebenso wenig entsteht plötzlich ein vererbbares Tobiano-Muster nur deshalb, weil ein Pferd vier hochweiße Beine, eine riesige Laterne und einen Bauchfleck besitzt.

Das ist für die Zucht entscheidend.

Ein W20/W20-Pferd kann seinen Nachkommen W20 vererben, aber es kann ihnen kein Tobiano-Allel vererben, wenn es selbst keines besitzt.

Die sichtbare Ähnlichkeit verschiedener Weißzeichnungen darf also nicht mit ihrer genetischen Ursache verwechselt werden.

Ein Fuchs mit W20 bleibt genetisch ein Fuchs

Auch dieser Punkt wird bei besonders auffälligen Pferden gerne durcheinandergebracht.

Die Grundfarbe und die Weißzeichnung sind zwei unterschiedliche Ebenen der Farbgenetik.

Ein Pferd kann beispielsweise genetisch Fuchs sein und zusätzlich W20 tragen. Die roten Bereiche seines Fells entstehen aufgrund seiner Grundfarbengenetik. W20 beeinflusst dagegen die Pigmentierung bestimmter Körperbereiche.

Ein spektakulär gezeichneter Fuchs mit W20 ist deshalb genetisch nicht plötzlich eine andere Grundfarbe.

Vereinfacht könnte man sagen:

Unter dem Weiß steckt immer noch der Fuchs.

Das Weiß überlagert lediglich Teile seiner Grundfarbe.

Was bedeutet W20/W20?

W20 kann sowohl heterozygot als auch homozygot vorkommen.

N/W20 bedeutet, dass das Pferd eine W20-Kopie besitzt.

W20/W20 bedeutet, dass es zwei Kopien besitzt und damit reinerbig für W20 ist.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil man bei den Dominant-White-Varianten nicht einfach alle W-Allele in einen Topf werfen darf.

Für verschiedene andere Varianten, darunter W5, W10, W13 und W22, wird angenommen, dass die homozygote Form embryonal letal ist. Bei W20 ist das anders: W20/W20 ist lebensfähig. (Veterinary Genetics Laboratory)

Ein homozygotes W20/W20-Pferd gibt außerdem zwangsläufig eine W20-Kopie an jedes seiner Fohlen weiter.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Nachkommen genauso spektakulär gezeichnet sein müssen wie das Elternteil.

Warum sehen W20-Pferde so unterschiedlich aus?

Hier wird Farbgenetik richtig interessant.

Man hätte es natürlich gerne ordentlich: ein Gen, ein Muster, fertig. Die Pferdegenetik hält von dieser menschlichen Vorliebe für aufgeräumte Schubladen allerdings herzlich wenig.

W20 besitzt eine variable phänotypische Ausprägung. Außerdem können weitere genetische Faktoren beeinflussen, wie viel Weiß tatsächlich sichtbar wird.

Das Veterinary Genetics Laboratory weist ausdrücklich darauf hin, dass W20 allein häufig einen subtileren Effekt besitzt, während es zusammen mit anderen Weißvarianten die Weißzeichnung deutlich verstärken kann. In Kombination mit bestimmten anderen Dominant-White-Allelen können sogar nahezu oder vollständig weiße Pferde entstehen. (Veterinary Genetics Laboratory)

Das erklärt auch, warum die Gleichung

W20 = vier weiße Beine + Laterne + Bauchfleck

nicht funktioniert.

Ein Pferd mit dieser Zeichnung kann W20 tragen. Ein anderes W20-Pferd kann wesentlich unspektakulärer aussehen. Und ein Pferd ohne W20 kann aufgrund anderer genetischer Varianten verblüffend ähnlich gezeichnet sein.

Interessanterweise wurde W20 in einer großen Untersuchung von mehr als 11.000 Pferden aus 28 Rassen in 25 der untersuchten Rassen gefunden. Die Variante ist also keineswegs auf ausgesprochene Scheckenrassen beschränkt. Die Forscher betonen deshalb selbst, dass die genaue Bedeutung von W20 für die Pigmentierung noch weiter untersucht werden muss. (Veterinary Genetics Laboratory)

Warum sieht man solche Zeichnungen inzwischen auch bei Dressurpferden?

Gerade im modernen Sportpferdebereich haben auffällige Farben und Abzeichen erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen. Ein Fuchs mit vier weißen Beinen und großer Laterne fällt auf einem Foto nun einmal stärker ins Auge als der hundertste dunkelbraune Wallach mit Stern.

Dabei muss man allerdings sauber zwischen Zuchtmode und genetischer Ursache unterscheiden.

Nicht jedes moderne Warmblut mit viel Weiß trägt W20. Und W20 allein erklärt nicht automatisch jede spektakuläre Zeichnung.

Wenn in bestimmten Linien jedoch mehrere Faktoren zusammentreffen, die Weißzeichnung begünstigen, kann über Generationen ein Erscheinungsbild entstehen, das erheblich bunter wirkt als das klassische Warmblut, obwohl kein Tobiano vorliegt.

Genau deshalb ist bei solchen Pferden die genetische Untersuchung interessanter als die reine Betrachtung der Fellzeichnung.

Kann ein W20-Pferd einen Plattenschecken zeugen?

Nicht aufgrund von W20 allein.

Das ist vermutlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt.

Ein Fuchs, Brauner oder Rappe mit W20 kann ausgesprochen bunt aussehen. Besitzt er aber beispielsweise kein Tobiano-Allel, kann er auch keines an seine Nachkommen weitergeben.

Er kann W20 weitergeben.

Bei einem N/W20-Pferd besteht bei jedem Fohlen grundsätzlich eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, W20 zu erben. Ein W20/W20-Pferd gibt W20 an sämtliche Nachkommen weiter.

Wie diese Nachkommen anschließend aussehen, hängt jedoch auch von der Genetik des zweiten Elternteils und weiteren beteiligten Farbvarianten ab.

Ein extrem buntes W20-Pferd kann daher ein wesentlich unscheinbareres Fohlen bekommen. Umgekehrt können durch die Kombination mehrerer Weißvarianten Nachkommen entstehen, die erheblich mehr Weiß zeigen als beide Eltern erwarten ließen.

W20, Sabino und Splashed White sind nicht dasselbe

Äußerlich können sich verschiedene Weißmuster erstaunlich ähnlich sehen.

Sabino 1 wird unter anderem mit Weiß an Gesicht, Beinen und Bauch sowie mit weißen Haaren innerhalb pigmentierter Bereiche beschrieben. Splashed White zeichnet sich häufig durch eine breite Blesse, hohe weiße Beine und variable Bauchzeichnung aus; blaue oder teilweise blaue Augen treten dabei ebenfalls vergleichsweise häufig auf. W20 wiederum kann relativ dezente Abzeichen verursachen oder zusammen mit anderen genetischen Faktoren die Weißzeichnung erheblich verstärken. (Veterinary Genetics Laboratory)

Allein die Beschreibung „vier weiße Beine, Laterne und Bauchfleck“ reicht deshalb nicht für eine genetische Diagnose.

Wer es wirklich wissen möchte, muss testen.

Fazit: W20 macht aus Farbgenetik ein kleines Überraschungspaket

W20 ist gerade deshalb so spannend, weil die Variante nicht zuverlässig ein einziges, klar definiertes Erscheinungsbild produziert.

Sie liegt auf dem KIT-Gen, gehört zur Gruppe der Dominant-White-Varianten und besitzt häufig einen vergleichsweise milden Effekt. Im Zusammenspiel mit anderer Farbgenetik kann sie jedoch dazu beitragen, dass die Weißzeichnung wesentlich ausgeprägter erscheint.

So können Pferde entstehen, die vier extrem hochweiße Beine, riesige Gesichtsabzeichen oder sogar weiße Bereiche am Bauch besitzen und dennoch genetisch keine klassischen Tobiano-Plattenschecken sind.

Ein genetischer Fuchs bleibt dabei ein Fuchs. W20 verändert nicht seine Grundfarbe, sondern die Verteilung pigmentierter und unpigmentierter Bereiche.

Und genau hier liegt der Unterschied zwischen „Das Pferd sieht gescheckt aus“ und „Das Pferd trägt genetisch ein bestimmtes Scheckungsmuster“.

Bei kaum einem anderen Thema zeigt sich schöner, warum man Pferdefarben nicht ausschließlich mit den Augen bestimmen sollte. Manchmal sieht man einen vermeintlichen Schecken. Im Labor sieht man dagegen einen Fuchs mit einer ziemlich interessanten Sammlung von Farbgenen.

Eine Antwort zu „W20 Gen beim Fuchs“

  1. Avatar von Gentest Pferdefarben – Alles über Pferde

    […] Tierzuchteinrichtungen, führt Rotfaktor, Agouti, Tobiano, White Spotting mit den Varianten W8, W20 und W21, Falbe, Champagne, Cream, Pearl, Sabino 1, Silver, Schimmel, Splashed White, […]

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