Wie viel PS hat ein Pferd? Die gemessenen Zahlen, und woher der Mythos kommt
Ein Pferd hat mehr als eine Pferdestärke. Diese eine Zahl, die James Watt vor rund 240 Jahren festgelegt hat, beschreibt das, was ein Arbeitspferd einen ganzen Tag lang durchhält. Sobald ein Pferd kurz alles gibt, liegt es weit darüber.
Die belastbaren Werte im Überblick:
Dauerleistung über Stunden: rund 1 PS, also etwa 735 Watt.
Gemessene Zugleistung bei normaler Arbeitslast: 1,11 bis 1,25 PS pro Pferd (Schweizer Messung an Freibergern, 2022 veröffentlicht).
Gemessene Zugleistung bei doppelter Last über 30 Minuten: 2,63 bis 2,85 PS pro Pferd.
Höchster jemals sauber gemessener Spitzenwert über wenige Sekunden: 14,88 englische Horsepower, umgerechnet rund 15,1 PS.
Ein Galopper im Rennen liegt rechnerisch bei etwa 7 bis 9 PS über die gesamte Renndistanz.
Damit hast Du die Antwort. Der Rest dieses Beitrags zeigt Dir, wo diese Zahlen herkommen, warum in fast jedem Artikel im Netz „24 PS“ steht, und warum ein Auto mit 100 PS trotzdem etwas völlig anderes leistet als hundert Pferde.
Was eine Pferdestärke überhaupt beschreibt
Eine Pferdestärke ist eine Einheit für Leistung. Leistung beschreibt Arbeit pro Zeit, also wie schnell eine bestimmte Menge Energie umgesetzt wird.
Nach DIN 66036 gilt: 1 PS ist die Leistung, die nötig ist, um 75 Kilogramm in einer Sekunde einen Meter hochzuheben. Die Rechnung dahinter lautet 75 kg mal 9,80665 m/s² mal 1 m/s. Heraus kommen genau 735,49875 Watt, also rund 0,735 Kilowatt.
Wichtig für alles Weitere: In der Leistung stecken immer zwei Größen, nämlich Kraft und Geschwindigkeit. Ein Pferd, das mit 600 Newton zieht und dabei 1,5 Meter pro Sekunde geht, leistet 900 Watt. Dasselbe Pferd, das mit 600 Newton zieht und dabei stehen bleibt, leistet null Watt, obwohl es sich mächtig ins Geschirr legt. Diese Unterscheidung erklärt später die meisten Missverständnisse rund um Kaltblüter, Zugrekorde und Autos.
Wie James Watt auf seine Zahl kam
James Watt war Ingenieur und Verkäufer in einer Person. Er hatte die Dampfmaschine deutlich verbessert und stand vor einem Vermarktungsproblem: Seine Kunden, Brauereien, Mühlenbetriebe und Bergwerke, arbeiteten mit Pferden. Sie brauchten eine Zahl, mit der sie einschätzen konnten, wie viele Pferde eine Maschine ersetzt.
Watt beobachtete Mühlenpferde am Göpel. Das sind Pferde, die an einem langen Balken angespannt im Kreis laufen und damit ein Mahlwerk antreiben. Er hielt fest:
Der Kreis hatte einen Radius von 12 Fuß, also einen Durchmesser von rund 7,30 Metern.
Ein Pferd schaffte 144 Umläufe in der Stunde, das sind 2,4 Umläufe pro Minute.
Die Zugkraft schätzte er auf 180 Pfund-Kraft, umgerechnet etwa 800 Newton.
Daraus ergibt sich: 180 lbf mal 2,4 mal 2 Pi mal 12 Fuß, also 32.572 Fuß-Pfund pro Minute. Watt rundete auf glatte 33.000 Fuß-Pfund pro Minute auf. Das entspricht 550 Fuß-Pfund pro Sekunde oder 745,7 Watt. Diese britische Horsepower gilt bis heute im englischsprachigen Raum.
Zwei Details aus den Originalunterlagen sind aufschlussreich und stehen in kaum einem Artikel.
Erstens rechnete Watt in einer frühen Fassung mit Pi gleich 3 und kam auf 32.400 Fuß-Pfund pro Minute. Er hat die Zahl also mehrfach angefasst, bevor er sich auf 33.000 festlegte.
Zweitens lag er mit seiner Aufrundung bewusst über dem, was ein durchschnittliches Pferd wirklich leistete. Fachleute vor ihm waren deutlich niedriger: John Smeaton kam auf etwa 22.916 Fuß-Pfund pro Minute, also gut zwei Drittel von Watts Wert. Watt folgte der alten Ingenieursregel, dass eine Auslegung lieber zu groß als zu knapp ausfällt. Wer eine Maschine mit „zehn Pferdestärken“ kaufte, bekam sicher genug Leistung für zehn Pferde.
Der Kern davon: 1 PS beschreibt die Tagesleistung eines kräftigen Arbeitspferdes, großzügig aufgerundet. Es ist eine Verkaufszahl mit realem Hintergrund.
PS, hp und kW: drei Zahlen für dieselbe Sache
Hier lohnt sich ein genauer Blick, weil viele Artikel diese Werte munter mischen.
Die britische Horsepower (hp) beruht auf Watts 33.000 Fuß-Pfund pro Minute und entspricht 745,7 Watt.
Die metrische Pferdestärke (PS), im Französischen cv, im Italienischen cv, wurde auf 75 Kilopondmeter pro Sekunde festgelegt und entspricht 735,49875 Watt.
Das Watt ist die international gültige SI-Einheit und trägt den Namen desselben James Watt.
Zwischen hp und PS liegen rund 1,4 Prozent. Sobald Du also irgendwo den berühmten Spitzenwert von 14,88 hp liest, sind das umgerechnet 15,1 PS. Fast alle deutschen Seiten übernehmen die Zahl 14,9 unverändert und rechnen sie nicht um, obwohl sie über PS schreiben.
Zur Umrechnung im Alltag: 1 kW sind 1,36 PS, 1 PS sind 0,735 kW.
Ein Blick auf die Rechtslage rundet das ab. In Deutschland ist das Watt seit dem 1. Januar 1978 die einzige gesetzliche Einheit für die Motorleistung. Im Fahrzeugschein steht deshalb der Kilowattwert. Seit dem 1. Januar 2010 verlangt die EU-Richtlinie 80/181/EWG, umgesetzt in Paragraf 3 der Einheitenverordnung, dass die SI-Einheit im Vordergrund steht. PS darf als Zusatz danebenstehen, und genau das tut es seither in jedem Autoprospekt.
Die gemessene Dauerleistung: 1,1 bis 1,3 PS
Hier kommt der Teil, den bislang kaum jemand aufgreift, obwohl es dazu eine saubere europäische Untersuchung gibt.
Die Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen bei Bern hat gemeinsam mit der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern die Zugkraft von Arbeitspferden kontinuierlich gemessen. Die Ergebnisse erschienen 2022 in der Fachzeitschrift Pferdeheilkunde.
Der Aufbau: Vier Freiberger, drei Stuten und ein Wallach, im Schnitt 10,3 Jahre alt und 577,5 Kilogramm schwer, gingen als zwei Zweiergespanne vor einem gebremsten und beladenen Wagen. Ein Zugkraftsensor maß die Kraft, GPS die Geschwindigkeit, dazu liefen Pulsuhren mit. Vor, während und nach der Arbeit wurde Blut auf Cortisol, Glucose und freie Fettsäuren untersucht.
Zwei Belastungsstufen standen an, jeweils 30 Minuten auf ebener Straße: 1300 Newton für das Gespann, was etwa 10 Prozent des Körpergewichts entspricht, und 2600 Newton als doppelte Last.
Die Ergebnisse pro Pferd:
Bei 1300 Newton und rund 5,7 km/h: 813 Watt beim ersten Gespann und 919 Watt beim zweiten, also 1,11 und 1,25 PS.
Bei 2600 Newton und rund 5,5 km/h: 2095 Watt und 1934 Watt, also 2,85 und 2,63 PS.
Damit hast Du zum ersten Mal harte Zahlen statt Schätzungen. Ein normal gebautes Arbeitspferd liegt bei der üblichen Arbeitslast tatsächlich knapp über einer Pferdestärke. Watts Wert war für diesen Bereich erstaunlich gut getroffen.
Genauso aufschlussreich ist, was die doppelte Last mit den Pferden machte. Die Herzfrequenz stieg von 94 bis 124 Schlägen auf 124 bis 171 Schläge pro Minute. Der Schweißverlust erreichte nach der Bewertungsskala von Zeyner Stufe 5, was 12 bis 18 Litern Flüssigkeit entspricht: Schweiß tropfte von den Augen und unter dem Bauch, zwischen den Schenkeln stand weißer Schaum. Cortisol und freie Fettsäuren wiesen auf mittlere bis schwere Arbeit hin. Die Pferde erholten sich zwar zügig und grasten eine halbe Stunde später entspannt, doch 2,7 PS sind für ein Pferd eindeutig Schwerstarbeit auf Zeit.
Ein weiterer Punkt aus der Studie taucht in der Fachliteratur selten auf: Im Gespann geht Zugkraft verloren. Zwei Pferde nebeneinander bringen zusammen weniger auf die Straße als zweimal ein Einzelpferd, weil sie sich abstimmen müssen. Die Fachliteratur nennt dafür 7 bis 10 Prozent, teils bis zu 20 Prozent. Deshalb korrigierten die Autoren die zumutbare Dauerzugkraft für ihre 570-Kilo-Pferde von 1140 Newton auf rund 1030 Newton.
Der Rekordwert: 14,88 hp aus einer echten Messung
Der höchste sauber dokumentierte Wert stammt aus den USA und ist rund hundert Jahre alt.
Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Professor E. V. Collins am Iowa State College daran, die Zugleistung von Ackerpferden messbar zu machen. Zwischen 1923 und 1926 entwickelte er dafür ein Dynamometer, also eine Messmaschine mit verstellbaren Gewichten. Die Geräte kamen auf Landwirtschaftsmessen zum Einsatz, wo Gespanne gegeneinander zogen. Collins und A. B. Caine veröffentlichten die Daten 1926 im Bulletin der Iowa Agricultural Experiment Station unter dem Titel „Testing Draft Horses“.
1993 nahmen sich die Biologen R. D. Stevenson und R. J. Wassersug diese alten Messreihen von der Iowa State Fair 1925 vor und rechneten sie in Leistung um. Ihr Ergebnis erschien als Zuschrift in der Zeitschrift Nature unter dem Titel „Horsepower from a horse“: Über wenige Sekunden erreichte ein Zugpferd 14,88 hp, also 11,10 Kilowatt oder rund 15,1 PS.
Dieselben Autoren hielten außerdem fest, dass für dauerhafte Arbeit etwa 1 hp pro Pferd realistisch bleibt. Dieser Wert deckt sich sowohl mit landwirtschaftlichen Empfehlungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert als auch mit einem allgemeinen biologischen Befund: Wirbeltiere halten dauerhaft ungefähr das Vierfache ihres Grundumsatzes durch.
So passt beides zusammen. Kurz und explosiv liegt ein Pferd bei etwa dem Fünfzehnfachen. Über den Arbeitstag pendelt es sich bei einer Pferdestärke ein.
Woher die „24 PS“ kommen, die überall stehen
Wenn Du zu diesem Thema recherchierst, begegnen Dir immer wieder zwei Zahlen: 24 PS als Spitzenwert und 15 PS als Durchschnitt. Beide werden von Seite zu Seite weitergereicht.
Die Spur führt zu einer verkürzten Wiedergabe der Nature-Zuschrift. In englischsprachigen Blogs kursiert die Behauptung, Stevenson und Wassersug hätten zunächst 18.000 Watt gemessen, was 24 hp entspräche, und diesen Wert später auf 14,9 korrigiert. Eine Primärquelle für die 18.000 Watt findet sich nirgends. Die Nature-Zuschrift selbst nennt 14,88 hp, gestützt auf die Iowa-Daten von 1925.
Der zweite Wert, 15 PS als „Durchschnitt“, entsteht durch eine Verwechslung: Er ist der Spitzenwert über wenige Sekunden, nicht der Durchschnitt. Ein Pferd, das im Mittel 15 PS leisten würde, käme in kurzer Zeit an sein Ende.
Es lohnt sich, das auseinanderzuhalten, weil die Frage „wie viel PS hat ein Pferd“ ohne Zeitangabe unbeantwortbar bleibt. Genauso gut könntest Du fragen, wie schnell ein Mensch läuft. Über 100 Meter oder über 42 Kilometer ergibt völlig verschiedene Zahlen.
Wie viel PS ein Galopper im Rennen leistet
Für Rennpferde gibt es keine Zugkraftmessung, dafür aber Werte aus der Leistungsphysiologie. Damit lässt sich die Leistung annähern.
Die maximale Sauerstoffaufnahme liegt bei trainierten Vollblütern bei etwa 160 Milliliter pro Kilogramm und Minute, Spitzenpferde erreichen bis zu 200. Zum Vergleich: In Ruhe nimmt ein Pferd rund 3 bis 5 Milliliter pro Kilogramm und Minute auf. Beim Rennen steigert sich der Stoffwechsel gegenüber dem Ruhewert etwa um das Sechzigfache.
Die Rechnung für ein 500-Kilo-Vollblut:
500 kg mal 160 ml ergibt 80.000 Milliliter, also 80 Liter Sauerstoff pro Minute.
Ein Liter Sauerstoff setzt im Körper rund 20,9 Kilojoule frei. Das ergibt etwa 1672 Kilojoule pro Minute, also rund 27,9 Kilowatt Stoffwechselleistung.
Vom Stoffwechsel landet ein Teil als Bewegung auf der Bahn, der Rest wird zu Wärme. Für die Fortbewegung von Säugetieren wird üblicherweise mit 20 bis 25 Prozent gerechnet. Bleiben 5,6 bis 7 Kilowatt.
Das entspricht rund 7,6 bis 9,5 PS, gehalten über die volle Renndistanz.
Diese Zahl ist eine Näherung und keine Messung, sie ordnet sich aber sauber ein: deutlich über der Dauerleistung eines Arbeitspferdes, deutlich unter dem Sekundenrekord von gut 15 PS. Genau dort gehört ein Galopprennen hin, das über eine bis zwei Minuten läuft.
Ein Detail dazu, das die Zahlen greifbar macht: Ein Vollblut steigert seinen Hämatokrit im Rennen von etwa 38 auf 63 Prozent, weil die Milz zusätzliche rote Blutkörperchen ausschüttet. Das Blut wird buchstäblich sauerstoffreicher, sobald es losgeht.
Kaltblut, Vollblut, Pony: wer hat wie viel PS
Weil Leistung sich aus Kraft mal Geschwindigkeit ergibt, kommen verschiedene Pferdetypen auf verschiedenen Wegen zu ihren Werten.
Das Kaltblut liefert Kraft. Als Zugkraft über einen Arbeitstag gelten 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts, dieser Wert zieht sich durch die Fachliteratur seit den 1950er Jahren. Ein 700-Kilo-Kaltblut bringt also 70 bis 105 Kilogramm Zugkraft auf, das sind 690 bis 1030 Newton. Im Schritt bei 1,5 Metern pro Sekunde ergibt das 1030 bis 1550 Watt, also 1,4 bis 2,1 PS. Die Geschwindigkeit bleibt der begrenzende Faktor.
Das Vollblut liefert Tempo. Die Zugkraft fällt geringer aus, dafür erreicht es 17 Meter pro Sekunde. Über diesen Weg kommt es auf die oben gerechneten 7 bis 9 PS.
Das Pony rechnet sich schlicht herunter. Ein 300-Kilo-Pony mit 10 Prozent Zugkraft zieht mit rund 294 Newton. Im Schritt sind das 441 Watt, also etwa 0,6 PS. Ein kräftiges Robustpony liegt bei knapp 1 PS. Die alte Vorstellung vom Grubenpony, das eine Pferdestärke bringt, passt damit ganz gut zur Wirklichkeit.
Das Warmblut liegt dazwischen. Interessant ist der Befund aus der Leistungsphysiologie, dass Kaltblutrassen niedrigere maximale Herzfrequenzen erreichen als Vollblüter. Sie sind auf Kraft gebaut, weniger auf Sauerstoffdurchsatz.
Zugkraft und Leistung sind zwei verschiedene Dinge
Bei Zugwettbewerben kursieren Zahlen, die auf den ersten Blick unglaublich wirken. Ein Blick auf die Physik ordnet sie ein.
Aus den Wettbewerben in Indiana, wo ab 1926 sieben Messeveranstalter gemeinsam ein Dynamometer betrieben und in elf Jahren rund 6000 Zugpferde und Maultiere antraten, sind mehrere Weltrekorde dokumentiert. 1930 zog ein Percheron-Gespann von 1774 Kilogramm Gesamtgewicht eine Zugkraft von 1599 Kilogramm. 1931 legte ein Belgier-Gespann mit 1651 Kilogramm Gewicht bei 1644 Kilogramm Zugkraft nach. Aus jüngerer Zeit: Beim Calgary Stampede zog 2012 ein Belgier-Paar 13.400 Pfund Totgewicht, 2014 schaffte ein Paar bei der National Western Stock Show 17.000 Pfund.
Am spektakulärsten klingt eine Angabe von 1924, nach der ein Shire-Gespann 50 Tonnen bewegte. Diese Zahl beschreibt allerdings die Last auf Rädern oder Schienen, nicht die Zugkraft. Der Rollwiderstand auf gutem Untergrund liegt bei wenigen Prozent des Gewichts. Eine 50-Tonnen-Last auf Schienen verlangt vielleicht 500 bis 1500 Kilogramm Zugkraft, und die bringen zwei Shires auf.
Für die Leistung in PS heißt das: Bei einem Zugwettbewerb kriecht das Gespann wenige Meter über den Boden. Die Kraft ist gewaltig, die Geschwindigkeit winzig. Die Leistung in Watt fällt dabei deutlich geringer aus als beim schnellen Ziehen einer moderaten Last. Hohe Zugkraft und hohe Leistung sind zwei verschiedene Dinge.
Ersetzt ein Auto mit 100 PS wirklich hundert Pferde?
Rechnerisch ja, praktisch bewegt sich das auf zwei verschiedenen Ebenen.
Der Motor erreicht seine 100 PS bei einer bestimmten Drehzahl, oft bei 5000 bis 6000 Umdrehungen pro Minute. Im Leerlauf leistet er einen Bruchteil davon, im Stillstand nichts. Deshalb braucht ein Auto Kupplung und Getriebe, um überhaupt anzufahren.
Ein Pferd zieht aus dem Stand. Es legt sich ins Geschirr, stemmt sein Körpergewicht gegen die Last und bringt volle Kraft bei null Geschwindigkeit. Genau darum waren Zugpferde beim Anfahren schwerer Fuhrwerke und im weichen Gelände so lange konkurrenzfähig. Der Positionspapier-Text der VFD beschreibt diesen Vorgang gut: Das Pferd braucht beim Antreten die Zeit, sich nach vorne zu lehnen, bevor es den ersten Schritt macht. Ein schweres Pferd ist deshalb nicht automatisch kräftiger, es bringt aber mehr Körpergewicht gegen die Last.
Dazu kommt die Dauer. Hundert Pferde in Dauerarbeit liefern hundert PS über acht Stunden, tanken unterwegs Wasser und Heu und laden sich über Nacht selbst wieder auf. Der 100-PS-Motor hält seine Spitzenleistung ebenfalls lange, verbraucht dabei aber ungefähr 25 Liter Kraftstoff pro Stunde.
Die ehrliche Antwort lautet also: Ein Auto mit 100 PS liefert bei Autobahntempo tatsächlich die Leistung von rund hundert dauerhaft arbeitenden Pferden. An der Ampel, im Schlamm und beim Anfahren mit schwerer Last verhält es sich völlig anders als ein Gespann.
Der Mensch im Vergleich
Zum Einordnen hilft ein Blick auf die eigene Art.
Ein gesunder Mensch bringt dauerhaft rund 0,1 PS, also etwa 75 Watt. Das entspricht gemütlichem Radfahren.
Kurzzeitig sind rund 1,2 PS möglich, also knapp 900 Watt.
Trainierte Sportler halten über mehrere Stunden etwa 0,35 PS, also rund 260 Watt. Radprofis auf der Tour liegen in diesem Bereich.
In der Spitze schaffen Sportler rund 2,5 PS für wenige Sekunden.
Für Usain Bolt errechnete das Institute of Physics beim 100-Meter-Weltrekord eine Spitzenleistung von rund 3,5 hp, also etwa 2,6 Kilowatt.
Ein Pferd übertrifft den Menschen damit bei der Dauerleistung um das Zehnfache und in der Spitze um das Vier- bis Fünffache. Die Muskelmasse erklärt einen Teil davon, der Rest liegt bei Herz, Milz und Sauerstoffdurchsatz.
Was diese Zahlen für den Alltag mit dem eigenen Pferd bedeuten
Für Dich als Reiterin oder Fahrer sind vor allem drei Werte brauchbar.
Erstens die Zugkraft. Für die tägliche Arbeit gelten 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts als zumutbare Dauerzugkraft, wobei die Schweizer Untersuchung mit 10 Prozent arbeitete und schon dabei mittlere bis schwere Arbeitsintensität feststellte. Bei einem Gespann kommen 10 Prozent Abzug für den Gespannverlust dazu. Ein 600-Kilo-Pferd zieht also gut mit rund 60 Kilogramm Zugkraft über den Tag, und mit dieser Last legt ein Arbeitspferd nach der Literatur etwa 32 Kilometer zurück.
Zweitens der Erholungspuls. Eine gängige Trainerregel besagt, dass sich die Arbeitsherzfrequenz 60 Sekunden nach Belastungsende halbiert haben sollte. In der Schweizer Messung traf das nach 15 Minuten leichter Zugarbeit zu, bei längerer und schwererer Arbeit verlängerte sich die Erholung deutlich. Eine neuere Untersuchung von Lindner und Kollegen zeigt außerdem, dass Pferde mit niedrigem Ruhepuls schneller herunterkommen. Es lohnt sich also, den eigenen Ruhepuls des Pferdes zu kennen und daran zu messen, statt an einem allgemeinen Grenzwert.
Drittens der Schweiß. Die Skala von Zeyner ordnet Schweißbilder Flüssigkeitsverlusten zu. Nasser Hals und feuchte Stellen unter dem Geschirr stehen für Stufe 2. Tropfender Schweiß an den Augen, nasse Flanken und weißer Schaum zwischen den Schenkeln stehen für Stufe 5, also 12 bis 18 Liter Verlust. Das ist eine Menge, die ein Pferd über Wasser und Elektrolyte zurückholen möchte.
Häufige Fragen
Hat ein Pferd wirklich nur 1 PS?
Ein Pferd leistet dauerhaft ungefähr 1 PS, kurzzeitig ein Vielfaches davon. James Watt hat seine Einheit an der Tagesleistung eines Mühlenpferdes ausgerichtet und dabei großzügig aufgerundet. Gemessene Werte an Arbeitspferden liegen bei 1,11 bis 1,25 PS bei normaler Last.
Wie viel PS hat ein Kaltblut?
Über einen Arbeitstag rund 1 bis 2 PS, je nach Gewicht und Tempo. Über 30 Minuten hohe Belastung wurden bei Freibergern 2,63 bis 2,85 PS pro Pferd gemessen. In der Sekundenspitze bei einem Zugwettbewerb sind rund 15 PS dokumentiert.
Wie viel PS hat ein Pony?
Ein 300-Kilo-Pony kommt im Schritt auf etwa 0,6 PS Dauerleistung. Kräftige Robustponys erreichen knapp 1 PS. Die Leistung skaliert weitgehend mit dem Körpergewicht.
Wie viel kW hat ein Pferd?
Die Dauerleistung liegt bei rund 0,74 Kilowatt. Der höchste gemessene Spitzenwert beträgt 11,1 Kilowatt über wenige Sekunden. Ein Galopper im Rennen liegt rechnerisch bei 5,6 bis 7 Kilowatt.
Wie viel PS hat ein Mensch?
Dauerhaft rund 0,1 PS, kurzzeitig etwa 1,2 PS. Trainierte Sportler halten rund 0,35 PS über Stunden und erreichen in der Spitze etwa 2,5 PS.
Warum heißt es Pferdestärke?
James Watt suchte in den 1780er Jahren eine Vergleichsgröße, mit der Käufer die Leistung seiner Dampfmaschinen einschätzen konnten. Pferde waren damals die verbreitete Antriebsquelle, also rechnete er die Maschinenleistung in Pferden um.
Wie viel Gewicht kann ein Pferd ziehen?
Für die Dauerarbeit gelten 10 bis 15 Prozent des Körpergewichts als Zugkraft. Die gezogene Last liegt weit darüber, weil auf Rädern oder Schienen nur der Rollwiderstand zu überwinden ist. Auf ebener, fester Strecke bewegt ein Pferd das Ein- bis Zweifache seines Körpergewichts als Wagenlast, bei Zugwettbewerben auf kurzer Distanz ein Vielfaches davon.
Ist ein Auto mit 100 PS so stark wie 100 Pferde?
Bei Reisetempo entspricht die Leistung tatsächlich rund hundert dauerhaft arbeitenden Pferden. Beim Anfahren aus dem Stand liegt der Vergleich schief, weil ein Motor Drehzahl braucht, während ein Pferd seine volle Kraft aus dem Stillstand aufbringt.
Quellen und Messgrundlagen
Herholz C., Siegwart J., Bruckmaier R. M., Rytz E., Lamon I., Muhr M., Stirnimann R. (2022): Kontinuierliche Zugkraftmessung und Leistungserhebung bei Arbeitspferden, eine Pilotstudie. Pferdeheilkunde 38, 109 bis 117.
Stevenson R. D., Wassersug R. J. (1993): Horsepower from a horse. Nature 364, 195.
Collins E. V., Caine A. B. (1926): Testing Draft Horses. Iowa Agricultural Experiment Station Bulletin 240.
Birlenbach Potard U. S., Leith D. E., Fedde M. R. (1998): Force, speed, and oxygen consumption in Thoroughbred and draft horses. Journal of Applied Physiology 84, 2052 bis 2059.
Zeyner A. und Kollegen (2013): Scoring of sweat losses in exercised horses. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition.
DIN 66036 sowie Paragraf 3 der Einheitenverordnung zur Definition und zur rechtlichen Stellung von PS und Kilowatt.

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