Was ist vertikales Reiten? Herkunft, Idee und Kritik an der vertikalen Reitweise
Beim Begriff „vertikales Reiten“ entsteht zunächst schnell ein falsches Bild: ein Pferd mit möglichst hoch getragenem Hals und Kopf, hoch gehoben, statt vorwärts-abwärts geritten. Ganz so einfach ist es nicht.
Das vertikale Reiten ist eine Ausbildungsmethode innerhalb der klassischen Reitkunst, die heute vor allem mit dem portugiesischen Reitmeister Manuel Jorge de Oliveira und den Oliveira Stables verbunden wird. Im Mittelpunkt steht die sogenannte vertikale Balance. Das Pferd soll lernen, sich zunehmend selbst zu tragen, seinen Körper auszubalancieren, die Hinterhand stärker einzubeziehen und mit möglichst feinen Hilfen geritten zu werden.
Dabei wird tatsächlich häufig mit einer deutlich höheren Hals- und Kopfposition gearbeitet als in vielen anderen Ausbildungssystemen. Das ist jedoch nur ein Teil der Methode. Ebenso wichtig sind Seitengänge, langsame und versammelnde Arbeit, Handarbeit, das Durchreiten von Ecken, Flexionen, Mobilisation und später Lektionen wie Piaffe und Passage.
Und genau hier beginnt die Diskussion.
Denn einige Grundgedanken des vertikalen Reitens sind keineswegs exotisch. Balance, Geraderichtung, Seitengänge, eine tragfähige Hinterhand und möglichst wenig Zügeleinwirkung gehören seit Jahrhunderten zur klassischen Pferdeausbildung. Kritisch wird es dort, wo aus diesen Grundideen sehr spezielle Vorstellungen darüber entstehen, wie ein Pferd seinen Hals, Rücken und seine Hinterhand benutzen soll und auf welchem Weg Versammlung erzeugt wird.
Dazu gibt es inzwischen durchaus wissenschaftliche Erkenntnisse. Allerdings muss man gleich zu Beginn etwas Wichtiges festhalten:
Eine wissenschaftliche Studie, in der „vertikales Reiten nach Manuel Jorge de Oliveira“ als vollständige Trainingsmethode untersucht und beispielsweise mit FN-Dressur, der Légèreté oder anderen Ausbildungssystemen verglichen wurde, gibt es nach meiner Recherche nicht.
Man kann also wissenschaftlich weder behaupten, die Methode sei als Ganzes nachweislich gesund, noch lässt sich seriös sagen, sie sei als Ganzes wissenschaftlich bewiesen gesundheitsschädlich.
Was man sehr wohl untersuchen kann, sind einzelne biomechanische Prinzipien, auf denen diese Reitweise beruht.
Was bedeutet vertikales Reiten genau?
Manuel Jorge de Oliveira selbst beschreibt die vertikale Balance als Ziel allen Reitens. Der Begriff „vertikal“ bezeichnet deshalb nicht einfach die Position der Nase des Pferdes oder einen möglichst senkrechten Hals.
Gemeint ist vielmehr ein Pferd, das sich nach dieser Vorstellung zunehmend im Gleichgewicht trägt und jederzeit in unterschiedliche Bewegungsrichtungen und Lektionen übergehen kann. Auf der offiziellen Seite der Oliveira Stables wird die Ausbildungsreihe deshalb ausdrücklich „Vertikal“ genannt, weil die vertikale Balance das Endziel der Ausbildung darstellen soll.
Typisch für die Ausbildung sind unter anderem viel Arbeit im Schritt und Trab, zahlreiche Seitengänge und Kombinationen daraus, Schulterherein, Travers, Renvers, Traversalen, Volten, gezielte Arbeit in den Ecken sowie Handarbeit. Bereits in der ersten Ausbildungsstufe nehmen Seitengänge einen großen Raum ein, weil sie der Mobilisierung und Geraderichtung dienen sollen.
Später kommen zunehmende Versammlung, Galopparbeit, Piaffe, Passage und Lektionen der Hohen Schule hinzu.
Auffällig ist dabei häufig die eher aufgerichtete Haltung des Pferdes, teilweise schon relativ früh in der Ausbildung. Genau dieser Punkt unterscheidet die vertikale Reitweise sichtbar von Ausbildungssystemen, in denen junge oder noch wenig trainierte Pferde zunächst deutlich länger in einer nach vorne und unten orientierten Dehnungshaltung gearbeitet werden.
Wer hat das vertikale Reiten erfunden?
Manuel Jorge de Oliveira hat weder Seitengänge noch Versammlung, Piaffe oder das Reiten mit möglichst feinen Hilfen erfunden. Diese Elemente sind Jahrhunderte alt.
Er hat aber die heute als „Vertikal“ beziehungsweise „vertikale Reitweise“ bezeichnete Schule wesentlich geprägt und unter diesem Namen verbreitet.
Die geistige Ahnenreihe führt weit zurück.
Eine zentrale Rolle spielt der französische Reitmeister François Baucher (1796–1873). Baucher war schon zu Lebzeiten ausgesprochen umstritten und entwickelte seine Methode mehrfach grundlegend weiter. Deshalb unterscheidet man heute seine sogenannte erste und zweite Manier.
Baucher legte in seiner späteren Arbeit unter anderem großen Wert auf Leichtigkeit, Gleichgewicht, Mobilität und eine aufgerichtete Halsposition. Ein berühmtes Prinzip seiner zweiten Manier lautete sinngemäß: Hand ohne Bein, Bein ohne Hand.
Über mehrere reiterliche Generationen gelangten Teile dieses Gedankenguts zu Nuno Oliveira, einem der bekanntesten portugiesischen Reitmeister des 20. Jahrhunderts.
Manuel Jorge de Oliveira beschreibt selbst, dass Nuno Oliveira ihm den Zugang zu Bauchers Lehre eröffnet habe und dass Bauchers Ideen zu einer seiner wichtigsten Inspirationen wurden. Auf seiner eigenen Seite bezeichnet er den Baucherismus ausdrücklich als Quelle und Essenz der vertikalen Reiterei.
Die vereinfachte Linie lautet also:
François Baucher → verschiedene Schülergenerationen → Nuno Oliveira → Manuel Jorge de Oliveira → heutige vertikale Reitweise.
Dazu kommen Einflüsse anderer klassischer Schulen, insbesondere der iberischen Reitkunst.
Warum wird beim vertikalen Reiten der Hals häufig höher getragen?
Hier liegt einer der entscheidenden Unterschiede zu vielen heutigen Ausbildungskonzepten.
Ein Pferd trägt von Natur aus ungefähr 55 bis 60 Prozent seines Körpergewichts auf der Vorderhand. Kommt ein Reiter hinzu, verändert sich dieses Verhältnis zusätzlich.
Für höhere Versammlung soll deshalb ein Teil der Last stärker von der Hinterhand übernommen werden. Das ist keine Besonderheit des vertikalen Reitens, sondern ein klassisches Ziel der Dressurausbildung.
Vertikale Reiter versuchen dies unter anderem durch langsameres Tempo, Seitengänge, Gelenkbeugung der Hinterhand, eine zunehmende Aufrichtung und eine veränderte Balance zu erreichen.
Und tatsächlich gibt es einen interessanten wissenschaftlichen Befund dazu.
Untersuchungen verschiedener Kopf-Hals-Positionen zeigen, dass eine angehobene Halsposition die Lastverteilung verändern kann. In einer Studie verringerte sich bei verschiedenen angehobenen Kopf-Hals-Positionen der relative Anteil des vertikalen Impulses auf der Vorderhand. Es fand also tatsächlich eine gewisse Verschiebung in Richtung Hinterhand statt.
Damit lässt sich nachvollziehen, woher die Vorstellung kommt, über Aufrichtung mehr Balance beziehungsweise Belastung der Hinterhand zu erzeugen.
Allerdings folgt daraus keineswegs automatisch, dass „je höher der Hals, desto besser“ gilt.
Denn dieselben Untersuchungen zeigen gleichzeitig Nebenwirkungen bestimmter hoher Positionen.
Hoher Hals bedeutet nicht automatisch einen tragenden Rücken
Genau an dieser Stelle wird die Biomechanik komplizierter als viele reiterliche Lehrsätze.
Die Kopf-Hals-Position beeinflusst unmittelbar die Bewegung der Wirbelsäule.
Eine häufig zitierte Studie von Gómez Álvarez und Kollegen untersuchte sieben hoch ausgebildete Dressurpferde in verschiedenen Kopf-Hals-Positionen. Bei erhöhtem Hals nahm die Streckung im vorderen Brustwirbelsäulenbereich zu, während sich gleichzeitig die Bewegung der hinteren Brust- und Lendenwirbelsäule veränderte. Die Bewegungsamplitude der Wirbelsäule nahm bei verschiedenen angehobenen Positionen ab.
Bei einer extrem hohen Kopf-Hals-Position wurde außerdem die normale Bewegungskoordination beeinträchtigt und das Vorführen der Hintergliedmaßen reduziert. Die Autoren kamen ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass eine sehr hohe Kopf-Hals-Position die normale Kinematik stören kann.
Eine andere Untersuchung mit acht Reitpferden kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Wurde Kopf und Hals hoch fixiert, verringerte sich insbesondere im Schritt die Bewegung des hinteren Rückens. Gleichzeitig wurde die Schrittlänge kürzer. (PubMed)
Das ist biomechanisch ein wichtiger Punkt.
Ein Pferd kann optisch sehr aufgerichtet erscheinen, ohne dass der Rumpf tatsächlich entsprechend angehoben und die Hinterhand funktionell tragender geworden ist.
Aufrichtung und Versammlung sind nicht dasselbe.
Was ist echte Versammlung?
Bei einer korrekteren Versammlung verändert sich nicht einfach nur die Halsposition.
Das Pferd verkürzt seine Schritte, behält jedoch Aktivität und Energie. Knie- und Sprunggelenke werden stärker gebeugt, die Hintergliedmaßen übernehmen einen größeren Anteil am vertikalen Impuls und der gesamte Bewegungsablauf verändert sich.
Bei sechs Grand-Prix-Dressurpferden konnten Weishaupt und Kollegen beispielsweise zeigen, dass in der Passage tatsächlich mehr Impuls von der Hinterhand übernommen wurde. Der Anteil der Vorderhand verringerte sich um rund 4,8 Prozent. (PubMed)
Interessanterweise ergaben ältere Untersuchungen gleichzeitig, dass Pferde bei zunehmender Versammlung nicht einfach immer weiter mit den Hinterbeinen unter den Bauch treten. Entscheidend sind vielmehr Gelenkbeugung, Beckenbewegung, Bewegungsdauer und Lastaufnahme. (PubMed)
Das ist wichtig, weil man Versammlung optisch leicht falsch beurteilen kann.
Ein spektakulär hoch gehobenes Vorderbein sagt wenig darüber aus, wie viel Last tatsächlich hinten getragen wird.
Ebenso wenig beweist ein hoch getragener Hals einen angehobenen Brustkorb.
Warum spielen Seitengänge beim vertikalen Reiten eine so große Rolle?
Hier besitzt die Methode durchaus einen Ansatz, der sich mit moderner Biomechanik vereinbaren lässt.
Schulterherein, Travers, Renvers und Traversalen verändern Bewegungsmuster, Koordination und Gewichtsverteilung. Sie können sinnvoll eingesetzt werden, um Beweglichkeit, Balance und Geraderichtung zu verbessern.
Auch wissenschaftlich sind Seitengänge keineswegs als grundsätzlich problematisch anzusehen.
Eine Untersuchung zum Schulterherein mit 40 Pferden fand sowohl biomechanische als auch Verhaltens- und physiologische Veränderungen und kam zu dem Ergebnis, dass korrekt ausgeführtes Schulterherein positive Auswirkungen haben kann. Gleichzeitig betonen die Autoren ausdrücklich, dass die Qualität der Ausführung entscheidend ist und die Übung ohne Zwang erfolgen sollte. (ScienceDirect)
Genau darin liegt ein Punkt, bei dem sich vermutlich nahezu alle ernsthaften Ausbildungssysteme treffen können:
Ein korrekt gerittenes Schulterherein kann ausgezeichnete Gymnastik sein. Ein schlecht gerittenes Schulterherein bleibt ein schlecht gerittenes Schulterherein, ganz gleich, welches Etikett am Reitplatz hängt.
Auch Messungen der Sattel- und Schenkelkräfte zeigen, dass Schulterherein und Travers tatsächliche Veränderungen der Kräfte zwischen Reiter und Pferd hervorrufen. (PubMed)
Das häufige Arbeiten mit Seitengängen ist deshalb nicht der problematische Kern der vertikalen Reitweise.
Warum wird vertikales Reiten trotzdem so kritisch diskutiert?
Die Kritik richtet sich hauptsächlich gegen die Kombination mehrerer Dinge:
eine teilweise sehr frühe oder deutliche Aufrichtung, relativ langsame Bewegungsabläufe, viel versammelnde Arbeit, teilweise starke Betonung von Piaffe und Passage sowie die Frage, ob dabei der Rücken wirklich funktionell trägt oder lediglich eine bestimmte äußere Form entsteht.
Hinzu kommt, dass sich rund um die Methode eine ausgesprochen starke Philosophie entwickelt hat.
Auf der offiziellen Seite von Manuel Jorge de Oliveira finden sich Formulierungen, nach denen es grundsätzlich einen „Weg der Wahrheit“ und einen „Weg der Lüge“ in der Pferdeausbildung gebe. Gleichzeitig wird die Lehre als altes beziehungsweise nahezu verloren gegangenes Wissen dargestellt.
Solche Formulierungen erklären vermutlich einen Teil der heftigen Reaktionen innerhalb der Reiterwelt. Sie erzeugen schnell den Eindruck, eine bestimmte Schule beanspruche eine alleinige Wahrheit.
Für die biomechanische Bewertung eines Pferdes ist das allerdings unerheblich.
Ein Pferderücken liest keine Reitphilosophie.
Er reagiert auf Kräfte, Muskelaktivität, Gelenkbewegung, Trainingszustand, Ermüdung und die Art, wie sich das Pferd bewegt.
Deshalb ist es sinnvoller, nicht darüber zu streiten, welche Reitlehre philosophisch „wahr“ ist, sondern sich das einzelne Pferd anzusehen.
Vertikales Reiten kritisch betrachtet: Was passiert mit dem Rücken?
Ein häufiges Argument von Befürwortern lautet, dass durch die Seitengänge, die Beugung der Hinterhand und die vertikale Balance der Widerrist angehoben und die Rückenmuskulatur gestärkt werde. Solche Beschreibungen finden sich auch bei verschiedenen Trainern dieser Schule.
Grundsätzlich ist eine solche Entwicklung biomechanisch möglich.
Problematisch wird es jedoch, wenn die Aufrichtung hauptsächlich durch Halsposition, Zügeleinwirkung oder eine Verkürzung des Bewegungsrahmens entsteht, ohne dass Brustkorb und Hinterhand entsprechend mitarbeiten.
Bei einer deutlich angehobenen Kopf-Hals-Position kann die Beweglichkeit des Rückens abnehmen. In der bereits genannten Untersuchung war insbesondere die extrem hohe Position mit einer Störung der normalen Rückenbewegung und reduzierter Hinterbeinprotraktion verbunden. (PubMed)
Damit lässt sich nicht beweisen, dass jedes vertikal gerittene Pferd seinen Rücken wegdrückt.
Es lässt sich aber ebenso wenig behaupten, dass eine hohe Halsposition automatisch den Rücken anhebt.
Genau deshalb ist die sichtbare Haltung allein kein ausreichendes Qualitätsmerkmal.
Ein interessanter neuer Forschungsansatz zur Piaffe
Besonders spannend ist eine 2026 veröffentlichte Arbeit zur Ausbildung von Piaffe und Passage mittels Touchieren der Gliedmaßen.
Dabei handelt es sich nicht um eine experimentelle Studie speziell über die Oliveira-Methode, sondern um einen literaturbasierten biomechanischen Review.
Der Autor setzt sich mit der verbreiteten Ausbildungstechnik auseinander, bei der ein Pferd an der Hand durch Berühren beziehungsweise Touchieren eines Beines zum stärkeren Anheben der Gliedmaße gebracht wird.
Seine These: Das Anheben eines Beines infolge eines taktilen Reizes kann teilweise auf einem neurologischen Beugungs- beziehungsweise Entlastungsreflex beruhen. Eine hoch gehobene Gliedmaße wäre dann noch kein Beweis für echte Lastaufnahme und Versammlung.
Der Autor unterscheidet deshalb zwischen einem Pferd, das lediglich die Beine stark hebt, und einem Pferd, bei dem sich die gesamte Rumpf- und Hinterhandmechanik entsprechend verändert. Er warnt insbesondere vor einer Kombination aus Bein-Touchieren und zusätzlicher Kopf-Hals-Fixierung. (PubMed)
Auch diese Arbeit beweist nicht, dass Handarbeit oder Touchieren grundsätzlich falsch wären.
Sie liefert aber eine sehr interessante biomechanische Erklärung für etwas, das erfahrene Pferdeleute seit langem beobachten:
Man kann einem Pferd beibringen, die Beine spektakulär zu bewegen, ohne dass daraus automatisch Versammlung entsteht.
Ist vorwärts-abwärts grundsätzlich besser?
Nein. Auch hier wäre eine einfache Antwort fachlich falsch.
Ein Pferd dauerhaft tief, eng oder hinter der Senkrechten zu reiten, ist selbstverständlich keine sinnvolle Alternative.
Ebenso wenig muss ein ausgebildetes Pferd während jeder Minute einer Trainingseinheit mit langem Hals vorwärts-abwärts laufen.
Die Forschung zeigt vielmehr, dass unterschiedliche Kopf-Hals-Positionen unterschiedliche Auswirkungen haben.
Extrempositionen sind dabei besonders interessant. Eine extrem hohe Haltung kann Bewegungsmuster beeinträchtigen, während sehr tiefe und gleichzeitig stark gebeugte Positionen ebenfalls problematisch sein können. (PubMed)
Ein gesundes Training besteht deshalb normalerweise nicht aus einer einzigen Halsposition, sondern aus einer funktionellen Beweglichkeit des gesamten Systems.
Ein Pferd sollte den Hals anheben können.
Es sollte ihn aber auch wieder fallen lassen können.
Es sollte sich versammeln können.
Und es sollte sich strecken können.
Gerade diese Fähigkeit zum Wechsel ist biomechanisch wesentlich interessanter als ein festes Idealbild.
Welche Vorteile kann vertikales Reiten haben?
Bei aller Kritik wäre es falsch, die gesamte Methode in einen Sack zu stecken und diesen anschließend kräftig gegen die Reithallenwand zu werfen.
Mehrere Grundideen sind sinnvoll:
Die intensive Beschäftigung mit Balance und Geraderichtung ist positiv. Seitengänge können ausgezeichnete gymnastische Übungen sein. Der Anspruch, mit immer feineren Hilfen auszukommen, ist grundsätzlich pferdefreundlich. Ein Pferd individuell zu beurteilen statt ein starres Trainingsschema über jedes Tier zu legen, ist ebenfalls vernünftig.
Auch langsameres Arbeiten kann für manche Pferde hilfreich sein, beispielsweise wenn hektisches Vorwärtslaufen zunächst reduziert werden muss.
Ebenso können erfahrene Ausbilder mit Übungen aus dieser Schule Pferden durchaus zu besserer Beweglichkeit und Koordination verhelfen.
Das Problem entsteht nicht durch das Wort „vertikal“.
Es entsteht dort, wo eine bestimmte Form wichtiger wird als die Funktion.
Wann würde ich bei einem vertikal gerittenen Pferd genauer hinschauen?
Nicht die Reitweise auf dem Schild an der Bande entscheidet darüber, ob ein Pferd gut gearbeitet wird.
Interessanter ist das Pferd selbst.
Ich würde beispielsweise darauf achten, ob der Rücken unter dem Reiter sichtbar und fühlbar beweglich bleibt, ob das Pferd problemlos seinen Hals verlängern kann, ob der Brustkorb zwischen den Schulterblättern getragen erscheint, ob die Hinterbeine nicht lediglich schnell angehoben werden, sondern tatsächlich Last aufnehmen, ob der Bewegungsablauf taktrein bleibt und ob die Muskulatur des Pferdes sich über Monate sinnvoll entwickelt.
Auch Übergänge sind aufschlussreich.
Ein wirklich ausbalanciertes Pferd sollte seine Haltung nicht verlieren, sobald der Reiter etwas weniger kontrolliert.
Selbsthaltung bedeutet schließlich genau das: Das Pferd hält sich zunehmend selbst.
Kann vertikales Reiten gesundheitsschädlich sein?
Man kann diese Frage seriös nur differenziert beantworten.
Eine dauerhaft erzwungene, sehr hohe Kopf-Hals-Position kann biomechanisch ungünstige Auswirkungen haben. Dass extreme hohe Positionen die Bewegung des Rückens verändern, die Schrittlänge reduzieren und teilweise die Hinterbeinbewegung beeinträchtigen können, ist wissenschaftlich belegt. (PubMed)
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jedes Pferd, das im Rahmen der vertikalen Reitweise gearbeitet wird, zwangsläufig Schaden nimmt.
Entscheidend sind Ausmaß, Dauer, Trainingszustand, Kraft, Bewegungsqualität und die tatsächliche Ausführung.
Ein gut trainiertes Pferd in echter Versammlung darf selbstverständlich eine hohe Aufrichtung zeigen. Das ist auch in klassischer Dressur, bei der Spanischen Hofreitschule oder in anderen Reitkunsttraditionen nichts Ungewöhnliches.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Wie hoch ist der Hals?
Sondern:
Wie kommt der Hals dort hin und was macht der übrige Pferdekörper dabei?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Gibt es Studien speziell zum vertikalen Reiten?
Nach meiner Recherche gibt es bislang keine kontrollierte wissenschaftliche Studie, die die komplette Methode „Vertikales Reiten nach Manuel Jorge de Oliveira“ untersucht.
Das sollte man deutlich sagen.
Es existieren viele Aussagen von Trainern, Reitern und Therapeuten, sowohl ausgesprochen positive als auch sehr kritische Erfahrungsberichte. Diese können interessante Beobachtungen liefern, sind aber keine kontrollierten wissenschaftlichen Nachweise.
Für eine sachliche Bewertung sind deshalb Studien zu den einzelnen biomechanischen Bausteinen wesentlich hilfreicher:
Kopf-Hals-Positionen, Rückenbewegung, Lastverteilung zwischen Vorder- und Hinterhand, Versammlung, Seitengänge, Piaffe, Passage und Reiter-Pferd-Interaktion.
Und diese Forschung ergibt kein simples Schwarz-Weiß-Bild.
Aufrichtung kann die Lastverteilung verändern.
Versammlung kann tatsächlich mehr Belastung auf die Hinterhand bringen.
Seitengänge können sinnvoll gymnastizieren.
Eine zu hohe oder fixierte Kopf-Hals-Position kann gleichzeitig die Rückenbewegung einschränken.
Und hohe Beinaktion ist noch lange kein Beweis für echte Versammlung.
Ist vertikales Reiten nun gut oder schlecht?
Die sinnvollste Antwort lautet: Es enthält sowohl nachvollziehbare klassische Ausbildungsprinzipien als auch Elemente, die biomechanisch kritisch betrachtet werden sollten.
Geraderichten, Mobilisieren, Seitengänge, Balance, feinere Hilfen und eine zunehmende Tragfähigkeit der Hinterhand sind keine fragwürdigen Ziele. Im Gegenteil.
Problematisch wird es, wenn aus dem berechtigten Wunsch nach Aufrichtung ein dauerhaft hoch eingestelltes Pferd entsteht, dessen Rückenbewegung eingeschränkt wird. Ebenso kritisch ist es, optische Merkmale wie einen hohen Hals oder stark angehobene Beine mit tatsächlicher Versammlung gleichzusetzen.
Die Wissenschaft liefert dafür inzwischen einen ziemlich vernünftigen Kompass.
Echte Versammlung zeigt sich nicht an einem einzelnen Körperteil.
Sie ist eine Veränderung des gesamten Bewegungsapparates.
Fazit: Was ist vertikales Reiten?
Vertikales Reiten ist eine moderne Bezeichnung für eine auf klassischen und insbesondere baucheristischen Traditionen beruhende Reitweise, die heute eng mit Manuel Jorge de Oliveira verbunden ist.
Ziel ist die sogenannte vertikale Balance: ein selbsttragendes, bewegliches Pferd, das zunehmend versammelt und mit möglichst feinen Hilfen geritten werden kann.
Dafür werden unter anderem Seitengänge, Handarbeit, langsame und versammelnde Arbeit sowie eine vergleichsweise hohe Aufrichtung eingesetzt.
Viele dieser Elemente sind Bestandteil klassischer Pferdeausbildung und können sinnvoll sein.
Die besonders hohe Kopf-Hals-Position und die Frage, ob dadurch tatsächlich eine funktionell tragende Oberlinie entsteht, sollten allerdings kritisch betrachtet werden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen klar, dass die Halsposition die gesamte Rückenmechanik beeinflusst und dass besonders hohe beziehungsweise fixierte Positionen die Beweglichkeit des Rückens und teilweise auch die Bewegung der Hinterhand beeinträchtigen können.
Deshalb ist wahrscheinlich weder begeisterte Verehrung noch pauschale Verdammung besonders hilfreich.
Am Ende bleibt ein erstaunlich bodenständiger Maßstab:
Ein Ausbildungssystem muss sich nicht daran messen lassen, wie überzeugend seine Philosophie klingt, sondern daran, wie sich das Pferd darunter bewegt, entwickelt und langfristig körperlich zurechtkommt.
Und dafür braucht man weder Glaubenssätze noch Lagerdenken. Dafür braucht man gute Augen, Kenntnisse der Anatomie und ein Pferd, das einem jeden Tag ziemlich zuverlässig zeigt, was funktioniert.
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