Karl May Festspiele

Karl-May-Spiele Bad Segeberg: Winnetou, wilde Pferde und ein Stück Schleswig-Holstein

Ich komme aus Schleswig-Holstein und wohne ganz in der Nähe von Bad Segeberg. Natürlich war ich deshalb im Laufe der Jahre auch schon mehrfach bei den Karl-May-Spielen. Für uns hier oben gehören sie irgendwie zum Sommer dazu. Wenn am Kalkberg wieder Schüsse fallen, Pferde durch die Arena galoppieren und Winnetou irgendwo oben zwischen den Felsen auftaucht, weiß man: Es ist Karl-May-Zeit in Bad Segeberg.

Wer die Spiele noch nie selbst erlebt hat, unterschätzt leicht, was dort eigentlich veranstaltet wird. Das ist kein kleines Freilichttheater mit ein paar Cowboys auf der Bühne. Die natürliche Kulisse des Kalkbergs, mehrere Tausend Zuschauer, Pferde, Stunts, Explosionen, große Bühnenbilder und bekannte Schauspieler machen daraus ein ziemlich gewaltiges Spektakel.

Und erstaunlicherweise funktioniert dieses Konzept bereits seit mehr als 70 Jahren.

Seit 1952 wird Bad Segeberg jeden Sommer zum Wilden Westen

Die ersten Karl-May-Spiele in Bad Segeberg fanden 1952 statt. Damals war das Ganze noch erheblich bodenständiger als heute.

Unter dem Motto „Eine Stadt spielt Karl May“ beteiligten sich zahlreiche Menschen aus Bad Segeberg selbst an den Aufführungen. Einwohner spielten als Komparsen mit, nähten Kostüme oder kümmerten sich um die Pferde.

Besonders schön finde ich die Geschichte der damaligen „Mustangs“: Teilweise wurden schlicht die Arbeitspferde der Bauern aus der Umgebung ausgeliehen. Tagsüber waren sie brave Nutzpferde, abends ritten Winnetou und seine Gefährten auf ihnen durch den Wilden Westen.

Für die erste Inszenierung standen gerade einmal rund 25.000 DM zur Verfügung.

Von diesen Anfängen ist die heutige Produktion natürlich Lichtjahre entfernt.

Heute sind die Karl-May-Spiele eine professionelle Großveranstaltung und die Besucherzahlen bewegen sich seit Jahren in Größenordnungen, von denen viele Theater nur träumen können.

Der Kalkberg macht Bad Segeberg einzigartig

Einen großen Anteil daran hat der Veranstaltungsort selbst.

Das Freilichttheater liegt unmittelbar am Kalkberg. Dadurch wirkt die Kulisse tatsächlich ein wenig so, als hätte jemand einen Teil des Wilden Westens mitten nach Schleswig-Holstein versetzt.

Felsen, Wege und Höhenunterschiede werden in die Inszenierungen eingebaut. Schauspieler und Reiter tauchen an unterschiedlichen Stellen auf, Pferde galoppieren durch die Arena und natürlich gehören Schießereien, Stunts, Feuer und Explosionen inzwischen fest dazu.

Gerade diese räumliche Nähe macht einen großen Unterschied zum Fernsehen. Wenn ein Pferd wenige Meter vor einem vorbeigaloppiert oder eine Explosion durch das Stadion hallt, fühlt sich das eben anders an als ein Western auf dem Bildschirm.

Der Kalkberg hat allerdings auch eine dunkle Geschichte

Zur Geschichte des Freilichttheaters gehört ein Kapitel, das man nicht unterschlagen sollte.

Das heutige Kalkbergstadion wurde nicht ursprünglich für Karl May errichtet. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Gelände zu einer großen Versammlungs- und Veranstaltungsstätte ausgebaut. Unter dem Namen „Feierstätte der Nordmark“ diente es nationalsozialistischen Massenveranstaltungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für die große Arena gesucht.

Anfang der 1950er-Jahre entstand schließlich die Idee, dort die Geschichten Karl Mays aufzuführen.

Aus einem historisch schwer belasteten Veranstaltungsort entwickelte sich damit nach dem Krieg ein völlig anderes Stück Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins.

Winnetou am Kalkberg: von Pierre Brice bis Alexander Klaws

Natürlich steht und fällt Karl May mit Winnetou.

Über die Jahrzehnte haben deshalb zahlreiche Schauspieler die berühmten schwarzen Haare, das Stirnband und das Gewehr übernommen.

Einer der wichtigsten Wendepunkte kam 1988.

Damals wurde Pierre Brice für die Karl-May-Spiele verpflichtet. Für viele Menschen war Brice durch die berühmten Karl-May-Kinofilme der 1960er-Jahre schlicht Winnetou. Ihn plötzlich tatsächlich am Kalkberg reiten zu sehen, sorgte entsprechend für enorme Aufmerksamkeit.

Pierre Brice spielte Winnetou von 1988 bis 1991 in Bad Segeberg.

1992 übernahm Gojko Mitić die Rolle. Der Schauspieler war vor allem durch die Indianerfilme der DEFA bekannt und wurde häufig als „Winnetou des Ostens“ bezeichnet. Er blieb unglaubliche 15 Spielzeiten lang Winnetou und prägte die Karl-May-Spiele von 1992 bis 2006 wie kaum ein anderer Darsteller.

Danach folgten Erol Sander von 2007 bis 2012 und Jan Sosniok von 2013 bis 2018.

Seit 2019 trägt Alexander Klaws das Winnetou-Kostüm.

Vom ersten DSDS-Sieger zum Winnetou

Alexander Klaws ist dabei eigentlich ein wunderbares Beispiel dafür, wie sehr sich manche Karrieren entwickeln können.

Viele kennen ihn noch als Gewinner der allerersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ im Jahr 2003.

Danach hätte seine Karriere problemlos in der Schublade „ehemaliger Castingshow-Sänger“ verschwinden können. Stattdessen machte Klaws eine umfangreiche Musicalkarriere, spielte unter anderem Tarzan und entwickelte sich immer stärker zum Bühnendarsteller.

2019 wurde er schließlich Winnetou in Bad Segeberg.

Und das durchaus erfolgreich: Gleich seine erste Saison wurde für die Karl-May-Spiele historisch. 402.110 Zuschauer kamen 2019 zu „Unter Geiern – Der Sohn des Bärenjägers“. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bad Segeberger Spiele wurde damit die Marke von 400.000 Besuchern überschritten.

Inzwischen ist Alexander Klaws vom ehemaligen DSDS-Sieger zum festen Gesicht der Karl-May-Spiele geworden.

Prominente Schauspieler gehören in Bad Segeberg fast schon dazu

Neben Winnetou gibt es noch eine zweite Tradition: bekannte Gaststars.

Als erster großer Gaststar gilt Raimund Harmstorf, der 1976 als Santer auftrat und 1979 noch einmal als Old Firehand zurückkehrte.

Spätestens seit Ende der 1980er-Jahre gehören prominente Namen praktisch zum Konzept der Spiele.

Und wenn man die Besetzungslisten der vergangenen Jahrzehnte durchgeht, findet man erstaunlich viele bekannte Gesichter.

Ralf Wolter spielte 1991 beispielsweise Sam Hawkens. Freddy Quinn übernahm diese Rolle 1993 und 1994.

Ingrid van Bergen war ebenso dabei wie Ingrid Steeger, Elke Sommer, Horst Janson, Reiner Schöne und Dunja Rajter.

Auch jüngere Fernsehstars tauchten immer wieder am Kalkberg auf. Wayne Carpendale spielte beispielsweise 2003 mit, Tanja Szewczenko 2004.

Später kamen unter anderem Katy Karrenbauer, Sascha Hehn, Susan Sideropoulos, Raul Richter und Larissa Marolt hinzu.

Gerade diese Mischung funktioniert erstaunlich gut. Die Stammbesucher kommen wegen Karl May und Winnetou, während bekannte Namen zusätzlich Menschen neugierig machen, die vielleicht sonst nicht unbedingt auf die Idee gekommen wären, ein Karl-May-Stück anzusehen.

Dolly Dollar bei Karl May: Christine Zierl 2001 in Bad Segeberg

Eine Schauspielerin aus dieser langen Liste ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Christine Zierl, die damals noch unter ihrem Künstlernamen Dolly Dollar bekannt war.

Sie spielte 2001 bei der Jubiläumsinszenierung „Der Schatz im Silbersee“ mit.

Es war die 50. Saison der Karl-May-Spiele.

Gojko Mitić spielte Winnetou, Horst Janson Old Firehand und Dolly Dollar die Ingenieurin Ellen Patterson.

Interessant ist dieses Engagement auch aus einem ganz anderen Grund: Es war praktisch das Ende der „Dolly-Dollar-Zeit“.

Christine Zierl erklärte damals, dass bei den Karl-May-Spielen zum letzten Mal der Name Dolly Dollar auf den Plakaten stehen sollte. Anschließend wollte sie wieder unter ihrem eigentlichen Namen Christine Zierl auftreten.

Damit ist ausgerechnet Bad Segeberg ein kleiner Teil dieser persönlichen Schauspielgeschichte geworden.

Einige der bekanntesten Stars am Kalkberg

Die komplette Liste aller prominenten Darsteller würde inzwischen ziemlich lang werden. Einige Namen zeigen aber sehr schön, welche Bedeutung die Spiele im Laufe der Jahrzehnte bekommen haben:

1976 kam Raimund Harmstorf als Santer.

1980 spielten Chris Howland und Claus Wilcke mit.

1988 begann die große Pierre-Brice-Ära.

1991 stand Ralf Wolter als Sam Hawkens auf der Bühne.

1992 und 1993 spielte Christopher Barker, der Sohn des legendären Lex-Barker-Darstellers, Old Shatterhand.

1993 und 1994 folgte Freddy Quinn als Sam Hawkens.

1995 war Ingrid Steeger dabei.

1997 spielte Peter Hofmann Old Firehand.

1998 übernahm Horst Janson Old Shatterhand.

1999 gehörte Elke Sommer zum Ensemble.

2001 standen unter anderem Horst Janson und Dolly Dollar alias Christine Zierl auf der Bühne.

2002 folgten Reiner Schöne und Allegra Curtis.

2003 spielten Wayne Carpendale und Dunja Rajter mit.

Das ist längst nicht alles. Gerade diese wechselnden Gaststars gehören inzwischen aber fast genauso zum Bad-Segeberg-Sommer wie Winnetou selbst.

Besucherrekorde: Karl May ist erfolgreicher denn je

Man könnte vermuten, Karl May sei vor allem etwas für Menschen, die mit den alten Winnetou-Filmen aufgewachsen sind.

Die Besucherzahlen erzählen allerdings eine völlig andere Geschichte.

2019 kamen erstmals mehr als 400.000 Zuschauer.

2022 waren es 406.925 Besucher, 2023 bereits 430.321.

2024 erreichte „Winnetou II – Ribanna und Old Firehand“ sogar 445.298 Zuschauer.

Auch 2025 blieb das Niveau mit rund 445.000 Besuchern praktisch unverändert.

Von einem nostalgischen Auslaufmodell kann also wirklich keine Rede sein.

Karl-May-Spiele 2026: „Im Tal des Todes“

In der Saison 2026 wird am Kalkberg „Im Tal des Todes“ gespielt.

Die 73. Saison läuft vom 27. Juni bis zum 6. September 2026.

Alexander Klaws ist erneut Winnetou, Bastian Semm spielt Old Shatterhand.

Die Geschichte führt dieses Mal nach Mexiko.

Dort liegt ein geheimnisvoller Canyon, der „Tal des Todes“ genannt wird. Der skrupellose Geschäftsmann Roulin betreibt dort ein Quecksilberbergwerk und zwingt Gefangene, unter lebensgefährlichen Bedingungen für ihn zu arbeiten.

Gleichzeitig droht ein Krieg zwischen den Maricopas und den Chiricahua-Apachen.

Winnetou und seine Freunde geraten damit gleich zwischen mehrere Fronten.

Gleich drei prominente Gaststars 2026

Auch 2026 setzt Bad Segeberg wieder deutlich auf bekannte Schauspieler.

Florian Fitz spielt den skrupellosen Roulin und damit einen der zentralen Gegenspieler Winnetous.

Isabel Varell übernimmt die Rolle der Señorita Miranda, die in San Miguel eine Cantina betreibt. Entsprechend bekommt die Inszenierung auch musikalische und tänzerische Elemente.

Der dritte Gaststar ist Heinrich Schafmeister als Sir John Raffley vom Traveller-Club London.

Interessant dabei: Diese Figur ist 2026 tatsächlich neu am Kalkberg und feiert in dieser Saison ihr Bad-Segeberg-Debüt.

2026 scheint erneut eine sehr starke Saison zu werden

Dass Karl May auch 2026 keineswegs an Zugkraft verliert, zeigen bereits die ersten Besucherzahlen.

Schon bei der 35. Vorstellung wurde Anfang August der 200.000. Besucher der Saison begrüßt.

Bemerkenswert ist dabei vor allem der Vergleich zum Vorjahr: Die Marke wurde zwei Vorstellungen früher erreicht als 2025.

Wenn man bedenkt, dass die Saison noch bis zum 6. September läuft, spricht derzeit einiges dafür, dass Bad Segeberg auch 2026 wieder auf eine ausgesprochen erfolgreiche Karl-May-Saison zusteuert.

Was ist für die Karl-May-Spiele 2027 geplant?

Für 2027 ist zum jetzigen Zeitpunkt noch keine verlässliche offizielle Ankündigung zu Stück und Gaststars veröffentlicht worden.

Das ist allerdings nicht ungewöhnlich.

Die Karl-May-Spiele geben ihre Planungen für die folgende Saison traditionell schrittweise bekannt. Das Stück steht häufig wesentlich früher fest als die prominenten Gastdarsteller, die meist erst später präsentiert werden.

Sobald das Stück für 2027 offiziell feststeht, werde ich diesen Abschnitt deshalb aktualisieren.

Spannend wird natürlich auch die Frage sein, ob Alexander Klaws seine Winnetou-Ära fortsetzt.

Warum die Karl-May-Spiele bis heute funktionieren

Ich glaube, man versteht die Faszination der Karl-May-Spiele erst richtig, wenn man einmal selbst im Kalkbergstadion gesessen hat.

Natürlich kann man darüber diskutieren, wie zeitgemäß Karl Mays Darstellung indigener Völker heute noch ist. Auch Begriffe, Rollenbilder und die romantisierte Vorstellung vom „Wilden Westen“ müssen heute anders betrachtet werden als vor 70 Jahren.

Trotzdem haben die Spiele etwas geschafft, was erstaunlich wenige traditionelle Veranstaltungen schaffen: Sie sind nicht einfach stehen geblieben.

Die Produktionen wurden größer, technisch aufwendiger und moderner. Stunts, Pferde, Pyrotechnik, Musik und bekannte Schauspieler sorgen dafür, dass inzwischen mehrere Generationen gemeinsam im Publikum sitzen.

Die Großeltern kennen vielleicht noch Pierre Brice aus dem Kino.

Die Eltern erinnern sich an Gojko Mitić oder Erol Sander.

Jüngere Zuschauer kennen Alexander Klaws aus Fernsehen und Musicals.

Und die Kinder interessieren sich wahrscheinlich ohnehin hauptsächlich dafür, wann endlich wieder jemand vom Pferd springt, eine Explosion losgeht oder Winnetou durch die Arena galoppiert.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis.

Die Karl-May-Spiele sind längst mehr als eine Theateraufführung nach Romanen aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind ein großes Sommerspektakel geworden und für Bad Segeberg inzwischen fast so etwas wie ein Wahrzeichen.

Für mich als Schleswig-Holsteinerin, die ganz in der Nähe wohnt und selbst schon mehrfach dort gewesen ist, gehört der Kalkberg jedenfalls einfach dazu.

Man muss Karl-May-Fan sein, um jedes Detail der Geschichten zu kennen.

Um einen Sommerabend mit Pferden, Stunts, Felsen, Winnetou und ordentlich Kawumm ziemlich beeindruckend zu finden, muss man es nicht unbedingt sein.

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