Hobbyhorsing

Hobbyhorsing Bild ist KI generiert

Was bedeutet Hobbyhorsing?

Vielleicht hast Du die Videos in den sozialen Medien gesehen: Kinder und Jugendliche, die über kleine Sprünge setzen, Dressurbahnen abreiten und Galopprennen laufen, alle mit einem Stoffpferdekopf an einem Stiel zwischen den Beinen. Oder Deine Tochter galoppiert seit Wochen durchs Wohnzimmer und wünscht sich ein eigenes „Pferd“ zum Nähen. Hobbyhorsing sieht auf den ersten Blick nach Kinderspiel aus. Dahinter steckt ein junger Sport mit eigenen Regeln, eigenen Meisterschaften und einer Gemeinschaft, die sich über die ganze Welt zieht.

Was Hobbyhorsing eigentlich ist

Hobbyhorsing heißt übersetzt Steckenpferdreiten. Die Sportlerin reitet auf einem Steckenpferd und stellt damit Bewegungsabläufe aus dem echten Reitsport nach, vor allem aus der Dressur und dem Springreiten. Das Besondere: Der Mensch übernimmt beide Rollen gleichzeitig. Die Beine spielen das Pferd und ahmen die Gangarten nach, der Oberkörper reitet. Wer eine saubere Runde zeigen will, muss also gleichzeitig Reiter und Pferd sein.

Aus dieser Doppelrolle wird der Sport erst richtig anspruchsvoll. Ein Sprung über ein Hindernis heißt beim Hobbyhorsing, dass der Mensch selbst abspringt, die Beine sauber anzieht und wieder aufkommt, während er den Pferdekopf ruhig und aufgerichtet führt. Genau deshalb sprechen erfahrene Hobbyhorser von einer Mischung aus Gymnastik, Leichtathletik und Reitsport.

Wie aus einem Kinderspielzeug ein Sport wurde

Das Steckenpferd selbst ist uralt. Schon im sechzehnten Jahrhundert ritten Kinder auf dem „Ross am Stiel“, damals ein flacher Holzkopf an einem langen Stab mit Rädchen und zwei Handgriffen. Über Jahrhunderte blieb es genau das: ein Spielzeug.

Zum Sport wurde es in Finnland. Ab den frühen 2000er Jahren fingen finnische Mädchen an, ihre Steckenpferde selbst zu gestalten, aus weichem Stoff, mit ausgestopftem Kopf, Mähne, Trense und Namen. Aus dem Spielzeug wurde ein Sportgerät. Ab etwa 2010 nahm die Bewegung richtig Fahrt auf. Die jungen Finninnen trafen sich zu ersten Wettbewerben, ritten Dressur und Parcours und teilten alles über die sozialen Medien. Das Ganze wuchs von unten, getragen von den Jugendlichen selbst.

Ein Gesicht der Szene wurde Alisa Aarniomäki. Die junge Finnin gehörte zu den bekanntesten Hobbyhorserinnen und trat in Interviews und Wettbewerben auf. Bekanntheit über Finnland hinaus brachte der Dokumentarfilm „Hobbyhorse Revolution“ von Selma Vilhunen aus dem Jahr 2017, der die Szene aus Sicht der Mädchen zeigt. Spätestens ab da war Hobbyhorsing international ein Begriff.

Warum vor allem Mädchen den Sport tragen

Hobbyhorsing ist überwiegend weiblich, besonders bei den Zehn- bis Achtzehnjährigen. Das hat handfeste Gründe. Der Einstieg kostet fast nichts, jede kann mitmachen, und die Gemeinschaft organisiert sich selbst, weitgehend ohne Erwachsene, die vorgeben, wie es zu laufen hat.

Viele in der Szene beschreiben eine therapeutische Seite. In finnischen Interviews erzählte Alisa Aarniomäki offen, dass ihr das Hobbyhorsing durch schwierige Zeiten geholfen hat, etwa bei der Scheidung ihrer Eltern und bei Mobbing in der Schule. Für sie steckte im Sport auch eine feministische Note: Ein Raum, den sich Mädchen selbst geschaffen haben und in dem sie die Regeln machen. Diese Mischung aus Bewegung, Kreativität und einer Gruppe Gleichgesinnter erklärt einen großen Teil der Begeisterung.

Das Hobby Horse selbst

Das Herzstück ist das Steckenpferd, auf Englisch Hobby Horse. Der Kopf von heute hat mit dem alten Holzspielzeug wenig gemein. Er ist rund und plüschig, aus hochwertigem Stoff genäht und mit spezieller Watte gefüllt, sodass Trense und Gebiss angelegt werden können. Der Stiel ist kurz, damit das Laufen und Springen überhaupt funktioniert.

Wer tiefer in den Sport einsteigt, näht sein Pferd meist selbst. Gekaufte Modelle aus dem Spielzeugladen haben oft einen zu langen Stock und eignen sich eher zum Spielen als zum Turnier. Ein eigenes Hobby Horse entsteht aus zwei zugeschnittenen Stoffteilen, wird von Hand gestaltet und bekommt Augen, Mähne, Fellfarbe und einen eigenen Namen. So wie es bei echten Pferden Rassen und Fellfarben gibt, unterscheiden Hobbyhorser ihre Pferde nach Typ und Zeichnung. Genau dieses Selbermachen macht für viele einen großen Teil des Reizes aus.

Zubehör rund ums Steckenpferd

Rund ums Hobby Horse hat sich ein ganzer Ausstattungsbereich entwickelt. Halfter, Stricke, Trensen und Zügel gehören dazu, dazu Stalldecken, Ohrenkappen, Regendecken und mehr. Fast alles, was man aus dem Reitsport kennt, gibt es auch für die Steckenpferde.

Das meiste davon dient als Schmuck und erhöht die Ähnlichkeit zum echten Pferd. Für den Sport selbst reicht das Hobby Horse allein. Wer sammelt und gestaltet, hat mit dem Zubehör trotzdem viel Freude, denn ein liebevoll ausgestattetes Pferd zeigt den eigenen Stil.

Welche Disziplinen es gibt

Hobbyhorsing kennt eine ganze Reihe von Disziplinen, die stark an den echten Reitsport angelehnt sind. Die beiden Klassiker sind Dressur und Springen. In der Dressur reitest Du eine festgelegte Aufgabe mit Bahnfiguren, Übergängen und sauberen Gangarten. Beim Springen geht es über einen Parcours mit Hindernissen.

Dazu kommen weitere Formen. Beim Hochsprung, der finnischen Puissance, geht es allein um die Höhe eines einzelnen Sprungs. Beim Knockout treten mehrere gegeneinander an, bis eine übrig bleibt. Es gibt Western-Disziplinen wie Western Trail und Western Horsemanship, dazu Sprintrennen, Freestyle-Küren zur Musik und in manchen Ländern sogar Polo. Wie viel eine Veranstaltung anbietet, hängt vom Verein und vom Land ab. Bei der großen finnischen Meisterschaft stehen rund zehn Disziplinen auf dem Programm.

Wie ein Turnier bewertet wird

Beim Zuschauen sieht Hobbyhorsing verspielt aus. Bewertet wird es trotzdem nach klaren Maßstäben. Im Mittelpunkt steht, wie echt und wie sauber die Bewegung wirkt. Mit dem Unterkörper ahmst Du die Gangarten eines Pferdes nach, also Schritt, Trab und Galopp, und das soll flüssig und glaubwürdig aussehen.

In der Dressur schauen die Richter auf die Genauigkeit der Figuren, auf saubere Übergänge und auf die Haltung. Beim Springen zählen fehlerfreie Sprünge und eine ruhige, kontrollierte Führung des Pferdes. In der Kür kommt der künstlerische Eindruck dazu. Je weiter der Sport reift, desto genauer werden diese Regeln festgehalten, damit Wettkämpfe vergleichbar bleiben.

Wie anstrengend der Sport wirklich ist

Wer Hobbyhorsing für ein reines Kinderspiel hält, unterschätzt es. Der Sport fordert Kraft, Ausdauer, Körperspannung, Koordination und Sprungkraft, denn der Mensch bringt die ganze Leistung selbst, ohne ein Tier, das die Arbeit übernimmt. Eine Springrunde ist echtes Training.

Eine Zahl macht das deutlich: Der Weltrekord im Hochsprung liegt bei etwa 1,41 Metern, gesprungen aus eigener Kraft mit dem Steckenpferd in der Hand. Das entspricht ordentlichen Leistungen im Leichtathletik-Hochsprung. Genau solche Rekorde helfen der Szene, ernst genommen zu werden, denn viele im klassischen Reitsport belächeln den Trend noch. Wer selbst einmal eine Runde probiert, merkt nach wenigen Minuten, wie sportlich das Ganze ist.

Was Du zum Anfangen brauchst

Der Einstieg ist bewusst einfach. Im Grunde reichen ein Hobby Horse und feste Schuhe. Turnschuhe oder Stiefeletten geben Halt, dazu bequeme Sport- oder Reitkleidung, in der Du Dich frei bewegen kannst. Manche tragen wie beim echten Reiten Handschuhe und Reitsocken, nötig ist das für den Anfang nicht.

Beim Pferd hast Du die Wahl. Entweder kaufst Du ein fertiges Hobby Horse, oder Du nähst Dein eigenes. Für erste Versuche zu Hause tut es jedes Steckenpferd. Sobald Du an Kursen oder Turnieren teilnehmen willst, lohnt sich ein sportlich geeignetes Modell mit kurzem Stiel. Kurse gibt es inzwischen in vielen Regionen, oft für kleines Geld, sodass Du in einer Gruppe die Grundlagen lernst.

Für welches Alter Hobbyhorsing passt

Hobbyhorsing gilt als einer der offensten Sportarten überhaupt. Schon Dreijährige tummeln sich spielerisch auf ihren Steckenpferden. Für den Turniersport gelten die Kinder meist ab etwa sechs Jahren als bereit. Nach oben gibt es keine Grenze: Bei deutschen Meisterschaften traten Teilnehmer von vier bis fünfzig Jahren an.

Auch für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ist der Sport zugänglich, oft mit etwas Unterstützung. Diese Offenheit ist einer der schönsten Züge des Hobbyhorsings. Jeder, der Freude an Bewegung und am Thema Pferd hat, findet einen Platz.

Hobbyhorsing in Deutschland

In Deutschland gewann der Sport ab etwa 2015 an Aufmerksamkeit. Ab 2018 nahmen die ersten Sport- und Reitvereine Hobbyhorsing ins Programm. Im September 2023 folgte ein eigener Dachverband, der Deutsche Hobby Horsing Verband e.V. Er kümmert sich um Turniere, um einheitliche Regeln und um die Ausbildung von Trainern und Richtern.

Anfang 2024 erschien ein deutsches Regelwerk, das für die erste Deutsche Meisterschaft erarbeitet wurde. Damit rückt der Sport in geordnete Bahnen, mit Kreis-, Landes- und Bundesebene, ähnlich wie im übrigen Pferdesport. Schätzungen zufolge sind hierzulande bereits mehrere Tausend Menschen aktiv. Der Sport ist also längst mehr als ein Ferienprogramm auf dem Reiterhof.

Ob Hobbyhorsing ein Weg zum echten Reiten ist

Für viele Familien ist Hobbyhorsing ein guter Einstieg ins Thema Pferd. Es weckt die Begeisterung, vermittelt spielerisch Begriffe aus der Reiterei und kostet einen Bruchteil dessen, was echter Reitunterricht mit Ausrüstung und Pflege verlangt. So mancher findet über das Steckenpferd den Weg in den Sattel.

Gleichzeitig steht Hobbyhorsing für sich. Wer dabeibleibt, betreibt einen eigenständigen Sport mit Wettkämpfen, Trainingsplänen und einer festen Gemeinschaft. Ob als Brücke zum echten Pferd oder als Ziel für sich: Der Reiz liegt in der Bewegung, in der Kreativität beim Gestalten des eigenen Pferdes und in dem Gefühl, Teil einer Szene zu sein, die sich selbst erfunden hat.

2 Antworten zu „Hobbyhorsing“

  1. Avatar von Hobby Horse selber nähen – Alles über Pferde

    […] kommt bei jedem, der beim Hobbyhorsing bleibt, der Wunsch nach einem eigenen Pferd. Fertige Steckenpferde aus dem Spielzeugladen haben […]

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  2. Avatar von Hobbyhorsing Fjord – Alles über Pferde

    […] Hobby Horsing kann überraschend sportlich werden. Wer einmal zugesehen hat, wie Jugendliche mit einem Hobby Horse einen richtigen Parcours springen, merkt ziemlich schnell: Das ist keineswegs nur Herumhüpfen mit einem Steckenpferd. […]

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